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            <title type="main">Donnerstag, der  6. November 1980</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
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                  <idno type="signature">Band57_1980-11-06</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_01">Donnerstag, 6. November 1980<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_02">Die SPÖ Wien hat die Wiener aufgerufen, sie sollten von der Telefonak<lb break="no"/>tion in den Bezirken Gebrauch machen. In allen 23 Bezirken war der<lb/>
Spitzenfunktionär, meistens Obmann, von 9 bis 12 und von 3 bis 8 Uhr<lb/>
telefonisch verfügbar. Die Aktion ist um 9 Uhr sehr schleppend angelau<lb break="no"/>fen. Den ersten Anruf, den ich bekommen habe, war eine Frau, die<add>[mit einem]</add> mytho<lb break="no"/>logischen Vergleich zwischen Uran und dem Stier, wenn er kastriert wird,<lb/>
ist er ein Ochs, den der Landwirt dann entsprechend nützen kann usw., mir<lb/>
die Zeit vertrieb oder, ich kann auch sagen, gestohlen hat. Nachmittag<lb/>
um 3 Uhr hat sie dann noch einmal angerufen und mir ein soeben verfaßtes<lb/>
Gedicht von 2 Seiten vorgelesen. Sie war 60, wollte in der Anonymität<lb/>
bleiben, schickte mir aber dann sofort dieses Pamphlet. Für mich ist dies<lb/>
ein deutliches Zeichen, daß nicht nur politische Fragen an Politiker he<lb break="no"/>rangetragen werden, sondern es sehr viele Menschen gibt, die scheinbar<lb/>
irgendwie Kontakt haben wollen. Wenn dies mit einem Minister möglich ist,<lb/>
dann umso lieber. Die 44 Telefonanrufe, die dann in dieser Zeit zustan<lb break="no"/>de kamen, waren verschiedenster Art, interessanterweise die wenigsten<lb/>
auf den Bezirk Landstraße bezogen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_03">Am meisten empörte sich ein Landstraßer, daß es in seiner Gegend in<lb/>
den Häusern nirgends ersichtlich ist, wo man das Pro-Zwentendorf-Volks<lb break="no"/>begehren unterschreiben kann. Die Hausbesorger, die er fragte, erklärten,<lb/>
sie hätten Zettel angeschlagen. Eine Kontrolle, die unser Bezirksvor<lb break="no"/>steher-Stellvertreter dann durchführte, ergab auch in der Umgebung des<lb/>
Sekretariates die selbe Situation. Die Anti-Atomgruppen haben scheinbar<lb/>
still und leise die ganzen Anschläge entfernt. Da sie ja nicht wollen,<lb/>
daß das Zwentendorf-Volksbegehren auf Umrüstung der Frau <rs type="person" ref="#per__113082">Schmitz</rs> unter<lb break="no"/>schrieben wird, schon gar nicht aber wollen, daß das Pro Zwentendorf<lb/>
ein Erfolg wird, haben sie auf diese Art und Weise sicherlich viele da<lb break="no"/>von abgehalten zu ergründen, wo sie die Unterschrift leisten konnten. Ich<lb/>
selbst stellte dies auch am Morgen, als ich endlich selbst unterschreiben<lb/>
<choice><choice><sic>gibt</sic><corr>wollte?</corr></choice></choice>, fest, wie schwierig es ist, wenn man nicht von vornherein weiß,<lb/>
wo die Unterschrift zu leisten ist. Dies ist sicherlich nicht die Er<lb break="no"/>klärung, daß jetzt erst in ganz Österreich 60.000 Unterschriften zusam<lb break="no"/>mengekommen sind. In den Städten aber dürfte sich, neben der scheinbaren<lb/>
Unwilligkeit der Bevölkerung sich hier aktiv einzusetzen, auch diese<lb/>
technisch unzulängliche Ankündigung sehr negativ auswirken. Eine Rück<lb break="no"/>frage bei Stadtrat <rs type="person" ref="#per__97772">Nekula</rs> ergab, daß er über den Rundfunk wird verlaut<lb break="no"/>baren lassen, daß man die Unterschriftslokale in den Magistratischen<lb/>
Bezirksämtern und Polizeikommissariaten erfragen kann. Wer wird sich<lb/>
<pb n="57-1372" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band57/57_1980-11-06_1372.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>dieser Mühe unterziehen. Wesentlich besser wäre es gewesen, hätten wir<lb/>
in Wien und in den großen Städten, wo es eben mehrere Lokale gibt, durch<lb/>
Computerausdruck den Haushalt verständigt, wo das Unterschriftslokal<lb/>
liegt, wie dies auch bei den Wahlen geschieht.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_04">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__107956">SATZINGER</rs>: <rs type="person" ref="#per__115020">Welser</rs> soll recherchieren, ob dies auch in<lb/>
anderen Städten oder in Wien in anderen Bezirken so ist.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_05">Überrascht war ich, daß verhältnismäßig wenige, ca. 10 % der Anfragen sich<lb/>
mit Wohnungsproblemen beschäftigten. Bei ähnlichen Aktionen im früheren<lb/>
Jahrzehnt war die Wohnung ein Hauptproblem und Hauptanfrage.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_06">Die meisten der Anfrager aber haben zwar ihren Namen genannt, doch nicht<lb/>
mehr die Adresse, sie wollten also auf der einen Seite nicht vollkommen<lb/>
anonym bleiben, auf der anderen aber erwarteten sie wahrscheinlich gar<lb/>
keine konkrete Erledigung ihrer Anfrage oder Kritik. Meistens war die<lb break="no"/>se tatsächlich sehr allgemein gehalten. Eine gehässige Kritik erlebte ich<lb/>
nur gelegentlich, insbes. was die Verdienste der Politiker betrifft. Mit<lb/>
den meisten konnte man sehr sachlich über all die Probleme sprechen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_07">Ich halte trotzdem eine solche allgemein gestreute und in allen Bezirken<lb/>
gleichzeitig durchgeführte Telefonaktion für optisch sehr gut, aber<lb/>
materiell nicht besonders geeignet. Ich habe, als ich solche Telefonak<lb break="no"/>tionen früher als Handelsminister in der SPÖ-Zentrale in Wien durchge<lb break="no"/>führt habe, die Erfahrung gemacht, daß dort viel spezifischere Fragen,<lb/>
die eben den Handelsminister betreffen, gestellt werden. Dort erwartete<lb/>
man auch in den meisten Fällen entsprechende Erledigungen. Solche Tele<lb break="no"/>fonaktionen bedeuteten wesentlich mehr nachfolgende Arbeit als die<lb/>
heutige.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_08">Am Abend hat Prof. <rs type="person" ref="#per__127116">Ernst Fuchs</rs> seine 4 Seiten Schallplatten "Von Jahwe",<lb/>
Text, Musik und Gesang von ihm selbst, vorgestellt. Ich kam leider zu<lb/>
spät, konnte aber noch einen sehr großen Teil seiner Erklärung und De<lb break="no"/>monstration mit anhören. Interessant, wie ein so bedeutender Maler jetzt<lb/>
eine neue Art des Kunstausdruckes findet und rundweg erklärt, dies ist<lb/>
ihm wichtiger als die ganze Malerei. Er hat, wie er dann erzählte, ganz<lb/>
klein begonnen. Unter anderen war dort ein Malerkollege, mit dem er im<lb/>
kleinsten Atelier noch zusammenarbeitet, hat dann durch seine Druck<lb break="no"/>graphiken viel Geld gemacht, meint allerdings, Geld sei für ihn ganz<lb/>
unwichtig, was er damit will, ist ausschließlich Kultur schaffen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band57_1980-11-06_09">deshalb hat er auch die <rs type="person" ref="#per__117854">Wagner</rs>-Villa in Hütteldorf erworben. Sie<add>[ist,]</add> wie<lb/>
ich dann bei einer Besichtigung feststellen konnte, im Prinzip dem <rs type="person" ref="#per__117854">Wag<lb break="no"/>ner</rs>-Stil entsprechend, aber doch als <rs type="person" ref="#per__127116">Fuchs</rs>-Villa innen ausgestattet. Einer<lb/>
Bemerkung entnahm ich, daß er sie letzten Endes als <rs type="person" ref="#per__127116">Fuchs</rs>-Museum dann<lb/>
der Nachwelt überlassen will und wird. Die darin vorhandenen Gemälde,<lb/>
welche er auch als Couvert für die Schallplatten verwendete, sind un<lb break="no"/>verkäuflich und will<add>[er]</add> auf diese Art und Weise als Ausstellung immer ver<lb break="no"/>wendet wissen. Er arbeitet jetzt an weiteren zwei Platten "Via Dolorosa".<lb/>
Begonnen hat er mit diesem Gesang 1956, als er in Amerika war und dort<lb/>
mit jüdischen Kreisen engen Kontakt hatte. <rs type="person" ref="#per__127116">Fuchs</rs> ist gottesfürchtig und<lb/>
gottessuchend und glaubt auf diese Art den besten Weg zu ihm gefunden<lb/>
zu haben. Neben seiner Malerei, also primär jetzt der Gesang. Natürlich<lb/>
hat sich dann sofort die Pressefotografen auf ihn und mich gestürzt,<lb/>
denn es war überhaupt kein zu mindestens mir bekannter Politiker anwe<lb break="no"/>send. An und für sich war auch durch das Schlechtwetter die Veranstal<lb break="no"/>tung sehr schlecht besucht. <rs type="person" ref="#per__127116">Fuchs</rs> war daher sehr erfreut, daß er sozu<lb break="no"/>sagen wenigstens einen Prominenten zur Verfügung hat. Ich erinnerte ihn<lb/>
daran, daß er ja auch einmal bei einer Veranstaltung von mir, Auszeich<lb break="no"/>nung der schönsten Bücher, anwesend war. Daran konnte er sich gar nicht<lb/>
mehr erinnern. Unangenehm war einzig, daß ich jetzt damit rechnen muß,<lb/>
wenn <rs type="person" ref="#per__126284">Leherb</rs> diese Bilder sehen wird, er vielleicht ein wenig verärgert<lb/>
sein könnte.<lb/>
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               <occupation>Obfrau Katastrophenhilfe öst. Frauen, Anti-AKW-Aktivistin</occupation>
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