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            <title type="main">Donnerstag, der  8. Jänner 1981</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_01">Donnerstag, 8. Jänner 1981<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_02">Das WIFO hat mit Unterstützung der Banken etliche Symposien in<lb/>
den letzten zehn Jahren organisiert. Das heurige beschäftigte sich<lb/>
mit Entindustrialisierung. Zu meiner größten Überraschung war die<lb/>
Veranstaltung im Hotel Intercontinental sehr gut besucht. <rs type="person" ref="#per__109811">Burian</rs><lb/>
hat, wie ich feststellen konnte, mir die Eröffnung dieses Sympo<lb break="no"/>siums eingebrockt. Prof. <rs type="person" ref="#per__97937">Seidel</rs>, der Leiter des Instituts, der<lb/>
jetzt auch als Staatssekretär im Finanzministerium von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
berufen wird, leitete das Symposium ein. Abgesehen davon, daß ich<lb/>
ja auf alle Fälle beabsichtigte einen Einleitungsvortrag humorvoll<lb/>
zu gestalten, begrüßte er mich als Minister für Handel und Wieder<lb break="no"/>aufbau. Dies war natürlich ein guter Aufhänger. Das Ministerium<lb/>
heißt nämlich schon seit längerer Zeit schon Handel, Gewerbe und<lb/>
Industrie, Industriepolitik ist daher ein Teil des Handelsministe<lb break="no"/>riums, ein wichtiger Teil. Anhand der Daten, die mir Sekt.Chef<lb/>
<rs type="person" ref="#per__111737">Marsch</rs> geliefert hat, konnte ich klar nachweisen, daß es im letzten<lb/>
Jahrzehnt keine Entindustrialisierung gegeben hat, wie dies immer<lb/>
wieder behauptet wird. Der Beschäftigungsanteil der Industrie an<lb/>
unselbständigen Beschäftigten ist zwar von 25,9 % im Jahre 69 auf<lb/>
22,5 % zehn Jahre später gesunken, die absolute Beschäftigung aber<lb/>
von 610.000 auf 623.000, also um 2 % ca. gestiegen. Wenn man aller<lb break="no"/>dings die höchste Beschäftigungsziffer der Industrie 1979 mit<lb/>
676.000 heranzieht, dann ist natürlich ein wesentlicher Rückgang<lb/>
der Beschäftigten der Industrie festzustellen. Ein weit wichtigeres<lb/>
Kriterium ist meiner Meinung nach der Beitrag zum Bruttoinlands<lb break="no"/>produkt, BIP, dieser ist zu laufenden Preisen zwar von 26,2 % auf<lb/>
24,2 % gefallen oder der Beitrag der Industrie nur 85 Mrd. zu BIP<lb/>
auf 202 Mrd. um 138 % gestiegen. Da das gesamte Bruttoinlandspro<lb break="no"/>dukt auf 157 %, nämlich von 324 Mrd. auf 831 Mrd. gestiegen ist,<lb/>
ergäbe sich hier tatsächlich eine wesentliche Einbuße. Diese Ver<lb break="no"/>gleichsziffer wäre aber falsch. Man muß die realen Verhältnisse<lb/>
berücksichtigen. Da der <choice><choice><sic>inplizierte</sic><corr>implizite? implizierte?</corr></choice></choice> Preisindex von der Gesamtwirt<lb break="no"/>schaft 180 beträgt, die Industrie aber nur 154 ausmacht, sehen die<lb/>
realen Beiträge wesentlich anders aus. Hier ist der Anteil der<lb/>
Industrie am BIP von 28,9 % auf 30,1 % gestiegen. Veränderung er<lb break="no"/>gibt für den Beitrag der Industrie 54 % gegenüber dem gesamten<lb/>
BIP von 48 %. Mit der Mär, Österreich hat also eine Entindustri<lb break="no"/>alisierung durchgemacht, habe ich glaube ich vollkommen zu Recht<lb/>
aufgeräumt. Das Handelsministerium hat auch dazu durch die Textil-,<lb/>
Bekleidungs-, Leder- und vor allem Papier-Investitions-Aktion wesent<lb break="no"/><pb n="58-0016" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band58/58_1981-01-08_0016.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>lich dazu beigetragen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_03">Ein neuer Schwerpunkt wird, wie ich auch dort verkündete, das dritte<lb/>
große Investitionsprogramm der Regierung sein. Das erste war das <choice><choice><sic>der</sic><corr>von den</corr></choice></choice><lb/>
1300 Experten im großen Wirtschaftsprogramm der Sozialisten 1968 er<lb break="no"/>stellte, welches im Anfang der 70er Jahre in Angriff genommen wurde.<lb/>
Nach dem großen Ölschock 73/74 und der weltweiten Rezession wurde<lb/>
dann ein Investitionsprogramm gestartet, welches uns ermöglichte<lb/>
unter das Konjunkturtief durchzutauchen, allerdings mit einer sehr<lb/>
starken Verschuldung des Staates. Jetzt soll die Wirtschaftskommissi<lb break="no"/>on der SPÖ noch im Laufe dieses Monats ein großes Investitionskonzept<lb/>
entwickeln, um der zu erwartenden Rezession zu begegnen. Natürlich<lb/>
stellte ich dort einmal mehr die Bedeutung des Small-Business fest.<lb/>
Humorvoll meinte ich, daß ich überrascht bin, wieviele von anderen Sek<lb break="no"/>tionen als der Industriesektion Beamte des Handelsministeriums teil<lb break="no"/>nehmen. Sie können, wie ich sagte, Gott sei Dank Englisch und wußten<lb/>
sofort, daß es hier auch um ihre Interessen geht, denn in dem Sym<lb break="no"/>posium wurde angekündigt, daß man die Bedeutung des Gewerbes auch ein<lb break="no"/>beziehen möchte. Tatsächlich ist ja der Anteil der Dienstleistung mit<lb/>
52 % heute wahrscheinlich einer der größten, der jemals in der 2. Re<lb break="no"/>publik, ja sogar seit dem Bestehen der Republik überhaupt, festgestellt<lb/>
wurde. Die Sachgüterproduktion macht ja nur mehr 40 % aus und insbe<lb break="no"/>sondere der Anteil der Land- und Forstwirtschaft, der ja einmal 33 %<lb/>
in der Republik betragen hat, nur mehr 8 %. Die Leistungen der In<lb break="no"/>dustrie liegen darin, daß die Produktivität, welche die Beschäftigen<lb/>
insgesamt 143,7 beträgt, bei der Industrie 152,8 ausmacht. Österreich<lb/>
ist nie und wird auch daher nie ein Land der Skilehrer und Stuben<lb break="no"/>mädchen, wie man provokant vor dem 70er Jahren teilweise sogar in der<lb/>
AK formuliert hat. Auf die Schwachstellen der Industrie bin ich nicht<lb/>
eingegangen, da mir dazu zu wenig Zeit zur Verfügung stand. Den<lb/>
wichtigsten Punkt, den auch <rs type="person" ref="#per__111737">Marsch</rs> mir besonders ans Herz legt, näm<lb break="no"/>lich die Energiesituation, habe ich natürlich gestreift. Dort liegt<lb/>
für die Industriepolitik ein weites Feld. Ich halte zwar nichts davon,<lb/>
wenn man kurzfristig glaubt, durch eine entsprechende Propaganda und<lb/>
vielleicht sogar auch noch durch Subvention die kritische Energie<lb break="no"/>frage lösen zu können. Die Industrie muß sowieso mit jedem Groschen<lb/>
rechnen, die Verteuerung der Energie führt daher automatisch zu einer<lb/>
Umwandlung des Öl- und Gasverbrauches wahrscheinlich wieder in stär<lb break="no"/>kerer Kohleverwendung.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_04">ANMERKUNG FÜR SEKTIONSCHEF <rs type="person" ref="#per__111737">MARSCH</rs>: Wie ging das Symposium dann weiter?<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_05">Ein typisches Energieproblem Industrie ist jetzt die Versorgung<lb/>
Österreichs mit Gas. Die OÖ-Ferngas, eine Gesellschaft, an der die<lb/>
Industriebetriebe OÖ größtenteils beteiligt sind, hat seit eh und je<lb/>
geringere Gasmengen bekommen, als sie glaubt, absetzen zu können.<lb/>
Da die Eigenproduktion von der RAG in OÖ zurückgeht, zusätzliche Im<lb break="no"/>portmengen derzeit nicht zu bekommen sind, hat die OÖ-Ferngas ihren<lb/>
Industrieabnehmern mitgeteilt, ab 1. April muß sie um 50 % ihre Verträ<lb break="no"/>ge kürzen. Ich habe dieses Schreiben sofort der ÖMV zur Stellung<lb break="no"/>nahme geschickt. Da die OÖ-Ferngas damit auch in die Öffentlichkeit<lb/>
gegangen ist, stürzen sich jetzt die Massenmedien auf diese ungünsti<lb break="no"/>ge Versorgungssituation. GD <rs type="person" ref="#per__97337">Bauer</rs> von der ÖMV behauptet mir gegenüber,<lb/>
daß es sich überhaupt nicht um eine Gasversorgungsproblematik handelt,<lb/>
sondern um ein OÖ-Problem. Er behauptet fest und steif, daß die<lb/>
Sowjets ihre Lieferverträge einhalten. Die im ersten Quartal vorge<lb break="no"/>sehenen geringeren Lieferungen werden in den andren drei Quartalen<lb/>
ausgeglichen. Dies würde eigentlich bedeuten, daß ab 1. April nicht,<lb/>
wie Oberösterreicher behaupten, eine 50%ige Kontingentkürzung notwen<lb break="no"/>dig ist, sondern, da ja die anderen drei Quartale gegebenenfalls eine<lb/>
geringere Lieferung vom 1. Quartal ausgeglichen werden soll, sogar<lb/>
eine bessere Beschickung Österreichs durch die Sowjets erfolgen wür<lb break="no"/>de. Auf alle Fälle stimme ich mit <rs type="person" ref="#per__97337">Bauer</rs> überein, daß es unzweckmäßig<lb/>
wäre, jetzt eine Hysterie zu erzeugen. Da ich durch reinen Zufall, die<lb/>
Erkrankung von <rs type="person" ref="#per__112951">Patolitschew</rs>, das langfristige zehnjährige Abkommen<lb/>
mit der Sowjetunion jetzt am 20. Jänner in Moskau unterschreiben<lb/>
soll, werde ich die Reise nach Moskau dazu benützen, um natürlich<lb/>
auch wieder dieses Problem zur Sprache zu bringen. Ich habe von <rs type="person" ref="#per__97337">Bauer</rs><lb/>
die notwendigen Unterlagen verlangt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_06">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__107956">SATZINGER</rs>: Bitte auch von der Energiesektion alles zu<lb break="no"/>sammenstellen lassen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_07">Der neue Vorsitzende des Bundesrates, Dr. <rs type="person" ref="#per__128473">Schwaiger</rs>, ein Holzhändler<lb/>
aus Tirol, der eigentlich sogar schon früher Vorsitzender war, wollte<lb/>
sich unbedingt bei mir vorstellen. Einen solchen Höflichkeitsbesuch<lb/>
halte ich für unnötig, ich habe ihm dies auch in aller Freundschaft<lb/>
gesagt. Interessant war, daß er mir mitteilte, schon das letzte Mal<lb/>
wollte er einen solchen Höflichkeitsbesuch abstatten. Damals hat ihn<lb/>
aber der Tiroler Sekretär <rs type="person" ref="#per__114508">Tieber</rs> im Sekretariat schon abgefangen und<lb/>
erklärt, das brauchts net. Natürlich habe ich dann die Aussprache<lb/>
dazu benützt zu klären, wie jetzt <rs type="person" ref="#per__128473">Schwaiger</rs> seine Holzexporte nach<lb/>
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Transportunternehmen primär betreibt, hat er jetzt auch die libyschen<lb/>
Transporte <choice><choice><sic>unternehmen</sic><corr>unternommen?</corr></choice></choice>. Einmal mehr hat er mir bestätigt, daß auch<lb/>
mit afrikan. Staaten über den Schreibtisch kaum ein Geschäft zu machen<lb/>
ist. Sein Bruder und er waren mindestens 80-mal jetzt in Libyen und<lb/>
Tunesien. Seiner Meinung nach gäbe es dort noch viele Exportmöglich<lb break="no"/>keiten, die Firmen müßten nur wesentlich mehr den persönlichen Kontakt<lb/>
pflegen. Hier stimme ich mit ihm 100-%ig überein. Allerdings muß ich<lb/>
zugeben, daß auch ich als Minister wahrscheinlich wesentlich mehr mich<lb/>
persönlich gerade in diesen, wie ich sie bezeichne, Staatshandelslän<lb break="no"/>der stärker einsetzen müßte. Einen Vorwurf muß ich mir aber insofern<lb/>
nicht machen, als wahrscheinlich noch niemals ein Handelsminister so<lb break="no"/>viel in Staatshandelsländer tatsächlich gereist ist. Meine Philosophie<lb/>
dazu ist, daß in dem freimarktwirtschaftlichen Raum, seien es die EG-<lb/>
Staaten oder Amerika, ja selbst sogar Japan, ein Minister kaum etwas<lb/>
am Wirtschaftsverkehr beeinflussen kann. Wesentlich anders sieht dies<lb/>
bei den Staatshandelsländern, ob COMECON oder jetzt im afrikan., ja<lb/>
selbst wahrscheinlich sogar im asiatischen Raum, aus. Auch Südamerika<lb/>
muß man schön langsam dazuzählen. Dort spielt das Antichambrieren<lb/>
der Firmenvertreter, womöglich des Besitzers, in den dortigen Bürokra<lb break="no"/>tien eine große Rolle. Auch das Auftauchen des Ministers wäre und ist<lb/>
dort von großer Bedeutung. Für mich gibt es seit 1970 dazu dann noch<lb/>
die Überlegung, seit dem Staatsvertrag bin ich nämlich fest davon über<lb break="no"/>zeugt, daß wir als Österreicher Erhaltung der Neutralität immer nur<lb/>
die Staatshandelsländer wie Comecon-Staaten fürchten müssen. Weder<lb/>
ein NATO-Staat, geschweige denn andere Weststaaten können uns ernst<lb break="no"/>lich bedrohen. Militärisch möge es Sandkastenspiele geben, wo auch<lb/>
der neutrale Staat vom Westen in die Verteidigung, wenn auch gegen<lb/>
dessen Willen, einbezogen wird. In der Praxis, und dies hat die Praxis<lb/>
gezeigt, ist es unvorstellbar, daß eine Demokratie einen neutralen<lb/>
Staat überfällt. Wesentlich, und dies zeigt die Geschichte, sieht dies<lb/>
aber von Diktaturen, Quasi-Diktaturen, oder wie immer man die Staats<lb break="no"/>handelsländer bezeichnen will, aus. Mein Bestreben war und ist daher<lb/>
gerade mit diesen Staatshandelsländern in jeder Beziehungen in guten,<lb/>
wenn auch in distanzierten Beziehungen zu bleiben. Dort droht die Ge<lb break="no"/>fahr in jeder Beziehung, dort muß man versuchen, die Stimmung und das<lb/>
Klima für Österreich gut zu halten. Wirtschaftlich, wehrpolitisch<lb/>
oder, wenn man so sagen will, überhaupt politisch ist dies mein Credo<lb/>
gewesen und wird es sicherlich bleiben.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_08">Bei der Gesamtvorstandssitzung der Lebensmittelarbeiter ist aus<lb/>
Sekretariatsversehen meine Anwesenheit in der Fraktion unterblieben.<lb/>
Dadurch konnte ich dort keinen politischen Bericht geben, den man<lb/>
eigentlich erwartet hat. Die Sitzung war daher viel früher zu Ende<lb/>
als die vorgesehene Stunde. Da die letzten beiden Male die christl.<lb/>
Fraktion auch warten mußte, weil wir länger gebraucht haben, worüber<lb/>
die nicht sehr erfreut sind, konnte ich ihnen diesmal, als ich sie<lb/>
am Gang getroffen habe, sagen, seht, ich gehe jetzt nicht einmal mehr<lb/>
in die sozialistische Fraktion, damit ich als Obmann der Lebensmittel<lb break="no"/>arbeiter ja nicht zu sehr parteipolitisch belastet werde. Diesen<lb/>
Schmäh hat mir natürlich niemand abgenommen, denn jedermann wußte,<lb/>
daß ich aus Versehen nicht gekommen bin. Tatsächlich aber sind gerade<lb/>
die christlichen Gewerkschafter bei uns Lebensmittelarbeitern mit<lb/>
meiner Amtsführung mehr als zufrieden. Noch niemals hat es in den<lb/>
Jahrzehnten eine Beschwerde darüber gegeben. Mein Prinzip, man muß die<lb/>
Minderheit besonders gut behandeln, weil eben Minderheiten sowieso<lb/>
eine Benachteiligung sind, hat sich auch hier bestens bewährt. In der<lb/>
Vorstandssitzung gab es über meinen Wirtschaftsbericht eigentlich<lb/>
keine Diskussion. Interessant aber dann war die Beschwerde des OÖ-Lan<lb break="no"/>desobmannes <rs type="person" ref="#per__128474">Pfanzagl</rs>, daß jetzt die Brau-AG bezüglich ihrer Rationali<lb break="no"/>sierungsmaßnahmen einen Krieg mit den Betriebsräten bekommt. Seitdem<lb/>
GD <rs type="person" ref="#per__114051">Beurle</rs> auch gleichzeitig Präsident der Industriellenvereinigung<lb/>
ist, glaubt die Belegschaft, daß er<add>[sich]</add> jetzt besonders radikal gebärdet.<lb/>
Unter anderem soll er erklärt<add>[haben]</add>, die Rationalisierung wird im nächsten<lb/>
Aufsichtsrat beschlossen, was immer die Betriebsräte auch dazu sagen<lb/>
respektive dagegen Stellung nehmen. Eine solche Vorgangsweise er<lb break="no"/>scheint mir unmöglich und ich kann auch nicht glauben, daß <rs type="person" ref="#per__114051">Beurle</rs><lb/>
dies beabsichtigt. Wir haben daher beschlossen, unverzüglich ein<lb/>
Schreiben an die Brau-AG zu richten, wo wir gegen eine solche Vor<lb break="no"/>gangsweise auf das härteste protestieren. Die Betriebsräte selbst<lb/>
wollten zuerst, daß wir abwarten, und wenn die Brau-AG so eine Vor<lb break="no"/>gangsweise einschlägt, dann sofort mit Kampfmaßnahmen antworten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band58_1981-01-08_09">Eine interessante, wenn auch unangenehme Diskussion ergab sich dann<lb/>
auch über einen Artikel in unserer Lebensmittelarbeiterzeitung. Dort<lb/>
hat unser Redakteur einen größeren, sehr positiven Bericht der Betriebs<lb break="no"/>ratsleistung der Firma Marietta gebracht. Vielleicht, weil er noch zu<lb/>
jung ist, vielleicht hat er auch auf die Geschichte der Marietta ver<lb break="no"/>gessen, auf alle Fälle unterstreicht dieser Bericht, was die Betriebs<lb break="no"/>räte alles erreicht haben. Der Betriebsrat der Anker-Brotfabrik be<lb break="no"/>schwerte sich dann bitter darüber, daß vorher nicht mit ihm über die<lb break="no"/><pb n="58-0020" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band58/58_1981-01-08_0020.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>sen Bericht gesprochen wurde. Die Marietta ist eine Tochtergesell<lb break="no"/>schaft der VNI, seinerzeit wurden die Anker- und Hammerbrotfabrik<lb/>
zusammengelegt, Marietta als ein Teil der Hammerbrotfabrik mußte<lb/>
saniert werden, jetzt noch behauptet der Betriebsrat der Anker, also<lb/>
der VNI, daß Marietta nur existieren kann, weil ein Teil der Kosten<lb/>
von der VNI, Vereinigte Nahrungsmittelindustrie, nicht gleichmäßig<lb/>
auf Marietta überwälzt wird. Viele Erfolge hat daher der Betriebs<lb break="no"/>rat nur erzielen können, weil sie mit 76 Beschäftigten gegenüber den<lb/>
1200 der Ankerbrotfabrik anders agieren konnten. Bessere Leistungen<lb/>
z.B. für Professionisten, wie bei Marietta ein Schlosser, ein Elektri<lb break="no"/>ker und ein Maurer ist, können für drei also leicht durchgesetzt oder<lb/>
erhalten werden gegenüber 240, wie sie bei Anker sind. Dazu kommt noch<lb/>
daß der Direktor <rs type="person" ref="#per__128475">Voramidi</rs> sowohl bei Anker als auch bei Marietta<lb/>
gleichzeitig agiert. Die 1200 Beschäftigten bei Anker drängen also<lb/>
den Betriebsrat, daß er dieselben Begünstigungen durchsetzen soll.<lb/>
Zur Sanierung der Ankerbrotfabrik mußte aber der Betriebsrat vor<lb/>
Jahren Sozialleistungen von 30 Mio. S streichen, die damalige Betriebs<lb break="no"/>leitung hatte ja das mehrfache noch von ihm verlangt. Ich konnte dann<lb/>
diesen Streit einigermaßen beilegen. Für mich war typisch, daß man<lb/>
eben nicht genug bei Publikationen aufpassen kann und wahrscheinlich<lb/>
auch in Zukunft muß. Nichts ist so kritisch als ein geschriebenes<lb/>
Wort, welches dann entsprechende Verbreitung findet. Ich bin überzeugt,<lb/>
daß normalerweise der Lebensmittelarbeiter keinesfalls sehr genau<lb/>
gelesen wird, am wenigstens von unseren Mitgliedern, vielleicht noch<lb/>
am meisten von den Unternehmern. Wenn aber ein Betrieb, der bekannt<lb/>
ist und gewisse Beziehungen zu einem anderen Betrieb hat, dann irgend<lb break="no"/>welche Ergebnisse mitteilt, dann wird sehr wohl sehr genau schon allein<lb/>
durch den Hinweis, kennst den Artikel, für eine entsprechende Ver<lb break="no"/>breitung gesorgt. Dann geht, wie dies jetzt klar an diesem Beispiel<lb/>
demonstriert wurde, der positive Effekt leicht verloren und der<lb/>
negative bleibt. In unseren Wirtschaftssystem gibt es nicht nur den<lb/>
freien Konkurrenzkampf der Unternehmer und der Unternehmungsleitungen,<lb/>
sondern leider auch einen harten Existenzkampf der Beschäftigten, ver<lb break="no"/>treten durch ihre Betriebsräte. Dies ist kein neues Erkenntnis, doch<lb/>
muß man es immer wieder sich in Erinnerung rufen und auch berück<lb break="no"/>sichtigen.<lb/>
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               <persName type="label">Tieber, Herbert</persName>
               <persName><surname>Tieber</surname><forename>Herbert</forename></persName>
               <occupation>Sekr. JS, Tiroler SPÖ-Politiker</occupation>
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               <persName type="label">Voramidi, A</persName>
               <persName><surname>Voramidi</surname><forename>A</forename></persName>
               <occupation>Dir. Ankerbrot, Voramidi; Falschschreibung?</occupation>
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               <persName type="label">Seidel, Hans</persName>
               <persName><surname>Seidel</surname><forename>Hans</forename></persName>
               <occupation>Ökonom, ab 1981 Sts.</occupation>
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               <persName type="label">Satzinger, Heinz</persName>
               <persName><surname>Satzinger</surname><forename>Heinz</forename></persName>
               <occupation>Büro des Bundesministers</occupation>
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               <persName type="label">Bauer, Ludwig</persName>
               <persName><surname>Bauer</surname><forename>Ludwig</forename></persName>
               <occupation>GD ÖMV</occupation>
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               <persName type="label">Kreisky, Bruno</persName>
               <persName><surname>Kreisky</surname><forename>Bruno</forename></persName>
               <occupation>Bundeskanzler</occupation>
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               <persName type="label">Beurle, Christian</persName>
               <persName><surname>Beurle</surname><forename>Christian</forename></persName>
               <occupation>Dir. Brau-AG</occupation>
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