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            <title type="main">Mittwoch, der 19. Oktober 1977</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_02">Die Klubtagung begann mit dem Referat von Dr. <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs>, der sich<lb/>
äusserst sachlich und emotionsfrei mit der nächsten Arbeit be<lb break="no"/>schäftigte. Er begann mit den einzelnen Arbeitsgebieten der Minister<lb/>
die auch in den nächsten Tagen referieren werden, ohne natürlich<lb/>
auf Details einzugehen, sondern nur die Probleme anzudeuten. In<lb/>
einem Nebensatz erwähnte er, dass es im Parlament eine Gruppe<lb/>
gibt, die mit ihrer Forderungspolitik nur mehr mit einer Partei<lb/>
zu vergleichen ist, die nicht mehr im Nationalrat vertreten ist.<lb/>
Diese Überlegungen stelle ich, ohne sie allerdings in einer grösserer<lb/>
Versammlung auszusprechen, auch immer an. Die Lizitationspolitik<lb/>
der Kommunisten hat ihnen nichts genützt sondern ihnen glaube<lb/>
ich sehr geschadet. <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs> hatte nach dem Referat eine Pressekonfe<lb break="no"/>renz und dürfte dort diese Gedanken auch dargelegt haben. Sofort<lb/>
entwickelte sich daraus eine ungeheure Polemik, die ÖVP, Partei<lb break="no"/>obmann <rs type="person" ref="#per__98003">Taus</rs>, verlangt von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, er soll sich dafür entschuldi<lb break="no"/>gen und der ÖAAB meint, das sei am Rande der Demokratie, so<lb/>
etwas zu behaupten. Einmal mehr für mich wieder ein Beweis, wie<lb/>
eine unbedeutende Aussage politisch hochgespielt werden kann.<lb/>
Für mich eine Lehre, man kann nicht genug vorsichtig sein. Die<lb/>
Schwierigkeit liegt nur darin, wie soll man dann überhaupt<lb/>
bei der Presse agieren.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_03">In der Diskussion über dieses Referat hat als erstes <rs type="person" ref="#per__97372">Broda</rs> sofort<lb/>
das Wort genommen und sein Scheidungsrecht expliziert. Ich hatte<lb/>
noch niemals eine so emotionell geführte Debatte dann von fast<lb/>
allen Frauen, die anwesend waren, miterlebt. <rs type="person" ref="#per__97372">Broda</rs> hatte zwar<lb/>
durch Jahre hindurch das Familienrecht im Rahmen seiner grossen<lb/>
Reform im engsten Einvernehmen mit den weiblichen Angeordneten<lb/>
und mit den Frauenkomitees vorbereitet, diskutiert und letzten<lb/>
Endes dann auch scheinbar gemeinsam vertreten. Bei dem Scheidungs<lb break="no"/>recht dürfte er aber, aus welchen Gründen kann ich schwer fest<lb break="no"/>stellen, diesen Kontakt nicht mehr entsprechend gehabt zu haben.<lb/>
Die Folge ist, dass es jetzt scheinbar nur im Nuancen, aber im<lb/>
Prinzip glaube ich darum geht, dass die Frauen selbst verschie<lb break="no"/>dene Meinungen vertreten. Diese Entwicklung ist für die<lb/>
Reform nicht günstig und schon gar nicht für das einheitliche Auf<lb break="no"/>treten der Partei in dieser für die Bevölkerung doch eminent<lb/>
wichtigen Frage. Die Frauen stehen auf dem Standpunkt, Sozialisten<lb/>
haben immer die Schwächeren vertreten, die schuldlos Geschiedene<lb/>
<pb n="38-1201" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band38/38_1977-10-19_1201.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>fühlt sich auf jeden Fall als Schwächere. Jetzt kommt es eben<lb/>
darauf an, ihren Unterhaltsanspruch wirklich zu sichern. Die<lb/>
Lehre, die ich aus diesem Beispiel gezogen habe, ist, man muss<lb/>
wenn man grössere Reformen in Angriff nimmt, ständig den Kontakt<lb/>
mit den Betroffenen hegen, um Differenzen womöglich schon im Keime<lb/>
zu ersticken oder dann wenn dies nicht möglich ist in kleinstem<lb/>
Kreis versuchen auszutragen und zu bereinigen. Dies war meine Taktik,<lb/>
EG-Vertrag, Gewerbeordnung, jetzt Berufsausbildungsgesetz und wird<lb/>
es weiterhin bleiben. Dass ich dabei auch nicht immer erfolgreich<lb/>
bin, siehe Preisregelungsgesetz, Rohstofflenkungsgesetz, Energie<lb break="no"/>wirtschaftsgesetz, muss ich in diesem Fall allerdings auch erwähnen.<lb/>
Die letzteren waren von mir allerdings meistens als politische<lb/>
Konfrontationsgesetze konzipiert.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_04">Beim Abendessen musste ich mich durch einen reinen Zufall zu den<lb/>
Journalisten setzen. Auf der einen Seite ist es ganz angenehm,<lb/>
weil man dann einen persönlichen Kontakt mit persönlichen Er<lb break="no"/>lebnissen und Schmähs führt, der den Journalisten ganz ein anderes<lb/>
Bild gibt von einem Minister als sie es vielleicht sonst üblich<lb/>
kennen. Meine Kriegserlebnisse klingen ja zumindestens jetzt nach<lb/>
30 Jahren oft wie Schwejks Darstellungen. Meine Studienzeit<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__97647">Koren</rs>, die die Journalisten ja nicht kennen, erklären auch einen<lb/>
Teil des Verhältnisses zur ÖVP von meiner Person. Der Nachteil von<lb/>
solchen geselligen Zusammenkünften ist nur, dass sie dann meistens<lb/>
bis am nächsten Tag dauern.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_05">Da <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> am Donnerstag früh nicht anwesend war, musste ich als<lb/>
erstes mein Referat halten. Durch das Arbeitspapier unserer<lb/>
Energiegruppe konnte ich dem Klub ein wirklich brauchbares Unter<lb break="no"/>lagenmaterial liefern. Bei dieser Gelegenheit wies ich darauf hin,<lb/>
dass aus der Oppositionszeit heraus die Arbeitsgruppen, soweit sie<lb/>
in meiner Kompetenz liegen, nämlich Preise, Fremdenverkehr und Ener<lb break="no"/>gie und Rohstoffe immer noch weiter arbeiten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_06">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98040">WAIS</rs> UND <rs type="person" ref="#per__108746">HAFFNER</rs>: Bitte auch die anderen wieder jetzt<lb/>
einberufen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_07">Ich hatte zwar für dieses Referat vom Klub 3/4 Stunden Zeit, doch<lb/>
stellte sich heraus, dass ich auch mit dieser verhältnismässig<lb/>
langen Redezeit kaum alle Details bringen konnte. Ich ging daher<lb/>
hauptsächlich auf die wie ich von der Presse erwartete und bei der<lb/>
gestrigen Aussprache schon feststellen konnte, kritischen Punkte ein<lb/>
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zu, sonst wird meistens nämlich auch bei Klubtagungen viel<lb/>
getratscht, dies liegt aber, wie ich mich bei einigen Tests<lb/>
überzeugen konnte, nur an meiner verhältnismässig lauten Stimme<lb/>
und doch sehr schnellen Redeweise. Wenn ich nämlich z.B. ersuchte,<lb/>
man sollte den Text auf Seite sowieso beachten, oder gar die Tabelle<lb/>
zeigt dieses und jenes, so war es nur ein verschwindender Prozent<lb break="no"/>satz, der wirklich zu der Unterlage griff. Einmal bestätigte<lb/>
sich für mich, es kommt primär darauf an, wie man etwas präsen<lb break="no"/>tiert und gar nicht so sehr darauf an, was drinnensteht. Frei<lb/>
Reden, ein paar Gags einfliessen lassen, dies ist zu meiner grössten<lb/>
Überraschung auch in so einem Kreis noch immer die beste Methode.<lb/>
sich einer Aufgabe zu entledigen. Für mich war das Entscheidendste<lb/>
dass ich einmal mehr für unsere Arbeitsgruppen und deren Ergeb<lb break="no"/>nisse in diesem Kreis Publicity gemacht zu haben und damit<lb/>
den Genossen zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind, wie<lb/>
angeblich sich viele bei anderen Arbeitsgruppen in anderen<lb/>
Ministerien beschweren und dass andererseits ihre Arbeit nun jetzt<lb/>
auch klubmässig gedeckt ist. Anschliessend hatte ich mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs><lb/>
gemeinsam eine Pressekonferenz. Da das Klubmaterial auch den<lb/>
Journalisten zur Verfügung gestellt wurde, stürzten sie sich<lb/>
natürlich dann als <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> ein kurzes Statement abgegeben hatte<lb/>
und darüber eine verhältnismässig sehr harte Diskussion mit den<lb/>
Journalisten führte, die nur sehr kurz dauerte, sofort auf mich.<lb/>
Natürlich wurde wie erwartet primär der Punkt eventuell einen<lb/>
autofreien Tag wieder einzuführen, sofort aufgegriffen. <sic>Gewitzigt</sic><lb/>
aus der Vergangenheit und nicht zuletzt aus der Erfahrung von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97444">Fischers</rs> Pressekonferenz erklärte ich sofort dezidiert, dies<lb/>
käme nur in Frage, wenn die Ölversorgung wieder wie 1974 gefährdet<lb/>
sei. Derzeit schwimmt der Weltmarkt in Öl. Da mich der Klub<lb/>
noch einmal eingeteilt hat, mit den Journalisten zu essen, gab<lb/>
es wirklich eine umfangreiche Information über Energiefragen.<lb/>
Da ich keine anderen Themen anschneiden wollte, die Journalisten<lb/>
auch interessanterweise gar nichts anderes fragten, blieb es bei<lb/>
dieser einzigen sehr umfangreichen Information über die der<lb break="no"/>zeitige und zukünftige Energiepolitik- Überraschend wollte man nur<lb/>
von mir wissen insbesondere <rs type="person" ref="#per__136476">Voska</rs> vom Profil, ob in der Diskussion<lb/>
nicht auch Stimmen gegen diese Energiepolitik insbesondere die<lb/>
Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Tullnerfeld gemacht wurden.<lb/>
Der Kongress-Saal war nämlich so ungünstig, die Lautsprecheranlage<lb/>
war so eingestellt, dass man ausserhalb des Saales tatsächlich<lb/>
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nicht tatsächlich geschehen ist, kann ich nicht feststellen.<lb/>
Da aber die Diskussion ausschliesslich eine Bestätigung meiner<lb/>
Energiepolitik brachte, nur <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> meinte, ich sollte nicht<lb/>
davon reden, dass in 20 Jahren erst das nächste Kernkraftwerk<lb/>
kommt sondern überhaupt keine Zeithorizonte mehr angeben, war<lb/>
die Diskussion tatsächlich ziemlich eindeutig. Eher noch ein grös<lb break="no"/>seres Engagement für die Kernenergie als ein Bremsen. Die Frage<lb/>
der Journalisten, ob da nicht doch die die Bedenken haben sich<lb/>
nicht zu Wort melden, weil sie sozusagen in der grossen Masse<lb/>
untergehen oder vielleicht gar, wenn sie sich zu Wort melden,<lb/>
dann wie man so schön sagt, niedergesetzt werden, liess ich nicht<lb/>
gelten. Wenn einer bei einer Klubtagung zu einem Problem schweigt,<lb/>
dann gilt dies als Zustimmung, ohne dieses Beispiel anzuführen,<lb/>
was doch das Verhalten des grössten Teils der soz. Abgeordneten<lb/>
typisch, lehnten die Konzeption von <rs type="person" ref="#per__97372">Broda</rs> ab und haben sich<lb/>
daher sehr wohl dagegen ausgesprochen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_08">Die Referate der neuen Ressortminister, aber auch das von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> waren verhältnismässig kurz, weil interessanterweise<lb/>
trotz der dreitägigen Klubtagung für die Aussprache für einzelne<lb/>
Probleme wenig Zeit zur Verfügung stand. Ich betrachte diese<lb/>
Art der Klubtagungen für ungeheuer zeitaufwendig, der Anfahrts<lb break="no"/>weg, der Abfahrtsweg, die viele Zeit für Essen usw. Rationeller<lb/>
könnte man es sicherlich straffen, in der Nähe Wiens abhalten,<lb/>
der einzige Vorteil für diese Klubtagung war, dass in Kärnten<lb/>
eine grosse Staatsbürgerversammlungswelle von allen Ministern<lb/>
und teilweise von Abgeordneten durchgeführt wurde. Ich besuchte in<lb/>
Wolfsberg die Bekleidungsfirma Lebek und in St. Andrä ausser<lb/>
Programm selbstverständlich das Kraftwerk und dann eine Staats<lb break="no"/>bürgerversammlung. Die Bekleidungsfirma ist der grösste Betrieb<lb/>
in Wolfsberg und um in diesem Gebiet weibliche Arbeitsplätze<lb/>
zu schaffen, hatte ich vor Jahren mit grösster Anstrengung über<lb/>
eine Jugend am Werk-Aktion die Lehrfähigkeit dieses Betriebes gegen<lb break="no"/>über die Handelskammer durchgesetzt. Natürlich ist die Ausbildung<lb/>
von den Jugendlichen einseitig auf Mäntelproduktion ausgerichtet.<lb/>
Wenn man aber weiss, unter welchen Bedingungen dort Jugendliche<lb/>
und Frauen jede Arbeit suchen, dann war die Entscheidung richtig.<lb/>
Man kann und darf nicht Verhältnisse in solchen ländlichen Gegen<lb break="no"/>den mit Landeshauptstädten oder gar mit Wien vergleichen. Der<lb/>
Bürgermeister aber auch der Abg. <rs type="person" ref="#per__139766">Kunstätter</rs> meinten, sie wären<lb/>
<pb n="38-1204" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band38/38_1977-10-19_1204.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>glücklich, wenn sie noch eine zweiten Betrieb hätten. Interessanter<lb break="no"/>weise will die Betriebsleitung, weil sie ja doch nur ein Tochter<lb break="no"/>betrieb eines deutschen Unternehmens ist, die freizügige Import<lb break="no"/>regelung, die wir bis jetzt hatten, beibehalten.Der Direktor be<lb break="no"/>schwerte sich sogar bei mir, dass der Fachverband eine Lohnvered<lb break="no"/>lung in billigeren Ausland insbesondere Jugoslawien nicht zulässt.<lb/>
Bei einer entsprechenden grossen Stückanzahl muss die Firma einen Teil<lb/>
ihrer Produkte nach Deutschland aber auch in andere Staaten exportie<lb break="no"/>ren. Da sie mit dem Preis zu hoch liegt, kann sie nur bei einer<lb/>
Einschaltung von jug. oder csl. Fertigungsfirmen konkurrenzfähig an<lb/>
bieten. Mein Vorschlag war für die Exporte ohne dass die Waren dann<lb/>
Österreich wieder berührt, wenn es nicht anders geht, die Veredlung<lb/>
über Jugoslawien oder CSSR zu machen. Dann ergibt sich allerdings<lb/>
das Problem der Ursprungszeugnisse. Die Mäntel der Firma Lebek sind<lb/>
im Westen sehr gefragt, teils kriegt er sogar Genehmigungen nach<lb/>
der CSSR zu exportieren und meint deshalb, je freizügiger das System<lb/>
gehandhabt wird, umso besser für die weitere Entwicklung. Ich konnte<lb/>
nur mit dem Argument, dass wir die Zahlungsbilanz beim besten Willen<lb/>
nicht weiterhin so stark mit Textil- und Bekleidungsimporten belasten<lb/>
können, die Direktion davon überzeugen, dass wir jetzt zwar keine<lb/>
Diskriminierung der Importware wohl aber eine gewisse Zurückhaltung<lb/>
durch Gleichstellung dieser mit der österr. Produktion erreichen<lb/>
wollen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_09">Bei der Staatsbürgerversammlung in St. Andrä war wieder die Frage, ob<lb/>
das Kraftwerk nicht früher oder später stillgelegt wird, die Haupt<lb break="no"/>sorge der St. Andräer. Ich versicherte den Kollegen, dass daran<lb/>
überhaupt nicht gedacht ist. Ganz das Gegenteil, wenn wir bei der Pro<lb break="no"/>spektion im Lavanttal die erwartete Kohle finden-sollten und wenn<lb/>
wir diese im Tagbau einigermassen kostengünstig abbauen können,<lb/>
dass wird wie in Köflach St. Andrä nicht nur mit Köflacher Kohle<lb/>
oder mit jug. Kohle befeuert sondern sicherlich mit der im Raum ge<lb break="no"/>wonnenen. Sollte aber die Prospektion zu keinerlei positivem Er<lb break="no"/>gebnis führen und die Köflacher Kohle, die jetzt über die Pack<lb/>
nach St. Andrä geführt wird, dann dort verbrannt, resp. verstromt,<lb/>
dann wird aus Jugoslawien immer genügend preisgünstige Kohle zur<lb/>
Verfügung stehen. Wir haben grösstes Interesse daran, diese jug.<lb/>
Kohle zu beziehen, weil wir unser starkes Aussenhandelsaktivum<lb/>
gegen Jugoslawien nur mit Energiebezügen ein wenig für Jugoslawien<lb/>
verbessern können.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_10">Das Referat <rs type="person" ref="#per__111991">Kreiskys</rs> war dem Terror gewidmet, nachdem er ein<lb break="no"/>leitend die ÖVP als kleinbürgerliche Partei charakterisiert hat.<lb/>
Ursache und Ausgangspunkt dieser Terrortätigkeit war die seiner<lb break="no"/>zeitige Studentenrevolution Dutschkes und <rs type="person" ref="#per__149342">Cohn-Bendits</rs>. Die<lb/>
geistigen Väter waren absonderliche Gelehrte, die APO in weiterer<lb/>
Folge, die Kontinuität, diese macht entweder den langen Marsch durch<lb/>
die Institutionen der Partei und Gewerkschaften oder werden Anwälte<lb/>
und Manager. Ein kleiner Teil davon landet aber im Faulbett<lb/>
des Anarchismus. Dort wird nichts mehr nachgedacht, wie man etwas<lb/>
verbessern kann sondern es entscheidet nur mehr die Tat. Anarchisten<lb/>
hat es zu jeder Zeit gegeben, die Sozialdemokratie muss unerbitt<lb break="no"/>lich gegen den Terror auftreten. Die Demokratie muss sich gegen<lb/>
das Wiederaufleben des Faschismus, Terrorismus mit allen ihr<lb/>
zur Verfügung stehenden Mitteln wehren. Nächstes Jahr soll zur<lb/>
40-Jahrfeier des Unterganges Österreichs eine grosszügig geführte<lb/>
Aufklärungskampagne der Jugend erfolgen. <rs type="person" ref="#per__149343">Bucerius</rs>, der grosse<lb/>
deutsche Verleger, hat <rs type="person" ref="#per__111991">Kreisky</rs> aufgefordert, wieder zu schreiben,<lb/>
was er erlebt hat und wie er es sieht, die Jugend will wissen, wie<lb/>
es gekommen ist, eine Information ohne Agitation müsste das<lb/>
Ziel sein.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_11">Die Wirtschaftslage bleibt nach wie vor triste. Die Weltwirtschafts<lb break="no"/>lage ist langfristig sehr schlecht. Bis 1977 hat Österreich für<lb/>
140 Mia. Staatsaufträge, Investitionen und so weiter gehabt. In<lb/>
Zukunft bis 1982 müssten es 120 Mia. S sein. Ein neues Zehnjahres-<lb/>
Programm soll dies ermöglichen. In Deutschland hat Bundeskanzler<lb/>
<rs type="person" ref="#per__114106">Schmidt</rs> festgestellt, würde man Milliarden DM dafür ausgeben,<lb/>
hat aber keine Projekte, die man sofort durchziehen kann. Dutzende<lb/>
Milliarden DM können nicht eingesetzt werden, die man dafür vorge<lb break="no"/>sehen hat. Das neue Zehnjahresprogramm wird flexibel sein, wird<lb/>
aber Prioritäten setzen müssen. Die Finanzierung müsste möglich<lb/>
sein. Kommt es nicht zur Prosperität, dann müssten liquide Mittel<lb/>
vorhanden sein, sogar zu relativ billigem Geld. Im ERP-Fonds sind mit<lb/>
13. Dezember 1977 Anträge nur für 1 Mia. DM vorhanden 500 Mill. S<lb/>
Grenzlandförderung liegen brach. Die Investitionen sind 1977<lb/>
noch mit 20 % befriedigend, werden aber laut Wirtschaftsforschungs<lb break="no"/>institut im nächsten Jahr sehr stark zurückgehen. <rs type="person" ref="#per__111991">Kreisky</rs> bekannte<lb/>
sich neuerdings zu den ausländischen Kapitalinvestitionen, die<lb/>
Philips, Grundig und andere machten. Der Austro-Porsche<lb/>
sei keinesfalls tot, denn jetzt beginnt sich Chrysler für den<lb/>
Vertrieb zu interessieren. Nach wie vor müsste aber der Name Porsche<lb/>
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und damit ihre Lieferwerke und Mutterwerke der Autoindustrie<lb/>
können eventuell mehr österreichische Waren kaufen oder wie<lb/>
Renault nach Gleisdorf gehen, doch sei dies nicht die Lösung.<lb/>
Bei der Soz. Internationale in Madrid ist ein Abgesandter eines<lb/>
afrikanischen Staaten nachher erfuhr ich, dass es sich um Algerien<lb/>
handelt, gekommen und hat den Schweden erklärt, sie sollen das<lb/>
Flugwesen dieses Staates aufbauen und reorganisieren und Österreich<lb/>
soll die Bahnen übernehmen. Zu diesem Zweck müsste ein grosses Unter<lb break="no"/>nehmen, scheinbar denkt er an die VÖEST, als Generalunternehmer<lb/>
auftreten, einzusetzen wäre auch die Entwicklungshilfe, wovon<lb/>
noch immer 300 Mill. S heuer offen sind. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> war sehr er<lb break="no"/>staunt, wie er sagte, als er dies erfuhr, denn man hätte natürlich<lb/>
diese Entwicklungshilfe stärker einsetzen müssen, wo wir sowieso<lb/>
nur eine skandalös geringen Beitrag dazu leisten. Anschliessend<lb/>
vereinbarte ich mit Staatssekretär <rs type="person" ref="#per__110169">Nussbaumer</rs>, dass wir in<lb/>
Hinkunft insofern besser kooperieren, als <rs type="person" ref="#per__110169">Nussbaumer</rs> auch der<lb/>
Meinung ist, die Entwicklungshilfe zu kommerziellen Geschäften<lb/>
einzusetzen. Wenn grössere Projekte nicht preiswert angeboten<lb/>
werden können, so sollten wir eben die Planungsarbeit und sonstige<lb/>
Aufwendungen von der Entwicklungshilfe zahlen, wie dies in<lb/>
anderen Staaten ebenfalls geschieht.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_12"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> steht auf dem Standpunkt, die Sommer-Ressourcen im Fremden<lb break="no"/>verkehr sind erschöpft. Im Winter müsse man die Infrastruktur<lb/>
Lifte usw. ausbauen. Sein wirklich neues Konzept ist, neue Ge<lb break="no"/>biete, er denkt hier scheinbar an das Waldviertel und Müllviertel,<lb/>
ganz grosszügig zu erschliessen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_13">Im Energiebereich meint er, das Kernkraftwerk Tullnerfeld müsste in<lb/>
Betrieb gehen, Präs. <rs type="person" ref="#per__109804">Carter</rs> hat den Deutschen angeboten, den Atom<lb break="no"/>müll zeitweise zu übernehmen, damit nicht ein Kernkraftwerk-Baustopp<lb/>
tatsächlich die gesamte Wirtschaft durcheinanderbringt. Er erwähnte<lb/>
dann noch den Weiser-Verein und begründet, dass er diesen ge<lb break="no"/>schaffen hat, um auch eine Teilselbstfinanzierung über Länder<lb/>
Institutionen Firmen zu erreichen. Einmal mehr erwähnte, dass<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs> erklärt, in der Grenzlandförderung sei nichts erreicht wor<lb break="no"/>den, was aber vollkommen falsch ist. Seine Grenzlandförderung hätte<lb/>
auch die Absicht gehabt, die Verkehrsverbindungen der ÖBB dorthin auf<lb break="no"/>recht zu erhalten und eben nicht Bahnen stillzulegen, wie <rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs><lb/>
auch wieder in seinem Bahnkonzept scheinbar möchte. In der<lb/>
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Vorteil gehabt als seine Partner. Jetzt haben wir die Europa-<lb/>
Löhne erreicht aber noch nicht die Wirtschaft europareif gemacht.<lb/>
Wir haben den Nutzen der 300-Mill.-Bevölkerung Westeuropas in<lb/>
der grossen Freihandelszone noch nicht nützen können. Die Finan<lb break="no"/>zierung möchte möglich<add>[?]</add> und vier Punkte sind es, wie er abschliessend<lb/>
dann sagte:<lb/>
1.) das Budget 1978 wird einen gigantischen Beitrag zur österr.<lb/>
Wirtschaft leisten<lb/>
2.) die Liquidität auf dem Kapitalmarkt wird es ermöglichen, wenn<lb/>
eine Rezession kommt, die grossen Projekte zu finanzieren.<lb/>
3.) Massenarbeitslosigkeit sei politisch unerträglich, weshalb<lb/>
es Verhandlungen mit der OeNB geben muss, die das Finanzierungs<lb break="no"/>volumen vergrössern wird, wie es in der Vergangenheit auch<lb/>
erfolgte.<lb/>
4.) die Grossprojekte müssten nicht allein von österr. Quellen<lb/>
finanziert werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass<lb/>
Österreich kreditwürdig bleibt.<lb/>
An das Referat, welches 1 1/2 Stunden dauerte, hat sich dann<lb/>
gar keine Diskussion mehr angeschlossen, weil man einmal mehr<lb/>
erklärte, dass dies nicht zweckmässig sei. Auf der einen Seite<lb/>
seien die Ausführungen so grundlegend, dass man angeblich dazu<lb/>
nichts sagen kann und zweitens sei die Zeit so kurz, weshalb <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs><lb/>
nur ein kurzes Schlusswort des Dankes sagte und dann war die Tagung<lb/>
zu Ende und wir wieder 1 1/2 Stunden sinnlose Zeitvergeudung bis<lb/>
zur Abfahrt der Autobusse. Da der beabsichtigte Flug nach<lb/>
Wiener Neustadt wegen Nebels nicht zustandekam, obwohl bis am<lb/>
Semmering das herrlichste Flugwetter herrschte, musste auch ich<lb/>
mit der Bahn zurückfahren zur 40-Jahr-Feier der Firma Krammer.<lb/>
Bei dieser Armaturenfabrik sprach kurz der Bürgermeister <rs type="person" ref="#per__122945">Barwitzius</rs><lb/>
der Handelskammerpräsident <rs type="person" ref="#per__111326">Schauer</rs> ging bereits mit einer langen<lb/>
Rede auf die Mittelstandspolitik ein und viele andere Fragen, die<lb/>
allerdings niemanden interessierten, LR <rs type="person" ref="#per__114522">Schneider</rs> schlug ebenfalls<lb/>
in eine ähnliche Kerbe. In diesem riesigen Bierzelt wollte ich<lb/>
die Leute nicht länger auf die Folter spannen, die wegen der<lb/>
Unterhaltung gekommen waren und hielt einmal mehr eine launige<lb/>
mit Gags gespickte Rede, nachher sagten viele zu mir, die Show<lb/>
haben sie den beiden anderen gestohlen. Interessant für mich war<lb/>
nur, dass wie ich dann mühsam herauskletzelte, ein ehemaliger<lb/>
Funktionär der Soz. Jugend, der jetzt eine deutsche Lackfabrik<lb/>
hier vertritt zu mir kam und mit mitteilte, dass im Kernkraftwerk<lb/>
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porenfrei sind, wodurch die Abnahme verweigert wurde. Wenn dies<lb/>
zutrifft, dann ist es für mich Beweis mehr, dass die dortigen<lb/>
Ingenieure äusserst vorsichtig vorgehen. Dies beruhigt mich<lb/>
sehr.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band38_1977-10-19_14">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98040">WAIS</rs>: Versuche inoffiziell, ohne dass man womöglich<lb/>
bemerkt, woher wir dies wissen, was sich dort zugetragen hat.<lb/>
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            <head>Klubtagung Villach 19./20.10.1977</head>
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