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            <title type="main">Mittwoch, der  8. August 1979</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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               <licence>CC BY-NC 4.0</licence>
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                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
                  <collection>Nachlass Josef Staribacher</collection>
                  <idno type="signature">Band49_1979-08-08</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band49_1979-08-08_01">Mittwoch, 8. August 1979<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band49_1979-08-08_02">Zur von mir einberufenen Sitzung erscheint von der Donau-Chemie<lb/>
GD <rs type="person" ref="#per__150339">Belval</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__150338">Frick</rs>. Von der Verbundgesellschaft Dir. <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs>, der die Verhandlungen wegen des Grundstückes führt und<lb/>
Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs>. Ich erkläre die Sitzung war deshalb so<lb/>
dringend und notwendig, weil der Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs>, namens Zwen<lb break="no"/>tendorf grösste Bedenken hat, wenn das Kohlekraftwerk jetzt in<lb/>
Atzenbrugg, der Nachbargemeinde, errichtet wird. Rahel verweist<lb/>
darauf, dass es in seiner Gemeinde, bei der Donau-Chemie ein rie<lb break="no"/>siges Industriegrundstück gibt, von 240 ha, welches nicht genutzt<lb/>
wird. Die Donau Chemie wird es auch in Hinkunft niemals nützen,<lb/>
da sie bei ihrem ursprünglichen Gelände an der Donau noch genug<lb/>
Platz für sämtliche Aktivitäten, die sie eventuell in den nächsten<lb/>
3 Generationen entfalten möchte, dort unterbringt. Dieses zweite<lb/>
Grundstück wurde im Weltkrieg für die Munitionsfabrik Skoda-Wetz<lb break="no"/>lar den Bauern durch Enteignung weggenommen. Im zweiten Welt<lb break="no"/>krieg wurde dann eine weitere Enteignung durchgeführt. Die Bauern<lb/>
erhielten damals 29 Pfennig pro qm. Einige haben das Geld gar<lb/>
nicht genommen, weshalb es jetzt noch immer beim Kreisgericht<lb/>
St. Pölten deponiert ist. IG Farben, Hoechst, Leuna Merseburg,<lb/>
haben damals unter dem Titel der Donau-Chemie und dass man Indu<lb break="no"/>striegrund schaffen muss, dieses Werksgelände erworben und aus<lb break="no"/>gebaut. Nach dem Krieg hat es dann die sowjetische Mineralölver<lb break="no"/>waltung bis 1955 und weitere paar Jahre dann noch die ÖMV bis<lb/>
zur Übersiedlung in die Raffinerie nach Schwechat betrieben. Die<lb/>
Gemeinde erwartet, dass jetzt endlich mit diesem Industriegrund<lb/>
etwas geschieht. GD <rs type="person" ref="#per__150339">Belval</rs> erklärt, sie hätten zuerst für das<lb/>
gesamte Gelände, 240 ha, 280 Mio. Schilling verlangt. Bei den ersten<lb/>
Verhandlungen hätte <rs type="person" ref="#per__97333">Bandhauer</rs> 150 Mio. Schilling geboten, weshalb<lb/>
sie dann sogar auf 180 Mio. Schilling zurückgegangen sind. Es gibt<lb/>
daher keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, man bräuchte nur die<lb/>
30 Mio. Schilling jetzt überbrücken. <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> erklärt, wieso<lb/>
es zu diesen 150 Mio andeutungsweise gekommen ist. Konkret hätte<lb/>
man aber nur von 600 Mio. Schilling geredet, 70 Schilling für den<lb/>
qm wo das Kraftwerk gebaut werden soll, ca. 60 ha, und 30 Schilling<lb/>
für das sonstige Gelände von 180 ha. Das wirkliche Problem ist<lb/>
nicht der Geländepreis, sondern dass auf dieses Gelände eine Un<lb break="no"/>zahl von Bomben gefallen sind, Blindgänger drinnen liegen und dass<lb/>
<pb n="49-0908" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band49/49_1979-08-08_0908.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>die Säuberung des Geländes 330 Mio. Schilling kosten würde.<lb/>
In Atzenbrugg seien diese Kosten nicht in so grossem Ausmass.<lb/>
Der Entminungsdienst hat festgestellt, daß er in Atzenbrugg leichter<lb/>
Blindgänger orten kann. Im Industriegelände seien dagegen so viele<lb/>
Stahlteile, alte Träger usw. im Boden, dass man den Boden 1 Meter<lb/>
abtragen muss, bevor der Entminungsdienst dann gegebenenfalls<lb/>
darunter Bomben orten könnte. Dies wird von Dr. <rs type="person" ref="#per__150338">Frick</rs> auf das<lb/>
entschiedenste bestritten. Richtig sei, dass auf das Gelände<lb/>
40.000 Bomben gefallen sind, die Werkschutzleitung hat aber da<lb break="no"/>mals jedes Loch nachgesehen und nach 1945 hatte<add>[die]</add> SMV darauf gebaut,<lb/>
sodass nichts passieren könnte. Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs> meint, auch bei<lb/>
Atzenbrugg seien viele Bomben gefallen, denn dort hätte es ein<lb/>
Munitionslager gegeben. Nach Auskunft des Entminungsdienstes teilt<lb/>
<rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> mit, müsste man mit 3,7 % Blindgängern rechnen, die<lb/>
bis zu 5 Meter Tiefe liegen können. Dabei kann es sich auch noch<lb/>
um Säurezündungen handeln, die noch immer jetzt sich automatisch<lb/>
auslösen könnten. Vor etlichen Jahren ist so etwas in der Gegend<lb/>
passiert. <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> meint dann noch, es würde die Gemeinde Zwen<lb break="no"/>tendorf von dem Gewerbesteuerertrag von der Gemeinde Atzenbrugg<lb/>
einen grossen Teil bekommen, weil ja die Arbeiter in diesem Kohle<lb break="no"/>kraftwerk in Zwentendorf wohnen. <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs> stellt fest, dass es ihm<lb/>
nicht allein um das Geld geht – er behauptet sogar überhaupt<lb/>
nicht – sondern nur um die Nutzung des Industriegeländes und um<lb/>
Umweltschutzfragen. Wenn nämlich das Kohlekraftwerk bei Dürnrohr<lb/>
auf Atzenbrugger Gebiet gebaut wird, dann bedeutet dies eine Staub<lb break="no"/>einwirkung auf das Umspannwerk und vor allem auch auf die Gemeinde<lb/>
Dürnrohr. <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> sagt bezüglich der Schadstoffe, die 21<lb/>
Stunden pro Jahr auf Dürnrohr und 6 Stunden pro Jahr auf Zwenten<lb break="no"/>dorf auf Grund der meteorologischen Grundlage einwirken, liegen<lb/>
diese tief unter den akademischen Richtlinien. Wenn der Wind ent<lb break="no"/>sprechend bläst, dann würde anstelle mit Kohle, mit Gas gefeuert<lb/>
werden. Dazu hat die Niogas die notwendigen Mengen bereitgestellt.<lb/>
Da das Kraftwerk bereits im Winter 1984 in Betrieb sein muss,<lb/>
bleibt nicht allzu viel Zeit mehr, um jetzt den endgültigen Bau<lb break="no"/>grund zu kaufen. Ich schlage deshalb vor, die Donau-Chemie soll<lb/>
unverzüglich jetzt überlegen, dass sie nicht das gesamt Grund<lb break="no"/>stück mit 340 ha, sondern eben nur die von der Elektrizitätswirt<lb break="no"/>schaft geforderten 60 ha verkauft. Darüber hinaus wird es über den<lb/>
Kaufpreis kein Problem geben, wenn das Grundstück geräumt über<lb break="no"/>geben werden kann. Wenn die Donau-Chemie überzeugt ist, dass dort<lb/>
<pb n="49-0909" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band49/49_1979-08-08_0909.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nichts drinnen liegt und der Entminungsdienst dies auch be<lb break="no"/>stätigt resp. die Räumung vornimmt, dann könnte der Vertrag<lb/>
nächste Woche noch abgeschlossen werden. Die Donau-Chemie wird<lb/>
mit ihrem französischen Eigentümer sofort Kontakt aufnehmen.<lb/>
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ein ehemaliger Offizier, aber auch Dr. <rs type="person" ref="#per__150338">Frick</rs> nichts zu reden<lb/>
haben. Dort bestimmen alles die Franzosen. Um dem Bürgermeister<lb/>
<rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs> zu demonstrieren, dass wir uns sehr einsetzen damit dieses<lb/>
Kraftwerk auf seinem Gemeindegebiet gebaut wird, schlage ich<lb/>
<rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> vor, wir sollten morgen eine Besichtigung des Gelän<lb break="no"/>des mit dem Entminungsdienst und Bundesheer vornehmen. Ich warne<lb/>
insbesondere <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> mit der Gemeinde Zwentendorf jetzt<lb/>
zu keiner einvernehmlichen Regelung zu kommen, auch dann wenn<lb/>
es in Atzenbrugg gebaut wird. Man darf nicht vergessen, dass man<lb/>
früher oder später wegen des Kernkraftwerkes Zwentendorf die<lb/>
Gemeinde Zwentendorf dringendst brauchen wird. Ausserdem müsste<lb/>
über das Gemeindegebiet der Kühlwasserkanal zur Donau gebaut<lb/>
werden. <rs type="person" ref="#per__114730">Sommerbauer</rs> sieht dies auch vollständig ein, meint er<lb/>
hat bis jetzt sich immer sehr bemüht mit Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs><lb/>
gut auszukommen und wird diese Politik fortsetzen. Da der Vize<lb break="no"/>bürgermeister von Zwentendorf, der Präsident des NÖ Landtages,<lb/>
ein prominenter ÖVP-ler ist, hat dieser auch bereits GD <rs type="person" ref="#per__97496">Gruber</rs><lb/>
von der NEWAG entsprechend beeinflusst, ja fast gezwungen, dass<lb/>
auch die NEWAG ihr Kraftwerk auf Zwentendorfer Gebiet bauen<lb/>
soll. Einmal mehr zeigt sich jetzt wieder an diesem konkreten<lb/>
Beispiel wie schwierig es ist, eine endgültige Entscheidung<lb/>
dann zu treffen, wenn man erstens unter Zeitdruck und zweitens<lb/>
unter einen politischen Druck steht. Ich möchte auf alle Fälle<lb/>
Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__112171">Rabl</rs> demonstrieren, dass ich mich sofort, nachdem<lb/>
ich durch reinen Zufall mit ihm zusammengestossen bin, mit allen,<lb/>
mir zur Verfügung stehenden Mittel, für Zwentendorf einsetze.<lb/>
Dies mache ich nicht nur aus politischer Überzeugung, sondern<lb/>
weil ich wirklich glaube, dass es nicht gerade sehr sinnvoll ist,<lb/>
ein brachliegendes Industriegelände zu haben und darauf nichts<lb/>
zu bauen.<lb/>
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