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            <title type="main">Dienstag, der  1. Oktober 1974</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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         <div type="entry" xml:space="preserve"><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_01">Dienstag, 1. Oktober 1974</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_02">Die Zuckerindustrie legte Wert darauf, dass ich Dr. <rs type="person" ref="#per__140907">Viton</rs> vom FAO<lb/>
empfange, der für Zucker zuständig ist. Die Diskussion mit ihm war<lb/>
sehr interessant, er berichtete, dass bis 1950 der Zuckerverbrauch<lb/>
ca. 30 Mill. t betragen hat, ungefähr dasselbe wie in der Zeit vor<lb/>
dem zweiten Weltkrieg und dann explosionsartig auf 80 Mill. t ge<lb break="no"/>stiegen ist. Ausgelöst wurde dieser Mehrverbrauch bei Afrika von 30 dkg<lb/>
auf 10 – 12 kg und Lateinamerika von 10 kg auf 35 – 40 kg pro Kopf<lb/>
gestiegen ist. Asien hat derzeit noch einen unbedeutenden Verbrauch,<lb/>
doch wird dies in Zukunft auch wahrscheinlich nach seiner Auf<lb break="no"/>fassung sehr stark zunehmen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn<lb/>
sich der Zuckerpreis wieder normalisiert. <rs type="person" ref="#per__140907">Viton</rs> glaubt, dass dies<lb/>
in den nächsten Jahren der Fall sein wird. Ich glaube sogar, dass<lb/>
dies noch eher eintreten wird, weil nämlich die unterentwickelten<lb/>
Länder, ob in Afrika, Asien oder Lateinamerika, kaum imstande sind<lb/>
durch die Ölkrise bedingt Zucker in grösserem Masse einzuführen.<lb/>
Für Indien können wir sogar feststellen, dass sie jetzt Zucker<lb/>
exportieren, um Devisen zu bekommen, und den eigenen Verbrauch dros<lb break="no"/>seln. Ein einziges Produkt hat eine so grosse Produktionsstei<lb break="no"/>gerung erfahren und das ist Milch für Babys. Wichtiger als diese<lb/>
Aussprache war mit, dass ich anschliessend mit <rs type="person" ref="#per__137218">Angyan</rs> und <rs type="person" ref="#per__137164">Hiller</rs><lb/>
über ihre beabsichtigte Pressekonferenz reden konnte. Ich habe<lb/>
ihnen die heftigsten Vorwürfe gemacht, dass sie eine solche Presse<lb break="no"/>konferenz einberufen haben. Ich empfahl ihnen sogar, sie sollten<lb/>
diesen <rs type="person" ref="#per__140907">Viton</rs> jetzt als den Mann bei der Pressekonferenz vorstellen,<lb/>
der international als Fachmann gilt und dort seine Theorie, die er<lb/>
auch mir erzählte, darlegen sollte. <rs type="person" ref="#per__137218">Angyan</rs> meinte, dass Tulln mit<lb/>
Donnerstag ihre gesamte Menge ausgeliefert hat und die anderen<lb/>
Zuckerfabriken am Dienstag, Mittwoch spätestens als am 8.10.<lb/>
ihre Auslieferung einstellen müssen, da sie keinen Zucker mehr<lb/>
haben. Da die Kampagne aber erst am 15. beginnt, liegt eine Woche<lb/>
dazwischen, die nach Auffassung <rs type="person" ref="#per__137218">Angyans</rs> ohne weiteres durch den<lb/>
Handel überbrückt werden kann. Sie fühlen sich verpflichtet, der<lb/>
Presse dies mitzuteilen, weil angeblich Frau <rs type="person" ref="#per__118868">Palme</rs> von der Presse<lb/>
in Erfahrung gebracht hat, dass irgendwo in Tirol 2 Lebensmittel<lb break="no"/>händler keinen Zucker mehr hatten, statt dass sie hergegangen wären und<lb/>
sofort diese Firmen mit Zucker versorgt hätten, wahrscheinlich hätten<lb/>
einige Kilo vollkommen genügt, glauben sie sich jetzt von der<lb/>
<pb n="22-1166" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1166.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Presse ertappt zu haben und wollen sich auf diese Art und Weise<lb/>
verteidigen. Meine Befürchtung ist, dass jetzt die Öffentlichkeit<lb/>
aufmerksam gemacht wird, sofort Zucker kaufen wird und dann tat<lb break="no"/>sächlich in mehreren Geschäften kein Zucker mehr vorhanden sein wird.<lb/>
Andererseits bin ich überzeugt, dass bei Zucker die Lager vom Gross<lb break="no"/>handel, Kleinhandel, aber auch von den Haushalten gut versorgt sind,<lb/>
sodass wenn die Bevölkerung Ruhe bewahrt, eigentlich nicht viel pas<lb break="no"/>sieren dürfte. <rs type="person" ref="#per__137164">Hiller</rs> hat dann unseren Pressereferenten <rs type="person" ref="#per__111699">Puffler</rs><lb/>
der die Pressekonferenz besuchte und mir berichtete, mitgeteilt,<lb/>
dass er in Paris war, als man <choice><choice><sic>ei</sic><corr>?</corr></choice></choice> der Zuckerindustrie beschloss,<lb/>
diese Pressekonferenz abzuhalten. Als einzige Gegenmassnahme kann<lb/>
ich nun versuchen, Zuckergrosshändler und Spediteure zu finden,<lb/>
so eventuell grössere Zuckermengen lagern. Sollte es nämlich zu<lb/>
einer entsprechenden Versorgungskrise kommen, dann muss sich meine<lb/>
Theorie bestätigen, dass dies nur auf die ungeschickte Art der<lb/>
Zuckerindustrie und deren Verteilung zurückzuführen ist. Ich hatte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__117100">Habig</rs> vor Wochen schon gesagt, er soll für die Süsswarenindustrie<lb/>
und für Leute, die viel Zucker von ihm beziehen wollen, ganz einfach eine<lb/>
administrative Methode einschalten, indem er die gewünschten Mengen<lb/>
nicht ausliefert und sogar mit der Auslieferung entsprechend ver<lb break="no"/>zögernd zuwartet. Sollte sich jemand dann beschweren, hätte er sich<lb/>
auf mich berufen können. Ich bin nämlich überzeugt, dass die Süss<lb break="no"/>warenindustrie ebenfalls mit Zucker so gut eingedeckt ist, dass sie<lb/>
gegebenenfalls 8 Tage ohne Zuckerzulieferung leicht auskommen kann.<lb/>
Hätte er daher die entsprechende Streckung vorgenommen, müsste jetzt<lb/>
für den Konsumzucker noch eine gewisse eiserne Reserve auf diese<lb/>
8 Tage, die er überbrücken muss, vorhanden sein. Wie weit im Kleinen<lb/>
Grenzverkehr heute wirklich die Mengen Zucker hinausgehen oder wie<lb/>
man sogar behautet, durch Autobus-Chauffeure, Flugzeugführer usw.<lb/>
hinaustransportiert werden, kann ich schwer prüfen. Eines weiss<lb/>
ich nur, dass man im Handelsministerium meinem Wunsch, die Export<lb break="no"/>ziffern genau zu überprüfen, so nachgekommen ist, dass man die wichtigen<lb/>
Zuckermischungen nicht beachtete. Die Hauptschwierigkeit liegt darin,<lb/>
dass es scheinbar unmöglich ist, jemanden zu finden, der analytisch ein<lb/>
Problem angeht.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_03">Im Ministerrat berichtet <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, dass es der VÖEST und der Linz-<lb/>
Chemie gelungen ist, alle Abschlüsse mit den Polen unter Dach und Fach<lb/>
zu bringen. Dies sei erstens das Ergebnis der wirtschaftlichen guten<lb/>
<pb n="22-1167" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1167.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Situation, zweitens der guten Aussen- aber auch Handelspolitik mit<lb/>
den Oststaaten und drittens die Gespräche, die er mit <rs type="person" ref="#per__97591">Jaroszewicz</rs><lb/>
bereits im Vorjahr begonnen hat. Polen beabsichtigt, den österr.<lb/>
Handel zu bevorzugen und um dem Westen zu dokumentieren, dass es<lb/>
nicht ausschliesslich nach dem COMECON ausgerichtet ist. Österreich<lb/>
könnte daher mit allen Oststaaten durch günstige Abschlüsse im An<lb break="no"/>lagenbau z.B. Prototypen entwickeln, die man dann auch woanders hin<lb/>
verkaufen könne. Der Westen sei nach wie vor ein verhältnismässig<lb/>
unsicherer Handelspartner, er ist überzeugt, dass die EWG, wenn es<lb/>
in eine Krise kommen würde, auch auf dem Industriesektor genauso<lb/>
vorgehen würde, wie jetzt bei der Landwirtschaftlichen Situation,<lb/>
d.h. sich trotz Vertragsverpflichtung abzusperren. Ein kleines<lb/>
Problem sei noch die Frage der Finanzierung, doch auch hier würde<lb/>
man eine entsprechende Lösung finden. Auf dem Finanzsektor ist er über<lb break="no"/>haupt der Meinung, dass Wien ein taking place werden könnte, der<lb/>
neben der SU und den westlichen Banken wie auch den USA eine ara<lb break="no"/>bische Bank aufnehmen sollte.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_04"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wies auch darauf hin, dass beim Staatsbürgerschaftsverfahren<lb/>
verlangt wird, eine Bestätigung beizubringen, dass der frühere Staat<lb/>
den Betreffenden entlässt. Dies ist im Osten unmöglich. Er hätte<lb/>
jetzt bei <rs type="person" ref="#per__97591">Jaroszewicz</rs> intervenieren sollen, weil ein polnischer Arzt,<lb/>
der jahrelang bereits in Wien arbeitet und sehr tüchtig ist, nicht<lb/>
diesen Nachweis erbringen kann. Er hält es für ausgeschlossen, dass<lb/>
man <rs type="person" ref="#per__97591">Jaroszewicz</rs> mit einer solchen Kleinigkeit belastet, andererseits<lb/>
es für ungeschickt, dass man überhaupt aus dem Osten solche Be<lb break="no"/>stätigungen verlangt. <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs> klärte ihn sofort auf, dass bereits ein<lb/>
Erlass existiert, wonach es genügt, dass er nachweist, einen An<lb break="no"/>trag gestellt zu haben, wenn nach 3–6 Monaten darauf keine Antwort<lb/>
kommt, was meistens der Fall ist, dann gilt der Nachweis als erbracht<lb/>
und dieser Punkt der Richtlinien als erfüllt. So steht es auch im<lb/>
Staatsbürgerschaftsgesetz. Ich kann überhaupt nicht verstehen,<lb/>
warum wir so komplizierte Bestimmungen haben, um Menschen, die bei<lb/>
uns arbeiten wollen und arbeiten können, die Einbürgerung so schwer zu<lb/>
machen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_05">Ein Loch in meinem Zeitprogramm und ganz besonders die Notwendigkeit<lb/>
über die Probleme in einem grösseren Kreis zu diskutieren, hat dann<lb/>
dazu geführt, dass wir ein Büro-jour-fixe eingeschoben haben.</p><pb n="22-1168" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1168.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_06">In Hinkunft sollten wir überhaupt viel mehr die Zeit nützen,<lb/>
und uns öfters über Grundsatzprobleme auseinandersetzen.<lb/>
Nichts kann mehr ins Auge gehen, als wenn wir unvorbereitet<lb/>
durch Umstände <choice><choice><sic>begindt</sic><corr>bedingt?</corr></choice></choice> ein Problem lösen müssen, resp. über<lb break="no"/>haupt erst darauf gestossen werden. In der Energiefrage resp.<lb/>
in dem Sparappell von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hatten wir im vergangenen Jahr eine<lb/>
ganz gute Ausgangsbasis gestartet, sowohl <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> in der Konsumen<lb break="no"/>teninformation als auch wir bei uns wurden einige Vorarbeiten<lb/>
geleistet. Wichtig ist, dass das Energieproblem aber vom<lb/>
Standpunkt des Sparens her weder gelöst werden kann, noch<lb/>
befriedigend in Angriff genommen werden kann. Jede Massnahme<lb/>
hat fast nur optische Bedeutung, eine Erkenntnis, die ich aller<lb break="no"/>dings bereits im Vorjahr bei der sogenannten "Energiekrise" machte.<lb/>
Schon damals erkannte ich und ich glaube wir alle, dass hier wirk<lb break="no"/>lich Politik nach dem Motto, die Welt will betrogen sein, nur ge<lb break="no"/>macht werden kann. Alle sogenannten Einsparungen wie Strassenbeleuch<lb break="no"/>tung, Schaufensterabstellung, Warmwassersparen usw. bringt in Wirk<lb break="no"/>lichkeit nur unbedeutende Promille-Erfolge. Trotzdem gibt es op<lb break="no"/>tisch einige Punkte, die man politisch eben motivieren und ver<lb break="no"/>langt und die die Bevölkerung und wahrscheinlich auch einige<lb/>
Politiker, die sich für Details nicht kümmern, befriedigt. Das<lb/>
Konzept, das wir erstellten, baut nun auf einer ganzen Reihe<lb/>
von Vorschlägen auf, die man im einzelnen weiter verfolgen soll,<lb/>
wie <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> richtig und systematisch darlegte, von der Produktionsseite<lb/>
für Industrie bis zu Verteiler- und Letztverbraucherseite – Haus<lb break="no"/>halt. Der Nachteil war nur fast bei allen Vorschlägen, wie <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs><lb/>
richtig bemerkte, dass in jedem Fall ungeheure Aufwendungen<lb/>
zu machen sind. Man spart Energie, gibt aber vorher viel Geld<lb/>
aus, um die Voraussetzungen für diese Energiesparmassnahmen<lb/>
zu schaffen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_07">Ein wichtiger Punkt war die Reorganisation des Hauses. Wir müssen,<lb/>
auch dann, wenn es im Oktober schief gehen sollte, die pessimisti<lb break="no"/>sche Note jetzt ist nicht auf das AK-Wahlergebnis zurückzu<lb break="no"/>führen, sondern war seit eh und je die Konzeption von uns,<lb/>
muss insbesondere in der Personalfrage und dem Personalein<lb break="no"/>satz vorangetrieben werden. <rs type="person" ref="#per__97915">Schipper</rs> hat jetzt für das Referat<lb/>
<rs type="person" ref="#per__113627">Kieslich</rs> eine Kompetenzabgrenzung vorgenommen, die wir akzep<lb break="no"/>tieren können. Allerdings mit einer wichtigen Ergänzung: <rs type="person" ref="#per__113627">Kieslich</rs><lb/>
soll nur die Dienstpostenbeschreibung erhalten und wir möchten<lb/>
<pb n="22-1169" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1169.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nun als kleine Ergänzung noch die Dienstpostennachbestellung.<lb/>
Damit wären die Aufnahmen auch für <rs type="person" ref="#per__113627">Kieslich</rs> reserviert. Eine<lb/>
Massnahme, die wir dringendst brauchen. In diesem Fall würde dann<lb/>
auch <rs type="person" ref="#per__140908">Wimmer</rs> von der <rs type="person" ref="#per__114994">Böhm</rs>-Abteilung <rs type="person" ref="#per__113627">Kieslich</rs> zugeteilt. Ein Angriff,<lb/>
dass es sich um eine rein politische Massnahme handelt, könnte dann<lb/>
so begegnet werden, dass eigentlich sowohl der Abteilungsleiter als<lb/>
selbstverständlich auch der Präsidialist, ja sogar der ihm zugeteilte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__140908">Wimmer</rs> eben nicht Sozialisten sind, dass es sich hier nicht um<lb/>
eine politische Frage handelt. Was wir aber wirklich brauchen<lb/>
ist, ist dass – wie Fachleute, die das Haus jetzt von innen kennen,<lb/>
wie <rs type="person" ref="#per__97377">Bukowski</rs>, <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs>, <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> und <rs type="person" ref="#per__98040">Wais</rs> aber ganz besonders auch<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> – hier eine Detailinformation über die Aufnahmeansuchen<lb/>
usw. erhalten müssen. Alle sind sich darüber klar, dass wir<lb/>
wegen diesem Fall einen Streit bekommen und wahrscheinlich sogar im<lb/>
Parlament hart attackiert werden könnten.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_08">In der ÖGB-Fraktion wurde vom Vorsitzenden <rs type="person" ref="#per__98066">Weisz</rs>, da Kreisky<lb/>
und <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> noch nicht anwesend waren, <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> aufgefordert.<lb/>
über die AK-Wahlen zu berichten. <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> hat das Wahlergebnis<lb/>
furchtbar hergenommen. Montag abends erzählten mir Genossen, die<lb/>
dabei waren, dass sie ihn förmlich aufrichten mussten, weil er<lb/>
scheinbar nicht angenommen hat, dass wir doch einen 5,3 %-igen<lb/>
Verlust der Stimmen erleiden werden. Über das Ergebnis entspann<lb/>
sich dann auch eine verhältnismässig sehr kritische und nervöse<lb/>
Diskussion. Zum Glück endete sie dann, wie alle Diskussionen nach<lb/>
Wahlniederlagen, man sagt, man wird das Ergebnis genau analysieren,<lb/>
momentan kann man das ja noch nicht, weil die Endergebnisse im<lb/>
Detail noch nicht vorliegen, man wird sich also dann die ent<lb break="no"/>sprechenden Gesamtergebnisse bis in die Sprengel oder Betriebe<lb/>
ansehen und man wird insbesondere dann notwendigen Konsequenzen<lb/>
aus der Wahlvorbereitung, der Wahlwerbung usw. ziehen. <rs type="person" ref="#per__111741">Sekanina</rs><lb/>
hat sicher recht, dass die AK-Wahl andere organisatorische<lb/>
Voraussetzungen bedingt und auch eine andere Wahlwerbung bedingt<lb/>
als dies bei allen anderen – ob Landtags-, Gemeinderats- oder<lb/>
Bundeswahlen – der Fall ist. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> wies darauf hin, dass wir im<lb/>
Westen deshalb so schlecht abgeschnitten haben, weil dort überall<lb/>
auch unsere Genossen in den Gewerkschaften glauben, man sollte<lb/>
volksparteilicher sein als die Volkspartei. Er ärgert sich schein<lb break="no"/>bar darüber, dass insbesondere die dortigen parteipolitischen<lb/>
<pb n="22-1170" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1170.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Funktionäre gegen das Strafrecht und insbesondere § 144 und<lb/>
ORF-Reform auftreten. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wieder führte die Verluste auf ein<lb/>
Mentalitätsproblem zurück. Er kann feststellen, dass die abwan<lb break="no"/>dernden Bauernsöhne vom ÖAAB sofort weiterbetreut werden und dass<lb/>
deshalb hier dadurch die Einbruch in die Arbeiterschaft der<lb/>
ÖVP gelingt. In Wirklichkeit glaube ich, und dies kam in der<lb/>
Diskussion auch teilweise zur Sprache, liegt es primär an mangelnden<lb/>
organisatorischen Voraussetzungen, die wir im Laufe der Jahre nicht<lb/>
geschaffen haben. Die Betreuung der Arbeiterschaft durch Gewerkschaft<lb/>
oder AK müsste das ganze Jahr hindurch viel enger mit den Funktio<lb break="no"/>nären in den Betrieben erfolgen. Der einzige, der noch Direktkontakt<lb/>
mit den Leuten hat, ist der Betriebsrat oder soll der Betriebs<lb break="no"/>rat sein. Der Gewerkschaftssekretär müsste in Wirklichkeit ständig<lb/>
diesen Kontakt aufrechterhalten, kommt aber vielleicht nicht dazu,<lb/>
zumindestens wird dies behauptet. In Wirklichkeit aber, glaube ich,<lb/>
und da hat <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> recht, ist unser Apparat erstarrt, gute Leute als<lb/>
Funktionäre in den Betrieben werden, wenn sie angestellt sind, dann<lb/>
sofort schreibtischfaul, versuchen alles mit dem Telefon zu lösen,<lb/>
und meiden verständlicherweise, für mich zumindestens, die Konfron<lb break="no"/>tation. Die wichtigste Erkenntnis, dich ich aber aus den Wahlen<lb/>
zu Arbeiterkammer gewonnen habe, ist dass es unmöglich ist, gegen<lb/>
eine Person wie <rs type="person" ref="#per__97583">Bertram Jäger</rs>, der ein geschickter Politiker ist<lb/>
und sich in Vorarlberg aktiv um alles kümmert, mit einem umstrittenen<lb/>
Gegenkandidaten <rs type="person" ref="#per__140909">Grassner</rs> zu besiegen. Der ehemalige Präsident der<lb/>
Arbeiterkammer Vorarlberg <rs type="person" ref="#per__140909">Grassner</rs> war innerhalb seiner eigenen<lb/>
Gruppe – Textilarbeiter – nach der letzten Niederlage umstritten.<lb/>
Gekommen ist die Entwicklung dort überhaupt, dass man den seiner<lb break="no"/>zeitigen Präsidenten der Arbeiterkammer <rs type="person" ref="#per__140910">Graf</rs>, ein Eisenbahner,<lb/>
mehr oder minder auch wegen seiner ungeschickten Art geglaubt hat,<lb/>
man muss ihn durch <rs type="person" ref="#per__140909">Grassner</rs> ersetzen. In Tirol wieder ist der Streit<lb/>
zwischen Kammeramtsdirektor und Präsidenten mit der Entfernung des<lb/>
Kammeramtsdirektors beendet worden, der Präsident selbst aber hat<lb/>
sich innerhalb seiner Funktionäre nicht durchsetzen können. Dort,<lb/>
wo sich der Kammerpräsident viel um die Belange der einzelnen Be<lb break="no"/>triebe kümmert und wahrscheinlich auch oft in Erscheinung tritt,<lb/>
wie im Burgenland und Salzburg, haben wir verhältnismässig gut<lb/>
abgeschnitten. Leider ist noch immer die Mentalität, dass für<lb/>
den Posten eine Kammerpräsidenten verdiente Gewerkschaftsfunk<lb break="no"/>tionäre meistens dann sogar als Auslauf ihrer politischen Karriere<lb/>
gut genug ist. Ich habe mich seit eh und je gegen diese Auffassung<lb/>
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so wichtigen Ämter gefunden werden, deren Ziel es sein muss, eben<lb/>
die Bedeutung der Arbeiterkammer natürlich unter Wahrung der Prio<lb break="no"/>rität des Gewerkschaftsgedankens und damit auch des ÖGB in Erscheinung<lb/>
tritt.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_09">Da ich als zweiten Punkt über die wirtschaftliche Situation kurz be<lb break="no"/>richten sollte, erwähnte ich nur unser Zuckerproblem und ganz besonders<lb/>
natürlich die zu erwartenden Preissteigerungen bei Gas. Der Wunsch<lb/>
der Ölindustrie, gegebenenfalls am Ölsektor etwas zu machen, habe ich<lb/>
dort erklärt, wird grosse Schwierigkeiten bringen. Auf alle Fälle werde<lb/>
ich die Heizöl-extraleicht-Preise versuchen unverändert zu halten.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> meinte in seinem Diskussionsbeitrag, dass wir erwartet hätten,<lb/>
dass 1975 die Lebenshaltungskosten unter 9 % sinken, während die<lb/>
Prognose des Wirtschaftsforschungsinstituts, die ich dort auch ver<lb break="no"/>trat, mit 9,5 % nach <rs type="person" ref="#per__97346">Benyas</rs> Meinung zu hoch ist und deshalb unterschrit<lb break="no"/>ten werden sollte. Voraussetzung dafür ist, dass man in der Lohn<lb break="no"/>politik sehr verantwortungsbewusst vorgeht. Wahrscheinlich gibt<lb/>
es einzelne Gruppen, aber auch innerhalb der Metallarbeiter eine Bewe<lb break="no"/>gung, die meint, man sollte wesentlich höhere nominelle Lohnforderungen<lb/>
stellen. Die zu erwartende Gaspreiserhöhung, meint <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs>, könnte und<lb/>
müsste von uns verkraftet werden.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_10"><rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> berichtete mir, dass es bei der VÖEST einen konkreten Ab<lb break="no"/>schluss über die Melaminanlage gegeben hat, weil diese Kösch be<lb break="no"/>zahlen wird. Die anderen Projekte hängen noch immer an der Finanzierung.<lb/>
Zwischen der VÖEST-Direktion und der Chemie-Linz hat es den Vorständen<lb/>
ganz harte Auseinandersetzung vor den Polen gegeben. Angeblich, so<lb/>
behauptet <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs>, verkehren die Vorstände nur mehr über ihn.<lb/>
Chemie-Linz, <rs type="person" ref="#per__112054">Buchner</rs>, soll mit den Krupp-Werken einen Vertrag haben,<lb/>
um eine Anlage bei den Polen zu errichten, was er sowohl der Verstaat<lb break="no"/>lichten Industrie, Sektion <rs type="person" ref="#per__97468">Gatscha</rs>, als auch <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs>, ja selbst<lb/>
der ÖIAG verschwiegen haben soll. Die Polen haben dann offiziell<lb/>
aber auch mir gegenüber erklärt, dass sie einen solchen Exklusiv<lb break="no"/>vertrag mit Krupp, Deutschland, nicht haben und daher sehr wohl die<lb/>
VÖEST selbst auch ins Geschäft kommen könnte. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> war über diese<lb/>
Mitteilung von <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs>, der zuerst erklärt hat, er will ihm dies<lb/>
gar nicht sagen, aber dann doch berichtete, sehr empört. Ich habe<lb/>
nur erklärt, dass ich wegen der Düngepreisfrage <rs type="person" ref="#per__112054">Buchner</rs> treffen und<lb/>
dieses Problem mit ihm besprechen werde. Innerhalb der Verstaat<lb break="no"/><pb n="22-1172" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band22/22_1974-10-01_1172.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>lichten Industrie dürfte es also ganz grosse Spannungen geben, die<lb/>
eigentlich von den Zuständigen nicht gemildert werden können,<lb/>
sondern scheinbar noch immer stärker eskalieren. Hier kommt mir<lb/>
die Gesamtkonzeption und Politik des Handelsministeriums sehr zu<lb break="no"/>statten. Da wir in Wirklichkeit kaum Entscheidungsmöglichkeiten ha<lb break="no"/>ben, brauche ich mich auch nicht in diese Streitfragen einzumischen,<lb/>
ja ich werde ja nicht einmal gefragt oder informiert. Da anderer<lb break="no"/>seits alle Betriebe, ob verstaatlicht oder privat, von mir<lb/>
aber meistens irgendwelche Unterstützung brauchen, die allerdings<lb/>
dann nicht dazu führen, dass man woanders aneckt, so komme ich<lb/>
in die glückliche Situation, nicht entscheiden zu müssen, gar nicht<lb/>
gefragt zu werden, andererseits aber allen Betrieben jedwede Unter<lb break="no"/>stützung zu geben, die sie von mir wünschen, wie z.B. Einladung<lb/>
von Ministern, Unterbreitung von Wünschen bei Handelsvertrags<lb break="no"/>besprechungen usw. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass wir mit<lb/>
unserem Apparat wirklich wirtschaftspolitische Entscheidungen treffen<lb/>
müssten, dann denke ich mit Entsetzen an eine solche Situation.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> hat mit Recht gesagt und dies richtig charakterisiert, dass<lb/>
das Handelsministerium seit Jahrzehnten nichts anderes gemacht<lb/>
hat als <choice><choice><sic>exzepert.</sic><corr>[Wort existiert weder in der ursprünglichen noch in der korrigierten Form]</corr></choice></choice> Bei irgendwelchen Problemen, die aufgetaucht<lb/>
sind, hat es interministerielle Besprechungen einberufen, dann<lb/>
von der Handelskammer eine entsprechende schriftliche Stellung<lb break="no"/>nahme verlangt, darauf rot eingehakt, was ihr wichtiger schien<lb/>
und einen Ministerratsvortrag oder einen sonstigen Akt angelegt.<lb/>
Jetzt von den Beamten analytische Arbeit zu verlangen, eine Aktivi<lb break="no"/>tät zu entfalten, um sich entsprechende Informationen zu verschaf<lb break="no"/>fen, selbst mehrere Alternativ-Entscheidungen vorzubereiten, das<lb/>
kann und will dieser Apparat niemals machen. Dies ist glaube ich<lb/>
auch wirklich unser Dilemma für die nächsten Jahre, so wie in den<lb/>
vergangenen Jahren.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band22_1974-10-01_11"/></div>
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            <head>Nachtrag TO 134. Ministerratssitzung, 1.10.1974</head>
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