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            <title type="main">Freitag, der 23. Juni 1978</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_02">In der Fraktion des Handelsausschusses entwickelte der Klubobmann<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs> seine Strategie. Selbstverständlich waren alle damit ein<lb break="no"/>verstanden, denn jeder war davon überzeugt, als es galt, so schnell<lb/>
als möglich die ganze Angelegenheit, insbesondere die Frage des Kern<lb break="no"/>kraftwerkes über die Runden zu bringen. Der Obmann des Handelsaus<lb break="no"/>schusses, Abgeordneter <rs type="person" ref="#per__112996">Staudinger</rs> von der ÖVP, erschien knapp vor<lb/>
Sitzungsbeginn und erklärte <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs>, <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs>, <rs type="person" ref="#per__97563">Hofstetter</rs> und mir, daß<lb/>
die ÖVP eine Sitzungsunterbrechung verlangen wird, um den Antrag auf<lb/>
Volksabstimmung genauer prüfen zu können. Selbstverständlich mußte<lb/>
diesem Verlangen Rechnung getragen werden, denn dies verlangt die<lb/>
jahrzehntelange Tradition des Hauses.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_03">Wir einigten uns darauf, daß daher die Tagesordnung umgestellt wird.<lb/>
Die Gesetzentwürfe über den Beitritt Österreichs zum Europäischen<lb/>
Patentamt wurde einem Unterausschuß zugewiesen. Die Österreichische<lb/>
Volkspartei konnte sich auch jetzt noch nicht entschließen, ihre end<lb break="no"/>gültige Zustimmung zu geben.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_04">Die Novelle zum Mühlengesetz wurde als einziger Gesetzentwurf und<lb/>
der Bericht über den Mühlenfonds dann einstimmig beschlossen. Vorher<lb/>
allerdings gab es auch hier noch ein Heckmeck. <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> hatte den<lb/>
Abgeordneten <rs type="person" ref="#per__111721">Stix</rs> über die Novelle informiert und dieser ließ uns schon<lb/>
wissen, er werde einen Abänderungsantrag einbringen, der die Anpassung<lb/>
der Strafbestimmungen an die jetzt in anderen Gesetzen gehandhabte<lb/>
vorsieht. Dagegen war unsererseits nichts einzuwenden, da es sich um<lb/>
eine Erleichterung für die Müller handelt, bis jetzt war es Geld oder<lb/>
Arreststrafe, in Hinkunft soll es nur mehr Geldstrafe sein, wobei<lb/>
gleichzeitig das Strafausmaß verringert wurde. Zu meiner größten<lb/>
Überraschung hatte Abg. <rs type="person" ref="#per__112149">Gorton</rs>, ÖVP, vorerst einen Abänderungsantrag<lb/>
eingebracht, wonach die Verlängerung des Mühlengesetzes um 5 Jahre<lb/>
erfolgen sollte. Dies widersprach den <choice><choice><sic>Gegebnissen</sic><corr>Ergebnissen?</corr></choice></choice> unserer Verhand<lb break="no"/>lung mit den Sozialpartnern. Darauf machte ich mit aller Deutlichkeit<lb/>
aufmerksam. Der Vorsitzende <rs type="person" ref="#per__112996">Staudinger</rs> bemühte sich deshalb die ÖVP<lb/>
dazu zu bringen den Antrag zurückzuziehen. Im Plenum hätte jeder<lb/>
die Möglichkeit darauf zu verweisen, daß eine 5-jährige Verlängerung<lb/>
zweckmäßiger gewesen ist. Tatsächlich hat dann <rs type="person" ref="#per__112149">Gorton</rs> nicht zuletzt,<lb/>
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ein neuer Weg von seiten der ÖVP beschritten wird, keine Sozial<lb break="no"/>partnerabsprache, dann Einbringen eines Abänderungsantrages, der<lb/>
vorher nicht einmal bekannt war, sich scheinbar doch nicht stark<lb/>
genug fühlte, auf diesem Gebiet auf Konfrontationskurs zu gehen.<lb/>
Selbst der Abg. <rs type="person" ref="#per__111721">Stix</rs> zog dann den zweiten Teil seines beabsichtigten<lb/>
Abänderungsantrages, der ebenfalls eine Verlängerung um 5 Jahre vor<lb break="no"/>sah, zurück. Einstimmig konnte also das Mühlenproblem gelöst werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_05">Die zwei Direktoren der GKT <rs type="person" ref="#per__110040">Nentwich</rs> und <rs type="person" ref="#per__97990">Staudinger</rs>, aber vor allem<lb/>
auch die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden <rs type="person" ref="#per__112014">Erbacher</rs> und Stellvertreter<lb/>
Gen.Dir. <rs type="person" ref="#per__97496">Gruber</rs> wurden nun zum Kernkraftwerk befragt. Vor allem<lb/>
galt es für die Sozialistische Fraktion herauszuarbeiten, und <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs><lb/>
hatte dies in der Vorbesprechung schon bereits vereinbart, vorher<lb/>
aber sogar die Frage mit <rs type="person" ref="#per__110040">Nentwich</rs> besprochen, festzulegen, welche<lb/>
Kosten die Nicht-Inbetriebnahme verursachen werden. Ich legte in<lb/>
der Vorbesprechung nur großen Wert darauf, daß wenige Ziffern, diese<lb/>
dafür aber ständig wiederholt werden müßten. Tatsächlich stellte<lb/>
sich heraus, daß die Investitionen 7,6 Mrd S ausmachen inkl. 5 %<lb/>
Afa mit 400 Mio, Zinsen 1,3 Mrd und Uran 900 Mio, also in der<lb/>
Summe einschließlich Brennstoff und Anreicherung 8 1/2 Mrd Schilling.<lb/>
Für die Ersatzenergie muß man 1 Mrd S rechnen. Direktor <rs type="person" ref="#per__97990">Staudinger</rs><lb/>
hat auf besonderes Befragen dann mitgeteilt, daß inkl. aller noch<lb/>
zu erwartenden und jetzt bekannten Kosten sowie auch die Frage der<lb/>
Wiederaufbereitung und der Zwischenlagerung der Strompreis aus Zwen<lb break="no"/>tendorf knapp unter 40 Groschen liegen wird. Die angebliche, von den<lb/>
Atom-Gegnern behauptete Wiederaufbereitung 11 Mrd kostet in Wirklich<lb break="no"/>keit nur eine Milliarde bei Cogema. Die geologische Endlagerung von<lb/>
10 Mrd kostet, wenn in Österreich gebaut wird, 1,7 Mrd, wird aller<lb break="no"/>dings in Ägypten wesentlich mehr kosten. Die Stillegung, mit 7 Mrd An<lb break="no"/>lagekosten angenommen auf Grund einer Studie in Deutschland, die 10–<lb/>
15% Investitionen rechnet und auf Grund der bisherigen Erfahrungen<lb/>
sich ergibt mit einer Milliarde angenommen werden. Die Konditionierung<lb/>
in Seibersdorf von schwach- und mittelaktivem Abfall kostet nicht<lb/>
3 Mrd, sondern 300 Mio. Die Brennelemente-Zwischenlagerung von 5 Mrd<lb/>
fällt überhaupt nicht an, weil diese durch den Cogema-Vertrag ge<lb break="no"/>deckt sind. Die so behaupteten 36 Mrd Schilling werden ca 5 Mrd<lb/>
betragen und damit bei 6.000 jährliche Betriebsstunden in 20 Jahren<lb/>
<pb n="43-0727" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band43/43_1978-06-23_0727.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>6 Groschen auf den Strompreis ausmachen. Selbst wenn ich annehme,<lb/>
daß<add>[sich]</add> ungünstigenfalls diese Zahl verdoppelt, würde der Strompreis<lb/>
bei ca 45 Groschen liegen. Abg. <rs type="person" ref="#per__111410">König</rs> hat bei seiner Befragung<lb/>
natürlich wieder nur ein einziges Ziel gehabt, irgendwo in Neben<lb break="no"/>sächlichkeiten und wirklichen Kleinigkeiten nachzuweisen, daß <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
sich in irgendeinem Gegensatz zu Aussagen der Kernkraftwerksbefür<lb break="no"/>worter befindet. Man kann direkt aus seinen Mienen ablesen, wie<lb/>
er sich freut, solche Kleinigkeiten zu entdecken. Abg. <rs type="person" ref="#per__111723">Wiesinger</rs><lb/>
wollte wieder gar nichts anderes wissen, als ob das Gesundheits<lb break="no"/>ministerium insbesondere <rs type="person" ref="#per__107938">Leodolter</rs> alles optimal erledigt hat, sein<lb/>
ganzes Bestreben während der Verhandlungen im Unterausschuß bestand<lb/>
ja nur darin, <rs type="person" ref="#per__107938">Leodolter</rs> ein Klampfl anzuhängen, sein Ziel ist und<lb/>
bleibt die Gesundheitsministerin zu stürzen und womöglich selbst<lb/>
zu werden. Abg. <rs type="person" ref="#per__97572">Hubinek</rs> wieder sieht sich jetzt als die Frauen<lb break="no"/>schützerin und gefiel sich in der Rolle auf alle Unzulänglich<lb break="no"/>keiten aufmerksam zu machen. Die sozialistische Seite legte bei<lb/>
den Fragen an die Direktoren und Aufsichtsräte natürlich immer<lb/>
wieder positive Aspekte vor. Ich persönlich sah mich veranlaßt,<lb/>
<choice><choice><sic>daher</sic><corr>da</corr></choice></choice> das Sicherheitsmoment von der ÖVP jetzt wieder ganz besonders<lb/>
in den Vordergrund gerückt wird, als einzige Frage zum Schluß neben<lb/>
dafür die dezidierte Antwort zu bekommen, wie sie die Sicherheit<lb/>
von Zwentendorf sehen. Natürlich war dies eine Suggestivfrage und<lb/>
die Antwort war natürlich, daß es hier nach jeden einzelnen seinem<lb/>
Ermessen um ein optimales Werk handelt. <rs type="person" ref="#per__97572">Hubinek</rs> stellte dann noch<lb/>
in einem Zwischenruf fest, der Handelsminister zweifelt die Sicher<lb break="no"/>heit an, was mich veranlaßte zu erklären, genau wegen ihrer jetzt<lb/>
so beginnenden Sicherheitszweifel an dem Kernkraftwerk Tullnerfeld<lb/>
habe ich diese Frage gestellt. Immerhin waren zwei Parteifreunde<lb/>
von ihr, Gen.Dir. <rs type="person" ref="#per__97496">Gruber</rs> und Dir. <rs type="person" ref="#per__97990">Staudinger</rs>, die die Sicherheit<lb/>
doch eindeutig bejahen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_06">Anschließend an dieses Hearing hat dann Klubobmann <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs> seine<lb/>
Begründung für den Gesetzentwurf Inbetriebnahme Zwentendorf und<lb/>
Volksabstimmung dargelegt. Die ÖVP erhoffte sich aus dieser Situ<lb break="no"/>ation herauszureden, nicht nur daß sie einen Vertagungsantrag<lb/>
gestellt <choice><choice><sic>ist</sic><corr>hat</corr></choice></choice>, sondern daß auch ihr Rechtsexperte Dr. <rs type="person" ref="#per__112626">Hauser</rs>, der<lb/>
ja dem Unterausschuß die ganze Zeit auch angehörte, sofort mit<lb/>
Geschäftsordnungsfragen begann. Hier war <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs> aber, der ja<lb/>
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mit dem Parlamentsdirektor vor längerer Zeit verfaßt hatte, wirklich<lb/>
o.k. Trotzdem dauerte die Debatte wegen der Geschäftsordnung ver<lb break="no"/>hältnismäßig lang und letzten Endes einigte man sich, diese am<lb/>
Montag, dem neuen Handelsausschuß fortzusetzen. Ich ersuchte <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs><lb/>
dann außerhalb der Sitzung, er möge Vorkehrung treffen, daß nicht<lb/>
diese Debatte tatsächlich am Montag im Handelsausschuß geführt wird.<lb/>
Die Geschäftsordnungsfragen könnten doch nur das Präsidium lösen<lb/>
resp. wenn es dort zu keiner eindeutigen Lösung kommt, dann im<lb/>
Plenum diskutiert und wahrscheinlich durch entsprechende Beschlüsse<lb/>
abgeschlossen werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_07">Ich hatte angenommen, daß natürlich auch von der ÖVP der Brief<lb break="no"/>wechsel vom Cogema-Vertrag ebenfalls abgelehnt wird. Überrascht<lb/>
war ich allerdings von <rs type="person" ref="#per__111410">König</rs> zu hören, daß sie auch wahrscheinlich<lb/>
der Novelle zum Außenhandelsgesetz nicht zustimmen werden. Diesen<lb/>
Fall versuchte ich <rs type="person" ref="#per__111410">König</rs> zu erklären, daß es sich doch um eine Schutz<lb break="no"/>funktion handelt, die sie doch ständig wollen. Trotzdem meinte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__111410">König</rs>, sie seien dagegen, was mich zu einem Zwischenruf veranlaßte,<lb/>
na die sind schön im Eck. Tatsächlich herrscht jetzt bei der ÖVP<lb/>
durch den taktischen Zug der Volksabstimmung größtes Wirrwarr. <rs type="person" ref="#per__98003">Taus</rs><lb/>
hat seinerzeit bei einer Diskussion mit <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> die Idee der Volks<lb break="no"/>abstimmung in die Debatte geworfen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat damals noch nicht<lb/>
so dezidiert nein gesagt, sondern nur äußerte die Zeit zurückdenken.<lb/>
Später allerdings, und dies wirft ihm natürlich die ÖVP jetzt ent<lb break="no"/>sprechend vor, hat er sich dezidiert gegen die Volksabstimmung<lb/>
ausgesprochen. Als <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> jetzt der Volksabstimmung zugestimmt hat,<lb/>
ja sogar im Parteivorstand selbst referierte und in der Öffentlich<lb break="no"/>keit damit der Eindruck entsteht, die Idee ist von ihm, gibt uns eine<lb/>
ungeheure gute Ausgangsbasis. Die ÖVP hätte uns im Parlament nicht<lb/>
nur mit äußerst knapper Mehrheit, wenn solche überhaupt zustande<lb break="no"/>gekommen wäre, den schwarzen Peter zugeschoben und natürlich einen<lb/>
Atom-Wahlkampf dann geführt. Jetzt wird sie gegen die Inbetrieb<lb break="no"/>nahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf auftreten, Sicherheitsgründe<lb/>
anführen, die aber leicht zu widerlegen sein werden und so hoffen<lb/>
wir alle, diese Volksabstimmung verlieren wird. Der wichtigste<lb/>
und entscheidendste Punkt aber in meinen Augen bei dieser neuen Idee<lb/>
war, daß wir einen Streit zwischen Partei und Gewerkschaft dadurch<lb/>
verhindert haben. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs>, der sich ja ständig für die sofortige<lb/>
Inbetriebnahme Zwentendorf ausspricht, hätte ein weiteres Taktieren<lb/>
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hat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> vollkommen recht, wenn er sagt, Atom-Wahlkampf ge<lb break="no"/>führt müßte der SPÖ Prozente, Stimmen kosten, die, wenn überhaupt,<lb/>
nur äußerst schwer durch andere positive Momente, d.h. also<lb/>
Stimmenzuwachs zu erwägen, andere Leistungen aufgeholt werden<lb/>
könnte. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> war immer der Meinung, daß wir mit dem Kernkraft<lb break="no"/>werk unsere absolute Mehrheit verlieren. Durch die Volksabstimmung<lb/>
kann jetzt doch dieser Wahlkampf, und um nichts anderes handelt<lb/>
sichs in meinen Augen, im Herbst dieses Jahres abgewickelt werden<lb/>
und nicht im nächsten Jahr bei den Nationalratswahlen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_08">Beim Jour fixe haben wir natürlich auch über dieses Problem ein<lb break="no"/>gehend debattiert. Die Meinungen über den Ausgang dieser Volks<lb break="no"/>abstimmung sind so, daß jeder damit rechnet, daß eine Mehrheit<lb/>
zustande kommt. Die einen glauben nur 70 %, <rs type="person" ref="#per__114075">Schmidt</rs>, ÖGB, meint 60 %<lb/>
bei 60 % Beteiligung, <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> nimmt an, daß die Beteiligung sehr<lb/>
gering sein wird, nämlich nur 40 %, weshalb er nur 52 % annimmt<lb/>
und <rs type="person" ref="#per__113026">Tumpel</rs> meint sogar, noch knapper.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_09"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat mich spät abends angerufen, um mit mir die Propaganda<lb break="no"/>maßnahmen zu besprechen, die jetzt sofort einsetzen müssen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
erwartet, daß die Energiewirtschaft Geld zur Verfügung stellt,<lb/>
ohne natürlich selbst besonders in Erscheinung zu treten. Ihm<lb/>
schwebt vor, man sollte ein Kuratorium oder eine ähnliche Organi<lb break="no"/>sation gründen, die für die Volksabstimmung die notwendige Pro<lb break="no"/>paganda macht. Wie wichtig ihm die Sache erscheint, dokumentierte<lb/>
er dadurch, daß er seinem Pressereferenten <rs type="person" ref="#per__114464">Kunz</rs> für diese Monate<lb/>
freigibt, d.h. abstellt, damit dieser mit der Elektrizitäts<lb break="no"/>wirtschaft die notwendigen Propagandamaßnahmen setzt. Ich werde<lb/>
die nötigen Kontakte und Vorarbeiten veranlassen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_10">Präsident <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> vom Bauernverband hat mich angerufen, um<lb/>
mir mitzuteilen, er könne das Paket nicht finalisieren. Beim<lb/>
Bauerngipfel mit den Präsidenten der Landwirtschaftskammern und<lb/>
sonstigen Agrarspitzen sei er nicht durchgekommen. Insbesondere<lb/>
müßte auf dem normalen Weizenpreis irgend etwas an Preiszuge<lb break="no"/>ständnisse kommen. Außerdem müßte der Milchpreis mit 20 Groschen<lb/>
gesichert werden. Dazu sei es notwendig den Trinkmilchpreis<lb/>
um mehr als 40 Groschen zu erhöhen. In beiden Fällen, erklärte<lb/>
ich <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs>, <choice><choice><sic>ich bin</sic><corr>bin ich</corr></choice></choice> selbstverständlich zu einem weiteren<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_11">Beim Jour fixe diskutierten wir ebenfalls die Agrarpreisverhand<lb break="no"/>lungen. Die AK, insbesondere <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs>, steht auf dem Standpunkt, daß<lb/>
wir bereits viel zu große Zugeständnisse an die Bauern gemacht<lb/>
haben. Die Erzeugerpreisberechnungen für Weizen hätten ergeben,<lb/>
daß der Qualitätsweizen nur um einen halben Groschen hätte erhöht<lb/>
werden sollen, tatsächlich wollen um 10 Groschen den Qualitäts<lb break="no"/>weizen erhöhen. Die Kalkulation des Normalweizens, nach wie vor<lb/>
natürlich von mir sehr umstritten, zeigt auch kein eindeutiges<lb/>
Bild. Eine Erhöhung kann wenig mehr aus Kalkulationsgründen als<lb/>
vielmehr wegen der großen Überschußproduktion beim besten Willen<lb/>
nicht verantwortet werden. Der Gewerkschaftsbund, wieder Dr. <rs type="person" ref="#per__114075">Schmidt</rs>,<lb/>
spricht sich ganz entschieden gegen eine Erhöhung des Erzeuger<lb break="no"/>milchpreises über 15 Groschen aus. Selbst wenn die Rückrechnung<lb/>
ergäbe, daß man 2 oder 3 Groschen noch drauflegen könnte, meint<lb/>
er, dürfe dies nicht geschehen. Das Ganze ist ziemlich verfahren<lb/>
und wird uns noch große Schwierigkeiten in der nächsten Woche<lb/>
bringen. Trotzdem glaube und hoffe ich, daß wir zu einer einver<lb break="no"/>nehmlichen Regelung kommen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_12"><rs type="person" ref="#per__114075">Schmidt</rs> urgierte auch die fruchtsirupamtliche Preisregelung.<lb/>
Richtig ist, daß, wenn es uns nicht gelingt auf diesem Sektor<lb/>
ein Exempel zu statuieren, dann die Paritätische Kommission mit<lb/>
ihrer freiwilligen Preisbildung sehr stark zerrüttelt wird. Wenn<lb/>
die Unternehmer bemerken, es geschieht ihnen nichts, wenn sie sich<lb/>
nicht an Beschlüsse der Paritätischen Kommission halten, dann<lb/>
wird früher oder später das ganze Gebäude zusammenbrechen. Meine<lb/>
Überlegung war, daß, wenn ein Unternehmen jetzt auf Grund des<lb/>
§ 4 Preisverfahrens vorgeschrieben bekommt, ungeheuer viele Unter<lb break="no"/>lagen zu liefern, daß er dann eher vorzieht, sich doch den Spiel<lb break="no"/>regeln der Paritätischen Kommission zu unterwerfen. Dies war bei<lb/>
Fruchtsirup nicht der Fall. Die Unterlagen wurden zum Teil ge<lb break="no"/>liefert, für die neuen noch zu erbringenden Unterlagen eine<lb/>
Nachfrist gesetzt. Jetzt muß allerdings dann in der Preiskommission<lb/>
so schnell als möglich die Entscheidung fallen. Als neuer § 4<lb/>
Fall hat <rs type="person" ref="#per__114075">Schmidt</rs> Sand und Kies angekündigt, weil sich dort zwei<lb/>
Firmen, Kiesunion und Teubl, ebenfalls nicht an Beschlüsse der<lb/>
Paritätischen Kommission halten. Ich versprach den Sektions<lb break="no"/>chef <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> mit dieser Frage neuerdings zu konfrontieren.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_13">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__109811">BURIAN</rs>: Bitte Du und <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> mit mir eine Be<lb break="no"/>sprechung abhalten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_14"><rs type="person" ref="#per__114075">Schmidt</rs> teilte mit, daß im Kurier eine Zahlungsbilanzstudie, die<lb/>
die Österreichische Nationalbank und der Finanzminister dem<lb/>
Wirtschaftsforschungsinstitut übertragen hatten, wortwörtlich<lb/>
zitiert wurde, obwohl sie noch niemand kennen konnte. Im Sozial-<lb/>
und Wirtschaftsbeirat wurde diese Studie im einzelnen noch dis<lb break="no"/>kutiert. Meine Überzeugung ist, daß jetzt in der nächsten und,<lb/>
wenn man so sagen will, letzten Jahr vor der Nationalratswahl es<lb/>
immer schwieriger sein wird, eine sachliche Arbeit zu leisten.<lb/>
Überall wird die Propaganda und vor allem die Ausrichtung auf<lb/>
den Wahlkampf jede sachliche Arbeit sehr erschweren, um nicht<lb/>
zu sagen unmöglich zu machen. Darin sehe ich eine große Gefahr<lb/>
für unser System der Sozialpartnerschaft.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band43_1978-06-23_15">Min.Rat <rs type="person" ref="#per__112011">Kurzel</rs> berichtet mir über den Fortgang der Preisver<lb break="no"/>handlungen bei Milch und Getreide. Ich informiere ihn über das<lb/>
Gespräch mit Präs. <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs>, dessen Vorgangsweise selbst nicht<lb/>
einmal <rs type="person" ref="#per__112011">Kurzel</rs> goutiert. <rs type="person" ref="#per__112011">Kurzel</rs> ist fest davon überzeugt zu einer<lb/>
Lösung kommen zu können, die Milchpreise seien ja seiner Meinung<lb/>
nach weitgehend klargestellt und bezüglich Brot und Mehl glaubt<lb/>
er auch mit einer 50 Groschen Maximalerhöhung durchkommen zu<lb/>
können. Darin würde die Getreidepreiserhöhung vom vergangenen<lb/>
Jahr und auch diesem Jahr sowie die Lohnerhöhungen beinhaltet<lb/>
sein. Außerdem hat er noch eine kleine Reserve für Erhöhung<lb/>
der Aufkäuferspanne. Ich versichere ihm neuerdings, daß er plein<lb/>
Pouvoir hat, wenn er ein zustimmendes Resultat von allen Inte<lb break="no"/>ressensvertretungen mehr oder minder anerkannt zustande bringt.<lb/>
Ich bin überzeugt, die Lösung wird ähnlich der letzten aussehen,<lb/>
keiner wird ausdrücklich dagegen sein, jeder wird Bedenken an<lb break="no"/>melden, in den Protokollen der Preiskommission wird sich dies<lb/>
alles widerspiegeln, in der Öffentlichkeit werde ich aber einmal<lb/>
mehr erklären können, dies ist die optimalste Lösung, die mehr<lb/>
oder minder alle zustimmend zur Kenntnis genommen haben.<lb/>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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