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            <title type="main">Donnerstag, der 21. November 1974</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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                  <idno type="signature">Band23_1974-11-21</idno>
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         <div type="entry" xml:space="preserve"><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_01">Donnerstag, 21. November 1974</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_02">Im Finanz- und Budgetausschuss, Kapitel Handel, war die Stimmung ver<lb break="no"/>hältnismässig sehr gut. Die ÖVP hat überhaupt, glaube ich, diesmal die<lb/>
Kampagne so angelegt, dass sie sich nur Informationen holt, um<lb/>
dann im Haus entsprechende Angriffe starten zu können. Dabei ist es<lb/>
sehr schwer zu ergründen, wie weit die gewünschten Auskünfte über<lb break="no"/>haupt die Abgeordneten und wie weit sie nicht vom Sekretariat des<lb/>
Klubs verlangt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass tatsäch<lb break="no"/>lich die Abgeordneten aus diesem Wust von Detailinformationen einen<lb/>
überragenden Angriffsplan zusammenstellen können. Eher vermute ich,<lb/>
dass hier auch ganz sinnlos gefragt wird, um irgendwie halt Aktivität<lb/>
vorzutäuschen. <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> hat erstmals und als erster Redner sich<lb/>
sofort beschwert, dass das Budget mit 16 % ausgeweitet wurde,<lb/>
währenddem die Zuwachsrate des Handelsministeriums nur 6,4 % beträgt,<lb/>
und ob mich daher der Finanzminister schlechter behandelt hätte und<lb/>
ich ihn nicht überzeugt hätte, dass hier mehr Aufwendungen notwendig<lb/>
wären. Die Antwort war natürlich leicht und hatte ich gleich bei der<lb/>
Hand, indem ich wieder einmal mehr darauf hinwies, dass von 1966–1970<lb/>
das Handelsministeriumsbudget sich immer in der Grössenordnung von<lb/>
310 bis 330 Mill. S bewegte. In den vier Jahren, wo wir jetzt regieren,<lb/>
wurde es auf über 900 Mill. gebracht. Blöd ist ja nur das System im<lb/>
Handelsausschuss, dass zuerst Abgeordnete fragen, dann der Minister<lb/>
antwortet, dann in der zweiten Runde wieder acht Abgeordnete fragen<lb/>
und wieder der Minister antwortet. Ich hatte gleich 1970 der ÖVP<lb/>
vorgeschlagen, dass ich bereit bin, auf jede Frage sofort zu antworten,<lb/>
doch hat man, als ich mich einmal zwischendurch meldete, mir dies von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97437">Fiedler</rs> und Konsorten übel genommen und erklärt, <choice><choice><sic>wo</sic><corr>so</corr></choice></choice> etwas sei noch<lb/>
nie dagewesen, dass ein Minister nicht zuerst die Abgeordneten fragen<lb/>
lässt. In Wirklichkeit wird da ja wirklich ein Dialog zwischen Abge<lb break="no"/>ordneten und Minister sein, der Minister könnte sogar, wenn<lb/>
er die Materie nicht gut beherrscht, in des Teufels Küche kommen, weil<lb/>
er ja erst gar nicht warten könnte, was ihn die Beamten eventuell<lb/>
an Zettel zuschieben. So aber plätschert dies ganz sinnlos dahin.<lb/>
Man antwortet halt, was man will. Interessant war nur noch, das<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97515">Hanreich</rs> über die Industrie-Politik und vor allem einmal <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs><lb/>
darauf hinwies, dass ich seinerzeit 20 Mill. dafür bereitstellte,<lb/>
während jetzt im Budget 1975 nur mehr 8 Mill. vorgesehen sind.<lb/>
Zum Glück hat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> seinerzeit die Papieraktion gestartet,<lb/>
sodass ich immer jetzt auf dieses Beispiel hinweisend sagen kann,<lb/>
<pb n="23-1392" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-21_1392.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>die Industriepolitik des Handelsministeriums richtet sich ausser<lb/>
Aufbau der sektoralen Industriepolitik und Besetzung mit Branchen<lb break="no"/>referenten, die aus dem Ministerium geschult wurden und die keines<lb break="no"/>falls von aussen aufgenommen werden mussten, im konkreten Fall aber<lb/>
auch durch finanzielle Unterstützung von z.B. Papierindustrie – Umwelt<lb break="no"/>schutzfunktion, oder bei anderen Industriesparten durch Unterstützung<lb/>
durch die produktive Arbeitsmarktförderung. Wäre ich ÖVP, hier<lb/>
würde ich ganz anders vorgehen. Da mich <rs type="person" ref="#per__137205">Koller</rs> über den Zusatzzucker<lb/>
und überhaupt über den Zuckerpreis und die Verarbeitung fragte,<lb/>
benützte ich die Gelegenheit bei meiner Antwort, um auf die unver<lb break="no"/>antwortliche Abgabe von Zucker durch die Zuckerindustrie an gewisse<lb/>
Betriebe, die diesen dann mit Umgehungsmischung ins Ausland bringen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> fühlte sich dann in der zweiten Runde bemüssigt darauf hinzu<lb break="no"/>weisen, dass es in Österreich noch immer so ist, dass was nicht ver<lb break="no"/>boten ist, der Unternehmer auch tun darf. Natürlich habe ich bei<lb/>
dieser Beantwortung dann sofort festgehalten, dass es auch eine<lb/>
wirtschaftliche Moral geben muss, und man nicht jetzt den Zucker wegen<lb/>
des Profits ins Ausland bringt und nachher dann die Versorgung im<lb/>
Inland zu gefährden oder vielleicht dann selbst für seine eigene<lb/>
Siruperzeugung für das Inland dann zusätzliche Mengen wünscht. In<lb/>
einer weiteren Replik machte <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> den Fehler zu sagen, da müsste ich<lb/>
eben die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen verlangen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_03">In einer Besprechung mit <rs type="person" ref="#per__97493">Gröger</rs>, <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs>, <rs type="person" ref="#per__111737">Marsch</rs>, <rs type="person" ref="#per__112956">Schwarz</rs> und unserem<lb/>
Büro habe ich sofort ersucht, man soll jetzt alle gesetzlichen Vor<lb break="no"/>kehrungen vorbereiten, damit wir diese Umgehungsmischungen verhindern<lb/>
und dass vor allem wir von der Zuckerindustrie entsprechende Informati<lb break="no"/>onen bekommen können und müssen. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> soll mir nicht ungestraft<lb/>
irgendwo sagen können, ich hätte mir mehr gesetzliche Rechte<lb/>
holen sollen. Er bekommt sie bestimmt jetzt präsentiert. <rs type="person" ref="#per__97493">Gröger</rs><lb/>
glaubt zwar, dass wir mit den 370.000 t Zucker, die wir aus<lb/>
der heurigen Kampagne erwarten können, leicht das Auslangen finden,<lb/>
ja dass wir sogar 20.000 t Reserve bilden können. Diese optimistische<lb/>
Meinung teile ich keinesfalls. Wir müssen von den 370.000 20.000<lb/>
den Ungarn jetzt zurückliefern und wir werden erleben, dass die Süss<lb break="no"/>warenindustrie und weitere Verarbeitungsindustrien jetzt im grossen Um<lb break="no"/>fang Exporte tätigen könnten und daher von uns den Rohstoff Zucker<lb/>
unbedingt für ihren Einsatz brauchen und verlangen werden. Wir werden<lb/>
es furchtbar schwer haben, die notwendigen Zuckermengen im nächsten<lb/>
Jahr bis zum Anschluss an die neue Kampagne zur Verfügung zu stellen.</p><pb n="23-1393" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-21_1393.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_04">Ich kann mir nicht helfen, ich glaube noch immer, dass es eine<lb/>
politische Überlegung gibt, wenn im nächsten Jahr Zuckerversorgungs<lb break="no"/>schwierigkeiten vor den Wahlen auftreten, so schadet das auf alle<lb/>
Fälle der Regierung, ganz besonders mir und deshalb wird hier von<lb/>
einigen Leuten sicherlich dieses politische Spiel begonnen und ver<lb break="no"/>sucht. <rs type="person" ref="#per__97493">Gröger</rs> dürfte in seiner Naivität das noch nicht erkannt haben.<lb/>
Ich werde deshalb jetzt bereits trommeln, die Öffentlichkeit aufmerk<lb break="no"/>sam machen und ganz besonders auf das Verhalten der Zuckerindustrie<lb/>
verweisen, die uns trotz der <choice><choice><sic>einigermale</sic><corr>?</corr></choice></choice> Urgenzen nicht bereit war, die<lb/>
notwendigen Unterlagen der Auslieferung zeitgerecht und detailliert<lb/>
zur Verfügung zu stellen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_05">Den grössten Gefallen in der Budgetdebatte machte mir aber wieder<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs>, den ich so weit brachte, dass er in einem Zwischenruf<lb/>
meinte, die Professoren <rs type="person" ref="#per__133024">Machlup</rs> und <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> werden mir schon noch be<lb break="no"/>weisen, dass unsere Politik falsch ist. Als Antwort wies ich darauf<lb/>
hin, dass ich es hoch schätze, dass <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> sich immer noch und heu<lb break="no"/>te wieder mit <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> identifiziert, denn <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> selbst hat ja, wie er<lb/>
auch bei der ÖVP-Tagung feststellte, erklärt, dass die Arbeits<lb break="no"/>losigkeit steigen muss, die Überbeschäftigung abgebaut werden muss,<lb/>
und dass <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> sich damit identifizierte, wie er auch jetzt in dem<lb/>
Zwischenruf zum Ausdruck kommt. Ich schätze die beiden Professoren<lb/>
<rs type="person" ref="#per__133024">Machlup</rs> und <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> sehr, obwohl ich ihre wirtschaftspolitischen und<lb/>
wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse nicht teile. <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> hat im<lb/>
<choice><choice><sic>"Wege der Knechtschaft"</sic><corr>"Der Weg zur Knechtschaft"</corr></choice></choice> bereits festgelegt, welcher politischen<lb/>
Ansicht er ist und niemand ist in die Knechtschaft geführt worden,<lb/>
obwohl eine sozialistische Regierung jetzt in Österreich 4 Jahre haben.<lb/>
Auch seine Lösung, die <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> ja teilt, ein bisschen mehr Arbeits<lb break="no"/>losigkeit kann nur gut sein, ist nicht der richtige Weg. <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs><lb/>
hat sich einmal mehr wieder bemüssigt gefühlt zu sagen, das ist schon<lb/>
richtig, was <rs type="person" ref="#per__140956">Hayek</rs> sagt und er teilt seine Meinung. Damit kann ich<lb/>
jetzt, ohne als Demagoge hingestellt zu werden, überall hinweisen<lb/>
im nächsten Jahr bei der Wahlauseinandersetzung, dass <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs><lb/>
auch im Parlament mir gegenüber in aller Öffentlichkeit sozusagen<lb/>
diese These: Mehr Arbeitslosigkeit sei besser für die wirtschaftliche<lb/>
Entwicklung als unsere Vollbeschäftigung oder, wie er sagt, Überbe<lb break="no"/>schäftigungstherapie, ich sage ja immer, auf <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> kann man sich<lb/>
verlassen.</p><pb n="23-1394" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-21_1394.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_06"><rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> wieder hat auch bei der Diskussion einen grossen taktischen<lb/>
Fehler gemacht, er verwies darauf, dass jetzt bei dem Wegfall der<lb/>
Stützungen durch Auslaufen der Marktordnungsgesetze usw. eine Ver<lb break="no"/>teuerung des Lebenshaltungskostenindex von nach seiner Berechnung<lb/>
1,2 % zu erwarten sei, während der ÖVP-Zeit nämlich hat es sehr<lb/>
starke Erhöhung der Verbraucherpreise gegeben. Als man die Stützung<lb/>
teilweise einstellte. Auch hier werden wir in Hinkunft dieses Argument<lb/>
gut gebrauchen können, dass man damals bei der ÖVP die Stützung kürzte,<lb/>
den Bauern keine Erhöhung des Erzeugerpreises gab und den Verbraucher<lb break="no"/>preis stark erhöhte, wie <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> auch jetzt im Budgetausschuss <choice><choice><sic>ach</sic><corr>?</corr></choice></choice><lb/>
neuerdings indirekt bekräftigte. Bei dieser Gelegenheit habe ich<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> klar und deutlich gesagt, dass das Angebot auf dem Preisgesetzen<lb/>
von den ÖVP, nur ein erster Schritt sei und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> selbst hat sich<lb/>
natürlich sofort dagegen gewendet und gemeint, die Verhandlungen seien<lb/>
von Seiten der ÖVP sehr ernsthaft geführt worden, aber keinesfalls<lb/>
nur als erster Schritt zu verstehen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_07">Im Parteivorstand, im Anschluss an das Referat von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> über die<lb/>
politische Lage, wo er ebenfalls auf die Marktordnungen und die Preise<lb/>
zu sprechen kam, erklärte ich deshalb meine Taktik. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wollte<lb/>
nämlich, dass man, wie er im Referat ausdrückte, sowohl bei den Markt<lb break="no"/>ordnungsgesetzen als auch bei den Preisgesetzen wesentliche Zuge<lb break="no"/>ständnisse von der ÖVP erlangen<add>[verlangen?]</add> müsste, ansonsten würde er plädieren,<lb/>
dass die Gesetze auslaufen und die Ersatzlösung Platz greift. Scheinbar<lb/>
hat auch er noch nicht erfasst, dass mit dem Zeitdruck eine solche<lb/>
Taktik von Seiten der <choice><choice><sic>Marktordnungsgesetzverhandelr,</sic><corr>Marktordnungsgesetze verhandelt?</corr></choice></choice> also insbesondere<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs</rs> kaum mehr möglich sein wird. Was nun die Preise betrifft,<lb/>
so konnte ich darauf hinweisen, dass ich einen Schritt weiter bin.<lb/>
Ich werde am Dienstag den umfangreichen Regierungsentwurf, den ich<lb/>
vor 14 Tagen bereits zur Kenntnis vorgelegt habe, nach der Begutachtung<lb/>
jetzt mit unwesentlichen Änderungen beschliessen lassen. Dadurch wird im<lb/>
Parlament nicht nur ein umfangreicher, wie er sagt, sondern wie ich glau<lb break="no"/>be ein für die ÖVP vollkommen unakzeptabler Regierungsentwurf liegen.<lb/>
Andererseits hat aber die ÖVP schon zu erkennen gegeben, dass sie so<lb/>
wie im Juni-Vorschlag, damals allerdings noch gekoppelt mit vorzeitiger<lb/>
Lohn- und Einkommenssteuersenkung, jetzt aber ohne eine solche be<lb break="no"/>sondere Koppelung zu erkennen gegeben, dass sie einen Änderung der<lb/>
derzeitigen Preisregelung zustimmt. Wenn wir also wollen, können wir<lb/>
dann beide Entwürfe in der Abstimmung zur Debatte stellen, die ÖVP<lb/>
<pb n="23-1395" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-21_1395.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>wird unsere Vorschläge ablehnen und wir können dann noch immer ihren<lb/>
Vorschlag akzeptieren und damit, wenn es notwendig ist, das Preisrege<lb break="no"/>lungsgesetz über den 31. Dezember hinaus retten. Wenn nicht, gibt es noch<lb/>
immer die Möglichkeit, ablaufen zu lassen oder, was ich allerdings<lb/>
nicht für sehr zweckmässig halten würde, unverändert zu verlängern.<lb/>
Kreisky selbst will von einer unveränderten Verlängerung nichts wissen.<lb/>
Auch dann nicht, wenn es ganz kurzfristig ist.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_08">Gegen ein Marktordnungsgesetz und mit allgemeinem Wirtschaftsgesetz-<lb/>
Auslaufen haben sich, solange ich anwesend war, <rs type="person" ref="#per__137310">Scheibengraf</rs> und <rs type="person" ref="#per__97461">Frühbau<lb break="no"/>er</rs> ebenfalls ausgesprochen. Auch <rs type="person" ref="#per__113055">Tillian</rs> vom Arbeitsbauernbund denkt noch<lb/>
immer, dass das Marktordnungsgesetz erhalten bleibt, gegebenenfalls<lb/>
gegen das Preisgesetz abgetauscht wird. Zumindestens hat er mir dies<lb/>
beim Arbeitsbauernbundvorstand zu verstehen gegeben. Nachdem <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
derzeit in der Wirtschaftsauffassung eine pessimistische Welle hat,<lb/>
er spricht von 3 Mill. Arbeitslosen in Westeuropa, von der Krise in<lb/>
der Papierindustrie, in die wir jetzt wieder hineinkommen, von der<lb/>
Schwierigkeit der Textilindustrie, dass insbesondere in den Grenz<lb break="no"/>gebieten, <rs type="person" ref="#per__147375">Mischlik</rs> von Deutschland hat ihm auch hier <choice><choice><sic>nehr</sic><corr>mehr? sehr?</corr></choice></choice> negative<lb/>
Informationen gegeben, wir in kürzester Zeit in eine schwere wirt<lb break="no"/>schaftspolitische Situation kommen können. Ich unterschätze, glaube ich,<lb/>
die Gefahr auch nicht, bin nur nach wie vor überzeugt, man muss das<lb/>
Positive herausstreichen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> ist ja mehr oder minder auch<lb/>
gezwungen so zu handeln. Jetzt möchte er die SPÖ auf die Partei der<lb/>
Beschäftigung seine ganze Propaganda legen. Ich halte dies für vollkommen<lb/>
richtig, nur auch da besteht die Gefahr, dass wir bei grösserer Arbeits<lb break="no"/>losigkeit im nächsten Jahr uns ein Image aufbauen, welches wir dann<lb/>
nicht halten können. Meine Konzeption war immer, das Positive heraus<lb break="no"/>zustreichen, allerdings nicht zu erklären, dass ich allein dafür<lb/>
verantwortlich sind, sondern dass dies eben mit Mitwirken der Interessens<lb break="no"/>vertretungen usw. gelungen ist. Dadurch muss man zwar die Anerkennung<lb/>
der Leistung mit anderen teilen, hat aber dann, glaube ich, auch die Mög<lb break="no"/>lichkeit, wenn eine Abschwächung kommt, dass sie sie nicht so hart<lb/>
attackieren und vor allem auch dann Mitverantwortung übernehmen müssen.<lb/>
Ich erinnere mich noch an die Diskussionen vor etlichen Jahren, wo ich<lb/>
in der Regierungserklärung gerade für Lohn- und Preisentwicklung gar<lb/>
nicht die Regierung als die Verantwortliche hingestellt hatte, sondern<lb/>
erklärt, die Regierung wird die Interessensvertretungen in dieser Bemühung<lb/>
jederzeit und tatkräftigst unterstützen. Vielleicht hätte es damals<lb/>
<pb n="23-1396" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-21_1396.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>die Handelskammer abgelehnt, wir haben es aber niemals versucht<lb/>
und dadurch, obwohl wir nur sehr geringen Einfluss darauf haben,<lb/>
die Lohn- und Preisentwicklung, und letztere ganz besonders, zu einem<lb/>
Anliegen der Regierung gemacht und damit auch wir die Verantwortung<lb/>
mehr oder minder übernehmen müssen. Wenn wir die Vollbeschäftigung<lb/>
durchstehen, dann bleibt nur mehr das Problem der Preissteigerungen,<lb/>
das flaut in Wirklichkeit jetzt schon ab, sodass wir mit ruhigem<lb/>
Gewissen den zukünftigen Wahlen, die meiner Meinung nach, und <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
ist auch dieser Auffassung, im Herbst nächsten Jahres stattfinden sollen,<lb/>
entgegensehen können. Die innerparteiliche Situation Oberösterreichs<lb/>
und wahrscheinlich auch noch die Rückschläge bei der Kärntner Land<lb break="no"/>tagswahl können <choice><choice><sic>bin</sic><corr>bis?</corr></choice></choice> im Oktober, wenn die wirtschaftliche Lage anhält,<lb/>
leicht kompensiert werden.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_09"><rs type="person" ref="#per__97818">Pittermann</rs> behauptete, dass die Parteiführer des EG-Bereiches eine<lb/>
Besprechung gehabt hatten, wo er auch anwesend war und wo Bundeskanzler<lb/>
<rs type="person" ref="#per__114106">Schmidt</rs> grösste Bedenken hat, dass die Europ. Gemeinschaft weiterhin<lb/>
wird grosse Fortschritte machen, weil sich die Preissituation für sie<lb/>
zu einem unlösbaren Problem entwickelt. Da sie eine gemeinsame<lb/>
Agrarpreispolitik machen müssen, in Deutschland aber die Preise nur<lb/>
um 7 % steigen und in Italien und Grossbritannien um 18 %, können<lb/>
die Agrarpreise jetzt nicht einheitlich mehr korrigiert werden.<lb/>
Da natürlich die italienischen, englischen und vielleicht auch die<lb/>
französischen Bauern wesentlich mehr erwarten als die allgemein ge<lb break="no"/>stiegenen hohen Lebenshaltungskosten. Nach seiner Information hat<lb/>
die EG noch 1970 eine Milliarde Dollar Überschuss gehabt in der<lb/>
Handelsbilanz, jetzt aber 1974 ein 80 Mia Dollardefizit. Nur die<lb/>
Deutschen haben dort 50 Mia DM einen Überschuss, während alle anderen<lb/>
schwer passiv bilanzieren.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_10">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Wer macht bei uns im Haus solche Grundsatzüber<lb break="no"/>legungen und -analysen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_11">Stadtrat <rs type="person" ref="#per__97561">Hofmann</rs>, der in der Donaukraftwerke-Aufsichtsrat eine führende<lb/>
Rolle spielt, fragte mich, wie es dort weitergehen soll. Ich selbst er<lb break="no"/>klärte ihm, dass bei der letzten Hauptversammlung es nicht möglich war,<lb/>
den Sekt.Chef <rs type="person" ref="#per__136608">Cech</rs>, der in Pension gegangen ist, durch <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> zu er<lb break="no"/>setzen. Ich habe deshalb die Verbund ersucht, sie soll sofort<lb/>
eine ausserordentliche Hauptversammlung einberufen, damit auf<lb/>
dieser Tagesordnung die Aufsichtsratsänderung erfolgt, damit wir dort<lb/>
die Mehrheit haben. Da aber in der Frage der Kooperation zwischen<lb/>
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gar nicht zu erkennen gibt, wie und in welchem Umfang wir hier gemeinsam<lb/>
vorgehen, <rs type="person" ref="#per__112031">Maurer</rs> hat erklärt, das würde den Krieg bedeuten, so habe<lb/>
ich auch ersucht, man möge gleichzeitig die Aufstockung der Vorstände<lb/>
von 3 auf 4 in den Satzungen beschliessen. <rs type="person" ref="#per__97561">Hofmann</rs> ist mit dieser<lb/>
Vorgangsweise einverstanden, möchte nur, dass <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> aber bereits<lb/>
bei der nächsten Fraktionssitzung des Aufsichtsrates anwesend ist.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_12">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97469">GEHART</rs>: Bitte am 4.12., 1/2 8 Uhr, in Zimmer von <rs type="person" ref="#per__114580">Kobilka</rs>.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-21_13">Im Unterausschuss des Handelsausschusses über das Elektrizitätswirtschafts<lb break="no"/>gesetz bin ich kurz noch anwesend gewesen, um mein Interesse zu dokumen<lb break="no"/>tieren und nicht allein den Beamten die ganze Arbeit zu überlassen.<lb/>
Dieser Unterausschuss hat sich scheinbar zur Aufgabe gestellt, eine<lb/>
gründliche Studie und Gesetzesformulierung zu finden, denn sie haben<lb/>
jetzt eine Unzahl von Interessensvertretungen zur Einvernahme resp.<lb/>
Auskunftserteilung vorgeladen. Ich habe das Gefühl, man will von Seiten<lb/>
der ÖVP die ganze Frage noch ein wenig hinausschieben. Ich habe dagegen<lb/>
nichts einzuwenden und so dringend erscheint mir dieses Gesetz nicht.</p></div>
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               <occupation>Handelsminister, ÖVP, Präs. HK Wien</occupation>
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               <occupation>Wr. Planungsstadtrat, stv. AR-Präs. DoKW, Obmann BO
                  Floridsdorf</occupation>
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