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            <title type="main">Donnerstag, der 15. Juni 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_01">Donnerstag, 15. Juni 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_02">Bei der Sitzung mit den Genossinnen und Genossen über die zu<lb/>
gründende Konsumentenliga stellte sich heraus, dass überhaupt<lb/>
niemand für einen eigenen Verein war. Selbst <rs type="person" ref="#per__137127">Hella Hanzlik</rs><lb/>
fürchtete, dass hier die Aktion "Die Frau und ihre Wohnung" und<lb/>
die Aktivität, die sie soz. Frauen entwickeln wollten, an Selbständig<lb break="no"/>keit verlieren und meinte deshalb, sowie der ÖGB, die AK und die<lb/>
Konsumgenossenschaften, dass eine Vereinsgründung unzweckmässig<lb/>
sei. <rs type="person" ref="#per__133397">Heinz Brantl</rs> entwickelte ein Konzept, welches für Plakate 1,5<lb/>
bis 2 Mill. für Inserate, welche die LINTAS machen sollte, 3 Mill.<lb/>
und für Television und Rundfunk 2 Mill. S, d.h. insgesamt minde<lb break="no"/>stens 7 Mill. S als Finanzaufwand in Rechnung stellen muss. 2 Mill.<lb/>
hat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> vom Budget, d.h. vom Bund aus zugesagt, sodass noch<lb/>
5 Mill. zu finanzieren blieben. Gen.Sekr. <rs type="person" ref="#per__97727">Marsch</rs> glaubt oder wollte<lb/>
doch die Gewerkschaften und Genossenschaft und insbesondere auch<lb/>
die Arbeiterkammer davon überzeugen, dass dieser Betrag aufgebracht<lb/>
werden müsste und dass sie einen wesentlichen Anteil dazuschiessen<lb/>
sollten. Weder <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs> vom ÖGB noch <rs type="person" ref="#per__134822">Reichard</rs>, AK, aber auch nicht<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97505">Haberl</rs> von der Konsumgenossenschaft waren bereit, eine bindende<lb/>
Zusage zu machen. Im Gegenteil, sie erklärten rundwegs, dass sie<lb/>
für dieses Problem nicht zuständig seien, was auch wirklich stimmt.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> entwickelte einen Plan, wie man einen kleinen Apparat in den<lb/>
Bundesländern und einen zentralen aufbauen müsse. Er veranschlagte<lb/>
dafür 900.000 S Personalaufwand und 400.000 S Sachaufwand, aber auch<lb/>
hier zeigte sich klar und deutlich, dass niemand bereit war, hier die<lb/>
notwendigen Mittel zuzuschiessen. Ich selbst gebe und gab mich keiner<lb/>
Illusion hin, dass man eben mit dem derzeitigen Zustand mehr oder<lb/>
minder rechnen muss und habe deshalb hauptsächlich darauf hinge<lb break="no"/>arbeitet, dass eine Koordinationsstelle geschaffen werden muss.<lb/>
Ein kleines Komitee sollte und soll deshalb die Aktionen der einzelnen<lb/>
Gruppen koordinieren und wenn irgendwie möglich, einheitlich gestal<lb break="no"/>ten. Wenn der ÖGB jetzt eine grosse Fragebogenaktion starten lässt,<lb/>
die sich im Jänner dann wiederholen soll, so ist damit eine gewisse<lb/>
Grundlinie und Richtung gelegt. Der ÖGB überlegt noch immer, ob er die<lb/>
Antworten EDV-mässig verarbeiten will und kann. In einem solchen Fall<lb/>
könnte man vielleicht mit Sichtlocher arbeiten und ich ersuchte <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs>,<lb/>
dass er damit unbedingt bei der Fragebogenerstellung <rs type="person" ref="#per__133326">Krämer</rs><lb/>
<pb n="11-0742" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-06-15_0742.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>von der Arbeiterkammer einschalten soll. Dieser dann aufzulegende Frage<lb break="no"/>bogen müsste auch von der Frauenorganisation übernommen werden, um eine<lb/>
einheitliche Auswertung zu gewährleisten. Die Aktivitäten, welche dann<lb/>
in den Ländern und in Wien letzten Endes auch entwickeln werden, könnte<lb/>
dem Apparat zeigen, dass doch etwas geschieht. Darüber hinaus ist eine<lb/>
solche Aktivität wichtig, da die Unternehmer das Gefühl haben werden, sie<lb/>
werden von einer grossen Anzahl von Menschen beobachtet. Natürlich kommt es<lb/>
dann darauf an, ein gewisses Erfolgserlebnis der doch immerhin grossen<lb/>
Masse von Funktionären zu geben. Hier hat <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> vollkommen recht, dass<lb/>
in der Zentrale oder in den Bundesländern dann Organisationen vorhanden<lb/>
sein müssen, die eine gewisse Interventionstätigkeit durchführen oder<lb/>
zumindestens vortäuschen. In de einen oder anderen Fall wird es dann<lb/>
sicherlich zu einem Erfolg oder zumindestens Teilerfolg kommen und dies<lb/>
könnte dann für die Gruppe von grösster Bedeutung sein. <rs type="person" ref="#per__133397">Brantl</rs> möchte dann<lb/>
darüber hinaus, dass eine Art Feinderlebnis entsteht, dass man die Kontroll<lb break="no"/>organe und hinter ihnen stehenden Organisationen das Gefühl gibt, jetzt<lb/>
kämpfen sie gegen die Hyänen der Wirtschaft, die sie übervorteilen wollen.<lb/>
Diese letztere Möglichkeit halte ich nicht sehr viel, da sie mir unwahr<lb break="no"/>scheinlich ist und vor allem nicht von der österr. Bevölkerung und Mentali<lb break="no"/>tät wirklich verlangt wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_03">Bei dieser Gelegenheit kam intern dann für uns auch das Problem <rs type="person" ref="#per__115020">Welser</rs> ins<lb/>
Gespräch. <rs type="person" ref="#per__115020">Welser</rs> selbst hat vielleicht und auch <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> unterstützt ihn in<lb/>
dieser Hinsicht, angenommen, nachdem sich seine private Möglichkeit zer<lb break="no"/>schlagen hat, er könnte bei der neu zu gründenden Organisation die Stabs<lb break="no"/>stelle oder zentrale Leitung übernehmen. Ob und inwieweit eine solche<lb/>
Möglichkeit wirklich real ist, kann ich derzeit nicht beurteilen, ich würde<lb/>
aber doch annehmen, eher nein. Ich versuchte deshalb <rs type="person" ref="#per__115020">Welser</rs> davon zu über<lb break="no"/>zeugen, dass er auch in seiner jetzigen Tätigkeit für uns unentbehrlich<lb/>
ist. Mit gutem Recht konnte ich darauf hinweisen, dass Komm.Rat <rs type="person" ref="#per__134842">Ebner</rs> von<lb/>
der Handelskammer Wien sehr bedauern würde, wenn er uns verlässt. <rs type="person" ref="#per__115020">Welser</rs><lb/>
wird sich noch alles überlegen, doch habe ich das Gefühl, dass wir ihn<lb/>
ohne weiteres halten können. Als ich <rs type="person" ref="#per__134842">Ebner</rs> bei der Industriellenvereini<lb break="no"/>gung dann mitteilte, dass es vielleicht möglich ist, ihn zu behalten,<lb/>
war dieser sehr erfreut und erklärte, er sei ein tüchtiger Mann, aber sehr<lb/>
objektiv und fleissig und er würde es tief bedauern, wenn er tatsächlich<lb/>
verloren ginge.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_04"><rs type="person" ref="#per__97727">Marsch</rs> und ich berichteten <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> über diesen Sitzungsverlauf und dieser<lb/>
war nicht sehr entzückt, als er erfuhr, dass gar keine Institution in<lb/>
<pb n="11-0743" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-06-15_0743.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>einem solchen, von ihm inspirierten Verein gehen will. Vor allem erschüt<lb break="no"/>terte ihn, dass niemand bereit ist, diese Millionen zur Verfügung zu<lb/>
stellen. Er erinnerte sich jetzt, dass im Gegenteil der ÖGB erwartet,<lb/>
dass die Millionen die er, der Gewerkschaftsbund, für die Konsumenten<lb break="no"/>information aufwenden, eigentlich vom Bund ersetzt werden müssten. <rs type="person" ref="#per__97727">Marsch</rs><lb/>
meinte, um der ÖVP Paroli bieten zu können und deren Aktionen, die zu<lb/>
erwarten sind und von der Handelskammer finanziert werden, entgegenzutre<lb break="no"/>ten, müssten diese 7 Millionen unter allen Umständen aufgebracht werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_05">Die Fleischindustrie, der Obmann und der Sekretär <rs type="person" ref="#per__140053">Libera</rs> vom Nahrungs-<lb/>
und Genussmittelverband, kamen, um mir auseinanderzusetzen, dass sie<lb/>
die Preiserhöhung von 10,8 % dringend benötigen. Erst jetzt trifft ein<lb/>
Teil des importierten Fleisches von Übersee ein und wird höchstens ein<lb/>
Tropfen auf einen heissen Stein sein. Da sie in der letzten Preisunter<lb break="no"/>ausschussitzung in der Paritätischen Kommission überhaupt kein Gegenan<lb break="no"/>gebot bekommen haben, erklärten sie mir jetzt, am nächsten Montag wären<lb/>
sie bereit, eine 8 %-ige Erhöhung ebenfalls gerne zu akzeptieren.<lb/>
Sie fürchten scheinbar doch mehr die zu erwartende Preisregelung als sie<lb/>
nach aussenhin immer zeigen. Ich versprach nichts anderes, als mit den<lb/>
Vertreter der AK, des ÖGB zu sprechen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_06">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Bitte <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> und <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs> mitteilen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_07">Der ÖAMTC erschien, um mir seine Klubgabe 1973 zu überreichen. Bei dieser<lb/>
Gelegenheit wies er auf seine Leistungen im Dienste der Verkehrserzie<lb break="no"/>hung und -sicherheit hin. Ich versicherte ihm neuerdings, dass ich nur im<lb/>
engsten Einvernehmen mit Kraftfahrverbänden in allen Fragen des Strassen<lb break="no"/>verkehrs vorgehen werde. Ich bemerkte so nebenbei, dass MMM jetzt die<lb/>
Aktion "Rückstrahlende Kennzeichen" starten will und ich ohne ÖAMTC<lb/>
keine weiteren Schritte unternehmen werde. Der ARBÖ, erwiderte, sei näm<lb break="no"/>lich in der Besprechung durch Abgeordneten <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs> vertreten gewesen. Mit<lb/>
dieser Bemerkung wollte ich dokumentieren, dass nicht vielleicht <rs type="person" ref="#per__97437">Fiedler</rs><lb/>
oder gar <rs type="person" ref="#per__97515">Hanreich</rs> die Interessen des ÖAMTC wahrnehmen müssen, sondern<lb/>
dass ich als Minister dies entsprechend tue und tun werde. Der Vertreter<lb/>
der Fa. Swarovski in Wien, der im Nationalrat mit <rs type="person" ref="#per__98010">Teschl</rs> als dem Ge<lb break="no"/>werkschaftssekretär zusammenkam, machte mich darauf aufmerksam, dass<lb/>
sie jetzt ein System Rückstrahlung entwickeln haben, wo nicht eine ge<lb break="no"/>setzliche Regelung – nämlich wie jetzt weiss auf schwarz, sondern<lb/>
schwarz auf weiss – dann notwendig sei. Sie hätten ein System entwickelt,<lb/>
<pb n="11-0744" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-06-15_0744.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>das wesentlich billiger als der MMM-System käme und würden gerne<lb/>
die Genehmigung von uns erhalten, diese Tafeln auch herstellen zu<lb/>
können. Hofrat <rs type="person" ref="#per__140054">Weinmann</rs>, Pol.Dion Wien, soll sehr begeistert sein.<lb/>
Ich verwies ihn an Min.Rat <rs type="person" ref="#per__134300">Metzner</rs>, der als Gruppenleiter hier die<lb/>
notwendigen Entscheidungen oder Vorarbeiten besser leisten wird.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__134821">Kammerhofer</rs> soll nämlich angeblich dagegen sein. Ich kann mir sehr<lb/>
gut vorstellen, dass jetzt ein Kokurrenzkampf zwischen MMM und Swarovski<lb/>
beginnt. Vielleicht ist damit die Einladung von MMM für die Abgeordneten<lb/>
nach Amerika zu kommen zu erklären. Ich werde hier sehr achten müssen,<lb/>
damit nicht subjektive Einflüsse und Methoden, wie sie heute in anderen<lb/>
Staaten gang und gäbe sind auch bei uns einreissen. Keine Firma darf<lb/>
bevorzugt werden, sondern es muss die faire Konkurrenzmöglichkeit für<lb/>
alle aufrechterhalten bleiben.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_08">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Entsprechenden Bericht nach Prüfung durch <rs type="person" ref="#per__134300">Metzner</rs><lb/>
anfordern.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_09">Die Diskussion mit unserer Jugendgruppe der Lebensmittelarbeiter war<lb/>
äusserst harmlos. Sie haben noch scheinbar einen ungeheuren Respekt<lb/>
vor dem Obmann der Organisation und ganz besonders natürlich vor einem<lb/>
Minister. Sie stellten sachliche Fragen und überhaupt keine politisch<lb/>
aggressiven Themen kamen zur Sprache. Ein einziger meinte während der<lb/>
Diskussion – auf Vietnam anspielend – ob dies nicht vielleicht ein zu<lb/>
heisses Eisen sei, als er um die Stellungnahme der Bundesregierung zu<lb/>
diesem Problem ersuchte. Da unser Jugendsekretär <rs type="person" ref="#per__117853">Demler</rs> ihnen diesen<lb/>
Respekt nehmen wollte, meinte er, es sei sehr erfreulich, dass<lb/>
man jetzt mit einem Minister diskutieren soll und kann, aber dass er<lb/>
doch auch nur ein Mensch sei. Ich kam ihnen insoferne noch entgegen,<lb/>
dass ich erklärte, als ich so jung war wie sie, wie ich in Buchenwald<lb/>
Minister im Nachthemd gesehen habe, seit dieser Zeit erkannt habe,<lb/>
dass sie auch nur Menschen sind und sie sollten sich ruhig auch nach diesem<lb/>
Gesichtspunkt orientieren. Trotzdem war diese Diskussion äusserst diszipli<lb break="no"/>niert und in gar keinem Verhältnis zu den Diskussionen, die ich im<lb/>
AEZ oder sonst wo zu bestreiten habe.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_10">Die Diskussion im Parlament über die Mehrwertsteuer als einzigen<lb/>
wichtigen Punkt zog sich ungeheuer in die Länge. Zuerst rechneten man<lb/>
dass mindestens 30 Redner das Wort ergreifen würden. Ich selbst war<lb/>
aber überzeugt, dass um 10 Uhr Schluss sein wird, weil die Abgeordneten<lb/>
nach Hause fahren wollen. Tatsächlich wurden dann so viele Redner<lb/>
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liess dann für die einzelnen Redner Unterlagenmaterial über die Mehr<lb break="no"/>wertsteuerauswirkungen verteilen. Für mich war ganz besonders interessant<lb/>
seine Berechnungen über die zu erwartenden Auswirkungen auf den Lebens<lb break="no"/>haltungskostenindex. Jetzt weiss ich auch, wie er zu der Behauptung kommt,<lb/>
dass der Lebenshaltungskostenindex auf dem Ernährungssektor ein mindestens<lb/>
0,7 %-ige Verbilligung erbringen müsse. Er hat den 8 %-igen Mehrwert<lb break="no"/>steuersatz, der ausser auf den Getränke in Hinkunft auf Lebensmitteln<lb/>
angewendet wird, eine entsprechende geschätzte Vorbelastung gegenüberge<lb break="no"/>stellt. Diese geht bei Fleisch- und Wurstwaren bis zu 13 %. Dadurch errech<lb break="no"/>net er eine 5 %-ige Verbilligung. Interessant ist aber, dass er bei geschätz<lb break="no"/>tem Vorsteuerabzug von 5 % bei z.B. Semmelbrösel, Topfengolatschen, Schnitten,<lb/>
Schlagobers, <choice><choice><sic>Mareis</sic><corr>Maresi???</corr></choice></choice> Bohnen, Zuckererbsen, Pflaumen, Erbsen, Konserven,<lb/>
Suppenpulver, Bienenhonig, Marillenmarmelade, Vollmilchschokolade, Rosinen<lb/>
Salz und Essig, Kakao, wo er ebenfalls einen 8 % Mehrwertsteuersatz hat,<lb/>
wo bei 12 % Vorbelastung ebenfalls eine 5 %-ige Preissenkung annimmt. Diese<lb/>
Ungereimtheiten zeigen mir klar und deutlich, dass es sich hier um eine<lb/>
sehr oberflächliche Arbeit handelt. Ich will aber dem Autor dieser Über<lb break="no"/>legungen nicht Unrecht tun, vielleicht hat er da die entsprechenden Er<lb break="no"/>klärungen fehlen, für mich gibt es keine Möglichkeit sie zu prüfen, andere<lb/>
Annahmen als auch momentan auf Grund der vorgelegten Blätter ergeben. Ich<lb/>
werde versuchen mit Hilfe von <rs type="person" ref="#per__111737">Marsch</rs> die Überlegungen des Autors zu er<lb break="no"/>fahren und die Unterlagen zu bekommen. Ähnliches Unterlagenmaterial wurde<lb/>
auch für die Investitionssteuer geliefert.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_11">Ich hab wieder Besuch von Bulgarien bekommen und dieser Mann aus dem<lb/>
zentralen Export der Aussenhandelsorganisation, vielleicht auch<lb/>
Handelsministerium, versuchte, mit mir die offenen Fragen der Meistbe<lb break="no"/>günstigung in dem neu zu schaffenden Vertrag zu klären. Ich hoffe, ich<lb/>
konnte ihn überzeugen, dass wir die Bestimmung, wonach die Meistbe<lb break="no"/>günstigung nicht für Präferenzabkommen wie Freihandelszonen usw. gelten<lb/>
könne, eine Besonderheit im bulg.-österr. Handelsvertrag ist, sondern,<lb/>
dass wir diese schon im sowjetischen Vertrag aufgenommen haben. Ein Hin<lb break="no"/>weis, dass Schweiz und Schweden dies nicht verlangte, konnte ich ihm so<lb/>
erklären, dass man dort annimmt, dass im Rahmen des GATT eine solche<lb/>
Ausnahme automatisch gegeben ist und deshalb wahrscheinlich die Schweden<lb/>
und die Schweizer nicht auf eine expressis verbis-Lösung in dem Handels<lb break="no"/>vertrag drängten. Er hat dann zugegeben, dass es sich hier um einen zu<lb break="no"/>sätzlichen Briefwechsel handelt. Bei den zollähnlichen Abgaben wollte<lb/>
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Massnahmen gegenüber allen Staaten handeln kann. Ich sagte ihm zu,<lb/>
dass wir ebenfalls darüber einen Briefwechsel bei den Verhandlungen<lb/>
in Sofia machen können. Am Abend bei der Industriellenvereinigung traf<lb/>
ich Min.Rat <rs type="person" ref="#per__97426">Fälbl</rs> und erzählte ihm sofort diese Aussprache. <rs type="person" ref="#per__97426">Fälbl</rs> meinte,<lb/>
natürlich könnten sie einen solchen Briefwechsel ohne weiters haben, da<lb/>
er ja nichts anderes aussagt, als wir tatsächlich handhaben wollen. Wegen<lb/>
des Namens und der Funktion des bulg. Funktionärs wird er sich mit<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97356">Blecha</rs> ins Einvernehmen setzen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_12">Die Veranstaltung der Industriellenvereinigung war bummvoll, obwohl es<lb/>
schon sehr spät war, als ich endlich hinkommen konnte. Der neue Präsident<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97581">Igler</rs> gab sich sehr aufgeräumt und fragte insbesondere, was ich zur<lb/>
Papierlösung sage. Ich gab ihm zwar zu verstehen, dass ich zwar nicht<lb/>
beleidigt bin, aber noch immer nicht die Unterlagen gekommen hatte.<lb/>
In Wirklichkeit hat mir <rs type="person" ref="#per__98010">Teschl</rs> heute im NR das erste Mal eine Teil<lb break="no"/>studie und Forderungsprogramm: Förderung der Papierindustrie über geben.<lb/>
Hier handelt es sich um einen Entwurf für ein Papier Industrieförderungs<lb break="no"/>gesetz 1972, welches ähnlich dem Mühlengesetz durch eigene Umlagen<lb/>
Mittel aufbringen soll, um die Papierindustrie zu sanieren. Da die gesunden<lb/>
Unternehmungen aber nichts für die kranken und stillzulegenden aufbringen<lb/>
wollen, bin ich nicht ganz sicher, ob die Papierindustrie wirklich letzten<lb/>
Endes dieses Konzept vertreten wird. Auf alle Fälle ist dies ein Bruchteil<lb/>
nur von der langen Studie, die über 500 Seiten, wie ich aus einem Index ent<lb break="no"/>nehmen konnte, haben wird. <rs type="person" ref="#per__98010">Teschl</rs> und ZS der Neusiedler NR sind der<lb/>
Meinung, dass <rs type="person" ref="#per__114599">Turnauer</rs> die Schlöglmühl-Fabrik die nächste Woche schliessen<lb/>
wird. Auch Weissenbach sollte doch vor dem Sommer stillgelegt werden.<lb/>
wenn nicht das Handelsministerium über den Finanzminister erreicht, dass<lb/>
6 Mill. S Verlustabdeckung der Neusiedler gegeben werden. Ich erklärte<lb/>
rundweg, dass ich ausserstande bin, einen solchen Betrag zur Verfügung<lb/>
zu stellen. Die Gewerkschaft resp. der Betriebsrat beabsichtigen neuerdings<lb/>
die Wirtschaftskommission anzurufen. In diesem Fall werden wir darauf hinwei<lb break="no"/>sen, dass das Ministerium ursprünglich angeregt hat, man möge ein entspreche<lb/>
des Konzept für die Papierindustrie entwickeln, die Verhandlungen dann<lb/>
zwischen Gewerkschaft und Industrie stattgefunden haben, das Handelsmini<lb break="no"/>sterium aber ausgeschaltet wurde. Ich glaube, dass es ganz zweckmässig<lb/>
wäre, in der Öffentlichkeit damit zu dokumentieren, dass es eben ohne<lb/>
das Handelsministerium scheinbar keine befriedigenden Lösungen gibt und<lb/>
geben kann.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-06-15_13">Bei der Stahllösung, so erzählte mir <rs type="person" ref="#per__97581">Igler</rs>, sei das Unmöglichste<lb/>
Konzept in Diskussion. Die Direktoren hätten sich mit Zustimmung<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__97470">Geist</rs> geeinigt, dass man eine Fusion zwischen VÖEST, Böhler und<lb/>
Schoeller-Bleckmann auf der einen Seite und auf der anderen Seite<lb/>
die Alpine, so wie sie jetzt ist, aufrechterhalten sollte. Er gäbe<lb/>
zu, dass dieser Vorschlag der landsmannschaftlichstee ist, dass er<lb/>
aber andererseits sicherlich zumindestens nach dm ersten Eindruck bei<lb/>
mir nicht ideal wirtschaftlichste ist. Böhler und die VÖEST streben<lb/>
natürlich eine solche Lösung an, weil sie in diesem Fall nur die kran<lb break="no"/>ke Schoeller-Bleckmann mitnehmen und vielleicht sanieren müssen, aber<lb/>
die noch viel krankere Alpine bleibt dann draussen und muss sehen,<lb/>
wie sie durchkommt. <rs type="person" ref="#per__114138">Walter Brauneis</rs>, der ZBO der VÖEST, charakterisiert<lb/>
die Schwäche der Alpine, dass sie insgesamt nur für 75 Mill. Sozial<lb break="no"/>rücklagen in ihrer Bilanz hat, während die Alpine 1,2 Mia. ausweist.<lb/>
Zum Glück gibt es die ÖIAG und zum Glück gibt es das BKA, welches für<lb/>
die Verstaatlichte zuständig ist und damit mir als Industrieminister<lb/>
eine wirklich undankbare Arbeit erspart bleibt. Ich halte nämlich weder<lb/>
die ÖIAG in ihrer jetzigen Konstruktion, geschweige denn die Sektion IV<lb/>
des BKA imstande, wirklich ein Industriekonzept zu entwickeln. Ich<lb/>
glaube, dass auch dort ähnliche Zustände herrschen wie bei uns in der<lb/>
Industriesektion. Eine Masse von Beamten, die allerdings vollkommen<lb/>
unfähig sind, ein wirkliches Industriekonzept auf Grund von seriösen<lb/>
Überlegungen und Untersuchungen zu erstellen. In einer aufsteigenden<lb/>
Konjunktur Spielt dies nicht eine allzu grosse Rolle, doch müsste<lb/>
doch auch im Hinblick auf die zu erwartende Konkurrenz ein wesentlich<lb/>
anderer Weg eingeschlagen werden. Dr. <rs type="person" ref="#per__97498">Grünwald</rs> der jetzt in der ÖIAG<lb/>
sitzt, kennt die Schwächen seines Beamtenapparates ganz genau und<lb/>
ist bestrebt, allerdings bis jetzt erfolglos, wirklich tüchtige Beamte<lb/>
zu bekommen.<lb/>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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