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            <title type="main">Freitag, der 12. Oktober 1973</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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               <licence>CC BY-NC 4.0</licence>
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                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
                  <collection>Nachlass Josef Staribacher</collection>
                  <idno type="signature">Band17_1973-10-12</idno>
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         <div type="entry" xml:space="preserve"><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_01">Freitag, 12. Oktober 1973</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_02">Die Besuchsfahrt der Betriebe im Waldviertel hätte ich mir sicherlich<lb/>
ersparen können. LA-Abgeordneter <rs type="person" ref="#per__146987">Leichtfried</rs>, der natürlich in seinem<lb/>
Bezirk gerne eine Minister vorführen will, hat unsere Investoren resp.<lb/>
Präs. G so beeindruckt, dass sie tatsächlich glaubten, ich müsste<lb/>
unbedingt auch diese Betriebe besuchen. Zum Glück ist <rs type="person" ref="#per__127177">Papacek</rs> daraufge<lb break="no"/>kommen, dass wir zuerst einen Betrieb in Heidenreichstein, nach<lb/>
Krems zurückgefahren wären und dann wieder nach Gross Gerungs noch<lb/>
hinaus gefahren wären. Ich wäre den ganzen Tag unterwegs gewesen, um<lb/>
dies ausserdem zu einer Zeit, wo man Benzin sparen soll. Allerdings<lb/>
konnte man das noch nicht wissen, als man seinerzeit die Zusagen ge<lb break="no"/>macht hat. Bei der Fa. Eisert, wo Feuerzeuge hergestellt werden, hat<lb/>
der Gen-Dir. , ein Ausländer, die Aktiengesellschaft befindet sich<lb/>
mehrheitlich in ausländischem Besitz, das Gespräch so begonnen, dass<lb/>
er für Fragen zur Verfügung steht. Zum Glück hatte ich während der<lb/>
Fahrt Gelegenheit, mit <rs type="person" ref="#per__113022">Fabrizii</rs> zu reden. Ursprünglich war mir ja nicht<lb/>
ganz klar, warum er gerade mit mir im eigenen Wagen hinausfahren will,<lb/>
nachdem ein zweiter mit anderen Beamten sowieso in die Betriebe zur<lb/>
Information und Untersuchung gefahren ist. Während der Fahrt diskutierte<lb/>
ich also seine Information und konnte deshalb den Gen.Direktor nicht<lb/>
nur entsprechend befragen, sondern überhaupt die Konzeption erörtern.<lb/>
Die Firma erwartet, dass sie statt einer Million ERP-Kredit 4 Mill. be<lb break="no"/>kommt. insgesamt muss sie 16 Mill. S noch investieren. Beim Betriebs<lb break="no"/>rundgang konnte ich feststellen, dass diese Investitionen tatsächlich<lb/>
dringend notwendig sind. Der Betrieb ist in einer alten Fabrik<lb/>
eingerichtet und die Häuser verfallen. Darüberhinaus hat er Maschinen,<lb/>
die nicht mehr dem letzten Stand entsprechen und um konkurrenzfähig<lb/>
zu bleiben, muss er neue anschaffen. Es ist nicht zu glauben, dass es<lb/>
bei diesen Feuerzeugtypen, derzeit herrscht das Wegwerffeuerzeug vor,<lb/>
um Groschenbeträge in der Kalkulation geht. Durch den Wegfall der<lb/>
Exportvergütung hat er 10 Mill. bekommen bei ungefähr 150 Mill. S<lb/>
Umsatz, da er 95 % der Produktion exportiert, durch die Dollar-Ab<lb break="no"/>wertung ist der Betrieb in eine finanzielle Bedrängnis gekommen.<lb/>
Für ein Wegwerffeuerzeug, das 25 S kostet, bekommt er nicht einmal<lb/>
7.- S. Trotzdem ist es ihm geglückt 10.000-e von Feuerzeugen auch<lb/>
nach Japan zu verkaufen. Wenn man bedenkt, dass diese Feuerzeuge<lb/>
aus Plastik bestehen und einen fast nicht rostenden Kopf, so kann<lb/>
man sich mit Schaudern ausrechnen, wie in einigen Jahrzehnten, wenn<lb/>
nicht eine neue Art des Feuerzeuges auftaucht, die Welt mit diesen<lb/>
unverwüstlichen Abfallkram übersät sein wird. Der Gen.Direktor<lb/>
<pb n="17-1122" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band17/17_1973-10-12_1122.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>hat mir rechtgegeben und meinte, hier müsste man wirklich neue Über<lb break="no"/>legungen anstellen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_03">In der Kleiderfabrik Tom &amp; Tina in Dietmans hat ein Unternehmer für<lb/>
15 Mill. S eine grosse Werkshalle errichtet. 300 könnte er beschäftigen<lb/>
nicht einmal 100 bringt zu zustande. Die Hauptursache hat er sogar<lb/>
am schwarzen Brett angeschrieben. 17.- S Stundenlohn ! Der Kindergarten,<lb/>
der mit 9 Kinder besetzt war, ausgebaut ist er für mindestens 30,<lb/>
die Werkküche, die ebenfalls neu eingerichtet ist, beide nur eine<lb/>
beschränkte Anziehungskraft. Der Lohn ist doch das Entscheidende<lb/>
Der Unternehmer vermutet allerdings, dass das Hauptproblem in den Führungs<lb break="no"/>kräften liegt. Er kann, obwohl er hier sogar ein Haus zur Verfügung<lb/>
stellt, das er sich selbst gebaut hat, keinen richtigen Betriebsingenieur<lb/>
bekommen. Interessant ist, dass auch aus der Landwirtschaft wegen der<lb/>
tiefen Löhne niemand bereit ist, in die Industrie über zu wechseln. Im<lb/>
Winter, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten ruhen, kann man den einen<lb/>
oder anderen Bauern für Arbeiten gewinne. Das Bewusstsein, selbstständig<lb/>
auch als Bauer zu arbeiten, ist noch immer sehr stark und kann nur durch<lb/>
einen hohen Lohn überwunden werden. Die Firma beschäftigt deshalb jetzt<lb/>
10 Türken als Schneider, die sie allerdings in Gasthöfen unterbringen muss.<lb/>
Ursprünglich hat das Unternehmer geplant, Arbeiterwohnstätten zu errichten,<lb/>
doch ist es jetzt auf Grund der schlechten Erfahrung davon abgekommen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_04">Bei der 25-Jahre-Krems Chemie im Hafen von Krems, war ich überrascht über die<lb/>
grosse Anlage, die dort in den 25 Jahren entstanden ist. Aus einer Gerberei,<lb/>
wo allerdings nach drei Jahren bereits die Gründer ausgeschieden<lb/>
sind, haben tüchtige Manager in Verbindung mit Bayer einen grossen Chemie<lb break="no"/>betrieb installiert. Bayer selbst hat einen bescheidenen Anteil also<lb/>
nicht einmal die Mehrheit und nach Mitteilung des Führungsstabes arbeiten<lb/>
sie sehr selbständig. Sie haben eine riesige, ich glaube fast drei Meter<lb/>
Durchmesser produzierende Kunststoffröhren-Maschine aufge<lb break="no"/>stellt. In Europa soll es nur noch eine zweite von diesen Dimensionen<lb/>
geben. Die Absatzlage dürfte aber nicht sehr günstig sein, denn der Hof war<lb/>
mit ziemlich vielen riesigen Zylindern vollgestopft. Die Firma erzeugt<lb/>
auch Vapona-Strip, auch für den deutschen Absatzraum, obwohl die Konsumenten<lb break="no"/>information festgestellt hat, dass ausser der giftigen Wirkung, die bei einem<lb/>
geschlossenen Schlafzimmer gefährlich sein kann, die Effektivität gegen<lb/>
die Fliegen und Mücken nur sehr beschränkt sein soll. Solche Betriebs<lb break="no"/>besichtigungen bzw. Feiern enden meistens oder sollten, so zumindestens<lb/>
enden mit einem riesigen Festmahl, das schrecklich lange dauert. Vielleicht<lb break="no"/>kann ich das Protokoll hier wirklich umstürzen, wenn ich mich nicht mehr<lb/>
<pb n="17-1123" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band17/17_1973-10-12_1123.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>bereiterkläre, an den Essen teilzunehmen, sondern nach der Ansprache<lb/>
und Besichtigung sofort nach Hause fahre. Die Zeitverschwendung ist näm<lb break="no"/>lich gigantisch.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_05">Der Fortgeschrittenenkurs der Lebensmittelarbeitergewerkschaft im Hueber-<lb/>
Haus hat in der Diskussion für mich eines gezeigt: Die Betriebsräte<lb/>
soweit sie in Ziffern umgehen können, habe jetzt herausgefunden, dass<lb/>
der Arbeitnehmeranteil am gesamten Sozialprodukt gesunken ist. Nicht<lb/>
sehr viel, aber von 71 auf 72,04 %. Darin sehen einzelne Funktionäre<lb/>
einen effektiven Verlust und meinen, wir müssten mit wesentliche stärke<lb break="no"/>rer Kampfkraft dieser Entwicklung entgegentreten. An und für sich hätte<lb/>
ich dafür noch volles Verständnis, wenn die Ziffern, aus denen die<lb/>
Volkseinkommenstatistik gebaut ist, wirklich verlässlich wären.<lb/>
Schwankungen aber von 0,4 %, das sind nicht einmal 1 % Schwankungs<lb break="no"/>breite ist meiner Meinung nach keine wirklich schlüssige Aussage.<lb/>
Da die Unternehmereinkommen, d.h. alle Selbständigen Einkommen als<lb/>
Restgrösse errechnet werden, ist die Fehlerquelle viel zu gross.<lb/>
Zum Glück handhaben wir in unserer Gewerkschaft es so, dass die Funktio<lb break="no"/>näre selbst in dem Verhandlungskomitee versuchen, das Maximum zu er<lb break="no"/>reichen. Deshalb ist sicherlich auch die Kritik sehr minimal.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_06">Bei Abendempfang mit <rs type="person" ref="#per__97770">Nedew</rs> und insbesondere <rs type="person" ref="#per__149005">Popow</rs> habe ich letzterem<lb/>
auseinandergesetzt, dass die Firmen, wo er jetzt Kooperationen in<lb/>
Hinkunft machen will, bereits seit Monaten und Jahren entsprechende<lb/>
Vorschläge den bulg. Aussenhandelsstellen resp. Industrievereinigungen<lb/>
und Firmen gemacht habe, ohne dass sie darauf auch nur eine Antwort bekommen<lb/>
hätten. <rs type="person" ref="#per__149005">Popow</rs> selbst erklärt sich dies daraus, dass jetzt eine Reorgani<lb break="no"/>sation in Bulgarien vorgenommen wurde für Schwarzmetall und Maschinen<lb/>
ist er jetzt in seinem Ministerium zuständig. Er wird sich die Vor<lb break="no"/>schläge von Böhler, Schoeller-Bleckmann und anderen Stahlfirmen genau<lb/>
noch einmal vorlegen lassen und erwartet, dass wir neuerdings unsere<lb/>
österreichischen Firmen entsprechende Offerte legen. In weiteren Ver<lb break="no"/>lauf hat mich dann <rs type="person" ref="#per__97770">Nedew</rs> ersucht, dass auch das Aussenhandelsministe<lb break="no"/>rium eine Durchschrift dieser Schreiben bekommen sollte. Ich habe ihm zu<lb break="no"/>gesagt, die österreichischen Firmen davon zu verständigen.</p><p xml:space="preserve" xml:id="Band17_1973-10-12_07">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Bitte veranlasse, dass die Firmen davon informiert<lb/>
werden, dass ausser bei Kooperationsabkommen und sonstigen Offerten an<lb/>
an das Maschinen- und Metallministerium<lb/>
von Minister <rs type="person" ref="#per__149005">Popow</rs> auch das<lb/>
Aussenhandelsministerium <rs type="person" ref="#per__97770">Nedew</rs> einen Durchschlag bekommt. Dies gilt ganz<lb/>
besonders für die letzten Anbote, die Böhler, Gen.Dir. <rs type="person">Bayer</rs> hat mir eine<lb/>
diesbezügliche Aufstellung gezeigt, machte, ohne dass sie eine entspre<lb break="no"/>chende Antwort, ja auch nur einen Brief bekommen hätten.</p></div>
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            <head>Tagesprogramm, 12.10.1973</head>
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