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            <title type="main">Dienstag, der 12. November 1974</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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unter Beiziehung von <rs type="person" ref="#per__112011">Kurzel</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__98040">Wais</rs> wegen der beantragten Strom<lb break="no"/>preiserhöhung für die Stadtwerke Wien, wäre bald meine Taktik<lb/>
nicht aufgegangen. Die 130 Mill. S, welche die Gen.Direktion der<lb/>
Stadtwerke vom E-Werk erwirtschaften will, war unglückseligerweise<lb/>
durch die Ölpreiserhöhungen begründet. <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> sagte mit Recht,<lb/>
dass auch die anderen Firmen die selben Forderungen hätten und des<lb break="no"/>halb mussten wir eine spezifische Wiener Regelung treffen. Richtig<lb/>
war, dass 1955 die Gemeinde Wien aus mir unerklärlichen, in Wirk<lb break="no"/>lichkeit aus politisch optischen Gründen die Grundtarife abschaffte.<lb/>
Die Massnahme selbst war sehr sozial, doch ergab sich dadurch ein<lb/>
Mindererlös für Wien gegenüber NÖ, von <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs> wurde sie dann irgend<lb break="no"/>einmal wieder für die ersten zwei Tarifräume mit 2.- S eingeführt,<lb/>
sicherlich in der Idee, zu einem späteren Zeitpunkt sie wieder anzu<lb break="no"/>heben. Wenn wir nun nur Wien diese Strompreiserhöhung geben wollen,<lb/>
dann war die Gelegenheit durch Nachziehung der Grundtarife von vor<lb/>
allem der Einführung der Messgebühr von 7.- S die günstigste Lösung.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> wehrte sich mit Recht dagegen, weil er darin einen dem<lb/>
Stromsparen entgegengesetzte Tarifgestaltung sieht. Er möchte am<lb/>
liebsten die Arbeitspreise progressiv erhöhen, d.h. je grösser der<lb/>
Verbrauch, umso grösser die Stromkosten je Einheit. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> wehrt<lb/>
sich natürlich gegen eine solche Tarifpolitik, weil dadurch gerade<lb/>
die Industrie und teilweise das Gewerbe am meisten belastet wird.<lb/>
Es gelang mir daher, für diese Tarifrunde beide auf einen Nenner<lb/>
zu bringen, nämlich ausnahmsweise der Grundgebührerhöhung zuzustimmen,<lb/>
wobei <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> gleichzeitig verlangte, dass bei der neuen Tarifge<lb break="no"/>staltung für die gesamten EVUs, frühestens allerdings nach den<lb/>
nächsten Wahlen schon ein Stromspartarif eingeführt wird. Hier<lb/>
wird ihm insoferne entgegengekommen, als jetzt die Mindestabnahme<lb/>
verschwinden wird, dafür wird in zwei Etappen der Stromarbeitspreis<lb/>
pro Stunde, d.h. kWh um je 11 Groschen erhöht. <rs type="person" ref="#per__112011">Kurzel</rs> wollte anfangs<lb/>
überhaupt eine Generaldebatte, ob eine Strompreiserhöhung jetzt<lb/>
gemacht werden sollte. Ohne dass ich ihn desavouierte, gelang es<lb/>
dann doch, auch diese Klippe zu umschiffen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_03"><rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> ersuchte ich neuerdings, dass wir wegen der Liberalisierung<lb/>
gegen die Staatshandelsländer jetzt dringend einen gemeinsamen Be<lb break="no"/>schluss über die Obst- und Gemüsekonservenkontingente fassen sollten.</p><pb n="23-1358" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-12_1358.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_04"><rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> versprach mit <rs type="person" ref="#per__112010">Blaha</rs> darüber zu sprechen und am Mittwoch<lb/>
bei einer Besprechung eine gemeinsame Lösung anzustreben.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_05">In der Ministerratsvorbesprechung wurde der Verwaltungsreformbericht<lb/>
vom Bundeskanzleramt zurückgestellt. Im Ministerrat selbst berichtete<lb/>
ich anstelle von <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs>, der im Budgetausschuss festgehalten wurde,<lb/>
über Österreichs Absicht zum Beitritt zur internationalen Energie<lb break="no"/>agentur. Im Prinzip waren wir uns alle einig, dass Österreich<lb/>
sofort beitreten sollte, wenn die entsprechende Neutralitätsklausel,<lb/>
die die Schweiz, Schweden und Österreich verlangten, angenommen wird.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_06"><rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> berichtete auch in der Ministerratsvorbesprechung noch<lb/>
über den Grund der Zurücknahme wegen der 2. Raumordnungskonferenz<lb/>
mit der BRD in Berchtesgaden, ohne allerdings den wahren Grund<lb/>
auch nur anzudeuten. Ich sah mich deshalb veranlasst, ihm vor allem<lb/>
zu sagen, dass die Hauptschwierigkeit bei den Gegensätzen bei dem<lb/>
FDP-Wirtschaftsminister <rs type="person" ref="#per__97457">Friderichs</rs> und dem Raumplanungsminister<lb/>
SPD <rs type="person" ref="#per__140762">Vogel</rs> besteht. Da wir unsere guten Beziehungen über die Grenz<lb break="no"/>landbesprechungen und Abstimmung der Förderungen nicht gefährden<lb/>
wollten, schlug ich ihm vor, wir sollten auf alle Fälle uns<lb/>
in diesen Streit nicht einmischen, sondern auf der bisherigen Basis<lb/>
Handelsministerium mit dem bayrischen und Bonner Wirtschaftsstellen<lb/>
den bisherigen Kontakt und die Besprechungen aufrechtzuerhalten.<lb/>
Eine Integrierung, wie Vorarlberg das jetzt im österr. Raumordnungs<lb break="no"/>konzept wünscht, würde endgültig diese Möglichkeit gefährden.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> war damit einverstanden. Ob er es durchziehen wird,<lb/>
weiss ich nicht.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_07">Die Reise und die Verhandlungen in Bagdad brachten die von mir er<lb break="no"/>warteten Erfolge, die Vorbereitungen durch den früher in Bulgarien<lb/>
tätigen Aussenhandelsstellenleiter, der jetzt nach Wien einberufen<lb/>
wurde, weil dort einem Protektionskind und weitschichtigen<lb/>
Verwandten von LH <rs type="person" ref="#per__112031">Maurer</rs> Platz gemacht werden musste, waren einmalig.<lb/>
Er hat mit allen Firmen, die auf dem irakischen Markt schon zu tun<lb/>
hatten, oder die sich auch für den irakischen Markt interessierten,<lb/>
englische Prospekte in Mappen für jede Firma zusammengefasst,<lb/>
dadurch konnte ich mein System verbessern, indem ich nicht nur<lb/>
die Listen der österr. Firmen, die liefern wollen, die Listen, die<lb/>
Kooperationen wünschen und grössere Anlagen laufen haben und die<lb/>
<pb n="23-1359" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-12_1359.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Liste, wo Firmen sich beworben haben und bis jetzt keinen Zu<lb break="no"/>schlag oder keine Antwort bekommen haben, mit entsprechendem<lb/>
Material ergänzt den Irakern übergeben. Die Hauptschwierigkeit<lb/>
aber war, dass Botschafter <rs type="person" ref="#per__97696">Linhart</rs> befürchtete, wie er mir<lb/>
gleich bei meiner Ankunft gestand, dass wir überhaupt so schnell<lb/>
gar keine Verhandlungspartner haben würden, weil vor zwei Tagen<lb/>
die Regierung grösstenteils ausgetauscht wurde. Der seinerzeitige<lb/>
Ölminister Dr. <rs type="person" ref="#per__97512">Hammadi</rs>, mit dem ich im Vorjahr den Vertrag unter<lb break="no"/>zeichnet hatte, wurde Aussenminister. Als neuer Ölminister wurde<lb/>
ein Parteifunktionär, der bis jetzt für die Landwirtschaftsfragen<lb/>
verantwortlich war, durch seine Parteizugehörigkeit aber ein<lb/>
starker Mann, wie der Botschafter glaubt, mit dem Ölministerium<lb/>
betraut. <rs type="person" ref="#per__126956">Abdul Karim</rs> sprach perfekt Englisch und ich wäre bei<lb/>
den Verhandlungen dadurch in eine schlechtere Position gekommen.<lb/>
Zum Glück war von Steyr-Daimler-Puch der Vertreter, ein Syrer,<lb/>
Dkfm. <rs type="person" ref="#per__146488">Isa</rs> mit, der sich als Dolmetsch anbot. Mit der Vorbereitung<lb/>
und dem Dolmetsch war daher die Verhandlung wirklich sehr angenehm.<lb/>
Botschafter <rs type="person" ref="#per__97696">Linhart</rs> hatte natürlich wie immer versucht, recht<lb/>
viele Minister zu mobilisieren. Ich besuchte deshalb auch den<lb/>
wirklich starken Mann im Irak, nämlich den Industrieminister,<lb/>
der auch im Revolutionskomitee sitzt, wie sie es nennen follow up,<lb/>
d.h. Nachfolgekomitee des Revolutionsrates macht in Wirklich<lb break="no"/>keit die Politik. Sie entspricht weitestgehend im Organisations<lb break="no"/>aufbau und auch in der Durchführung den Oststaaten. Ich klammerte<lb/>
gleich von Anfang an die Möglichkeit, dass wir Kredite in<lb/>
irgendeiner Form geben, aus. Im weiteren Verlauf stellte sich<lb/>
dann heraus, dass entgegen dem Bericht des Botschafters die<lb/>
Iraker sehr wohl dran interessiert waren, unser Abkommen vom<lb/>
Vorjahr zu ergänzen, die ersten Vorschläge waren verheerend.<lb/>
Unter anderem wollte Irak in das Abkommen eine Be<lb break="no"/>stimmung, dass Österreich, das als befreundete Nation gilt,<lb/>
jede Menge Rohöl bekommen könnte, doch würde sich die Lieferung<lb/>
nach den Anteilen, den Österreich an dem Entwicklungsprojekt,<lb/>
d.h. an der Hilfe, die wir Irak gewähren, richten. Ausserdem wollte<lb/>
sie dann, dass wir zwar nicht Irak einen Kredit geben, dass<lb/>
wir aber die österreichischen Firmen, die nach dem Irak liefern,<lb/>
besondere Kreditkonditionen für den Export einräumen, damit<lb/>
sie konkurrenzfähiger werden. Die Minister beschwerten sich bei<lb/>
mir, dass sie um 30 – 40 % höhere Offerte bekommen als von<lb/>
<pb n="23-1360" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-12_1360.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Frankreich, Italien, Japan usw. Der Industrieminister importiert<lb/>
grösstenteils die Anlagen der Wirtschaftsminister, ein kommuni<lb break="no"/>stischer Vertreter im Kabinett, wurde zumindestens mir gegen<lb break="no"/>über behauptet, war für Holzimporte und Stahlimporte, an denen<lb/>
er besonders interessiert war, zuständig. Wir hatten von den<lb/>
meisten grösseren beteiligten Firmen im Irak Experten, d.h. Firmen<lb break="no"/>vertreter mit. Ich wollte sie am liebsten viel stärker<lb/>
in die Verhandlungen einschalten, doch hat Botschafter <rs type="person" ref="#per__97696">Linhart</rs><lb/>
gemeint, dass dies die Iraker unter gar keinen Umständen akzeptieren,<lb/>
Ich ersuchte deshalb in einer Vorbesprechung die Firmenvertreter<lb/>
und setzte dann auch durch, dass die zumindestens in Ministerien<lb/>
anwesend waren und wir dann durch ständige Rückfragen Einzelinfor<lb break="no"/>mationen über ihre Wünsche, ihre Liefermöglichkeiten insbesondere<lb/>
über die Termine, die sie einhalten müssten, machen konnten.<lb/>
Die Iraker legen grössten Wert darauf, so schnell als möglich<lb/>
ihre Waren zu beziehen, die Österreicher vermuteten wegen der<lb/>
steigenden Preise, ich dagegen glaube, dass sie wirklich die Waren<lb/>
dringend brauchen und daher weniger wegen der Inflationspreiserhö<lb break="no"/>hung als wegen der Notwendigkeit, sie lieber heute als morgen zu<lb/>
haben, auch bereit sind, in Hinkunft mehr zu bezahlen. Dies habe<lb/>
ich zumindestens allen Ministern eingeredet, besser gesagt, ver<lb break="no"/>sucht einzureden. Ausgesprochen unglückselig war die Holzdelega<lb break="no"/>tion zeitlich gelegen, denn sie ist drei Tage bevor ich<lb/>
gekommen bin fortgefahren und der Wirtschaftsminister hat mich<lb/>
dann natürlich wegen eventueller Holzexporte angewiesen. Ich<lb/>
konnte ihm nur versprechen, in Wien sofort alles wieder zu mobi<lb break="no"/>lisieren, um die gewünschten Anbote zu stellen. Interessant war,<lb/>
dass die Iraker streng unterscheiden zwischen der österreichischen<lb/>
verstaatlichten oder genossenschaftlichen Industrie und der Privat<lb break="no"/>industrie. Sie glauben, dass die ersteren wegen, wie sie vermuten,<lb/>
starken Unterstützung des Staates, ähnlich ist es nämlich bei<lb/>
ihnen, besser liefern können und auch wir imstande wären, ihre<lb/>
Wünsche zu erfüllen. Sie selbst würden auf alle Fälle der<lb/>
verstaatlichten Industrie eine grössere Präferenz einräumen.<lb/>
Da wir derzeit in Österreich einen starken Holzüberschuss infolge<lb/>
Nichtabnahme der Italiener haben, sind die Preise, wie <rs type="person" ref="#per__113607">Sirowatka</rs><lb/>
von der Handelskammer, der auch dieses Gebiet sehr gut vorbe<lb break="no"/>reitet hat, mir mitteilte, von 2.500 S/fm auf extrem 1.500 – 1.700<lb/>
gefallen. Österreich wäre demnach wirklich lieferfähig, der einzige<lb/>
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in Erscheinung treten. Die Iraker wünschen eine Einhand womöglich<lb/>
und grosse Schlüsse.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_08">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98040">WAIS</rs>: Bitte sofort NR <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs> verständigen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_09">In den offiziellen Sitzungen und auch nachher versuchte ich bei jeder<lb/>
Gelegenheit, die einzelnen Projekte, die wir vorher mit den Firmen<lb break="no"/>vertreter selbst durchbesprochen haben, den Irakern klarzumachen<lb/>
und erreichte damit, dass die Firmenvertreter sehr zufrieden waren.<lb/>
Weniger allerdings waren sie begeistert, dass sich – wie sie sich<lb/>
ausdrückten beim Heimflug mir gegenüber, ich ständig abgeschirmt<lb/>
war. Teils von den Irakern, teils aber natürlich auch von dem Bot<lb break="no"/>schafter und den offiziellen Delegationsmitgliedern. Ganz besonders<lb/>
enttäuscht war der Vertreter des Evidenzbüros des österr. Aussenhandels,<lb/>
der sich schon als Delegationsmitglied fühlte, ich hätte dagegen<lb/>
nicht einzuwenden gehabt, weil er aber durch den Botschafter seiner<lb break="no"/>zeit nicht als Delegationsmitglied den Irakern gemeldet und der nach<lb/>
Auffassung von <rs type="person" ref="#per__97696">Linhart</rs> unter gar keinen Umständen als Delegations<lb break="no"/>mitglied aufscheinen konnte. Die Firmenvertreter hatten aber dann in<lb/>
Gesprächen mit ihren Partnern grosse Gelegenheiten teilweise neue<lb/>
Geschäfte zu entrieren. Das gelang ganz besonders der Fa. Ruthner<lb/>
mit Schoeller-Bleckmann gemeinsam, den Vertreter der VÖEST-Alpine<lb/>
wegen ihrer gewünschten vier Ziegeleien, die sie einrichten möchten,<lb/>
und wegen der Melamin-Anlage sowie der Fa. Cincinnati Austria mit<lb/>
einem Anschluss-Antrag ihrer PVC-Röhrenfabrik-Einrichtung. Wir be<lb break="no"/>sichtigten diese Fabrik, die gerade die Arbeit aufgenommen hat, und<lb/>
ich war sehr erstaunt. Die Iraker mussten bis jetzt fast alle Waren<lb/>
importieren, weil sie in der englischen Besatzungszeit fast keine<lb/>
eigene Industrie errichtet hatten. Sie errichten deshalb jetzt<lb/>
gigantisch auf allen Gebieten entsprechende Fabriken. In diesem<lb/>
Zement-Kombinat, wo sie auf der einen Seite Zement, dann aber<lb/>
gleichzeitig daneben Asbest-Rohrzementanlagen hatten, die allerdings<lb/>
grosse Anlaufschwierigkeiten hat, also auch jetzt die PVC-Fabrik,<lb/>
die ebenfalls anfangs Anlaufschwierigkeiten hatte, soll ein<lb/>
richtiggehendes Industriegebiet dort am Rande der Stadt am Tigris<lb/>
errichtet werden. Irak hat jetzt einen Arbeitskräftemangel, zu<lb break="no"/>mindestens behauptet man das mir gegenüber, sogar an ungelernten<lb/>
Arbeitern. Als wir dann allerdings ein bisschen durch die Stadt<lb/>
gingen und in weiterer Folge das Land besichtigten, stellte ich fest,<lb/>
<pb n="23-1362" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-12_1362.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>dass natürlich überall Araber herumsassen und der offizielle<lb/>
Begleiter vom Protokoll der in der MIOG, der nationalen Ölgesell<lb break="no"/>schaft sitzt, meinte, es wäre höchste Zeit, wenn die Araber jetzt<lb/>
endlich vom Coca-Cola-Trinken und Nichtstun aufhören würden. Sie<lb/>
haben also ihre Reserven in der Landwirtschaft und am Land nur teil<lb break="no"/>weise mobilisieren können. Das Land steht und fällt mit der Industria<lb break="no"/>lisierung. Die Landwirtschaft selbst kann nur schwerlich ohne entspre<lb break="no"/>chende Bewässerungssystem vergrössert und produktiver werden.<lb/>
Jetzt hängt es grösstenteils doch von den Ernteschwankungen ab,<lb/>
ob Irak Selbstversorger ist für Getreide und Reis, oder ob es<lb/>
exportieren kann in Extremfällen oder vielleicht gar dringendst<lb/>
Importe benötigt.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_10">Auf einem Ölbericht des Botschafters an das Aussenamt, den er mir<lb/>
zu lesen gab, bemerkte ich, dass seine Informationen vor Jahren<lb/>
schon dahingingen, dass die ÖMV keinesfalls so bereit war, mit Irak<lb/>
einen Vertrag über Öllieferungen abzuschliessen, wie sie mir gegen<lb break="no"/>über immer wieder behauptete. Nach Auffassung von <rs type="person" ref="#per__97696">Linhart</rs> musste er<lb/>
sehr auf den ÖMV überhaupt drängen, dass sie einen solchen Liefer<lb break="no"/>vertrag dann 1973 erst abschloss. Auch jetzt hat mir Dr. <rs type="person" ref="#per__114135">Fischer</rs>,<lb/>
der der ÖMV-Vertreter, für das Trainingszentrum und für eine Zentral<lb break="no"/>werkstätte, die errichtet werden soll, ist, keine Detailinformationen<lb/>
über die zukünftige Ölpolitik im Irak der ÖMV geben können. Er meinte,<lb/>
freimütig, dies müsste erst bei ihnen abgestimmt werden. Ich habe<lb/>
volles Verständnis, dass sich die ÖMV nicht ausschliesslich auf Irak<lb/>
verlassen will und auch wahrscheinlich gar nicht in Hinkunft weiss,<lb/>
wieviel Rohöl sie tatsächlich wird fest abnehmen können. Die Ver<lb break="no"/>brauchsentwicklung hat in der letzten Zeit doch nicht zuletzt durch<lb/>
die Sparmassnahmen einen anderen Lauf genommen, als prognostiziert<lb/>
wurde. Trotzdem wird es notwendig sein, dass die ÖMV sehr bald<lb/>
ein konkretes Ölkonzept entwickelt. In Wirklichkeit hätten wir dies<lb/>
ja in unserem Energieplan tun müssen. Zu meinem Leidwesen aber wurde<lb/>
er niemals und auf keinem Sektor sehr konkret. Wenn es nun aber um<lb/>
die Verträge geht, muss die ÖMV ganz konkrete Vorstellungen haben<lb/>
und sie letzten Endes dann auch vertraglich vereinbaren.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_11">Dkfm. <rs type="person" ref="#per__146488">Isa</rs> hat durch Zufall den Vertreter von Steyr-Daimler-Puch<lb/>
Thessaloniki getroffen, der bestrebt war, Traktoren, resp.<lb/>
Motorfahrzeuge nach Irak zu verkaufen. Die Iraker haben 10.000 LKW<lb/>
bei Mercedes gekauft und 5.000 Kleinbusse und grössere Busse.</p><pb n="23-1363" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band23/23_1974-11-12_1363.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_12">Steyr ist bei dieser gigantischen Ausschreibung nicht zum Zuge<lb/>
gekommen. Angeblich auch nicht zuletzt deshalb, weil die Iraker<lb/>
auch hier nur ganz grosse Serien wünschen. Da Steyr selbst<lb/>
nicht liefern kann, Saloniki aber Möglichkeiten hätte, ergibt<lb/>
sich vielleicht daraus eine mögliche gemeinsame Anboterstellung.<lb/>
Ich würde dies Dkfm. <rs type="person" ref="#per__146488">Isa</rs> wünschen, nicht nur im Interesse der<lb/>
österreichischen Wirtschaft, sondern auch in seinem Interesse.<lb/>
Er hat sich wirklich nicht nur um meine Übersetzung sehr verdient ge<lb break="no"/>macht, sondern auch für seine Tätigkeit.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_13">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97377">BUKOWSKI</rs>: Bitte einen Dankbrief mit entsprechendem<lb/>
Herausstreichen der Leistung von <rs type="person" ref="#per__146488">Isa</rs> an Gen.Dir. <rs type="person" ref="#per__97854">Rabus</rs> von Steyr-<lb/>
Daimler-Puch.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_14">Der allgemeine Eindruck im Irak ist, dass es sich hier mehr oder<lb/>
minder um einen Polizeistaat handelt. Ich selbst hatte ein Polizei-<lb/>
Auto mit 4 Polizei-Beamten, dazu noch in der Stadt drei Polizeimotor<lb break="no"/>radfahrer, die mich ständig begleiteten, und wo immer ich hinkam<lb/>
und ausstieg war sofort die Polizei zu meinem Schutz anwesend.<lb/>
Ob wir gefährdet waren, kann ich nicht feststellen, eines weiss<lb/>
ich nur, dass wir uns kaum allein bewegen konnten. Was uns am<lb/>
meisten interessierte, waren die Kunstwerke, und in die Moscheen<lb/>
durften wir nur bis zum Vorhof, in gewissen Städten nicht einmal<lb/>
bis dahin und die Frauen liessen sie oft nicht einmal in einer<lb/>
Stadt vom Auto aussteigen. <rs type="person" ref="#per__97426">Fälbl</rs> war auch sehr überrascht, als wir<lb/>
bei unserem Gegenessen feststellen mussten, dass wir fast 2/3 der<lb/>
offiziell Geladenen auch Polizisten, Chauffeure und wahrscheinlich<lb/>
auch sonstige Sicherheitsbeamte nicht an unserer Tafel, aber gleich<lb/>
im Nebenraum verköstigen mussten. Dort hatte ich allerdings die<lb/>
Gelegenheit, den ehemaligen Ölminister Dr. <rs type="person" ref="#per__97512">Hammadi</rs> zu treffen und<lb/>
ihm unter vier Augen, so wie ich vorher auch schon unter vier<lb/>
Augen den jetzigen Ölminister mitzuteilen, dass Österreich der<lb/>
Energieagentur beitreten wird. Wenn unsere Neutralitätsklausel<lb/>
angenommen wird. Der neue Ölminister, der erst zwei Tage im<lb/>
Amt war, hat ganz allgemein mir nur bei diesem Vier-Augen-Gespräch<lb/>
erklärt, dass die amerikanischen Imperialisten hier wieder eine<lb/>
neue Möglichkeit suchen, sich aber nicht geäussert, was sie über<lb/>
den Beitritt Österreichs denken und sagen oder reagieren werden.<lb/>
Bei Dr. <rs type="person" ref="#per__97512">Hammadi</rs> wieder wurde gerade zu diesem Zeitpunkt dann der<lb/>
Kaffee in einem anderen Saal serviert und er kam auch nicht mehr<lb/>
auf dieses Thema zu sprechen. Ich war darüber nicht sehr unglücklich<lb/>
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anderes wollte, als dass die Iraker nicht über die Zeitung dann<lb/>
erfahren, dass Österreich beitritt. Ich habe mit dieser Infor<lb break="no"/>mationstaktik bei den seinerzeitigen EG-Verhandlungen mit den<lb/>
Oststaaten die besten Erfahrungen gemacht. Sie hätten das später<lb/>
sowieso alles erfahren, wenn sie in Brüssel nur die Zeitungen<lb/>
gelesen haben, wussten sie alle Details oder vielleicht sogar mehr<lb/>
als ich ihnen sagte, und doch ist ein gewisses Vertrauensverhältnis<lb/>
zwischen den Oststaatenvertretern und mir dadurch entstanden.<lb/>
Ich hoffe, dass es auch jetzt bei Irak geglückt ist. Ich habe<lb/>
von diesem Gespräch natürlich dann sofort unsere Delegation und<lb/>
ganz besonders den Botschafter informiert.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_15">Wirklich beeindruckend für mich war dann, als wir zum Schluss nach<lb/>
Libanon, Beirut, fuhren. Wir hatten dort zwar nur einige<lb/>
Stunden Zeit, da die AUA nicht kam, mussten wir sogar noch eine<lb/>
Nacht dort verbringen, und konnten bei der Gelegenheit feststellen,<lb/>
den grossen Unterschied zwischen Bagdad, einer uralten und tradi<lb break="no"/>tionsreichen aber in Wirklichkeit armen Stadt, und der reichen, ganz<lb/>
neu entstandenen Stadt Beirut, einen ärgeren Gegensatz kann man sich<lb/>
eigentlich gar nicht vorstellen. Bedrückend für mich in Beirut<lb/>
war nur, dass sie dort auch Flüchtlingslager der Palästinenser<lb/>
haben, die in einem unvergleichlichen Elend daneben leben.<lb/>
Die Polizeibegleitung in den beiden Städten war schon ein krasser<lb/>
Unterschied. Wenn man dann noch gelegentlich auf die Märkte ging<lb/>
oder wie sie es nennen insbesondere in den <choice><choice><sic>Soug,</sic><corr>?</corr></choice></choice> dann war nicht<lb/>
nur das Warenangebot unvergleichlich, sondern auch die dort<lb/>
kaufenden, flanierenden Menschen. In Beirut irrsinnige Massen<lb/>
gut gekleidet, in Bagdad auch nicht wenige aber doch weniger und<lb/>
vor allem einmal das Warenangebot schlechter und die Leute un<lb break="no"/>vergleichlich schlechter gekleidet. Die soziale Differenzierung<lb/>
spielt deshalb ohne das Flüchtlingsproblem schon eine sehr grosse<lb/>
Rolle in der Auseinandersetzung in der arabischen Welt. Sicherlich<lb/>
kann durch die Öleinkünfte Iraks sich das einmal ändern, doch<lb/>
wird es dann immer reiche arabische Staaten und arme geben.<lb/>
Für Syrien und Ägypten schaut dieses Problem nämlich wesentlich<lb/>
anders aus als für Irak und die anderen Golfstaaten, die Öl haben.<lb/>
Eine Sonderstellung dürfte eben die, wie ich schon erwähnte, Libanon<lb/>
seit eh und je einnehmen. Dieses Land hat zwar kein Öl, ja<lb/>
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Handel und die Tüchtigkeit und durch die liberale Politik, die sie<lb/>
immer betrieben haben, heute den höchsten Standard, der vielleicht<lb/>
sogar über Israel liegt. Mein erster Eindruck, den man sich bei<lb/>
stunden- oder tageweisem Aufenthalt allerdings nicht endgültig<lb/>
machen soll, war zumindestens so. Wie diese internationalen Spannun<lb break="no"/>gen, jetzt noch verstärkt durch der Flüchtlingsproblem, friedlich<lb/>
gelöst werden soll und kann, kann ich mir nicht vorstellen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band23_1974-11-12_16"/></div>
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            <head>Tagesordnung 140. Ministerratssitzung, 12.11.1974</head>
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