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            <title type="main">Dienstag, der 16. Mai 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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                  <collection>Nachlass Josef Staribacher</collection>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_01">Dienstag, 16. Mai 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_02">Min.Rat <rs type="person" ref="#per__117026">Schuster</rs> wollte unbedingt vor der Bürges-Sitzung mit mir<lb/>
sprechen. <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> steht auf dem Standpunkt, wenn ein Beamter unter<lb/>
allen Umständen mit dem Minister reden will, muss ein Termin frei<lb break="no"/>gemacht werden, obwohl <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> meint, da könnte uns jemand das Programm<lb/>
total umstossen und blockieren. Man könnte den Beamten auf den schrift<lb break="no"/>lichen Dienstweg verweisen, er kann ja einen Akt vorlegen oder was<lb/>
ich persönlich noch viel lieber hätte, wenn sie telefonieren. Sicher<lb/>
könnte man durch entsprechend taktische ununterbrochene Vorsprache<lb/>
von Beamten, von Firmen oder von Unternehmerverbänden, von der Handels<lb break="no"/>kammer, von Fachverbänden usw. einen Minister vollkommen fertig machen.<lb/>
Ich glaube, an so einen taktischen Plan hat aber niemand gedacht.<lb/>
In Wirklichkeit wollte <rs type="person" ref="#per__117026">Schuster</rs> die Bürges-Information nur als Auf<lb break="no"/>hänger. Bevor er wegging sagte er mir noch unter vier Augen, dass<lb/>
er gehört hätte, dass nun die Exportaufsichtsräte auslaufen und er<lb/>
nimmt an, dass sie ausgewechselt werden und da möchte er sich dafür<lb/>
sehr interessieren, nachdem er schon 10 Jahre im Exportfonds mit<lb break="no"/>arbeitet.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_03">Ich glaube überhaupt, dass wir manchmal viel zu viel taktische<lb/>
Überlegungen anstellen, manchmal wieder zu wenig taktische Über<lb break="no"/>legungen. Z.B. hat <choice><choice><sic>mit</sic><corr>mich?</corr></choice></choice> in der Bürges-Aktion vor längerer Zeit der<lb/>
Landtagsabgeordnete <rs type="person" ref="#per__134312">Walzer</rs>, der gleichzeitig Obmann der Sektion<lb/>
Gewerbe ist, wegen der Bürges-Aktion angesprochen und gesagt, sie<lb/>
könnten sich dies nicht gefallen lassen, dass jetzt auf Grund der<lb/>
Anpassung der Geschäftsordnung an die Richtlinien, die ihm jetzt erst<lb/>
zu Bewusstsein gekommen sind und ja bereits 15 Jahres existieren,<lb/>
ca. 700 Kreditansuchen nicht mehr behandelt werden. In der Bundes<lb break="no"/>ratsausschussitzung, wo ich erst meine Regierungsvorlagen und dann<lb/>
aber vor allem die des Aussenministers vertreten habe, habe ich<lb/>
<rs type="person" ref="#per__134312">Walzer</rs> mitgeteilt, dass ich eben nur die Wünsche des Rechnungshofes<lb/>
erfüllt habe. <rs type="person" ref="#per__134312">Walzer</rs> sagt, er wird sich dieses Problem noch einmal<lb/>
überlegen, hat aber befürchtet, dass ich die Zinsenaktionen überhaupt<lb/>
einstelle, resp. sehr stark einschränken werde. Bei den Wiener Ge<lb break="no"/>werbebetrieben spielt dies keine grosse Rolle, denn mit Hilfe<lb/>
der Aktionen der Zentralsparkasse könnten sie sich ohne weiteres<lb/>
helfen, nur in den Bundesländern sei dies äusserst schwierig.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_04">Anmerkung FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Wieso erklärt sich so ein differentes Verhalten<lb/>
und warum wird das propagandistisch nicht mehr ausgenützt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_05">Im Ministerrat war nur interessant, dass <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> neuerdings die Delegation<lb/>
wegen der Umweltschutzkonferenz in Stockholm wesentlich reduzieren will.<lb/>
Er meinte, dass meine Ausführungen, wonach die Minister prüfen sollten,<lb/>
ob wirkliche alle Delegationsteilnehmer aufrechterhalten werden müssten,<lb/>
resp. dass festgelegt wird, wann Beamte in Stockholm anwesend sein wird,<lb/>
die Konferenz 11 Tage dauert, berichtete in Vertretung vom Aussenminister,<lb/>
wird von ihm genau geprüft und resp. beobachtet werden. Ich habe unverzüg<lb break="no"/>lich nach der Sitzung deshalb Gesandten <rs type="person" ref="#per__114156">Hinteregger</rs>, <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> und <rs type="person" ref="#per__98097">Wodak</rs> in<lb break="no"/>formiert. Bin neugierig, wieviele fahren werden und vor allem einmal,<lb/>
wie lange sie dann dort bleiben werden. <rs type="person" ref="#per__97614">Karl</rs> wurde beauftragt, für die<lb/>
Nationalratsentschliessung einen Bericht über die Lage der Frau auszuarbei<lb break="no"/>ten. Die Erhöhung des Entwicklungsfonds, der Österreich 100 Mill. S<lb/>
mehr kostet pro Jahr wurde als Weisung an die Delegation beschlossen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_06"><rs type="person" ref="#per__98097">Wodak</rs> verständigte mich und das ist das erste Mal, wo ich einen Minister<lb/>
vertrete und wirklich zu einer Entscheidung aufgerufen wurde, dass Kuba<lb/>
bei der Tagung in Santiago verlangt hätte eine Resolution gegen den<lb/>
Vietnam-Krieg zur Abstimmung zu bringen. Das Aussenamt schlug vor, dass<lb/>
die Delegation sich den westeuropäischen Staaten und Amerika anschlies<lb break="no"/>sen soll, dass keine diesbezügliche Resolution auf der Sitzung der UNIDO<lb/>
etwas zu tun hätte. Da die Resolution aber sicherlich zugelassen wird,<lb/>
wird sich nachher Österreich der Stimme enthalten und dies begründen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98097">Wodak</rs> hat mich am späten Abend angerufen und mir dies vorzulegen und um<lb/>
meine Entscheidung zu bitten. Er meinte, dies sei eine politische Ent<lb break="no"/>scheidung und deshalb müsste er mich fragen. Ich hätte ihn wahrscheinlich<lb/>
in die grössten Verlegenheiten gebracht, wenn ich erklärt hätte, ich<lb/>
schliesse mich dem schwedischen Standpunkt an, die sicherlich gegen den<lb/>
Vietnamkrieg, d.h. für die Resolution stimmen werden. Gleichzeitig wollte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98097">Wodak</rs> auch wissen, wer nun endgültig seine Listen, die die französische<lb/>
Regierung zwecks Kooperation im Rahmen der franz.-österr. Gemischten<lb/>
Kommission übergeben möchte, in Paris in Empfang nimmt. Er war sehr er<lb break="no"/>freut von mir zu hören, dass Min.Rat <rs type="person" ref="#per__98075">Willenpart</rs>, der dafür Zuständige,<lb/>
sowieso von Santiago de Chile nach Paris kommt und bei dieser Gelegenheit<lb/>
gleich mit dem Aussenamt die entsprechenden Kontakte aufnehmen wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_07">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs> ODER <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Wieso hat <rs type="person" ref="#per__98097">Wodak</rs> dies noch nicht ge<lb break="no"/>wusst, bitte offiziell mitteilen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_08">Die österr. Raumordnungskonferenz ist eine mächtige Organisation. Ein<lb/>
halbes Dutzend Minister, sämtliche Landeshauptleute mit ihren Beamten<lb/>
und so weiter. Interessanterweise haben sich alle Präsidenten der Inter<lb break="no"/>essenvertretungen entschuldigen lassen, waren aber durch Beamte ver<lb break="no"/>treten. Ich hatte mir Sonntags die umfangreiche Tagesordnung angesehen<lb/>
und war eigentlich darauf vorbereitet, dass auf dem wirklich kontro<lb break="no"/>versielle Standpunkte z.B. in der Frage Aichfeld-Murboden in der Frage<lb/>
des neuen Flughafens für Salzburg Oberösterreich, in der Frage der inter<lb break="no"/>nationalen Vertretung im europäischen Raumordnungskonferenz usw. gibt,<lb/>
dass es wesentlich länger dauern wird. In Wirklichkeit hätte <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
nicht bei dem Ausbau der Donaustufen resp. der zukünftigen Bedeutung<lb/>
des Rhein-Main-Donau-Kanals das Wort ergriffen, glaube ich, wäre<lb/>
überhaupt keine Debatte entstanden. Die ständigen Vertreter der Länder<lb/>
und der Ministerien hatten die Tagesordnung vorbereitet und ich glaube<lb/>
sogar sehr gut vorbereitet, ausserdem waren die entsprechenden Stand<lb break="no"/>punkte bereits in den Unterlagen schriftliche festgelegt und niemand hatte<lb/>
Lust zu debattieren. Dieses ist glaube ich hauptsächlich darauf zurückzufüh<lb break="no"/>ren, dass wenn die Landeshauptleute zusammenkommen, versucht immer einer<lb/>
den anderen zwar nicht zu grosse Erfolge für sein Land erringen zu lassen,<lb/>
andererseits aber will sich keiner exponieren, dass er gegen etwas ist.<lb/>
Dazu kommt dann noch, dass die verschiedenen politischen Schattierungen<lb/>
der einzelnen Landeshauptleute natürlich auch eine grosse Rolle spielen,<lb/>
die dann oft quer durch die Parteien Landesinteressen oder Gebietsinter<lb break="no"/>essen einzelner Länder gegen andere Länder zum Ausbruch kommen liessen,<lb/>
die man natürlich nicht in Wirklichkeit gerne hat und deshalb am besten<lb/>
schweigt. <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> hat zwar einige interessante ergänzende Bemerkungen für<lb/>
die einzelnen Tagesordnungspunkte soweit sie uns betreffen gemacht,<lb/>
doch ich wäre deplaziert gewesen, wenn ich dort wirklich das Wort er<lb break="no"/>griffen hätte. Da die ständigen Vertreter und damit <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> bei der Sitzung<lb/>
ja anwesend waren, hat er meine Stellungnahme verstanden, d.h. eigentlich<lb/>
meine Nicht-Stellungnahme akzeptiert und ich glaube, es ist in Hinkunft<lb/>
immer damit zu rechnen, dass diese grosse Konferenz nur mehr eine<lb/>
Dekor ist für die Idee der Raumplanung.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_09">In der Fraktion des ÖGB berichtete <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> über die letzte Entwicklung<lb/>
auf dem Preissektor und über die Absichten, die er bezüglich des Rund<lb break="no"/>funks hat. Er meint, dass die Auseinandersetzungen wesentlich härter<lb/>
werden, da jetzt schön langsame zum Durchbruch kommt, dass die Eigen<lb break="no"/>produktionen hochgerechnet werden, und der Tele-Film – eine Gründung<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__97326">Bacher</rs> und <rs type="person" ref="#per__116418">Lenhardt</rs>, an denen beide beteiligt waren, vielleicht auch<lb/>
<pb n="11-0613" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-05-16_0613.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>jetzt noch indirekt sind, die Verkäufe ihrer Produktion an den ORF<lb/>
zu ermöglichen. Darüber hinaus betreibt <rs type="person" ref="#per__97326">Bacher</rs> eine reine Protektions<lb break="no"/>wirtschaft, indem er <rs type="person" ref="#per__126929">Molden</rs>, seinen Freund, seine ganze Verlagsproduktion<lb/>
wesentlich günstiger anpreist über das Fernsehen als irgendeine andere<lb/>
Verlagsfirma oder indem er z.B. seinen persönlichen Freund, der ihm auch<lb/>
seine Villa gebaut hat, die ganze Architekt-Aufträge des Rundfunks zur Ver<lb break="no"/>fügung stellt. Vor etlichen Jahren hat der Rechnungshof noch festgestellt,<lb/>
dass die Erhöhung der Gebühren in dem hohen Ausmass wie sie damals vorge<lb break="no"/>nommen wurde, gar nicht notwendig sei und jetzt hätte <rs type="person" ref="#per__97326">Bacher</rs> so abgewirt<lb break="no"/>schaftet, dass eine neuerliche Gebührenerhöhung oder eine entsprechende<lb/>
Erhöhung der Werbezeiten verlangt wird. In der Diskussion berichtete<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97741">Millendorfer</rs>, dass die Bauarbeiter sich sehr <choice><choice><sic>eingesetzt</sic><corr>einsetzen?</corr></choice></choice> werden, damit es<lb/>
nicht zu einer so hohen Verteuerung der Baupreise kommt. Dies hätten sie<lb/>
im Interesse der Bundesregierung gemacht und sie hoffen nun, dass<lb/>
auch die Bundesregierung sie in diesem Kampf unterstützt. Mir erscheint das<lb/>
Ganze paradox, denn letzten Endes ist es für mich gar keine Frage, dass<lb/>
natürlich die 20 %, von denen die Bauinnung gesprochen hat, dass jetzt<lb/>
die Preise steigen werden, genauso falsch ist wie die 5 %, die die Bau<lb break="no"/>arbeitergewerkschaft errechnet hat. Solange sich die Bauarbeiter erfolgreich<lb/>
dagegen wehren, dass andere ausländische Bauunternehmungen z.B. in<lb/>
Österreich tätigen werden können oder selbst sogar die Bauarbeiter als<lb/>
Gastarbeiter beschränkt sind, wird es natürlich bei einer Verknappung<lb/>
des Angebotes bleiben und damit automatisch die Preise entsprechend steigen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97741">Millendorfer</rs> erwähnte, dass auch das Bautenministerium für 75 Milliarden<lb/>
alle<add>[?]</add> Bauaufträge computergespeichert hätte und deshalb eine Baukoordina<lb break="no"/>tion leicht möglich sei.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_10">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Bitte feststellen, was daran wahr ist.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_11"><rs type="person" ref="#per__98010">Teschl</rs> meinte, dass im Zuge der EG-Verhandlungen die Papierindustrie be<lb break="no"/>nachteiligt werde und deshalb werden sie sich als Gewerkschafter an die<lb/>
Regierung wenden um ein Industrieförderungsgesetz für diese Sparte zu<lb/>
erreichen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat hier sehr zurückhaltend geantwortet und darauf<lb/>
hingewiesen, dass seiner Meinung nach es ganz unmöglich ist, wenn jetzt<lb/>
die einzelnen Sparten entsprechende Förderungsmassnahmen von der Regie<lb break="no"/>rung verlangen oder erwarten, da die budgetären Mittel dafür nicht vor<lb break="no"/>handen sind. Jetzt weiss ich auch, warum die Gewerkschaft resp. der<lb/>
Unternehmerverband das Papierkonzept noch nicht gegeben hat. Die beiden<lb/>
einigen sich scheinbar auf Kosten Dritter, nämlich des Staates, dass<lb/>
<pb n="11-0614" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band11/11_1972-05-16_0614.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>ein entsprechender Antrag von beiden an die Regierung herangetragen wird,<lb/>
wo sie sicherlich entweder Steuererleichterungen oder vielleicht gar<lb/>
Subventionen wünschen. Diese ganze Aktion fürchte ich wird für die<lb/>
Chemiearbeitergewerkschaft sehr blamabel enden. Als ich das erste Mal<lb/>
von einem solchen Wunsch <rs type="person" ref="#per__98010">Teschls</rs> hörte, habe ich ihn sofort an <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs><lb/>
verwiesen, der auch unter meiner Anwesenheit eine solche Forderung<lb/>
kategorisch abgelehnt hat. Warum sich die Chemiegewerkschaft jetzt hier<lb/>
noch besonders exponiert, kann ich eigentlich nicht verstehen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_12">Als zweites Regierungsmitglied berichtete <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs> über sein Ressort.<lb/>
Daher erfuhr auch ich zuerst ganz interessante Ziffern. Seit 1953 sind<lb/>
die Blutverbrechen, die zu 96 % aufgeklärt werden, von 4.000 auf 3.700<lb/>
gesunken. Die Sittlichkeitsverbrechen haben um 50 % abgenommen und<lb/>
werden zu 90 % aufgeklärt. Nur die Eigentumsdelikte haben irrsinnig<lb/>
zugenommen, können nur zu 42 % aufgeklärt werden und die Aufklärungs<lb break="no"/>ziffer liegt in Wien sogar nur bei 20 %. Bei den Eigentumsdelikten<lb/>
handelt es sich aber um Diebstähle, resp. um Einbrüche, ca. 70.000<lb/>
im Jahr, wobei 50 % in Autos erfolgen. Die Einstellung in Parkgaragen usw.<lb/>
hat keinen Sinn, denn dort wird sogar noch mehr gestohlen, da er unbe<lb break="no"/>helligt wird von eventuellen Passanten. Am meisten zugenommen aber haben<lb/>
die Rauschgift-Delikte. Hier waren 65 im Jahre 1953 und über 1.000 Fälle<lb/>
jetzt. Was die Ausbrüche betrifft, so waren alle Jahre mindestens 22<lb/>
nur im Jahre 1970 war ein einziger Ausbruch zu verzeichnen. <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs> meinte,<lb/>
dies sei ihm vollkommen unerklärlich, ich rief dazwischen, für mich<lb/>
schon. Es gab das erste Mal eine sozialistische Regierung und da<lb/>
haben sich die Verbrecher gesagt, da bleiben wir lieber im Kittchen.<lb/>
Bei seinen Ausführungen über die Preispolitik musste ich leider weggehen,<lb/>
da ich ihm Bundesrat die Sitzungen hatte, wo ich aber vollkommen sinnlos<lb/>
erschienen war, da keine einzige Frage, ja nicht einmal eine einzige<lb/>
Wortmeldung lag in meinem Bereich aber auch nicht im Bereich des Aussen<lb break="no"/>ministers.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band11_1972-05-16_13">Bei der Vertrauenspersoneninformation im 1. Bezirk, wo ich natürlich<lb/>
auf das heisse Eisen: Preise zu sprechen kam, sie sogar in den Mittel<lb break="no"/>punkt meiner Ausführungen stellte, komme ich bei Genossen verhältnis<lb break="no"/>mässig gut weg. Mit Recht allerdings erinnern mich manche Diskussions<lb break="no"/>teilnehmer, dass nicht allein das Problem des gehobenen Lebensstandards<lb/>
und deren Preissteigerungen eine Rolle spielen, sondern auch für ge<lb break="no"/>wisse Schichten der Bevölkerung noch immer das Leben irrsinnig teuer<lb/>
ist. Vielleicht machen wir wirklich den Fehler, dass wir uns von der<lb/>
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zwar langsam aber doch steigenden Lebensstandard der grossen Masse zu<lb/>
sehr beeindrucken lassen. Vielleicht gibt es nicht nur vereinzelt Elend,<lb/>
das es ja sicherlich immer geben wird, sondern vielleicht gibt es wirk<lb break="no"/>lich ganze Schichten, auf die wir heute total vergessen. Nicht verges<lb break="no"/>sen in dem Sinne, dass wir nicht wüssten, dass 300.000 Ausgleichszulagenem<lb break="no"/>pfänger mit verhältnismässig geringen Einkommen noch leben müssen, sondern<lb/>
vielleicht darauf vergessen, wie man diesen wirklich helfen könnte. Wahr<lb break="no"/>scheinlich müssten wir nivellierend hier noch auf dem Pensionssektor<lb/>
wesentlich noch mehr leisten, und zwar eben für die Mindesteinkommen, so<lb/>
wie dies auch bei der Individualfürsorge der Fall sein müsste. Ich bin<lb/>
kein Sozialpolitiker, kenne daher nicht wirklich die Lösung dieses Problems<lb/>
glaube allerdings nur und habe dies seit eh und je vertreten, dass eine<lb/>
generelle Sozialpolitik für die breite Masse der Kleinstempfänger keinen<lb/>
positiven Erfolg zeitigen kann, sondern wirklich nur durch ein System der<lb/>
individuellen Armutsbekämpfung für den Einzelfall aufgebaut werden müsste.<lb/>
Mein Motto war immer, auch dann wenn ich keinesfalls für eine vollkommene<lb/>
Nivellierung eingetreten bin, dass doch wenige im extremen Reichtum,<lb/>
noch viel weniger in bitterer Armut leben sollen.<lb/>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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            <head>Tagesordnung 26. Ministerratssitzung, 16.5.1972</head>
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               <persName><surname>Hinteregger</surname><forename>Gerald</forename></persName>
               <occupation>öst. Botschafter in Spanien, der Sowjetunion, ab 1981 GS im
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               <persName type="label">Wodak, Walter</persName>
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               <persName type="label">Lenhardt, Helmut</persName>
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               <persName type="label">Walzer, Franz</persName>
               <persName><surname>Walzer</surname><forename>Franz</forename></persName>
               <occupation>HK, Obmann Bundessektion Gewerbe, Wirtschaftsbund, ÖVP-BR</occupation>
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               <persName type="label">Millendorfer, Franz</persName>
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               <persName type="label">Teschl, Alfred</persName>
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               <occupation>Obmann Chemiearbeitergewerkschaft</occupation>
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               <persName type="label">Bacher, Gerd</persName>
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               <persName type="label">Gehart, Friedrich</persName>
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               <persName type="label">Heindl, Kurt</persName>
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               <occupation>1970-1973 Büro Staribacher, SPÖ-NR-Abg., stv. Vors.
                  SPÖ-Landstraße</occupation>
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               <occupation>Bundeskanzler</occupation>
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               <occupation>Finanzminister</occupation>
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               <occupation>Innenminister bis 1977, danach Verteidigungsminister</occupation>
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               <persName type="label">Willenpart, Rudolf</persName>
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               <occupation>MR HM</occupation>
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