<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="staribacher__19720924.xml" prev="https://staribacher.acdh.oeaw.ac.at/staribacher__19720923.xml" next="https://staribacher.acdh.oeaw.ac.at/staribacher__19720925.xml" xml:base="https://staribacher.acdh.oeaw.ac.at">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title type="main">Sonntag, der 24. September 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
            <respStmt>
               <resp>Conversion to TEI</resp>
               <persName>Gustav Graf</persName>
            </respStmt>
            <respStmt>
               <resp>Digitisation, OCR correction and named entities tagging</resp>
               <persName>Matthias Trinkaus</persName>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
            <availability>
               <licence>CC BY-NC 4.0</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc>
               <msIdentifier>
                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
                  <collection>Nachlass Josef Staribacher</collection>
                  <idno type="signature">Band12_1972-09-24</idno>
               </msIdentifier>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc>
         <creation>
            <date when="1972-09-24">Sonntag, 24. September 1972</date>
         </creation>
      </profileDesc>
      <revisionDesc>
         <change type="creation" when="2018-10-18">exported as basic TEI from corrected tesseract output.</change>
         <change type="update" when="2020-06-25" who="acdh:ds">cleaned automatic tesseract-export by cleanExport.xsl script</change>
         <change type="update" when="2020-06-25" who="acdh:ds">removed empty back element by cleanExport-patch2.xsl</change>
         <change type="update" when="2016-08-11" who="acdh:ds">find and note personalAgenda as a subtype cleanExport-patch.xsl</change>
         <change type="update" when="2016-08-19" who="acdh:ds">whitespace in paragraphs, lb and pb fixes by cleanExport-patch3.xsl</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text>
      <body>
         <pb n="12-1144" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-24_1144.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>
         <div type="entry">
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-24_01">Sonntag, 24. September 1972<lb/>
</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-24_02">In Vorarlberg besuche ich ganz zeitig den Bürgermeister von Hohen<lb break="no"/>ems, um mit ihm die weitere Entwicklung der Steinbruchangelegenheit<lb/>
zu besprechen. Der Steinbruch selbst ist mir vor dieser Aussprache<lb/>
bereits aufgefallen, dass eine Gipsmilch aus einzelnen Löchern<lb/>
herausgequollen ist und den Steinbruch heute als Sprengvorbereitung<lb/>
klar und deutlich kenntlich macht. Der Bürgermeister teilt mir<lb/>
mit, dass über die Sicherheitssprengung ein Lokalaugenschein und<lb/>
eine Amtshandlung am Donnerstag abgewickelt wurde. Bei dieser<lb/>
hat er alle Einwendungen gegen die Sicherheitssprengung vorgebracht.<lb/>
der Bezirkshauptmann aber hat sie nur protokolliert und wird sie wahr<lb break="no"/>scheinlich kaum berücksichtigen. Der grösste Fehler war aber, den<lb/>
Bezirkshauptmann bei den Parteiengehör unterlaufen. Er hatte nämlich<lb/>
erklärt, dass innerhalb der Sicherheitszone die Leute nicht, wenn<lb/>
ein positiver Bescheid ergeht, auch tatsächlich bei der Sprengung ihre<lb/>
Häuser räumen müssen. Dies bedeutet, dass in 23 Wohnobjekten die<lb/>
Sicherheitszone beträgt 400 m, die Leute erklärt haben, sie werden<lb/>
nicht ihre Häuser verlassen, da der Bezirkshauptmann vorher er<lb break="no"/>klärt habe, in diesem Fall würde nicht gesprengt werden können.<lb/>
Der Bürgermeister meinte, dass bis jetzt die Bevölkerung wenn es<lb/>
zu einer Sprenggenehmigung gekommen ist, zwar widerwillig aber<lb/>
doch der Aufforderung Rechnung getragen hatte. Er selbst kann sich<lb/>
nicht vorstellen, dass in Hinkunft mit Gendarmerieassistenz<lb/>
vielleicht die Bevölkerung aus ihren Häusern getrieben wird. An<lb break="no"/>dererseits aber kann jetzt die Firma die Sprengung dann nicht<lb/>
vornehmen und wird sicherlich auf Schadensersatz vielleicht sogar<lb/>
den Bezirkshauptmann klagen. Das ganze Problem ist im Protokoll<lb/>
über die Amtshandlung festgehalten. Der Bürgermeister, der mir seine<lb/>
Einwände und die Angelegenheit ganz genau schilderte – wir besich<lb break="no"/>tigten dann auch gemeinsam neuerdings den Steinbruch – meinte, er<lb/>
könne mir alle Unterlagen zur Verfügung stellen. Ich lehnte dies<lb/>
deshalb ab, weil ich mich in dieses schwebende Verfahren nicht bereit<add>[?]</add><lb/>
von der einen Seite allein informieren lassen will. Ich versprach<lb/>
ihm weiterhin engsten Kontakt und verzichtete auf seine Unterlagen.<lb/>
Ich glaube, dass der Bürgermeister sehr erstaunt war, dass ich mich<lb/>
um ihre Problem so im einzelnen annehme und so viel Zeit aufwende<lb/>
und bei jedem Besuch mit ihm Kontakt aufnehme. Ich glaube aber,<lb/>
<pb n="12-1145" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-24_1145.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>dass dies ungeheuer wichtig ist, weil ich für die weitere Entwicklung<lb/>
dieses Streitfalles die grössten Bedenken habe. Die Firma wird,<lb/>
wenn sie letzten Endes eine Sicherheitssprengung genehmigt bekommt<lb/>
und diese aber durch die ungeschickte Verhandlungsführung, wie der<lb/>
Bürgermeister sich ausdrückte, nicht effektuieren kann, zu drasti<lb break="no"/>scheren Mitteln greifen. Auf alle Fälle wird es dann optisch sehr<lb/>
gut sein, wenn ich darauf hinweisen, kann, dass ich bei jeder sich<lb/>
bietenden Gelegenheit mich immer wieder durch persönlich Lokalaugen<lb break="no"/>schein, durch Verhandlung mit den beteiligten Stellen um die Details<lb/>
im einzelnen sehr genau gekümmert habe.<lb/>
</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-24_03">Die Landeskonferenz der Lebensmittelarbeiter in Vorarlberg war da<lb break="no"/>durch auch ausgezeichnet, dass der Präsident der Arbeiterkammer,<lb/>
der ÖAAB-Mann <rs type="person" ref="#per__97583">Jäger</rs>, anwesend war. Ich nützte diese Gelegenheit,<lb/>
um klar und deutlich unsere Stellung als Lebensmittelarbeiter<lb/>
zu dokumentieren. Ich erklärte, dass wir seit eh und je ganz unabhän<lb break="no"/>gig, welche Regierung gerade im Amt ist, unsere Politik nach höchst<lb break="no"/>möglichen Lohn- und Kollektivvertragsverbesserungen fortsetzen<lb/>
werden und müssen. Wir haben uns in diesem Fall weder in der Koa<lb break="no"/>litionsregierung noch in der ÖVP-Alleinregierung geschweige denn<lb/>
jetzt unter der sozialistischen Regierung von einem anderen Ge<lb break="no"/>sichtspunkt leiten lassen. Unsere Aufgabe ist es, für die Mitglieder<lb/>
unserer Organisation wohl unter Wahrung der grossen Verantwortung<lb/>
die wir seit eh und je zu tragen hatten, ein Optimum zu erzielen.<lb/>
Jetzt kommt mir mein System sehr zustatten. Als ich die Funktion<lb/>
als Obmann der Lebensmittelarbeiter übernommen habe, hatte ich<lb/>
es von vornherein abgelehnt, bei den Lohnverhandlungen anwesend zu<lb/>
sein. Nicht, dass ich mich um die Arbeit drücken wollte, sondern<lb/>
weil ich auf dem Standpunkt stand, es ist zielführend, wenn man die<lb/>
Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben, d.h. die Funktionäre<lb/>
mit unserem Fachsekretär gemeinsam die Verhandlungen führen lässt.<lb/>
Kommt es zu einer Einigung, so haben die Mitglieder dieses Verhandlungs<lb break="no"/>komitees das Gefühl unmittelbar nicht nur dabei gewesen zu sein,<lb/>
sondern auch selbst einen wesentlich Beitrag dazu geleistet zu<lb/>
haben. Kommt es zu keiner Einigung, dann kann ich noch immer als<lb/>
Obmann der Lebensmittelarbeiter vermitteln und es muss nicht sofort<lb/>
zu Kampfmassnahmen wie Streiks usw. kommen. In unserer Organisation<lb/>
besteht deshalb ein verhältnismässig sehr gutes Klima bezüglich<lb/>
<pb n="12-1146" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-24_1146.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>der erreichten Lohnerhöhungen und Kollektivvertragsverbesserungen.<lb/>
Bei der Landeskonferenz kam es zu einer grösseren und längeren Debatte<lb/>
als in Tirol, da sich doch wenigstens 6 Debattenredner meldeten. In<lb/>
Vorarlberg spielte das Gastarbeiterproblem eine wesentliche grössere<lb/>
Rolle als in Tirol. Vorarlberg ist das einzige Bundesland, wo wir<lb/>
einen stärkeren Mitgliederzuwachs zu verzeichnen haben. ZS <rs type="person" ref="#per__97357">Blümel</rs><lb/>
hat dies in seinem Referat ganz gebührend herausgestrichen. Da unser<lb/>
Landessekretär in Tirol jetzt in Pension geht und sein Nachfolger<lb/>
nicht mehr für Vorarlberg ebenfalls mitverantwortlich sein soll,<lb/>
wird von uns jetzt der ÖGB-Sekretär <rs type="person" ref="#per__140133">Endlincher</rs> als Landessekretär<lb/>
endgültig eingesetzt. Dies hat natürlich die Vorarlberger Funktionäre<lb/>
sehr befriedigt. Ich persönlich bin der Meinung, ohne dass ich dies<lb/>
vor der Landeskonferenz natürlich gesagt habe, aber mit <rs type="person" ref="#per__97357">Blümel</rs> nachher<lb/>
diskutiert habe, dass es auf die Dauer vollkommen unmöglich wird,<lb/>
eine solche Personalpolitik des ÖGB fortzusetzen. Wir haben mit<lb/>
1.200 Mitgliedern jetzt einen eigenen Landessekretär, der wohl<lb/>
auch noch eine zweite Gewerkschaft, nämlich die Chemiearbeiter und<lb/>
Land- und Forstarbeiter so nebenbei bearbeitet. Wenn jede einzelne<lb/>
Gewerkschaft in jedem Land einen eigenen Landessekretär hält, so<lb/>
muss dies eine Aufblähung des Verwaltungsapparates geben. Es ist<lb/>
richtig, dass die Sekretäre heute immer wieder von den Be<lb break="no"/>triebsräten gerufen werden, um selbst die kleinsten Kleinigkeiten<lb/>
zu erledigen. Früher soll es so gewesen sein, dass die Betriebsräte<lb/>
selbständig ohne Unterstützung und Anwesenheit des Landessekretärs mit<lb/>
ihren Unternehmungen Probleme gelöst haben. Jetzt wird für jede Kleinig<lb break="no"/>keit sofort der Sekretär gerufen. Dies bedingt, dass so viele Sekretäre<lb/>
in den Ländern notwendig sind. Vollkommen übersehen wird dabei,<lb/>
welche grossen Personalaufwand dadurch entstanden ist. Wie allerdings<lb/>
dieses Problem zur Zufriedenheit aller gelöst wird, kann ich<lb/>
momentan nicht sagen. Derzeit ist es auch gar nicht mein wirk<lb break="no"/>liches Problem, das ich zu lösen beauftragt bin oder wäre.<lb/>
</p>
         </div>
      <div type="back"/></body>
      
   <back><listPerson><person xml:id="per__97583">
               <persName type="label">Jäger, Bertram</persName>
               <persName><surname>Jäger</surname><forename>Bertram</forename></persName>
               <occupation>AK Präs. Vbg.</occupation>
               </person>
            <person xml:id="per__97357">
               <persName type="label">Blümel, Kurt</persName>
               <persName><surname>Blümel</surname><forename>Kurt</forename></persName>
               <occupation>LUGA-Zentralsekretär</occupation>
               </person>
            </listPerson></back></text>
</TEI>