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            <title type="main">Dienstag, der 14. Mai 1974</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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         <div type="entry" xml:space="preserve"><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_01">Dienstag, 14. Mai 1974.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_02">In der Ministerratsvorbesprechung wird die Parlamentdiskussion über<lb/>
die Erklärung <rs type="person" ref="#per__97668">Kreiskys</rs> und <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch's</rs> gesprochen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> erwartet, dass<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> auch in der Debatte am 22. hart angegriffen wird. Die Tages<lb break="no"/>ordnung und der Bericht von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> und <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> wird am Vortag, d.h.<lb/>
am 21. abgewickelt. Auf der Tagesordnung stehen 7 Vorlagen von <rs type="person" ref="#per__97632">Kirch<lb break="no"/>schläger</rs>. Es ist daher anzunehmen, dass bereits dort die ÖVP den Aussen<lb break="no"/>minister als Präsidentschaftskandiaten werden sie ihn nicht angreifen<lb/>
wollen, aber doch zumindestens dann als Erfüllungsgehilfe <rs type="person" ref="#per__97668">Kreiskys</rs> bei<lb/>
dieser Gelegenheit hart attackieren werden. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> berichtet auch von<lb/>
dem ungemein starken Widerhall, welchen die Abwahl <rs type="person" ref="#per__98091">Withalms</rs>, d.h. das<lb/>
zweimalige Ermorden der VP-Funktionäre auslöste. Die Kleine Zeitung am<lb/>
Sonntag hat einen richtiggehenden Knüller, <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs> : Ich hätte <rs type="person" ref="#per__114375">Lugger</rs><lb/>
auch selbst vorgeschlagen, von <rs type="person" ref="#per__136437">Vorhofer</rs> und <rs type="person" ref="#per__122298">Weissenberger</rs> gebracht.<lb/>
Dort wird auch noch <rs type="person" ref="#per__97633">Peter Klar</rs> der Chefredakteur von OÖ und NÖ Volksblatt<lb/>
der ÖVP zitiert. Natürlich wird man diese Walze bei uns in der Propaganda<lb/>
sicherlich lange spielen. Ob aber tatsächlich die Wähler, ja selbst die<lb/>
ÖVP-Funktionäre davon stark beeindruckt werden, bezweifle ich. Die<lb/>
grosse Masse wird sich sagen, <rs type="person" ref="#per__114375">Lugger</rs> ist ja doch ein viel konzilianterer<lb/>
Mann als <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs>, wenn sie überhaupt beide kennt und die Funktionäre<lb/>
der ÖVP werden über den Entscheid froh sein, weil sie damit grössere<lb/>
Chancen haben zu gewinnen als wenn <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs> tatsächlich kandidiert hätte.<lb/>
Da <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> aber auch bei dieser Bundespräsidentenwahl sein eigener<lb/>
Propaganda-Chef ist und er sich auf diese Linie festgelegt hat, wird<lb/>
wahrscheinlich jetzt dieses Problem auch in der offiziellen SPÖ-Propagan<lb break="no"/>da eine grössere Rolle spielen. Für mich ist es ganz klar, dass in<lb/>
Wirklichkeit ein Wahlkampf für die Präsidentenwahl ungeheuer schwierig<lb/>
zu schlagen ist. Der Kandidat soll und darf in die Tiefen der Politik<lb/>
nicht reinsteigen. Die Bevölkerung wünscht auch nicht, dass er mit dem<lb/>
Gegenkandidat streitet. Ausgenommen sind natürlich einige Funktionäre,<lb/>
die immer gerne haben, wenn der Gegner hart attackiert wird. Mit diesen<lb/>
Funktionären kann man zwar dann einen Wahlkampf machen, aber keinesfalls<lb/>
die Wahl gewinnen. Deshalb war es auch glaube ich richtig, dass <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
auf <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> seit eh und je hingearbeitet hat. Nur so kann er mehr<lb/>
als 50 % der österr. Wähler für unseren Kandidaten erreichen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
spürt aber, dass man doch attackieren muss und meint deshalb, man<lb/>
könnte hier höchstens mit der Mundpropaganda oder mit Angriffen von<lb/>
Abgeordneten im Parlament auf die Situation der ÖVP und auch gleichzeitig<lb/>
auf den gegnerischen Präsidentschaftskandidaten einen agressiveren Wahl<lb break="no"/><pb n="21-0583" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-05-14_0583.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>kampf führen. Vielleicht hofft er, dass dadurch auch im Fernsehen zuminde<lb break="no"/>stens ein Teil übertragen wird. Ansonsten bin ich überzeugt, wird das<lb/>
Fernsehen sich weitestgehend, fast würde ich sagen, Wadelbeissereien heraus<lb break="no"/>halten. Ich meine deshalb fast, weil ich in Wirklichkeit auch immer bei<lb/>
allen Wahlkämpfen selbst bei Präsidentschaftswahlkämpfen eine solche<lb/>
Wadelbeisserei für unsere Funktionäre in Form von Wiener Schmäh gemacht<lb/>
habe und dabei eigentlich natürlich ganz gut angekommen bin. Aller<lb break="no"/>dings und das habe ich immer wieder bemerkt nur bei unseren eigenen<lb/>
Funktionären.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_03">Gen.Dir. der Staatsdruckerei <rs type="person" ref="#per__140879">Fichtenthal</rs> soll durch Auftragsvergabe<lb/>
an Firmen die nicht ganz einwandfrei war den Grund zur sofortigen<lb/>
Suspendierung geliefert haben. Für Passhüllen, aber auch Buchbinderei<lb break="no"/>arbeiten sollen Firmen ausgeschaltet worden sein, damit gewisse an<lb break="no"/>dere Firmen dies unbedingt bekommen. Für die Pässe sollen angeblich<lb/>
Offerte um 3 Mill. von Firmen persönlich von <rs type="person" ref="#per__140879">Fichtenthal</rs> ablehnende<lb/>
Schreiben erhalten haben, während die Firma Mihailow mit 9 Mill. den<lb/>
Zuschlag bekam. Ich bin neugierig, was wirklich dabei herauskommen<lb/>
wird.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_04"><rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> berichtet über die Verhandlungen wegen des Stabilisierungs<lb break="no"/>paketes. Mit dem Kreditapparat und der Nationalbank hat er sich geeinigt<lb/>
Erhöhung des Eckzinsfusses von 3,5 auf 5, bei Anleihen von 7 auf 8,5<lb/>
für die 100 Mia Altwertpapier-Anleihen wird eine Bonifikation gewährt.<lb/>
Die Sollzinsen werden auf alle Fälle steigen und erwartet, dass die<lb/>
Kommunalkredite insbesondere für die Wohnbaufinanzierung so teuer werden<lb/>
dass doch 1 S pro m3 Mietenerhöhung sich ergeben wird. Die Kreditleit<lb break="no"/>linien werden bis 31. Dezember 1974 verlängert. Er kommt dann auf das<lb/>
erste BÜG zu sprechen und weist darauf hin, dass die Bauern 600 Mill.,<lb/>
für Hochschulbauten 400 Mill., für Bundesheerbauten 200 Mill., für die<lb/>
Bergbauförderung 60 Mil.., insgesmt 1,7 Mia zusätzlich aufgewendet<lb/>
werden müssen. Nur 100 Mill. können durch Umschichtung gewonnen werden,<lb/>
sodass der Rest das Defizit erhöht. In der Personalpost wird er ohne<lb/>
dass es aufscheint, eine Milliarde Überschreitungen haben. Insbesondere<lb/>
sind die Erhöhung der Assistentenposten von 3.200 auf 4.200 so viel,<lb/>
dass ihm jetzt schon Professoren sagen, sie haben zu viele Assistenten.<lb/>
Hier meldet sich natürlich <rs type="person" ref="#per__97442">Firnberg</rs> ganz empört und sagt, es ist ein<lb/>
Skandal, dass Universitätsprofessoren überhaupt so etwas behaupten.<lb/>
Jeder neue Professoren bekommt nur einen Assistenten und dann<lb/>
sind zusätzlich nur 20 Assistentenposten geschaffen worden. Vielleicht<lb/>
kann in dem einen oder anderen Fall ein Assistent wirklich zu viel sein.</p><pb n="21-0584" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-05-14_0584.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_05"><rs type="person" ref="#per__108223">Lausecker</rs> weist dann darauf hin, dass bei den Beamtendienstpostenplanver<lb break="no"/>handlungen es ganz schwere Auseinandersetzungen jetzt mit den einzelnen<lb/>
Ressorts gibt. <rs type="person" ref="#per__110923">Lanc</rs> meint, dass er in dem BÜG unbedingt grössere Er<lb break="no"/>höhungen gebraucht hätte. Er kann nicht einmal den Treibstoff mehr be<lb break="no"/>zahlen. Ebenso hätte er gerne die Vorfinanzierung, die die oö Landesre<lb break="no"/>gierung für den Fernmeldebau durchführen möchte unter Dach und Fach<lb/>
Sein Debattenbeitrag ging dadurch aus, man müsste einen Minimumkontakt<lb/>
auch auf Ministerverhandlungen halten, damit nicht bei den Beamtenbe<lb break="no"/>sprechungen die Wünsche von den Ressorts nicht durchzusetzen seien und<lb/>
dann nur mehr die Möglichkeit bestünde, ein BÜG zu beeinspruchen, <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs><lb/>
wieder weist darauf hin, dass er in der Stabilisierungsquote, die je<lb/>
letzten Endes nicht kommen wird, einzelne Positionen noch zusätzlich im <lb/>
BÜG braucht und verweist z.B. auf das Bundesheerlager in Kaufholz Allent<lb break="no"/>steig wo für 20 Mill. S brauchen würde, insgesamt aber im Budget nur<lb/>
36 Mill. für noch wichtigere andere Bauten in Allensteig scheinbar zur<lb/>
Verfügung hat. Der Redoutensaal ist mit 10 Mill. umgebaut worden, er<lb/>
müsste jetzt die Rechnungen bezahlen und hat keine finanzielle Bedeckung.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__108224">Lütgendorf</rs> wieder beschwert sind, dass er für das 70 Mill. S-UNO-Bataillon<lb/>
noch immer kein Geld hat und die UNO wenn überhaupt, dann sicherlich<lb/>
erst in ein paar Jahren bezahlen wird. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> weist darauf hin, dass<lb/>
es ihm gar nichts ausmachen würde, wenn das BÜG von einem Regierungs<lb break="no"/>mitglied beeinsprucht wird. Genau wissend, dass dies gar nicht möglich<lb/>
ist. Bei dieser Diskussion habe ich mir wieder gedacht, dass meine Tak<lb break="no"/>tik die einzig richtige ist. So wenig wie möglich vom Finanzminister<lb/>
selbst verlangen, da natürlich jeder Finanzminister trachten muss, die<lb/>
Budgetausgaben auf ein Minimum zu reduzieren. Allerdings habe ich es<lb/>
hier besonders leicht, weil ich je keinerlei Betrieb oder sonstige<lb/>
unabwendbare Auslagen habe wie nachgeordente Dienststellen und so weiter.<lb/>
Trotzdem glaube ich aber auch, dass unsere Taktik besser ist, unter allen<lb/>
Umständen zu versuchen, mit den Ansätzen auszukommen, alles in womöglich<lb/>
bescheidenem Rahmen zu halten, weil früher oder später eine Sparwelle<lb/>
einsetzen muss und dann natürlich gemachte Zusagen nicht mehr so leicht<lb/>
vom Finanzminister honoriert werden. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> selbst ist der Meinung, wir<lb/>
werden durch die öffentliche Meinung, die Kronenzeitung hat bereits<lb/>
hier drastische Sparmassnahmen verlangt, gezwungen werden, sehr bald<lb/>
solche auch tatsächlich einzuführen. Die öffentliche Meinung wird nämlich<lb/>
überhaupt keine Erhöhung mehr für Wissenschaft und Forschung <lb/>
akzeptieren.</p><pb n="21-0585" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-05-14_0585.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_06">Mit <rs type="person" ref="#per__97442">Firnberg</rs> habe ich wegen der Errichtung der neuen <choice><choice><sic>Lehrkanzler</sic><corr>Lehrkanzel</corr></choice></choice><lb/>
auf der Technischen Hochschule für Verkehrsplanung gesprochen,<lb/>
weil <rs type="person" ref="#per__114125">Knoflacher</rs> vom Kuratorium für Verkehrssicherheit hofft, dass<lb/>
er endlich jetzt zum Zuge kommt. Bei dieser Gelegenheit sagte mir <rs type="person" ref="#per__97442">Firn<lb break="no"/>berg</rs>, genau für <rs type="person" ref="#per__114125">Knoflacher</rs> ist diese Lehrkanzel geschaffen worden<lb/>
und dies hätte ihr noch zwei zusätzliche Lehrkanzeln, weil andere Be<lb break="no"/>werber irgendwo untergebracht werden mussten, gekostet. Ich kann mir<lb/>
wirklich vorstellen, wie dieses System zu einer ungeheuren Ausweitung<lb/>
der Hochschulen führt, dies natürlich auch sehr viel Geld kostet und<lb/>
dem Finanzminister jetzt schon zu viel wird. Ähnlich wie seinerzeit bei<lb/>
den Beamten dürfte jetzt auf dem wissenschaftlichen Sektor eine Explosion<lb/>
von neuen Dienstposten dazu führen, dass wir wirklich sehr bald zu<lb/>
einem unlösbaren Problem stehen werden. Ich habe mich schon vor Jahren<lb/>
gefragt, wer dies einmal alles bezahlen soll. Während man in den Mittel<lb break="no"/>schulen noch einigermassen ausrechnen kann, wieviele Schüler kommen<lb/>
werden, ist auf dem Hochschulsektor es ganz unmöglich festzuhalten,<lb/>
wieviele Hörer überhaupt nachdem ja nicht einmal mehr Gebühren verlangt<lb/>
werden, tatsächlich diese neuen Lehrkanzeln brauchen und die Professoren<lb/>
die jetzt bestellt werden frequentieren. Hier hätte man meiner Meinung<lb/>
nach ein ganz anderes neues System schaffen müssen. In der Mittelschule<lb/>
ist der Schüler noch verpflichtet, wenigstens Prüfungen abzulegen<lb/>
und die Schule zu besuchen. Ob er dabei etwas lernt, ist eine zweite<lb/>
Frage. Auf den Hochschulen aber ist es so, dass er belegt, vielleicht<lb/>
sogar nur um vom Militärdienst befreit zu werden, ob er aber wirklich<lb/>
studiert, bleibt ausschliesslich ihm überlassen, niemand kontrolliert,<lb/>
niemand weiss wieviele Assistenten, Professoren man wirklich braucht.<lb/>
Allerdings bin ich jetzt viel zu weit von der Praxis entfernt, um mir<lb/>
ein richtiges Urteil bilden zu können. Nach den Bemerkungen aber <rs type="person" ref="#per__97668">Kreiskys</rs><lb/>
und auch <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch's</rs> entnehme ich, dass jetzt schön langsam ein grosses<lb/>
Unbehagen unsere ganze Hochschulpolitik sich breitmacht.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_07">Im Ministerrat war nur interessant, dass <rs type="person" ref="#per__97442">Firnberg</rs> eine Novelle zum<lb/>
Bundesgesetz über technische Studienrichtung eingebracht hat, obwohl<lb/>
nicht einmal noch die Begutachtungsfrist abgelaufen ist. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hatte<lb/>
gemeint, das sei ganz unmöglich und wir einigten uns dann, nach Ablauf<lb/>
der Begutachtungsfrist einen Umlaufbeschluss herbeizuführen, damit<lb/>
dieser Gesetzentwurf noch so zeitgerecht ins Parlament kommt, um be<lb break="no"/>schlossen werden zu können. Zum Preisregelungsgesetz habe ich den<lb/>
Wunsch <rs type="person" ref="#per__107938">Leodolters</rs>, die immunbiologischen Präparate und <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs'</rs> Futter<lb break="no"/>mittel und Düngemittel in die Anlage A zu geben, Rechnung getragen.</p><pb n="21-0586" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-05-14_0586.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_08">und diesbezügliche Anträge gestellt. Interessant für mich war, wie<lb/>
gut doch das Finanzministerium funktioniert, als über die Frage des<lb/>
Weglassens der Verordnungsermächtigung Düngemittel und Futtermittel<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> in der Vorbesprechung über mich kontaktierte, was eigentlich<lb/>
der Grund sei. Seine Beamten haben also tatsächlich auch ihn in diesem<lb/>
Punkt aufmerksm gemacht, dass dies für die Landwirtschaft vielleicht von<lb/>
Bedeutung sein könnte. <rs type="person" ref="#per__108224">Lütgendorf</rs> berichtete über seine Tunesienreise,<lb/>
dass er mit Präsident <rs type="person" ref="#per__139883">Bourguiba</rs>, dem Ministerpräsidenten und einigen<lb/>
Ressortsministern diskutiert hat, was mich aber besonders amüsierte<lb/>
war, dass er die tunesisch-libysche Grenze besichtigte und dort fest<lb break="no"/>stellen konnte, dass sie laufend überwacht wird, zumindestens von Kamel<lb break="no"/>reiter-Einheiten. Für jeden Ressortminister ist es natürlich schwer<lb/>
– ausser für Aussenminister und vielleicht auch Handelsminister –<lb/>
einen Bericht zu geben, wo die Auslandsreise einigermassen begründet<lb/>
werden kann.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_09">Vor der Fraktion der Privatangestellten in der Gewerbe- ud Industrie<lb break="no"/>sektion hielt ich ein Referat über die wirtschaftliche Situation.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__128059">Martinowsky</rs> ihr Obmann meinte zu mir er hätte die Diskussion so organisiert<lb/>
dass nur ein EVU-Mann über die Energieprobleme kurz sprechen wird.<lb/>
Da ich mit einer solchen Vorgangsweise nicht einverstanden bin habe<lb/>
ich bei meiner Einleitung sofort gesagt, ich erwarte und hoffe, dass<lb/>
wir eine sehr eingehende Diskussion anschliessend haben werden. Die Kolle<lb break="no"/>ginnen und Kollegen haben haben mir mit frenetischem Beifall gedankt.<lb/>
Es ergab sich dann auch tatsächlich eine interessante und langwierige<lb/>
Diskussion, die nur deshalb wieder abgebrochen werden musste, weil<lb/>
in der durch einen Vorhang getrennten Halle D das Essen ab 1/2 1 Uhr<lb/>
serviert wurde und dort die ÖVP und insbesondere auch kommunistische<lb/>
Delegationsmitglieder natürlich alles mithören konnten. Vizekanzler<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs>, mit dem ich vorher über den Kongress gesprochen habe, erklärte<lb/>
mir auch sehr betrübt, dass er, allerdings nicht bei der Fraktion<lb/>
sondern vor dem ganzen Kongress über seine Arbeit referierte und sich<lb/>
daran überhaupt keine Diskussion angeschlossen hat. Der Vertreter der<lb/>
Steiermark hatte allerdings mit Recht gesagt, solche Fraktionskonferenzen<lb/>
insbesondere müssten den Betriebsatmosphäre wiedergeben. Dies wäre<lb/>
eigentlich der normale und ideale Zustand. In Wirklichkeit aber resigniert<lb/>
leider ein Teil unserer Funktionäre, will sich nicht unbeliebt machen<lb/>
will vielleicht vor allem aber auch die anderen nicht vor der notwendigen<lb/>
Mittagspause abhalten oder aber was noch viel schlimmer ist, resigniert.</p><pb n="21-0587" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band21/21_1974-05-14_0587.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_10">Um diesen Zustand nicht zu erreichen, muss man in jeder Organisation<lb/>
ich mache das sowohl im Bezirk als auch bei den Lebensmittelarbei<lb break="no"/>tern immer wieder auffordern die Diskussion zu führen und die Kritik<lb/>
zu üben. Man darf aber dann die Diskutanten im Schlusswort<lb/>
nicht niedersetzen, wie dies leider manchmal geschieht, weil<lb/>
ansonsten die Diskussion in Wirklichkeit nur abgewürgt wird. Ich<lb/>
habe deshalb immer viel lieber interfraktionelle Veranstaltungen<lb/>
weil dort auf alle Fälle es zu einer Diskussion kommt und man damit<lb/>
unseren Leuten mehr Munition in die Hand geben kann und auch gleich<lb break="no"/>zeitig das Gefühl, sie sind nicht so hoffnungslos dem Gegner ausge<lb break="no"/>liefert wie dies sonst wahrscheinlich im Betrieb der Fall ist.<lb/>
wo kein Spitzenfunktionär zur Veteidigung oder vielleicht gar zum<lb/>
Angriff zur Verfügung steht. Auch bei dieser Konferenz konnte ich<lb/>
feststellen, dass unsere Genossinnen und Genossen in Wirklichkeit<lb/>
erwarten, dass wir angreifen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_11">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97646">KOPPE</rs>: Wie weit sind die Propagandamacher und Referenten<lb/>
der Partei in der Umstellung unserer Taktik. Wenn es wirklich nicht ge<lb break="no"/>lingt, innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre unseren Funktionärkader<lb/>
auf Angriff zu bringen, sehe ich wirklich schwarz im wahrsten Sinne des<lb/>
Wortes.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_12">in der ÖGB-Bundesfraktion hat sowohl <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> als auch dann <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs><lb/>
über die Stabilisierungsverhandlungen berichtet. <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> fragte,<lb/>
ob die Preisregelung nun durchgezogen wird und wie die Taktik ist.<lb/>
Nachdem man scheinbar jetzt von der ÖVP die Wirtschaftspartner ein<lb break="no"/>schalten möchte. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat dies klar abgelehnt und meinte,<lb/>
dies müsse jetzt im Parlament entschieden werden und der ÖAAB als<lb/>
pressure-group wird sich bemühen, dass nicht eine völlige Ablehnung<lb/>
erfolgt. Auch <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> war der Meinung, dass man jetzt auf härtere<lb/>
Auseinandersetzungen gefasst sein muss, er referierte wieder über das<lb/>
Stabilisierungspaket. Der Höhepunkt war aber auch diesmal als <rs type="person" ref="#per__97632">Kirch<lb break="no"/>schläger</rs> kam, vorher schon hatte <rs type="person" ref="#per__138873">Seidl</rs> erklärt, wieso <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs><lb/>
jetzt nicht Gewerkschaftsmitglied ist. Als er vom öffentlichen Dienst<lb/>
Richtung Staatsanwälte in das Aussenamt hinüberwechselte, wurde<lb/>
scheinbar seine Mitgliedschaft verschlampt und im öffentlichen<lb/>
Dienst wird ja auch der Mitgliedsbeitrag abgezogen. Vollkommen uner<lb break="no"/>klärlich ist noch, wieso die neuerliche Beitrittserklärung dann ver<lb break="no"/>lorenging, die ich mit ihm vereinbart hatte, und wo er mit Recht mir<lb/>
damals sagte, er unterschreibt sofort für den Gewerkschaftsbund,<lb/>
nicht aber für die sozialistische Fraktion, wo ebenfalls automatisch<lb/>
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Niemand kann das mehr rekonstruieren und das Argument <rs type="person" ref="#per__138873">Seidl</rs>, dass<lb/>
<rs type="person" ref="#per__114093">Waldheim</rs> nie bei der Gewerkschaft war, <rs type="person" ref="#per__111325">Mock</rs> eine Woche vorher bevor er<lb/>
Obmann wurde erst beigetreten ist, wird auch in der Öffentlichkeit<lb/>
nichts bringen. Hier kann man wirklich nur wie <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> richtig sagt<lb/>
darüber hinweggehen und erklären, das ist der Kandidat der Soziali<lb break="no"/>stischen Partei – Schluss, Punkt ! <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> selbst hat sehr ge<lb break="no"/>schickt darauf hingewiesen, dass er in Hinkunft mit dem Gewerkschafts<lb break="no"/>bund engen Kontakt haben möchte und mindestens einmal im Monat<lb/>
Besprechungen mit ihm führen möchte, um direkt Informationen zu be<lb break="no"/>kommen. Er hat allerdings gleich darauf hingewiesen, dass er auch<lb/>
natürlich mit der Handelskammer diesbezügliche Besprechungen führen<lb/>
wird.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_13">Ein wirklich guter Start war aber der Wahlauftakt in der WIG-Halle.<lb/>
Die Stimmung war dort schon phantastisch bevor <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> kam.<lb/>
Ich will das nicht auf meine Person beziehen, aber ich war sehr er<lb break="no"/>staunt, als ich dort die Halle betrat, ebenfalls einen frenetischen<lb/>
Beifall bekam. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> und auch andere Genossen meinten dann, die<lb/>
Leute sind scheinbar froh, dass die Preise noch nicht höher ge<lb break="no"/>stiegen sind, andere meinten sogar, ich hätte vielleicht auch Beifall<lb/>
bekommen, wenn es 15 % und mehr schon wären. Spass beiseite, es wurde<lb/>
dann natürlich <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> und am meisten <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> sofort mit einem<lb/>
entsprechenden Applaus überschüttet. Nachdem dort ausser den Bürger<lb/>
meistern von Österreich je doch nur meistens Genossen waren, die<lb/>
mit Autobussen und sogar die Strassenbahn hingebracht wurden, war<lb/>
dies für mich nur der Beweis, dass die tausenden dort in der Halle<lb/>
wirklich das Gefühl haben, jetzt wird der ÖVP zurückgezahlt,<lb/>
jetzt werden wir mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> den Kampf gewinnen, jetzt herrscht<lb/>
sozusagen also ein Angriffsgeist. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> selbst hielt ein<lb/>
phantastisches Referat, wenn wir mit ihm nicht gewinnen, könnte<lb/>
ich mir nicht vorstellen, mit wem uns dies gelingen sollte. Wahrschein<lb break="no"/>lich wäre es nicht einmal <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> leichter, denn er wäre trotz aller <lb/>
Erfolge und trotz seines persönlichen Einsatzes und seiner unbe<lb break="no"/>strittenen Leistungen als Bundeskanzler viel mehr im politischen<lb/>
Tagesgeschehen angreifbar als <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs>. Wenn der Erfolg sich ein<lb break="no"/>stellt und ich zweifle nicht daran, wird sich wirklich daran auch<lb/>
eine Wende in unserer derzeitigen politischen Situation ergeben.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band21_1974-05-14_14"/></div>
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            <head>Tagesordnung 117. Ministerratssitzung, 14.5.1974</head>
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               <occupation>Außenminister, Bundespräsident</occupation>
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               <occupation>Bautenminister</occupation>
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               <occupation>Sekr. JS, ab 1973 GF VKI</occupation>
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               <occupation>Abg. z. NR, Klubobmann, ÖVP</occupation>
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