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            <title type="main">Dienstag, der  4. Juni 1974</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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         <div type="entry" xml:space="preserve"><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_01">Dienstag, 4. Juni 1974</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_02">In der Ministerratsvorbesprechung wurde eine halbe Stunde versucht,<lb/>
einen Termin festzulegen, wo ein Grossteil der Minister in der<lb/>
nächsten Zeit wenigstens zwei Stunden Zeit hätte, um wie <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
meinte, die politische Lage zu besprechen. Nach einer halben Stunde<lb/>
kapitulierte er. Es ist eben unmöglich kurzfristig einen Termin<lb/>
zu finden, wo alle Minister können, jeder von ihnen hatte eben<lb/>
schon Termine und grösstenteils auch Reisen in die Bundesländer<lb/>
oder sogar ins Ausland geplant, die nicht mehr geändert werden konnten.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> ist scheinbar jetzt sehr verunsichert, denn er hat Briefe vor<lb break="no"/>gelesen, wo Genossen sich darüber beschwerten, dass die Minister<lb break="no"/>gehälter jetzt wieder erhöht werden, dass Pensionen zurückbleiben<lb/>
und dass die Teuerung verursachen wird, dass wir die nächsten<lb/>
Wahlen 1975 garantiert verlieren. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> meinte auch, er hätte<lb/>
zu einigen Dingen in der Vergangenheit geschwiegen, wahrscheinlich<lb/>
meint er dazu auch die 16.000 S Geburtenbeihilfe, die furchtbar<lb/>
schlecht ankommt, wie er sagt und er sorgt sich jetzt auch um die<lb/>
Wahlen. Betreffend die Repräsentation, Dienstreisen und auch Dienst<lb break="no"/>auto müsste neuerdings geredet werden, bei Dienstautos hat er einen<lb/>
neuen Gag, die Landeshauptleute haben ein Auto vom Bund bezahlt,<lb/>
das zweite haben sie vom Land und er meinte, er würde fragen, die<lb/>
Landeshauptleute, ob sie sich nicht auch der Methode der Regierung<lb/>
anschliessen, die nur ein Auto pro Minister hat und damit einen<lb/>
Dienstwagen ersparen. Am meisten erschüttert war es aber, als<lb/>
neuerdings über Dienstposten diskutiert wurde. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> meinte, dass<lb/>
im Budget für das nächste Jahr 6.850 neue Dienstposten unterbringen<lb/>
müsste. Die Post braucht 1.602, das LWM – Übernahme des Gutes Bühlau<lb/>
74, die Donauhochwasser ebenfalls eine Übernahme, die der National<lb break="no"/>rat schon empfohlen hat 70, die Gendarmerie und Polizei 700<lb/>
und der Rest wieder einmal auf Unterricht und Hochschulen ins<lb break="no"/>besondere im Hinblick auf die 40-Stunden-Woche. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> meinte,<lb/>
die Hochschulen werden heute schon überdotiert, z.B. unsere eigenen<lb/>
Genossen <rs type="person" ref="#per__115683">Matzner</rs> erklärten, dass sie 4 Assistenten haben, die sie<lb/>
gar nicht brauchen, so viel hat nicht einmal <rs type="person" ref="#per__118663">Böhm-Bawerk</rs> gehabt.<lb/>
Zu seinem Glück war <rs type="person" ref="#per__97442">Firnberg</rs> nicht anwesend, denn die ist auf<lb/>
einen solchen Vorwurf sehr allergisch, obwohl er sicherlich seine<lb/>
Berechtigung hat. Wir haben in der Hochschulpolitik denselben<lb/>
Fehler gemacht wie in der Vergangenheit bei den Beamten der Ver<lb break="no"/>waltung. Natürlich sind gute Gründe vorhanden mehr und mehr anzustel<lb break="no"/>len, es fragt sich halt nur, ob man es sich leisten kann.</p><pb n="21-0682" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0682.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_03">Am meisten erschüttert war er aber, als er von <rs type="person" ref="#per__108223">Lausecker</rs> erfuhr,<lb/>
dass die Ministerien 20.000 neue Dienstposten angefordert haben.<lb/>
Er möchte, dass man jetzt <rs type="person" ref="#per__134290">Gasperschitz</rs> und den ÖAAB fragt, was<lb/>
sie sich konkret unter Verwaltungsreform vorstellen und wo eigent<lb break="no"/>lich Einsparungen an Dienstposten erfolgen sollten und könnten.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_04">Betreffend die Preissituation fragte er <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs</rs>, was mit den zusätz<lb break="no"/>lichen Rindfleischaktion wäre und dieser erklärte, dass die erste<lb/>
bis 31. Mai gelaufen ist, jetzt die Abrechnung erfolgt und er<lb/>
schon feststellen kann, dass rund 3/4 der 1.500 Tonnen zur Ausgabe<lb/>
gelangten. Die Konsumgenossenschaft Wien hat 100 % ihr Kontingent<lb/>
erfüllt, während Graz nur 75 % verkaufte. <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs</rs> erklärte, er könnte<lb/>
ruhig eine neue Aktion dann starten. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wieder meinte, er solle<lb/>
in kleinen Annoncen in den Zeitungen auf den Erfolg hinweisen.<lb/>
Auch mich fragte er, wie die Verbilligungsaktionen laufen und<lb/>
auch mir wollte er einreden, ich sollte eine kleine Annonce in die<lb/>
Zeitungen geben, da könnte sich niemand darüber aufregen, scheinbar<lb/>
verspricht er sich von seiner Optik irgendetwas besonderes. Ich ver<lb break="no"/>wies darauf, dass ich sowieso eine Pressekampagne dauernd führe und<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> meinte noch, hier könnte der Verein für Konsumenteninfor<lb break="no"/>mation, der jetzt Millionen Schilling von uns bekommt, einspringen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_05">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97646">KOPPE</rs>: Bitte überleg Dir, wie wir eine Pressekampagne<lb/>
jetzt starten, ohne dass Du dafür etwas oder viel<lb/>
bezahlen musst.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_06"><rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> erörterte dann noch ganz kurz das Budgetkonzept, welches<lb/>
ein Defizit von 15 Mia für das Jahr 1975 ergibt. Darüber war <rs type="person" ref="#per__97668">Kreis<lb break="no"/>ky</rs> ebenfalls so schockiert, dass er sofort ersuchte, man soll den<lb/>
mündlichen bereits ausgeteilten Bericht wieder einsammeln, damit<lb/>
diese Ziffern nicht vor dem 23. bekannt werden. Die Grundsätze<lb/>
wurden akzeptiert, wonach in den Ermessensausgaben für Anlagen<lb/>
und Aufwendungen nur um 5 % mehr angesetzt werden können als im Bundes<lb break="no"/>voranschlag 1974. Schwerpunkte sollen nach Meinung <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> die Seen<lb break="no"/>reinhaltung, die Aufforstung, das Telefon und das Nahverkehr wie<lb/>
die schon vereinbarte Ausrüstung des Bundesheeres sein. Auch der<lb/>
Fremdenverkehr sollte eine solche Schwerpunktmassnahme bilden.<lb/>
Ich gebe mich allerdings keiner Illusion hin, dass im Zuge der<lb/>
konkreten Budgetverhandlungen dann entsprechende Abstriche selbst<lb/>
von diesem Schwerpunktprogramm gemacht werden müssen. Da sie schon<lb/>
<pb n="21-0683" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0683.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>vereinbarte Sozialpolitik 2,8 Mia S mehr kosten wird und sonstige<lb/>
Verpflichtungen noch gibt, insgesamt sollen die Mehrausgaben 11 Mia<lb/>
betragen. Da die zweckgebundenen Ausgaben 1,5 Mia mehr betragen<lb/>
werden und vor allem die Personalausgaben 9,1 Mia ergibt sich schon<lb/>
eine gesetzliche Verpflichtung von 21,6 Mia, die durch keinesfalls<lb/>
grössere Mehreinnahmen gedeckt sind. Das einzige was <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> dann<lb/>
zusagt war, wenn man mit den 5 % nicht in einer Position durch<lb break="no"/>kommt, man eine andere Position, wo man diese 5 % eben nicht<lb/>
braucht, dann heranziehen kann. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> verwies z.B. auf die Heiz<lb break="no"/>kosten. Jetzt stellt sich eben heraus, dass eine Reformpolitik,<lb/>
wie <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sie wünschte, eines kostet, nämlich Geld. Alle Zu<lb break="no"/>sagen zu grösseren Projekten, die dann auch beschlossen wurden,<lb/>
sei es die Hochschulreform, sei es die grossen Bauvorhaben, seien<lb/>
es die verschiedenen Aktionen zur Förderung nicht nur der Wirtschaft<lb/>
sondern auch der verschiedensten Gruppen, bedeuten Belastungen,<lb/>
die sich erst im zweiten oder dritten Jahr nach dem Beschluss<lb/>
dann voll auswirken. Soweit es sich um Personalvermehrungen<lb/>
handelt, dann allerdings auf ewige Zeit. Wenn wir hier nicht Inflation<lb/>
hätten, meine Politik war immer leicht zu inflationieren, wäre<lb/>
es überhaupt unmöglich, diese Entwicklung zu finanzieren. Leider<lb/>
sind wir jetzt mit dem dynamisieren immer stärker auch bei der<lb/>
Ausgabenwirtschaft von der Indexziffern abhängig geworden, wo<lb/>
dann bei den Pensionisten von den Einzahlungen der Aktiven sodass<lb/>
wir finanzpolitisch kaum mehr eine Bewegungsmöglichkeit haben.<lb/>
Damit zieht sich in meinen Augen der Strick um unseren Hals zusammen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> ist in keiner beneidenswerten Situation und ich bin glücklich,<lb/>
dass ich mich seit eh und je dagegen gewehrt habe, Finanzminister<lb/>
zu werden.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_07">Im Ministerrat machte der Verfassungsdienst die Bemerkung, dass<lb/>
wir zu den Wirtschaftsverhandlungen zum Abschluss eines Wirt<lb break="no"/>schaftsabkommens mit Algerien nicht für den Abschluss ermächtigt<lb/>
werden können, sondern ich nur für die Verhandlungsführung ermächtigt<lb/>
werden kann, erst in einem zweiten Punkt dann könnte ich zum Abschluss<lb/>
der Verhandlungen ermächtigt werden. Wenn dies zutrifft, müssten wir<lb/>
einen neuen Ministerratsantrag nach einiger Zeit neuerdings stellen.<lb/>
Der Tagesordnungspunkt war allerdings schon längst erledigt, als<lb/>
Sekt.Chef <rs type="person" ref="#per__97601">Jiresch</rs> eine solche Bemerkung <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> gegenüber machte<lb/>
und der dann irgendetwas dahermurmelte.</p><pb n="21-0684" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0684.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_08">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97377">BUKOWSKI</rs>: Bitte kläre sofort die Rechtslage und<lb/>
kümmere dich um die endgültige Formulie<lb break="no"/>rung im Beschlussprotokoll.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_09">Auf Wunsch <rs type="person" ref="#per__97668">Kreiskys</rs> berichtete ich auch dem Ministerrat ganz<lb/>
kurz über unsere Preissenkungsaktionen. Auch hier wieder der<lb/>
Wunsch bezüglich der Annoncen. Ich kann mir nicht vorstellen,<lb/>
was ihn veranlasst zu glauben, dass wenn wir eine Annonce in<lb/>
der Zeitung aufgeben, dies einen riesigen Effekt in der Bevölkerung<lb/>
auslöst. Die wirkliche und einzige Chance, die wir haben, dass<lb/>
dies besser ankommt, ist, wenn die Zeitungen in ihren Berichten wo<lb break="no"/>möglich auf den Headlines auf die Preissenkungen eingehen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_10">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97646">KOPPE</rs> UND <rs type="person" ref="#per__97377">BUKOWSKI</rs>: Nur zu meiner Information, er<lb break="no"/>kundigt euch, was eine solche Annoncenkampagne kosten<lb/>
würde.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_11">Vor der Aussprache mit den Landeshauptleuten über die Stabilisierungs<lb break="no"/>massnahmen habe ich <rs type="person" ref="#per__98048">Wallnöfer</rs> gefragt, wie er zu der Absicht der<lb/>
ÖFVW steht, nun auch auf Vorschlag der Handelskammer die Inlands<lb break="no"/>werbung zu fördern. Ich habe ihm sofort versucht einzureden,<lb/>
dass er doch immer gegen die Ausdehnung der Kompetenzen sich ausge<lb break="no"/>sprochen hat, nach dem Motto: zuerst gebt ihr uns ein Geld und nachher<lb/>
nehmt ihr uns die Kompetenz. Interessant war, dass <rs type="person" ref="#per__98048">Wallnöfer</rs> gar<lb/>
nicht dem so abgeneigt gewesen ist, in der Hoffnung, dass<lb/>
der Bund hier wieder entsprechende Millionenbetrage bereitstellt.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_12">Mit LH <rs type="person" ref="#per__98068">Wenzl</rs> hatte ich ganz kurz nur ein Gespräch über die Enns<lb break="no"/>kraftwerke und die Überführung in die Donaukraftwerke, wobei ich<lb/>
ihn bat im Prinzip nach der Traun-Stadterhebung über dieses Problem<lb/>
mit mir die Details zu besprechen. Ich verwies darauf, dass <rs type="person" ref="#per__98068">Wenzl</rs><lb/>
ja im Prinzipiellen schon einmal nicht nur ein solches Gespräch mit<lb/>
mir geführt hat, sondern auch zustimmt, dass wir weiter darüber ver<lb break="no"/>handeln und sicherlich nicht nach politischen Gesichtspunkten, denn<lb/>
diese können sich ja ändern, sondern nach sachlichen eine zweckmäs<lb break="no"/>sige Gestaltung des Ausbaues unserer Energiewirtschaft und<lb/>
die Änderung der Organisation erreichen müssten. <rs type="person" ref="#per__98068">Wenzl</rs> hat zuminde<lb break="no"/>stens dem nicht widersprochen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_13">Bei der Landeshauptleute-Besprechung, an der auch die Finanzreferenten<lb/>
der Länder und der Gemeinde- und Städtebund teilnahmen, stellte sich<lb/>
sehr bald heraus, dass zwar alle im Prinzip erklärten, es müsste<lb/>
<pb n="21-0685" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0685.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>etwas für die Stabilisierung geschehen, sie in Wirklichkeit aber<lb/>
nicht bereit waren, wirklich zu kooperieren. Schon allein aus poli<lb break="no"/>tischen Gründen, um den Wahlen, die bevorstehen, haben sich die<lb/>
ÖVP-Landeshauptleute, soweit sie überhaupt das Wort ergriffen,<lb/>
entweder wie <rs type="person" ref="#per__112031">Maurer</rs> sofort mit der UNO- und Donauinsel beschäftigt,<lb/>
oder wie <rs type="person" ref="#per__112001">Ratzenböck</rs> die Gebührengesetznovelle und die Telefon<lb break="no"/>erhöhung angegriffen und gemeint, das gehört alles verschoben<lb/>
oder <rs type="person" ref="#per__137200">Lechner</rs> meinte, es sollte so wie <rs type="person" ref="#per__149232">Tautscher</rs> eine Steuerberech<lb break="no"/>nung erfolgen, wobei die Inflationswirkung zuerst ausgeschaltet<lb/>
wird und nur von der effektiven Realeinkommenserhöhung Steuer<lb/>
bezahlt werden, oder so wie <rs type="person" ref="#per__113822">Haslauer</rs> behauptet, der Bund erwartet<lb/>
20 % Mehreinnahmen, das wäre 30 Mia S wie <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> sofort als<lb/>
vollkommen lächerlich hinstellte, oder selbst wie <rs type="person" ref="#per__98048">Wallnöfer</rs> fragte,<lb/>
welche Zinsen sie für eventuelle Stillegung von Ermessenskrediten<lb/>
bekommen würden. Es war also in Wirklichkeit nichts anderes als genau<lb/>
dasselbe, was ich bei den Preisregelungsgesetzverhandlungen erlebt<lb/>
habe, die sozialistischen Landeshauptleute sind bereit zu kooperie<lb break="no"/>ren, die ÖVP-ler lehnen unter den verschiedensten Begründungen<lb/>
aber auch alle Fälle ab. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> kündigte an, dass die derzeitigen<lb/>
Ertragsanteile, die bei den Ländern mit 7 % und bei den Gemeinden<lb/>
mit 5 % gebunden sind, ab Herbst auf 10 % für die Länder und 7 %<lb/>
für die Gemeinden bis März 1975 gebunden erhöht werden sollen.<lb/>
Interessant war, dass Wien die Erklärung bezüglich der Tarifzu<lb break="no"/>rückstellung, II. Klasse Spitalsbetten erörterte und die Landeshaupt<lb break="no"/>leute in dem Fall ausser <rs type="person" ref="#per__137200">Lechner</rs> nicht von einer Manipulation des<lb/>
Indexes sprachen sondern ganz im Gegenteil fanden, dass diese<lb/>
Massnahme richtig ist. Nur <rs type="person">Lechner</rs> sagte das sei ein pausbäckiges<lb/>
Argument, denn der Wiener Spitalindex stehe ja für alle anderen<lb/>
Spitalerhöhungen auch in den Bundesländern und hier seien ja doch<lb/>
die Erhöhung vorgenommen werden. Das Argument, dass aber gleich<lb break="no"/>zeitig auch die Zuschläge wesentlich reduziert wurden, konnte er<lb/>
natürlich nicht entkräften. Die meisten LH waren aber glaube ich<lb/>
sehr einverstanden mit dieser Verschiebung, weil sie sich dadurch<lb/>
doch etliche Millionen Schilling an Gehältern ersparen. Wien hat<lb/>
vorgeschlagen, sie möchten auf Reziprozität in Hinkunft darauf<lb/>
verzichten, dass Anbieter von ortsansässigen Unternehmungen 5 %<lb/>
mehr verlangen dürfen als Fremde. In manchen Bundesländern ist sogar<lb/>
ein 8% höherer Preis noch immer zuschlagsfähig. Der Gemeindebund<lb break="no"/>vertreter Präs. <rs type="person" ref="#per__114996">Reiter</rs> wendete sich sofort gegen eine solchen Vor<lb break="no"/><lb/>
schlag und meinte, die Gemeinden müssten ihre ortsansässigen Firmen<lb/>
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gehört, dass <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs> verboten hat, dass in Hinkunft öffentliche<lb/>
Ausschreibungen bei Bauten Platz greifen sollten und nur mehr<lb/>
Festpreise festgelegt werden. <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs> erklärte sofort, dass dies<lb/>
nicht zutrifft, sondern es gäbe kein Verbot gegen generelle öffent<lb break="no"/>liche Ausschreibungen. <rs type="person" ref="#per__110923">Lanc</rs> wieder begründete die Telefonerhöhung<lb/>
und meinte, eine Zwischenfinanzierung mit 1,1 Mia sei unmöglich.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97932">Schweda</rs> verwies dann noch auf die Notwendigkeit der Elektrizitäts<lb break="no"/>wirtschaftsfinanzierung, die ganz besonders die Städte trifft.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> schlug dann vor, man wird den Landeshauptleuten noch unsere<lb/>
Stabilitätspolitik noch schriftlich mitteilen, <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> ersuchte<lb/>
mich, ich sollte ihm den Teil über die Preispolitik, damit er<lb/>
dies in das Regierungspapier aufnehmen könnte, übersenden.<lb/>
Bei dieser Gelegenheit werden wir auch die zusammenfassenden Wünsche<lb/>
betreffend der Gesetzesnovellen wiederholen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_14">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs> UND <rs type="person" ref="#per__98040">WAIS</rs>: Bitte eine solche Formulierung auch<lb/>
rechtlich einwandfrei, daher mit <rs type="person" ref="#per__112956">Schwarz</rs> be<lb break="no"/>sprechend vorbereiten.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_15">Bei der Vorsprache der Vertreter der Elektroindustrie Dr. <rs type="person" ref="#per__97396">Dolinay</rs><lb/>
und Dr. <rs type="person" ref="#per__146052">Adler</rs> von Philips wurde von mir verlangt, ich sollte mehr<lb/>
für die Produktsdeklaration Werbekampagne tun. Insbesondere er<lb break="no"/>warten sie, dass auch der Verein für Konsumenteninformation<lb/>
die Gewerkschaft aber auch die Arbeiterkammer die Aktionen unter<lb break="no"/>stützen. Ursprünglich meinte <rs type="person" ref="#per__97396">Dolinay</rs> seien 2 Mill. S vorgesehen<lb/>
gewesen, infolge der Kreditrestriktionen und Budgeteinsparungen<lb/>
sei man auf 1 Mill. jetzt gelandet. Interessant war, dass Dr. <rs type="person" ref="#per__146052">Adler</rs><lb/>
bei einer Besprechung war, wo die internationale Organisation der<lb/>
Haushaltsgeräteerzeuger sich bereiterklärt haben, es sollte<lb/>
eine Arbeitsgruppe gebildet werden, und die Produktdeklaration zu<lb/>
studieren und vielleicht sogar international, d.h. in europäischen<lb/>
Staaten zumindestens einzuführen. Hier sah ich einen guten Aufhänger<lb/>
um das Fernsehen einzuschalten. Ich habe mit <rs type="person" ref="#per__116209">Zilk</rs> sofort telefoniert<lb/>
und er hat mit <rs type="person" ref="#per__97396">Dolinai</rs> sich einen Zeitplan vereinbart. Wenn wir<lb/>
wirklich hier ein bisschen internationalen Gesumse machen, könnte<lb/>
man vielleicht auch die österreichischen Zeitungen und das Fernsehen<lb/>
neuerdings für diese Aktion gewinnen.</p><pb n="21-0687" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0687.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_16">Die Gemischte Kommission des chinesisch-österreichischen Handels<lb break="no"/>vertrages tagt in Wien und der Leiter der Kommission mit seinen<lb/>
drei Mitgliedern hat mir sowie der Botschafter selbst und sein Handels<lb break="no"/>rat einen Besuch abgestattet. Der ganze Handelsverkehr ist derartig<lb/>
gering und nimmt sogar im ersten Quartal 1974 was unsere Exporte<lb/>
betrifft sogar noch ab, dass dies hier wirklich nur auf zukünftige<lb/>
grössere Abschlüsse der Aufwand gerechtfertigt ist. Da die Düngemittel<lb break="no"/>preise in letzter Zeit irrsinnig gestiegen sind, da wir Stahl gar<lb/>
nicht mehr in so grossen Mengen liefern können, als die Chinesen viel<lb break="no"/>leicht kaufen wollten und vor allem einmal auch dort die Preise<lb/>
sehr hoch sind, ergibt sich, dass wir wahrscheinlich ehe nur eine<lb/>
geringere Exportmöglichkeit nach China haben als im vergangenen Jahr.<lb/>
Interessant ist, dass bei uns der Export um 5 % im vergangenen Jahr<lb/>
zugenommen hat, der Import um 25 % währenddem die Chinesen eine<lb/>
Statistik haben, die eine 84 %-ige Steigerung des Aussenhandelsvolumen<lb/>
ausweist. Es erscheint wirklich dringend notwendig, dass wir gegenüber<lb/>
dem Osten einmal versuchen, die Transitgeschäfte extra auszuweisen<lb/>
und dadurch eine wirklich vergleichbare Basis zu kommen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_17">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Da der Osten sich kaum umstellt, wäre es viel<lb break="no"/>leicht notwendig ergänzende Informationen aus<lb/>
unserer Statistik zu bekommen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_18">Bei dem Empfang für den Petroleum- und Chemieminister aus Indien<lb/>
<rs type="person" ref="#per__140866">Barooah</rs> erfuhr ich erstmals, dass es gar nicht darum ging, dass<lb/>
wir eine Raffinerie mit ihnen gemeinsam bauen sollen, sondern dass<lb/>
die Inder grosses Interesse daran haben, an einer Melaminanlage.<lb/>
Zum Glück habe ich dort einen VÖEST-Vertreter gefunden, der<lb/>
mich über die Verhandlungen informierte. Auch dort war dies aber<lb/>
sehr improvisiert, denn ursprünglich glaubten sie nur, dass der<lb/>
Minister das Werk besichtigen wolle und auf Grund der Besichtigung<lb/>
kamen sie dann drauf, dass er eigentlich sehr konkrete Verhandlungen<lb/>
führen möchte. Das beruhigt mich dann immer einigermassen, wenn ich<lb/>
bemerke, dass auch woanders improvisiert wird und improvisiert<lb/>
werden muss.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_19">In der Bezirksausschussitzung warteten sichtbar alle gespannt schon<lb/>
auf einen Bericht, den ich ja jede Woche gebe. Ich habe diesmal<lb/>
sofort das heisseste Eisen angepackt, nämlich die ÖVP-Zugehörigkeit<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschlägers</rs>. Ich erklärte, dass ist auch meine Überzeugung, dass<lb/>
<pb n="21-0688" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-06-04_0688.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>hauptsächlich unser Kader, d.h. unsere alten Funktionäre über diese<lb/>
Entwicklung geschockt waren. Ich selbst habe freimütig gestanden, dass<lb/>
ich als zufälligerweise bei einer Bezirkskonferenz in Hietzing knapp<lb/>
vorher aus dem Radio erfuhr, genauso betroffen war. Wenn aber die ÖVP<lb/>
mit dieser Information nicht unseren Kader hart trifft, dann glaube<lb/>
ich wird selbst dieser dritte Schlag an der Gewinnchance <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschlägers</rs><lb/>
nicht viel ändern. Unsere Funktionäre werden nur sagen, kein Gewerkschafter,<lb/>
Vaterländisches Frontmitglied und nun auch zeitweise bei der ÖVP, das<lb/>
ist schon eine harte Belastung. <rs type="person" ref="#per__97309">Adelpoller</rs>, der so verdiente Funktionär<lb/>
des 3. Bezirkes hat mir dann unter vier Augen gesagt, es ist Zeit, dass<lb/>
ich sterbe, diese Zeit verstehe ich nicht mehr. Für ihn als den typi<lb break="no"/>schen Funktionär, den ich so hoch schätze gilt: In die Partei wird man<lb/>
geboren, in dieser Partei lebt man und in ihr stirbt man.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-06-04_20"/></div>
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            <head>Tagesprogramm, 4.6.1974</head>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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            <head>Tagesprogramm, 4.6.1974 (Duplikat mit abweichenden Paraphen/hs. Notizen)</head>
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            <head>Tagesordnung 120. Ministerratssitzung, 4.6.1974</head>
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            <head>Bericht Androsch an den MR betr. Budgetentwurf 1975, 4.6.1974</head>
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               <occupation>Büro Staribacher, Botschafter in Sofia/Straßburg</occupation>
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