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            <title type="main">Dienstag, der 19. September 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_01">Dienstag, 19. September 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_02">Die Abteilung <rs type="person" ref="#per__137068">Mache</rs> ergänzt durch Dr. <rs type="person" ref="#per__111722">Kinscher</rs>, wurde für eine Belobigung<lb/>
vorgeschlagen, nach Abschluß der Arbeiten an der Gewerbeordnung. Bei dieser<lb/>
Gelegenheit erklärte ich auch unseren Dank für SChef <rs type="person" ref="#per__97504">Habel</rs>, der für seine<lb/>
Tätigkeit nach der Pensionierung keine wie immer geartete Entschädigung<lb/>
annehmen wollte. Die Kollegen hatten nun die Idee, einen Gegenstand aus<lb/>
einem Zimmer zu geben, um ihn an seine Arbeitsstätte einerseits zu erinnern<lb/>
und andererseits damit aber wenigstens den Dank abzustatten. <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> teilte<lb/>
mir aber mit, daß nun die Bundesgebäudeverwaltung oder ich weiß nicht wer<lb/>
sonst dafür verantwortlich ist, für jeden Gegenstand eine horrende Summe<lb/>
verlangen würde. Ich ersuchte SChef <rs type="person" ref="#per__97915">Schipper</rs> dieses Problem zu lösen und<lb/>
tatsächlich gelang ihm eine Vase, die angeblich jetzt S 7.000,–– wert sein<lb/>
sollte, ohne Bezahlung für das Ressort zur Verfügung zu stellen. <rs type="person" ref="#per__97504">Habel</rs> war<lb/>
sehr überrascht. Bei dieser Gelegenheit wies ich darauf hin, daß auch MR.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__137068">Mache</rs> heuer bereits die Pension erreichen wird. Zu meiner größten Ver<lb break="no"/>wunderung erklärte mir <rs type="person" ref="#per__97915">Schipper</rs>, daß <rs type="person" ref="#per__137068">Mache</rs> eine Verlängerung bekommen sollte.<lb/>
Ich äußerte mich dazu nur, indem ich erklärte, Sie, Herr SChef, werden dies<lb/>
schon irgendwie zustande bringen. Wie sich später bei einer Besprechung<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> und <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> herausstellte, würde dies bedeuten, daß wir unbedingt<lb/>
einen Ministerratsantrag stellen müßten. Abgesehen davon, daß damit das<lb/>
erste Mal das Handelsministerium einen solchen Antrag im Ministerrat ein<lb break="no"/>bringen würde, bis jetzt waren nur vereinzelt andere Ressorts, wie z.B.<lb/>
der Finanzminister bei SChef <rs type="person" ref="#per__137660">Heiligensetzer</rs> mit einem schlechten Beispiel<lb/>
eigentlich vorangegangen. Bedeutet dies, daß dann ebenfalls so viele andere<lb/>
Beamte kommen werden und dasselbe verlangen. Z.B. würde MR <rs type="person" ref="#per__134830">Peschke</rs> noch<lb/>
mehr die VÖEST und andere Betriebe mobilisieren, damit er ebenfalls eine<lb/>
Verlängerung bekommen kann. Ich halte daher eine solche Vorgangsweise für<lb/>
vollkommen unmöglich. Wenn <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> <rs type="person" ref="#per__137068">Mache</rs> dringend braucht, dann muß man<lb/>
einen anderen Weg finden, ohne daß da ein Ministerratsbeschluß eingeholt<lb/>
werden muß.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_03">Im Ministerrat berichtete <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> über den Unfall von <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs>. Vorher gab<lb/>
es schon eine Diskussion über die Zweckmäßigkeit angeschnallt zu fahren<lb/>
oder nicht. Wäre <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> angeschnallt gewesen und nicht rausgefallen, wäre<lb/>
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Blut im Harn war, vorliegt. Was <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> aber, glaube ich, mit Recht be<lb break="no"/>mängelte, war die mangelnde Kommunikation. Der Unfall ereignete sich um 22.45,<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs> befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in seinem Ministerium, die<lb/>
Gendarmerie meldete aber erst um 3.15 den Vorfall ans Innenministerium,<lb/>
diese dachten sie könnten den Innenminister nicht wecken und <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wurde<lb/>
knapp vor 7.00 von irgendjemanden angerufen der ihm mitteilte, der <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs><lb/>
hat sich dasteßn. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> glaubte, daß irgendein Betrunkener sich viel<lb break="no"/>leicht einen Witz macht oder es sich um eine Mystifikation handelt. <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs><lb/>
tobte innerlich, wie ich feststellen konnte und hat aber bei dieser Ge<lb break="no"/>legenheit aber jetzt endlich durchgesetzt, daß <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> bereit ist, vom<lb/>
Kommissariat eine direkte Leitung zu seiner Wohnung zu akzeptieren, Wenn<lb/>
nun die Verständigung über den Polizeiapparat resp. Gendarmerieapparat<lb/>
funktioniert, so kann er dann mit dem direkten Anschluß, so wie <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs><lb/>
ihn auch besitzt, sofort verständigt werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_04">Der Finanzminister berichtete über den Budgetentwurf und teilte mit, daß<lb/>
das Defizit 11,2 Md. S betragen wird. Netto ist es ca. 5,5 Milliarden.<lb/>
Der größere Defizit ergibt sich, weil er mit 1 1/2 bis 2 Milliarden Zoll<lb break="no"/>ausfall, 2 Milliarden Einkommens- und Lohnsteuersenkung für den Bund, d.h.<lb/>
also netto für ihn, und 1 1/2 Milliarden für den Finanzausgleich Einnahme<lb break="no"/>verlust in Rechnung stellen muß.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_05">Den Bericht des Verkehrsministers über die 2. Piste, die 1.560,000.000,––<lb/>
kostet, von dem die Flughafenbetriebsgesellschaft, die zu 50 % den Bund,<lb/>
25 % Wien und 25 % NÖ. gehört, nur 299 Mio. übernommen haben. Das Bauten<lb break="no"/>ministerium 230 für den Grund bezahlt hat und bereits zur Verfügung stellte,<lb/>
wurde auf Wunsch des Finanzministers nicht beschlossen, sondern nur zur<lb/>
Kenntnis genommen. Sowohl beim Donauausbaugesetz als auch jetzt bei der<lb/>
Flughafen Wien – Erweiterungsvorhaben 2. Piste, hat Finanzminister im<lb/>
Ministerrat dagegen Einspruch erhoben. Aus diesen Tatsachen entnehme ich,<lb/>
daß scheinbar die anderen Ressorts kaum mit dem Finanzminister vorher ab<lb break="no"/>stimmen, wie sie einen diesbezüglichen in die Milliarden gehenden Antrag<lb/>
einbringen sollten. Hier herrscht noch die gute alte Koalitionszeit oder<lb/>
ÖVP-Zeit-Methode, nämlich ganz einfach beamtenmäßig den Antrag fertig zu<lb/>
machen <choice><choice><sic>in</sic><corr>, um? und?</corr></choice></choice> ihn dann in den Ministerrat einzubringen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_06">Zu dem Antrag vom Bautenminister, eine österr. Delegation zur Vollendung<lb/>
des Europakanals Rhein-Main-Donau bis Nürnberg zu entsenden, wurde von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> dahingehend ergänzt, daß er auch einen Vertreter der Raumplanung,<lb/>
<rs type="person" ref="#per__115644">Kohlbacher</rs>, in die Delegation aufgenommen haben wollte. Ich weiß nicht<lb/>
wie weit hier ein Prestigedenken den Ausschlag gegeben hat, den sachlichen<lb/>
wird bei dieser Show kaum etwas gearbeitet werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_07"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> klärte für die 60jähr. Geburtstagsfeier für <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> seine Staatsaus<lb break="no"/>zeichnung. Zu meiner größten Verwunderung hat sich die Bürokratie durchge<lb break="no"/>rungen, ihm die sogenannte Ministerdekoration, die 2.-höchste zu beantragen.<lb/>
Nach den Richtlinien glaube ich müßte dafür jemand 3 Jahre im Amt sein. Dies<lb/>
trifft für <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> aber als 1. Präsident noch nicht zu.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_08"><rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> beantragte das Aide-memoire Antwort an die UdSSR zu ge<lb break="no"/>nehmigen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wollte gestern bereits, daß ein Teil seiner Rede aus<lb/>
Altbach, wo er auf die guten Beziehungen mit den Oststaaten hingewiesen<lb/>
hatte, und ganz besonders auch die Sowjetunion und deren Leistungen heraus<lb break="no"/>streicht bereits gestern in das Aide-memoire verarbeitet. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> hat<lb/>
aber nur offizielle Äußerungen des Bundeskanzlers als Grundlage ge<lb break="no"/>nommen. Da die Rede ja nirgends offiziell bekanntgemacht wurde. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
schlug deshalb vor, man sollte mit den Wiener Zeitungen Verhandlungen<lb/>
führen, was eine echte Dokumentation bei ihr kosten würde. Ihm schwebt vor,<lb/>
daß man einmal in der Woche alle Redetexte und sonstige wichtige Äußerungen<lb/>
den gesamten Wortlaut abdrucken sollte. Obwohl die Wiener Zeitung nur eine<lb/>
geringe Auflage hat, hat der festgestellt, daß die opinion leader, das sind<lb/>
die Schulen, Notare, Bürgermeister, diese Zeitung sehr wohl kaufen müssen.<lb/>
Scheinbar hat ihm irgendjemand erklärt, daß dies die einzige Zeitung ist<lb/>
und er betrachtet daher eine dortige Verlautbarung für äußerst wirksam.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> ist zwar der Meinung, daß der Staat keine Zeitung herausgeben soll,<lb/>
aber wenn schon eine existiert, dann selbstverständlich sollte sie auch<lb/>
für die Bundesregierung und andere Stellen des Dokumentationszentrum ver<lb break="no"/>wendet werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_09">Die Besprechung mit der Bauindustrie- und Baugewerkschaft war nicht so<lb/>
expeditiv als dies gestern bei der Papierindustrie der Fall war. Die letzten<lb/>
konkreten Vorschläge, wie z. B. die Studie des Beirates, aber auch der<lb/>
Bauarbeitergewerkschaft über die Neuordnung der Bauwirtschaft, liegt immer<lb break="no"/>hin schon 8 Jahre zurück. Alle geben zwar zu, daß etwas geschehen sollte,<lb/>
<pb n="12-1123" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-19_1123.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nur wenn man sie alle den verschiedensten Standpunkt ein. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> selbst<lb/>
versuchte zwar die Polemik von vornherein auszuschalten in dem er erklärte<lb/>
er hätte nie für einen Baustoff, auch nie für eine Baubremse in den in den<lb/>
Zeitungen angegeben Sinne gesprochen. Er gedenke auch nicht eine gesetzl.<lb/>
Regelung wird die Bauausführungssperre in der Schweiz vom 26.5.1961 ein<lb break="no"/>zuführen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_10">Anmerkung für <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs><lb/>
Bitte mir diese Bundesratsbeschluß zu verschaffen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_11">Die Diskussion, die sich dann entspannte war interessanterweise dadurch<lb/>
gekennzeichnet, daß Bundesrat <rs type="person" ref="#per__114046">Böck</rs> der Obmann der Bauarbeitergewerkschaft<lb/>
einen sehr konkreten Vortrag mit Vorschlägen hielt. Er verlangte eine Ko<lb break="no"/>ordinierung, gezielte Vergabe, Aufhebung der Bindung ans Budgetjahr,<lb/>
Verbesserung des bürotechnischen Verwaltungsdienstes der Auftraggeber<lb/>
und der Baufirmen, Baubeginn erst wenn die Bauplanung abgeschlossen ist.<lb/>
Seiner Meinung nach sind bei jedem Projekt mindestens 8 – 12.000,–– S<lb/>
Wohnbauverteuerungen durch Bauverzögerungen einzukalkulieren, schnellere<lb/>
Abrechnung, bessere Baustellenorganisationsmaschinen und Geräteeinsatz,<lb/>
Spezialisierung in Schwertiefbau, Leichttiefbau und Hochbau, Zusammen<lb break="no"/>legung von Wohnbaugenossenschaften, annähernde Angleichung der Bauordnung<lb/>
und der Länder und eine zentrale Informationsstelle für Preisüberprüfung<lb/>
und Preisauskünfte. Er bot von der Bauarbeitergewerkschaft einen allge<lb break="no"/>meinen Leistungsvertrag an, der zwischen den Unternehmern und Arbeitnehmern<lb/>
abgeschlossen werden sollte. Dies sei eine 10-jähr. Forderung der Bauge<lb break="no"/>werkschaft und die Unternehmer hätten ihm aber noch niemals konkret aufge<lb break="no"/>griffen. Der Bundesinnungsmeister LAbg. <rs type="person" ref="#per__140050">Molzer</rs> verlangte ebenfalls nur<lb/>
eine Koordinierung zwischen Bautenminister, Länder und Gemeinden und meinte<lb/>
daß der Rohbau immer planmäßig abgewickelt wird, obwohl auch hier meistens<lb/>
Pläne geändert werden von Seiten des Bauherren und die Kalamität erst bei<lb/>
dem Einsatz der Professionisten, d.h. der Dachdecker, Spengler, Elektriker,<lb/>
Installateure, usw. erfolgt. Preissteigerung von 15–20 % erklärt er, daß<lb/>
eben nicht nur die Kollektivlöhne vom 15 % eingebaut werden mußten, sondern<lb/>
auch noch die Überzahlungen. Er erklärte, daß das Finanzministerium ja<lb/>
die entsprechenden Genehmigungen ausspricht. Dort wird auf Grund der Lohn<lb break="no"/>tangente errechnet, was die Baupreise wirklich steigen dürfen. GSekr.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97741">Millendorfer</rs> reagierte auf diese Behauptung in dem er erklärte, für die<lb/>
Wohnbauten werden pro m² 1113,– derzeit angemessen, während die Bauunter<lb break="no"/><pb n="12-1124" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-19_1124.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nehmungen 1.600,–– von den Genossenschaften und den öffentlichen Trägern<lb/>
bei der Ausschreibung verlangen. Es müßte ein Vergabegesetz geschaffen,<lb/>
resp. novelliert werden, welches den Gewichtsschlüssel zwischen Löhnen<lb/>
und sonstigen Kosten ändert. Der Schlüssel entspricht nicht mehr den Ge<lb break="no"/>gebenheiten. <rs type="person" ref="#per__140148">Meisner</rs>, der Präsident der <choice><choice><sic>VIEL</sic><corr>VIBÖ</corr></choice></choice>, Vereinigung industrieller<lb/>
Bauunternehmer Österreichs, hat eine Anklagerede gegen die Regierung und<lb/>
andere Stellen heruntergelesen. Bemerkenswert war nur, daß er die Baulehr<lb break="no"/>lingsnachwuchsmangel auf die allgemeine Unsicherheit im Baugewerbe<lb/>
zurückführt. Er meinte, die Innung hat sich viel zu wenig um die Lehrlings<lb break="no"/>ausbildung gekümmert. Sie verlangten eine 3-jähr. Lehrzeit, was in Wien<lb/>
bedeutet, daß nur 3 Lehrlinge Zimmerer lernen, Früher gab es in der Be<lb break="no"/>rufsbildungsschule drei Klassen von Zimmererlehrlingen. Landesinnungsmeister<lb/>
von Wien meinte, daß überhaupt keine Maßnahmen notwendig seien, da 1973<lb/>
eine ganz große Dämpfung des Baugeschehens eintreten wird. Die 15 %ige Lohn<lb break="no"/>erhöhung hat 6,75 % Preissteigerungen und die Paritätische Kommission hat<lb/>
bereits 4,95 % zusätzlich genehmigt. Insgesamt würden die Baupreise um<lb/>
11,7 % steigen. Wenn daher im Budget 1973 um 10 % mehr für Bauten vorgesehen<lb/>
sind, insgesamt sollen 73 Milliarden zur Verfügung stehen, wird sich dadurch<lb/>
eine 18 %ige Volumeneinbüßung auch infolge der Mehrwertsteuer ergeben.<lb/>
Die 30 %ige Sonderabschreibung für die beweglichen Wirtschaftsgüter wird<lb/>
dazu führen, daß der Industriebau nächstes Jahr stark zurückgehen wird.<lb/>
Ein Teil des Bau ist aber hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß noch<lb/>
alle Unternehmungen heuer vor Inkrafttreten der Mehrwertsteuer ihre Bauten<lb/>
vollendet haben wollen, um der 12 %igen Investitionssteuer im nächsten Jahr<lb/>
zu entgehen. Der Innungsmeister prophezeite, daß ähnlich wie im 1968, als<lb/>
die Wohnbauförderung den Ländern übertragen wurde und damit ein entsprechen<lb break="no"/>der Rückschlag in der Bauwirtschaft zu verzeichnen war, auch im nächsten<lb/>
Jahr eine ähnliche Situation eintreten wird. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> replizierte dann und<lb/>
meinte, bei einer 16 %igen Vorsteuerabzug der Bauunternehmungen und einer<lb/>
Weitergabe von 8 % Mietwohnungen, dürfte es nicht zu wesentlichen Verteu<lb break="no"/>erungen kommen. <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs> wieder wies darauf hin, daß die Wohnbaumitteln nicht<lb/>
mehr sofort verbraucht werden, sondern auf 5 Jahre gestreckt werden können.<lb/>
Ebenso ist im Gesetz vorgesehen, daß 5-jährige Wohnbauprogramme erstellt<lb/>
werden müssen. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> hatte das beste Zahlenmaterial und verwies darauf,<lb/>
daß im Jahre 1968 der Bauindex 4,1, 1969 5 % Steigerung verzeichnete, weil<lb/>
nämlich real weniger ca. 5 Milliarden verbaut wurde. 1971 waren bereits<lb/>
wieder der Bauindex auf 7,4 % gestiegen. 1972 jetzt sogar auf 11,6 %.<lb/>
Da sich der Auftragsstand von 18,1 Milliarden im Frühjahr 1971 auf 23,5 Md.<lb/>
im Frühjahr 1972 erhöht hat. Die Beschäftigung ist aber nur von 140.000 auf<lb/>
<pb n="12-1125" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band12/12_1972-09-19_1125.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>149.000 steigen. Bauaufträge steigen schon automatisch, da die Steigerung<lb/>
der Mineralölsteuer aber auch der Einkommensteuer für den Straßenbau und<lb/>
für den Wohnungs- und Wasserbau immer mehr zusätzliche Mittel bringt. Der<lb/>
große Vorteil ergibt sich durch die Mehrwertsteuer, daß in Hinkunft die<lb/>
Bauherren und vor allem aber die Bauunternehmer, Generalvertreter Unternehmer<lb/>
bestellen können, weil es keine Umsatzsteuerkumulierung mehr gibt.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> ersuchte dann abschließend die Unternehmer und die Gewerkschaft<lb/>
ihre Vorschläge den Bautenminister innerhalb von 8 Tagen zu geben. <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs><lb/>
wird diese dann prüfen, mit ihnen Verhandlungen führen und dann in spätestens<lb/>
4 Wochen in dieser großen Runde einen konkreten Plan über Baumaßnahmen zu<lb/>
beschließen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_12">Im Bundesrat war man sehr überrascht, daß ich doch zu dieser Ausschußsitzung<lb/>
gekommen bin. Zu meiner größten Verwunderung wurde über die Vorlage über<lb break="no"/>haupt nicht diskutiert, ja nicht einmal eine einzige Wortmeldung erfolgte.<lb/>
Bei dieser Gelegenheit fragte ich gleich Botschafter <rs type="person" ref="#per__137933">Marquet</rs> ob er bereit<lb/>
sei das Kommentar für den EG-Vertrag zu übernehmen. Zu meiner größten Ver<lb break="no"/>wunderung hat auch er größte Bedenken durch Arbeitsüberlastung. Ich ersuchte<lb/>
ihn nicht unbedingt nein zu sagen, sondern sich dies nochnals zu überlegen.<lb/>
Ich glaube aber, daß es kaum möglich sein wird, ein Team aufzustellen, das<lb/>
wirklich daran interessiert wäre, ein solches Kommentar schnell und umfang<lb break="no"/>reich zu erstellen. <rs type="person" ref="#per__115656">Steiger</rs> erklärte mir auch, daß er wirklich außerstande<lb/>
ist zusätzliche Arbeit, sei es in Form eines umfassenden Integrations<lb break="no"/>berichtes oder sei es für das Kommentar derzeit zu übernehmen. Er hätte<lb/>
ganz wenige Mitarbeiter auch in den anderen Ministerien und müßte nun letzten<lb/>
Endes auch noch die EFTA-Sitzung vorbereiten. Vielleicht ergibt sich für<lb/>
uns die einzige Möglichkeit jetzt eben Dr. <rs type="person" ref="#per__140143">Segaller</rs> mit der Ausarbeitung<lb/>
des Berichtes zu beauftragen und dann damit zu dokumentieren, daß ein<lb/>
Mann zur Verfügung steht, unter der Leitung von <rs type="person" ref="#per__137933">Marquet</rs> und <rs type="person" ref="#per__115656">Steiger</rs>, die<lb/>
entsprechende Kommentierung ebenfalls zu machen. Ich sehe ansonsten keine<lb/>
Möglichkeiten jemanden für ein Kommentar tatsächlich zu gewinnen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_13">Die Frage der Abberufung von <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> hat nun ein sehr konkretes Stadium<lb/>
erreicht. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> selbst hat mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> und mir die näheren Modali<lb break="no"/>täten erörtert. Ich selbst interessiere mich ja nicht was sie dann mit<lb/>
<rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> machen werden sondern bin nur bestrebt so schnell wie möglich<lb/>
eine endgültige Entscheidung herbeizuführen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_14">Bei der österr. Gewerkschaftsfraktion wurde ein Fonds für den 60jähr.<lb/>
Geburtstag <rs type="person" ref="#per__97346">Benyas</rs> beschlossen. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> war bei diesem Tagespunkt nicht an<lb break="no"/>wesend und wird sicherlich überrascht sein, daß dieser Fonds Millionen<lb break="no"/>beträge bekommen wird. Von den verschiedensten Institutionen und den<lb/>
einzelnen Gewerkschaften. Aus den Zinserträgen dieses Fonds sollen dann<lb/>
Maßnahmen eingeleitet werden, um das Sozialprestige der Arbeiter zu heben.<lb/>
Ich glaube, daß dies wirklich äußerst wichtig ist. Anschließend an das<lb/>
Referat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> gab es eine Diskussion über die Mitbestimmungsmöglichkeiten<lb/>
in der verstaatlichten Industrie. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wies darauf hin, daß man doch<lb/>
der ÖVP zusichern wird müssen, daß wenn es wieder zu einer politischen<lb/>
Stärkeänderung kommt, nicht durch die Drittelbestimmung sie vollkommen<lb/>
auch in Hinkunft ausgeschaltet sein wird. Seit 1946 wurde ihr nämlich die<lb/>
Anrechnung der Betriebsräte an die proporzmäßige Aufsichtsratsitze zuge<lb break="no"/>standen. Bis jetzt hat die ÖVP immer diese Proporzpackelei verteufelt,<lb/>
wird aber sehr froh sein, wenn sie eine einigermaßen für sie befriedigende<lb/>
Regelung bekommen kann.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band12_1972-09-19_15">In einer sehr gut besuchten Bezirkskonferenz in Liesing, wo ich über die<lb/>
EWG-Problematik referieren sollte, habe ich natürlich dann sofort auf die<lb/>
Preisentwicklung umgeschaltet. Da zum Unterschied von den burgenländ.<lb/>
Wahlreisen ich dort eine Diskussion nicht nur angeregt habe, sondern provo<lb break="no"/>ziert habe, möchte ich bei solcher Gelegenheit vor allem die Stimmung in<lb/>
unseren Parteikreisen hören. Zu meiner größten Verwunderung hat es dort<lb/>
keine allzu harte Kritik gegeben. Meinungsumfragen zeigen, daß die Bevölkerung<lb/>
und sogar auch unsere Wähler mit der Regierungspolitik nicht mehr so ein<lb break="no"/>verstanden sind, als dies noch vor 1 1/2 Jahren noch der Fall gewesen ist.<lb/>
Trotzdem ist es in den Kadern unserer Partei noch keinesfalls so, daß<lb/>
dort eine offene Kritik zutage tritt. Ich kann mir deshalb eigentlich<lb/>
kein endgültiges Urteil bilden ob es sich nur um Disziplin handelt wenn<lb/>
keine entsprechend harte Diskussion erfolgt, oder ob tatsächlich die<lb/>
Menschen sich mit der Preissteigerungsrate abgefunden haben und resignieren.<lb/>
Letzteres wäre deshalb für uns sehr angenehm, weil sich dann vielleicht<lb/>
auch dies bei den Wahlen nicht so negativ auswirken wird, als <rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs> und<lb/>
andere dies erwarten. Ich bin schon sehr gespannt, wie die nächste AEZ-<lb/>
Diskussion in diesem Punkt verlaufen wird.<lb/>
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            <head>Tagesprogramm, 19.9.1972</head>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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            <head>Tagesordnung, 40. Ministerratssitzung, 19.9.1972</head>
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               <occupation>Außenminister, Bundespräsident</occupation>
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               <occupation>MR, vmtl. FM [1971; genannt zusammen mit Waltersdorfer]</occupation>
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