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            <title type="main">Sonntag, der 25. Juni 1972 bis Dienstag, der 27. Juni 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_01">Sonntag bis Dienstag, 25.–27.6.1972<lb/>
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Vorbesprechung meiner Interventionen zu erkennen gegeben, dass<lb/>
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es schwer sein wird, mit <rs type="person" ref="#per__139771">Schumann</rs> ins Gespräch zu kommen. <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs><lb/>
hat die Franzosen wissen lassen, dass es in ihrem Ermessen liegt,<lb/>
ob sie eine solche Aussprache in Luxemburg wollen oder ob nicht doch<lb/>
erst beim Schumann-Besuch in Wien unsere Wünsche zur Sprache<lb/>
kommen sollen. Ich war mit dieser Vorgangsweise sehr einverstanden,<lb/>
weil zu erwarten war, dass die Franzosen wahrscheinlich auf die<lb/>
Interventionen sauerst reagieren werden. Ich glaube es gibt keinen<lb/>
einzigen Staat, der so viel letzten Endes doch immer wieder inter<lb break="no"/>veniert hat und seine Wünsche bei allen möglichen Gelegenheiten<lb/>
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Regierungsmitgliedern vorgetragen hat. Da die Widerstände von den<lb/>
Franzosen scheinbar allein ausgehen, kommen sie dadurch in eine<lb/>
wirklich ungünstige Verhandlungsposition. Ich sage deshalb<lb/>
scheinbar, denn ich bin überzeugt, dass jetzt viele einzelnen Inter<lb break="no"/>essensgruppen in anderen Staaten, die auf derselben Linie wie die Fran<lb break="no"/>zosen liegen, sich nur deshalb nicht melden, weil sie sagen, es ge<lb break="no"/>nügt vollkommen, wenn die Franzosen unsere und die Wünsche der anderen<lb/>
Nicht-Beitritts-Kandidaten ablehnen. Bei den Vorsprache ergab sich<lb/>
dann auch tatsächlich dieses Bild. Es gelang, im Laufe dieser zwei<lb/>
Tage, Montag und Dienstag, tatsächlich alle Aussenminister und vor<lb/>
allem deren Integrationsfachleute zu sprechen. Ich führe die<lb/>
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weiss, ob <rs type="person" ref="#per__126251">Hausberger</rs> resp. <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> ein diesbezügliches Protokoll<lb/>
anfertigen werden, was ich allerdings erwarte. Für mich überraschen<lb/>
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sollte. Da wir nur den luxemburgischen Aussenminister <rs type="person" ref="#per__134057">Thorn</rs>, der<lb/>
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Amt und den belgischen Botschafter<add>[Außenminister?]</add> <rs type="person" ref="#per__138869">Harmel</rs><add>[?]</add> in seiner Botschaft besuchten,<lb/>
die anderen aber am Tagesort in Kirchberg, hatte ich doch auch Gele<lb break="no"/>genheit, den franz. Aussenminister <rs type="person" ref="#per__139771">Schumann</rs> dort zu treffen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_03"><rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> war sehr überrascht, als wir diese Zusage des Treffens<lb/>
in Kirchberg während einer Sitzung von den Franzosen bekamen.<lb/>
Die Besprechungen am Kirchberg waren aber im wahrsten Sinne des<lb/>
Wortes turbulent. Als wir in der Früh vorfuhren, glaubten die an<lb break="no"/>wesenden Reporter, ich glaube, es waren einige Dutzend, sowie die<lb/>
Fernsehkameras und sonstige Aufnahmeteams, dass wir zu der Aussen<lb break="no"/>ministertagung dazugehören, stürzten sich sofort auf das Auto und<lb/>
auf uns, um zu erfahren Stellungnahmen über die Pfund.Krise und<lb/>
weiss Gott was sonst noch alles. Dies waren die ersten Enttäuschten,<lb/>
als sie erfuhren, dass wir überhaupt nicht dazugehören, sondern<lb/>
nur der österr. Handelsminister sei mit der Absicht, mit den an<lb break="no"/>deren Kollegen Gespräche zu führen, gekommen. Das Haus war so<lb/>
scharf bewacht, dass auch wir nicht sofort hineinkonnten, sondern<lb/>
vor der Tür warten musste, bis endlich dann ein Vertreter der italie<lb break="no"/>nischen Delegation kam, um uns zu sagen, einzulassen, da es scheinbar<lb/>
am Anfang nicht einmal mit einem speziellen Permit, d.h. mit einer<lb/>
speziellen Ausweiskarte möglich war. Interessant war, dass sich diese<lb/>
strenge Kontrolle innerhalb von einer stunde scheinbar geändert<lb/>
hatte, denn als wir das nächste Mal dann wiederkamen, konnten wir<lb/>
verhältnismässig leicht alle Passagen und alle Absperrungen passieren.<lb/>
Da die einzelnen Aussenminister mit ihren Integrationsfachleuten<lb/>
und ganz besonders mit ganzen lobbies erschienen waren, ergab sich<lb/>
eine ungeheures Gewurle bei einer einzelnen Delegation und für mich<lb/>
war es überraschend, dass sich trotzdem die Verantwortlichen Zeit<add>[genommen haben, um]</add><lb/>
mit uns zu reden. Es war sehr gut, dass wir das Memorandum wieder<lb/>
hatten, denn dadurch konnte ich mich auf die wichtigsten Punkte beschrän<lb break="no"/>ken und doch auf die Ausführungen des Memorandums verweisen. Meine<lb/>
Ausführungen beschränkten sich nur auf die zwei Forderungen oder<lb/>
Wünsche, die wir noch hatten, nämlich die sensiblen Produkte und<lb/>
die Landwirtschaftsproblematik. Alle anderen Wünsche hatte ich und<lb/>
mussten wir aus dem Memorandum weglassen und natürlich ganz be<lb break="no"/>sonders bei meinen Ausführungen. Ich glaube, nämlich, dass der<lb/>
Zeitpunkt gekommen ist, wo man nur mehr ein oder zwei höchstens drei<lb/>
Punkte versuchen sollte, durchzusetzen, weil es schwierig sein wird,<lb/>
selbst mit dieser eingeschränkten Forderung durchzukommen. Insbeson<lb break="no"/>dere wies ich ergänzend zu dem Memorandum auf die politische Si<lb break="no"/>tuation des Vertrages hin. Da die Bauern und die Unternehmer grössten<lb break="no"/>teils in der Opposition organisiert sind und wir einen Zweidrittel<lb break="no"/>mehrheit für den Vertrag im Parlament brauchen, müsste oder sollte<lb/>
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zustimmen kann. Darüber hinaus müsste der Vertrag so sein, dass<lb/>
die Unternehmer nicht allzu sehr dagegen polemisieren können und<lb/>
dies auch nicht tun, damit die SU nicht die Chance hat zusagen,<lb/>
dass selbst die österr. Kapitalisten mit dieser Vertragslösung unzu<lb break="no"/>frieden seien und damit die Argumentation der Russen sich bewahrheitet,<lb/>
dass wir einen schlechten Vertrag kriegen werden. <rs type="person" ref="#per__97652">Kossigyn</rs> hat mir<lb/>
bereits bei seinem Gespräch von 1 1/2 Jahren in Moskau eine solche<lb/>
Andeutung gemacht, die ich natürlich jetzt gegenüber den Aussen<lb break="no"/>ministern ins Spiel brachte. Ausser den Franzosen waren alle nicht<lb/>
nur zuvorkommend, sondern auch sehr wohlwollend unseren Wünschen<lb/>
gegenüber und meinte, sie würden sich dafür einsetzen. <rs type="person" ref="#per__139771">Schumann</rs> und<lb/>
der franz. Integrationsspezialist, dessen Namen ich vergessen haben,<lb/>
dagegen waren verhältnismässig sehr negativ. <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> war sehr erschüt<lb break="no"/>tert. Ich selbst hatte eigentlich nichts anderes erwartet und da ich<lb/>
überhaupt nicht Französisch verstehe, wahrscheinlich auch nicht die<lb/>
Härte der Ablehnung so mitgekriegt durch die Übersetzung von <rs type="person" ref="#per__126251">Haus<lb break="no"/>berger</rs> als dies <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs>, der sich dann unmittelbar auch in die<lb/>
Diskussion einschaltete, den Eindruck hatte. Ich verstand nur und<lb/>
wartete fast bei jeder Aussprache, die ich mit einem Franzosen habe,<lb/>
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tatsächlich ist es auch dann gefallen. Die Verhandlungstaktik in der<lb/>
EG ist ja auch unmöglich. Da die Aussenminister der Kommission in den<lb/>
seltensten Fällen ein Verhandlungspouvoir geben, muss die Kommission<lb/>
mit jeder Kleinigkeit in den Rat und bekommt dann kaum eine Chance,<lb/>
wirklich zu verhandeln, sondern in Wirklichkeit nur gute Briefträgerdien<lb break="no"/>ste zu erfüllen. Im selben Moment, wo das Mandat erteilt ist, weiss die<lb/>
Gegenseite, d.h. der Österreicher oder die anderen Staaten bereits,<lb/>
in welchem Umfang dies geschieht und kann sich auf die nächste Ver<lb break="no"/>handlungsrunde entsprechend einstellen. Da aber das Verhandlungsmandat der<lb/>
Kommission ziemlich beschränkt ist, gibt es auch in Wirklichkeit keine<lb/>
Verhandlungen, sondern nur ein technisches Heckmeck, um eine ent<lb break="no"/>sprechende Formulierung dem Mandatsauftrag entsprechend zu finden.<lb/>
Bei bilateralen Verhandlungen versucht man herauszubekommen, was<lb/>
die andere Seite wünscht und gibt dann in dem einen oder anderen Punkt<lb/>
nach und kann auch dann seine Wünsche teilweise durchsetzen. Bei<lb/>
multilateralen Verhandlungen versucht man, die hauptsächlichsten<lb/>
Gegner einer Idee mit entsprechenden Zugeständnissen zu gewinnen<lb/>
und kann man damit rechnen, dass die anderen sich damit abfinden<lb/>
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Verhandlungen geführt. Bei den Verhandlungen in Brüssel ist das<lb/>
eine unglückliche Mischung zwischen diesen beiden Verhandlungs<lb break="no"/>methoden, die man entwickeln kann, niemand kann dabei und weiss es<lb/>
im vorhinein, wie eine solche Situation und wie eine solche Verhandlung<lb/>
letzten Endes endet. z.B. hat man einmal Israel bei allen einzelnen<lb/>
sechs Staaten erklärt, jawohl, die Wunsch ist berechtigt und das würde<lb/>
man auch dann beim Ministerrat so beschliessen und dann war Israel umso<lb/>
mehr enttäuscht als eine einstimmige Ablehnung zustandekam. Sechs<lb/>
bindende Zusagen der einzelnen Staaten ergeben in der Summe dann noch<lb/>
nicht ein tatsächliches Ja.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_04">Die Verhandlungen wurde natürlich auch noch überschattet durch die<lb/>
Anwesenheit der Finanz- und Wirtschaftsminister wegen der Pfundkrise,<lb/>
wo die EG ebenfalls eine entsprechende Lösung anstrebt, die sie aller<lb break="no"/>dings nicht erreichte. Während des Sitzungsverlaufes, wo die Journa<lb break="no"/>listen die ganze Zeit die Sitzungssäle umlagern, fand <rs type="person" ref="#per__126251">Hausberger</rs> eine<lb/>
phantastische Methode, um doch etwas zu erfahren. Er hat mit den<lb/>
einzelnen Mitglieder der Delegationen insbesondere der Deutschen<lb/>
aber auch mit den Luxemburgern und den anderen ein so gutes Verhältnis,<lb/>
dass er einzelne untergeordnete Referenten herausruft und die sind<lb/>
bereit, ihn dann über Einzelheiten zu informieren. Ausserdem kennt er<lb/>
sehr viele Journalisten und bekommt auch von dieser Journalistenbörse<lb/>
die letzten Nachrichten, die allerdings meistens nur Gerüchte sind,<lb/>
die sich oft sehr widersprechen. Von Österreich ist dort zumindestens<lb/>
bei dieser Tagung <rs type="person" ref="#per__97417">Klaus Emmerich</rs> anwesend gewesen, der gleichzeitig<lb/>
auch seine Frau immer mitbringt, die die Tiroler Tageszeitung vertritt.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97417">Klaus Emmerich</rs> meinte, dass in seinen eigenen Redaktionen jetzt<lb/>
schon grosse Schwierigkeiten hat, das EG-Problem noch entsprechend unter<lb break="no"/>zubringen. Die Chefredakteure erwarten und insbesondere bei den Redak<lb break="no"/>tionsbesprechungen kommt dies zum Ausdruck, dass man doch jetzt nicht<lb/>
ununterbrochen über solche unwesentliche Details berichten könnte.<lb/>
Durch die Länge der Verhandlungen sind sie des Mitteilens müde und<lb/>
möchten in Wirklichkeit womöglich nur den Abschluss und zwar den<lb/>
positiven und die Unterzeichnungsformalitäten gross berichten. Da<lb/>
es ihnen auch nicht geglückt ist, ich weiss nicht, ob sie das auch<lb/>
erwarten, aber immerhin wäre es für sie ein guter Reisser, zwischen<lb/>
der Regierung und den Delegationsmitgliedern insbesondere der Inter<lb break="no"/>essensvertretungen der Handelskammer und der Landwirtschaft grössere<lb/>
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berichten zu können, so gibt auch diese Seite keinen Aufhänger.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_05">Während der Tagung erreichte mich ein Telefonanruf von <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs>, wo er<lb/>
mir mitteilt, dass die Handelskammer das erste Mal jetzt einen Protest<lb break="no"/>brief gestartet hat, weil wir, d.h. <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> mit der Kommission in<lb/>
Brüssel einen Gegenvorschlag für die Herabsetzung der Zölle für die<lb/>
sensiblen Produkte gemacht haben, die höher sind als die von der EG<lb/>
angebotenen 5 %. <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> und die anderen haben einstimmig beschlossen,<lb/>
dass wir mit 10 % Abbau beginnen wollen. Da wir von höheren Zöllen in<lb/>
Österreich mit dem Zollabbau anfangen, ergibt sich am Ende für die meisten<lb/>
Produkte trotzdem noch ein geringerer Zoll als dies bei den 5 % Abbau<lb/>
auf der EG-Seite der Fall ist. Darüber hinaus wollen wir uns müssen wir,<lb/>
um die Spiegelgleichheit nicht bis ins Letzte genau zu verlangen, ein<lb/>
solches Kompromiss vorschlagen, um vielleicht doch der Kommission<lb/>
die Möglichkeit zu geben, im Rat einen entsprechenden Beschluss herbei<lb break="no"/>zuführen, da es sich ja hier dann wirklich im keine Retorsion und<lb/>
keine Gleichmässigkeit sondern eben um einen anderen Vorschlag handelt,<lb/>
der nur gleichwertig sein sollte. Die Vertreter der Handelskammer waren<lb/>
bei dieser Sitzung dann schon abwesend, was den Vorschlag wieder rückgän<lb break="no"/>gig mache. Scheinbar kommt es der Handelskammer jetzt darauf an, auf<lb/>
die ÖVP-Taktik einzuschwenken. Die ÖVP möchte jetzt, da der Vertrag<lb/>
doch in kürzester Zeit ins Parlament kommen wird, entsprechende Kritik<lb/>
an den Vertragsteilen üben und daher braucht die Handelskammer glaube<lb/>
ich eine Absprungbasis. Ich versuchte sofort <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> zu erreichen,<lb/>
um mit ihm über die neue politische Linie der ÖVP aber ganz besonders<lb/>
natürlich der Handelskammer zu sprechen. Wenn sich die Handelskammer<lb/>
in diesen Punkten ebenfalls in die Reihen der ÖVP-Opposition einreiht,<lb/>
dann werde und muss ich natürlich daraus Konsequenzen ziehen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_06">Bei der Ankunft in Wien wurde ich vom Rundfunk gefragt, was ich machen<lb/>
würde, wenn keinerlei weitere Zugeständnisse mehr zu erreichen wären,<lb/>
ob ich dem Vertrag so zustimmen könnte, wie er jetzt vorliegt.<lb/>
Ich bin zwar innerlich überzeugt, dass ich dies mit ruhigem Gewissen<lb/>
machen kann, habe aber natürlich diese Frage nicht beantwortet, sondern<lb/>
ausweichend erklärt, dass sich darüber wird dann die Regierung unter<lb break="no"/>halten müssen. Eine jede vorzeitige Ankündigung unserer Politik müsste<lb/>
nämlich der Opposition neuerlich Material geben, dass wir bereits die<lb/>
Verhandlungen als positiv abgeschlossen betrachten und damit unserer Ver<lb break="no"/><pb n="11-0808" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-06-25_1972-06-27_0808.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>handlungsdelegation in den Rücken fallen, die noch weitere Wünsche<lb/>
durchsetzen soll und vielleicht auch wird. Da die Kommission einen<lb/>
sehr beschränkten Verhandlungszeitraum, nämlich bis 7. Juli nur<lb/>
zugestanden bekommen hat, müsste bis zu diesem Zeitpunkt auch tatsäch<lb break="no"/>lich unsere Verhandlung zwischen Wien und Brüssel abgeschlossen sein.<lb/>
Die offenen Punkte würden dann, wenn notwendig, in einem ao. Ministerrat<lb/>
der EG zur Sprache kommen und dort entschieden werden. Ich zweifle nicht,<lb/>
dass dieser ao. Ministerrat notwendig sein wird, glaube sogar, dass<lb/>
es allerdings dort rein technisch nicht möglich sein wird, dass dies<lb/>
am 9., 10. bereits der Fall ist. Der normale Ministerrat am 19.7. soll<lb/>
dann bereits den Vertrag endgültig fixieren und am 20. soll die Unter<lb break="no"/>zeichnung erfolgen. Da der EG-Vertrag von der Kommission gefertigt werden<lb/>
kann, aber der EGKS-Vertrag von allen sechs Aussenministern, müsste<lb/>
dies eben bei einer Ministerratstagung in Brüssel der Fall sein.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_07">Gleichzeitig laufen in Luxemburg auch die Verhandlungen über das Europä<lb break="no"/>ische Patentamt. Österreich ist mit einer fünfköpfigen Delegation dort ver<lb break="no"/>treten. Die Vorberatungen aber haben bereits gezeigt, dass Österreich<lb/>
mit seinem Wunsch, ausser dem europ. Patentamt mitzumischen, auch<lb/>
noch im Rahmen des PCT als internationales Research-Büro anerkannt<lb/>
zu werden, gewöhnliches, reines Wunschdenken ist. Der Vorsitzende<lb/>
der Europ. Patentamtskommission, wo die Verhandlungen jetzt geführt<lb/>
werden, der Deutsche <rs type="person" ref="#per__139982">Haertel</rs> hat scheinbar vor längerer Zeit schon<lb/>
zu erkennen gegeben, dass Deutschland sich dem franz. Wunsch beugt<lb/>
und dem Europ. Patentamt den Vortritt gibt. Schweden hat sich seine<lb/>
Stellung in geschickt geführten bilateralen Verhandlungen auf Grund seiner<lb/>
sprachlichen Situation gesichert. Schweden hat die Zusicherung erhalten,<lb/>
dass es für die nordischen Staaten als der entsprechende Staat für die<lb/>
Patente gelten wird. Den Haag hat sich mit dem internationalen Patent<lb break="no"/>institut seine entsprechende Einflussmöglichkeit gesichert und München<lb/>
von der BRD wird überhaupt als das deutsche Patentamt für das europ.<lb/>
Patentamt umgebaut und ausgebaut. Nur Österreich, das bedeutende vierte<lb/>
Patentamt in Europa geht bei diesem Vertrag vollkommen unter. Wieweit<lb/>
hier eine Schuld bei österr. Verhandlungsführung insbesondere Präs.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98012">Thaler</rs> liegt, kann ich nicht beurteilen. Es wird allerdings behauptet,<lb/>
dass er sich selbst in seine solche unglückselige Lage hineinmanövriert<lb/>
hat, weil er viel zu wenig zeitgerecht aktiv wurde und vor allem das Problem<lb/>
gar nicht erkannt hat. Da die Franzosen die Amerikaner von dem europ.<lb/>
Patentgebiet womöglich abhalten wollen, wird der PCT-Vertrag und die<lb/>
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kommen. Das europ. Patentamt schliesst nämlich eine PCT-Behörde<lb/>
als eventuell zweite Möglichkeit für uns glattwegs aus. Entweder<lb/>
man ist Mitglied des europ. Patentamtes oder man ist draussen. Da<lb/>
auch die Schweiz sich endgültig dazu entschlossen hat, beim europ.<lb/>
Patentamt mitzuwirken, ergibt sich für uns aussenpolitisch schon gar<lb/>
keine andere Möglichkeit, als dem auch beizutreten. Eine Rücksprache<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> ergab, dass wir äusserstenfalls uns der Stimme ent<lb break="no"/>halten können und auf gar keinen Fall gegen die entsprechende Vorschläge<lb/>
der Kommission in Luxemburg stimmen könnten. Ob Österreich dem europ.<lb/>
Patentamt beitritt oder nicht, ist für die Beschäftigten im österr.<lb/>
Patentamt längerfristig ganz egal. Es wird auf alle Fälle eine wesent<lb break="no"/>liche Reduzierung der Patentanmeldungen in Österreich zu verzeichnen<lb/>
sein. Niemand wir deutschsprachige Patente in Österreich anmelden,<lb/>
wie dies jetzt immerhin bei 9.000 Fälle im Jahr noch zutrifft, sondern<lb/>
selbstverständlich sofort das Europa-Patent in München anstreben. Da<lb break="no"/>durch wird der Umfang der österr. Patenttätigkeit auf ein Viertel in<lb/>
15 Jahren solange wird die Übergangszeit in Aussicht genommen, reduziert<lb/>
In Wirklichkeit hätte man in den vergangenen Jahren, um nicht zu<lb/>
sagen, Jahrzehnten von Seiten des österr. Patentamtes einen solchen<lb/>
weg zeitgerecht erkennen müssen und entsprechende Gegenmassnahmen<lb/>
einzuleiten. Die einzige Lösung, die ich jetzt sehe, ist, dass man<lb/>
noch für die österr. Seite so schnell wie möglich Zusicherungen<lb/>
z.B. über das Weltdokumentationszentrum für Patente oder für sonstige<lb/>
Vorteile Österreichs bei dieser Gelegenheit eintauschen und aushandeln<lb/>
sollte. Österreich kann es sich nicht leisten, neben einem europ.<lb/>
Patentamt dann als einziger Staat in Europa noch zu bestehen, der<lb/>
nicht diesem europ. Patentamt beigetreten ist. Wenn wir nämlich jetzt<lb/>
uns nicht dazu entschliessen, wird es für uns nur noch schwieriger,<lb/>
um nicht zu sagen noch teurer kommen, wenn wir später einmal dem<lb/>
europ. Patentamt beitreten, was uns ja sicherlich nicht erspart<lb/>
bleiben kann.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_08">Botschafter <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> nützte die Gelegenheit, um mir in Luxemburg<lb/>
auch seine privaten Sorgen, wie er sich ausdrückte, mitzuteilen.<lb/>
Er hat bei seinem letzten Besuch in Wien auch mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> ge<lb break="no"/>sprochen und dieser hat ihm mitgeteilt, dass ich beabsichtige, <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs><lb/>
nach Ende der Vertragsverhandlungen dem Aussenamt wieder zur Verfügung<lb/>
zu stellen. <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> meint nun, dass dies für ihn ein furchtbarer priva<lb break="no"/><pb n="11-0810" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-06-25_1972-06-27_0810.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>ter Schlag sei. In Zwei Jahren gehe er in Pension und <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs><lb/>
hätte ihm mitgeteilt, dass er keine Mission und auch in Wien<lb/>
keine entsprechende Tätigkeit für ihn hat, sodass er eigentlich sich<lb/>
frühzeitig pensionieren lassen müsste. Ich selbst erwiderte, dass<lb/>
ich ja von ihm gehört hätte, dass er gerne einen anderen Posten mit<lb/>
seiner jetzigen Tätigkeit tauschen möchte. Dies konnte er nicht ab<lb break="no"/>streiten und hat nur gemeint, er hätte in dem jetzt durchgeführten<lb/>
Revirement gehofft, dass er auf einen entsprechend interessanten<lb/>
Posten zum Abschluss noch kommen könnte. Am liebsten wäre ihm glaube<lb/>
ich China gewesen. Er verwies darauf, dass ich doch immer erklärt<lb/>
hätte, mit seiner Arbeit sehr zufrieden zu sein und er möchte dieses<lb/>
Werk doch bis zu seiner Pensionierung zu Ende führen. Allerdings habe<lb/>
ich entnommen, dass er zumindestens sehr froh wäre, wenn er nicht<lb/>
unmittelbar nach Vertragsabschluss, d.h. im Juli bereits von mir dem<lb/>
Aussenamt zurückgegeben wird. Ich selbst erwiderte, dass an das<lb/>
überhaupt nicht gedacht sei, sondern, dass nur mein Haus sehr darauf<lb/>
drängt, dass wir die wichtigsten Auslandsposten doch immer mit<lb/>
anderen Ressorts besetzen, ohne den Namen <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> zu erwähnen,<lb/>
sagte ich nur, dass der Druck auf diese Posten von unsrem Hause<lb/>
sehr gross ist. Menschlich gesehen ist es natürlich für <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs><lb/>
jetzt sehr schwer und von mir aus gesehen auch wirklich äusserst pein<lb break="no"/>lich. <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> hat sich mir gegenüber als sehr loyaler Beamter gezeigt<lb/>
und entwickelt wirklich Aktivitäten, die man ansonsten von Aussen<lb break="no"/>amtsbeamten, insbesondere in den Botschaften nicht bei allen fest<lb break="no"/>stellen kann. Ich hatte <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> keinerlei Zusagen gemacht, sondern<lb/>
nur erklärt, dass ich das ganze Problem jetzt unter einem neuen<lb/>
Gesichtspunkt, nämlich, dass er nicht weg will, sehe, und darüber<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> Besprechungen aufnehmen werde. Ich hoffe, dass<lb/>
es <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> gelingt, kraft seiner guten Beziehungen zum Aussenamt und<lb/>
vor allem wegen seiner jahrelangen Tätigkeit dort, eine Lösung<lb/>
zu finden, die wirklich auch für <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> erträglich ist. Bevor<lb/>
ich nämlich mit <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> über dieses Problem im Detail reden<lb/>
möchte, wäre es gut, wenn wir einen diesbezüglichen Ausweg ent<lb break="no"/>sprechend im Aussenamt mit den uns nahestehenden Beamten vorbereitet<lb/>
hätten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-25_09">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Bitte entsprechenden Ausweg suchen.<lb/>
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               <occupation>Sekr. JS, ab 1973 GF VKI</occupation>
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               <occupation>öst. Botschafter EWG</occupation>
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               <occupation>Sektionschef HM, Diplomat, Verteter bei der EG</occupation>
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               <occupation>1970-1973 Büro Staribacher, SPÖ-NR-Abg., stv. Vors.
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               <occupation>frz. Außenmin. bis 1973</occupation>
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               <occupation>Präsident der Europäischen Kommission</occupation>
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               <occupation>Gesandter d. österr. Mission bei d. EWG in Brüssel</occupation>
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