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            <title type="main">Mittwoch, der 26. April 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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                  <idno type="signature">Band10_1972-04-26</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_01">Mittwoch, 26. April 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_02">In der Klubsitzung wurde diesmal kein politischer Bericht von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
gegeben und es hat deshalb viel Zeit für Anfragen der Abgeordneten<lb/>
zur Verfügung gestanden. Die kleinen Wünsche der Kollegen wurden<lb/>
das erste Mal wirklich eingehend erörtert und diskutiert. Allerdings<lb/>
der Saal ist akustisch sehr ungünstig und sie gingen nicht zum Mikro<lb break="no"/>phon, sodass eigentlich eine solche Unruhe herrschte, dass man kaum<lb/>
etwas verstand. So wie im Sitzungssaal ununterbrochen getratscht wird,<lb/>
so ist es auch in Wirklichkeit bei den Klubsitzungen, sofern nicht<lb/>
ein politisches Referat über das Mikrophon oder eine Detailinformation,<lb/>
die für alle wichtig ist von einem Minister gegeben wird. Ich weiss<lb/>
nicht, wo diese immer stärker werdende Disziplinlosigkeit noch enden<lb/>
wird. Da diese Unsitte überall jetzt einreisst, am Parteitag in<lb/>
Villach konnte man sie auch ganz deutlich bemerken, wird man fürchte<lb/>
ich in Zukunft überhaupt nicht zuhören und kaum mehr Informationen<lb/>
aufnehmen resp. geben. Ich selbst habe nämlich vor längerer Zeit schon<lb/>
die Konsequenz daraus gezogen, melde mich überhaupt nicht mehr zu<lb/>
Wort, liefere so weit ich kann überhaupt keinen Diskussionsbeitrag<lb/>
und warte maximal ab, bis man mich fragt, resp. auffordert, zu irgend<lb break="no"/>einem Problem Stellung zu nehmen. Ich weiss, dass <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> in diesem<lb/>
Fall sagen wird, das ist das Schlechteste, was man tun kann, aber<lb/>
ich kann nicht anders. Nicht dass ich überheblich bin, aber ich<lb/>
glaube, dass man wirklich in einer solchen Atmosphäre eine wirklich<lb/>
zweckmässige und zielführende Zusammenarbeit erreichen kann. Ich<lb/>
glaube, <del>dass viel schuld daran ist</del>, dass die moderne Technik, die Laut<lb break="no"/>sprecheranlagen, die scheinbar alles übertönen und deshalb keine Auf<lb break="no"/>merksamkeit mehr von den Zuhörern erwartet werden muss<add>, viel schuld daran ist</add>. Ich plädiere<lb/>
deshalb seit längerer Zeit schon, dass aus den Sitzungssälen insbeson<lb break="no"/>dere auch aus dem Nationalrat die gesamte Technik herauskommen soll.<lb/>
Es sollte weder Fernsehübertragungen noch Mikrophone zur Verstärkung<lb/>
der Stimme geben, sondern man sollte wirklich die alte Methode wieder<lb/>
einführen, ein Sprecher ohne Hilfsmittel und wenn jemand mit seinem<lb/>
Nachbar tratschen will, dann muss er eben aus dem Saal hinausgehen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_03">Die Tagesordnung des Nationalrates war eigentlich gar nicht stark<lb/>
überladen und trotzdem hat die Sitzung dann bis 1/2 2 Uhr<lb/>
früh gedauert. Der Grund war, dass einige Sozialprobleme zur Debatte<lb/>
standen und die ganzen Sozialpolitiker einigemale aufmarschieren konnten<lb/>
<pb n="10-0520" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-04-26_0520.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>und mussten, um ihren Standpunkt zu vertreten. Insbesondere beschwert<lb/>
sich <rs type="person" ref="#per__97488">Gratz</rs> jetzt schon intern, dass wir so viele Berichte im National<lb break="no"/>rat diskutieren, weil dadurch fast kaum Zeit bleibt, um Gesetze zu<lb/>
behandeln. Andererseits wieder ist aus den Ausschüssen kaum eine ent<lb break="no"/>sprechende expeditive Erledigung der Gesetze zu erzielen, sodass z.B.<lb/>
die nächste Haussitzung am 10. Mai künstlich mit Stoff angereichert<lb/>
werden muss. Zu diesem Zweck hat z.B. der Verkehrsausschuss eine<lb/>
Sitzung abgehalten, obwohl er wusste, dass nach kürzester Zeit ein<lb/>
zweiter Gesetzentwurf resp. Berichte für eine neue Sitzung vorliegen<lb/>
werden. <rs type="person" ref="#per__139716">Ulbrich</rs>, der Obmann des Verkehrsausschusses, wollte deshalb<lb/>
zuwarten und hat dann vom Präsidium des NR erfahren, dass er trotzdem<lb/>
in kürzester Zeit eine Ergänzung der Tagesordnung zielführend gewesen<lb/>
wäre, die Tagesordnung mit einem einzigen Punkt abwickeln musste.<lb/>
Niemand hat ihm aber den tieferen Grund erklärt, und er hat sich<lb/>
daher mit Recht beschwert. Erst jetzt konnte ihm <rs type="person" ref="#per__97488">Gratz</rs> mitteilen,<lb/>
dass er eben die zwei Sitzungen braucht, um dann für 10. Mai auf<lb/>
der Plenumssitzung wenigstens ein bisschen Stoff für die Tagesordnung<lb/>
zu haben. Der 10. Mai ist andererseits als Zuweisungssitzung unge<lb break="no"/>heuer wichtig.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_04">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Auch für uns ist dies ein ziemlich letzter Termin,<lb/>
wenn wir noch in die Frühjahrssession Gesetze bringen wollen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_05">Nach einer Aussprache mit Sekt.Rat <rs type="person" ref="#per__112190">Mock</rs> und <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs>, habe ich den Ein<lb break="no"/>druck, dass in der OB die Gesetzwerdung aller ihn betreffenden Materien<lb/>
langsam vorwärtsgeht. Wir haben zwar jetzt die Absicht, <rs type="person" ref="#per__112190">Mock</rs> neuer<lb break="no"/>dings durch eine Präsidialerlass von jeder Arbeit zu befreien und<lb/>
ihm entsprechende Hilfskräfte, insbesondere auch eine Schreibkraft zur<lb/>
Verfügung zu stellen, damit er das Berggesetz so schnell wie möglich<lb/>
fertig bringt. Ich glaube aber, dass auf Grund dieser Erfahrung<lb/>
es zweckmässig sein wird, jetzt schon mit dem neuen Bergbauförderungs<lb break="no"/>gesetz zu beginnen. Da wir dieses Gesetz doch auch zur Begutachtung<lb/>
schicken müssen, wird es zweckmässig sein, wenn wir es noch vor Juli<lb/>
fertigstellen. Wenn wir im Juni Gesetze noch zur Begutachtung aussenden,<lb/>
ich habe auch <rs type="person" ref="#per__112190">Mock</rs> ersucht, für das Berggesetz einen Entwurf bis zu<lb/>
spätestens diesem Zeitpunkt fertigzustellen, dann können wir eine<lb/>
entsprechend lange Begutachtungsfrist geben. Ich habe aus Berichten<lb/>
entnommen, dass über die Bergbauförderung bereits innerhalb der Über<lb break="no"/><pb n="10-0521" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-04-26_0521.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>prüfungskommission, d.h. mit dem Finanzministerium und den anderen<lb/>
beteiligten Stellen, bereits Besprechungen geführt werden. Dort habe<lb/>
ich auch gelesen, dass man bereits nach Richtlinien, die ich gegeben<lb/>
haben soll, einen entsprechenden Entwurf diskutiert.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_06">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Bitte eine Punktation verlangen, nach welchen<lb/>
Gesichtspunkten jetzt die Bergbehörde vorgeht.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_07">Durch reinen Zufall habe ich bei der Haussitzung <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> auf der Regierungs<lb break="no"/>bank vertreten, der als Raucher immer wieder die Couloirs aufsuchen muss<lb/>
Der Debattenredner der ÖVP, <rs type="person" ref="#per__112162">Neumann</rs>, der zufällig am Wort war, hat in<lb/>
seinem Konzept auch einen Angriff gegen mich gehabt, in dem er darauf hin<lb break="no"/>wies, dass wir noch immer keinen Energieplan haben. In einer schriftlichen<lb/>
Anfrage, die ich ihm einmal beantwortet habe, hätte ich darauf hinge<lb break="no"/>wiesen, dass ein solcher in Arbeit ist und er erwartet die entsprechende<lb/>
Vorlage. <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs>, der nächste Redner von der FPÖ, hat mich hart kriti<lb break="no"/>siert, da ich als Antwort gegeben habe, dass dieser Energieplan von<lb/>
uns ununterbrochen geprüft und geändert werden muss. Ich habe eigent<lb break="no"/>lich angenommen, dass der OECD-Energieplan, resp. Energiebericht<lb/>
dem Parlament zur Verfügung gestellt wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_08">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Bitte prüfen, ob dies der Fall ist, aber auf<lb/>
alle Fälle <rs type="person" ref="#per__112162">Neumann</rs> einen zur Verfügung stellen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_09">Wenn nicht bald ein Aufhänger, wie z.B. das grosse Kompetenzgesetz, wo<lb break="no"/>durch die gesamte Energie ins Handelsministerium kommt, beschlossen wird,<lb/>
dann werde ich doch auf Grund meiner jetzigen Kompetenz einen Energie<lb break="no"/>plan erstellen lassen müssen. Mein ursprüngliches Konzept, an dem ich<lb/>
aber sehr gerne festhalten möchte, wäre, dass als Aufhänger und Beginn<lb/>
wenn es zum grossen Kompetenzgesetz kommt, dann ein Beirat aus den<lb/>
Interessensvertretungen unverzüglich eingesetzt werden soll, der<lb/>
die entsprechenden Vorarbeiten mit meinem Haus gemeinsam lösen müsste.<lb/>
Ich fürchte allerdings, dass wir in diesem Fall genauso Vorarbeiten<lb/>
leisten müssen, wie wir dies eigentlich jetzt schon tun müssten.<lb/>
Da ich dem Problem der Schliessung von Fohnsdorf und damit Aufnahme<lb/>
in den Energieplan ausweichen wollte, habe ich immer noch gezögert,<lb/>
einen solchen erstellen zu lassen und mit Interessensvertretungen jetzt<lb/>
schon zu diskutieren. Interessanterweise hat es, obwohl wir z.B.<lb/>
kein Fremdenverkehrskonzept vorgelegt haben, auf diesem Sektor keinen<lb/>
Angriff bis jetzt gegeben. Sicherlich habe ich hier die gute Ausrede,<lb/>
<pb n="10-0522" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-04-26_0522.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>dass Fremdenverkehr Landessache ist und daher eigentlich die Er<lb break="no"/>stellung eines Konzeptes, wie dies im Falle <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> auch geschehen<lb/>
ist, von den dafür kompetenten Landeshauptleuten gar nicht gerne ge<lb break="no"/>sehen wird. Hier konnten wir uns also mit dem 10-jährigen Programm<lb/>
vollkommen begnügen und haben damit auch bis jetzt zumindestens nur<lb/>
positives Echo bekommen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_10">Mit <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, <rs type="person" ref="#per__112567">Christian</rs>, <rs type="person" ref="#per__113032">Reiger</rs> und einem vierten Mann von der Handels<lb break="no"/>kammer haben <rs type="person" ref="#per__137068">Mache</rs>, <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> und ich über die letzten offenen Punkte<lb/>
zur Gewerbeordnung diskutiert. Die Bundeskammer möchte, dass wir<lb/>
in der Frage der landwirtschaftlichen Genossenschaften zwar alle in<lb/>
die Gewerbeordnung aufnehmen und die finanzielle Problematik auch<lb/>
über das Gewerbeordnungsgesetz abwickeln. Der Wirtschaftsbund hat dem<lb/>
Bauernbund in einer Vereinbarung zugesagt, dass die Handelskammer die<lb/>
Umlagen der Genossenschaften zu einem Teil der Landwirtschaftskammer<lb/>
zur Verfügung stellen. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> möchte nun, dass wir dies im Gewerbe<lb break="no"/>ordnungsgesetz regeln. Ich selbst bin absolut dagegen, denn dies<lb/>
würde bedeuten, dass wir dann innerhalb unserer eigenen Partei wahr<lb break="no"/>scheinlich aber zuerst in der Regierung auf schärfsten Widerstand stos<lb break="no"/>sen würden. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> nämlich möchte ja doch insbesondere, nachdem er<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs</rs> und dem Kontrollsystem, das er aufbauen will, nicht<lb/>
weiterkommt, die Landwirtschaft sicherlich nicht durch zusätzliche Um<lb break="no"/>lagen, die die sonst allerdings jetzt schon haben, aber in Hinkunft<lb/>
verlieren werden, stärken. Ich habe deshalb sofort dezidiert erklärt,<lb/>
über dieses Problem könnte und müsste man eben im Parlament entspre<lb break="no"/>chende Beratungen führen. In dies Regierungsvorlage kann es auf alle<lb/>
Fälle nicht aufgenommen werden. Das Handelskammergesetz muss ja nach<lb/>
unserer Auffassung auf alle Fälle novelliert werden. Dies hat <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs><lb/>
mit mir vereinbart, schon allein um den amtlichen Stimmzettel einzu<lb break="no"/>führen und dann vor allem einmal der Bauindustrie die Möglichkeit einer<lb/>
eigenen Industriesektion zu ermöglichen. Auch hier lautet die Verein<lb break="no"/>barung, dass wir 1973 spätestens beschliessen werden, dass eine<lb/>
Industriegruppe Bau in der Handelskammer errichtet wird. Dazu bedarf<lb/>
es allerdings einer Änderung des Handelskammergesetzes. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> wollte<lb/>
mir unbedingt einreden, dass wir eventuelle Novellen in das Gewerbe<lb break="no"/>ordnungsgesetz in die Übergangsbestimmungen aufnehmen sollten. Als<lb/>
ich mich dagegen aussprach, meinte er, die Regierung hätte schon<lb/>
öfters lex fugitiva, d.h. entsprechende Rechtsnormen in anderen Gesetze<lb/>
wo sie eigentlich gar nicht hingehören sondern nur irgendeinen Bezugs<lb break="no"/>punkt haben, geregelt. Die verfassungsrechtliche Frage, ob landwirtsch.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_11">Genossenschaften nicht sowieso durch Verfassungsgesetz in eine<lb/>
Bundeskompetenz kommen müssen, konnte auf Grund von einigen Gesetzen,<lb/>
die bereits früher beschlossen wurden, wie Ladenschluss, Mühlengesetz,<lb/>
entkräften werden. Richtig ist, dass der Verfassungshof mit Erkenntnis<lb/>
1642 aus 1948 den Richtsatz aufgestellt hat, dass die berufliche Ver<lb break="no"/>tretung der Bauern, d.h. auch landw. Genossenschaften Ländersache ist.<lb/>
Andererseits hat aber der Verfassungsgerichtshof 1958 durch Erkenntnis<lb/>
erklärt, dass lex posterior hier entsprechende Änderungen schaffen<lb/>
kann, wie z.B. Ladenschluss Mühlengesetz usw. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> wollte dann<lb/>
auch noch, dass wir über den Verfassungsdiensteinwand uns hinwegsetzen<lb/>
wonach das Handelsministerium keine Verordnungsermächtigung bekommen<lb/>
kann und soll, um z.B. eine Änderung der Gewerbeeinteilung in handwerk<lb break="no"/>liche, freie, gebundene vorzunehmen. Ich selbst hätte natürlich gegen<lb/>
eine solche Verordnungsermächtigung gar nichts einzuwenden. Da aber<lb/>
der Verfassungsdienst eine solche strikt ablehnt, bin ich nicht<lb/>
bereit, sie aufzunehmen. Wenn <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> so etwas will, kann er dann im<lb/>
Parlament noch immer diesbezügliche Anträge stellen, wir werden ja<lb/>
sehen, ob er sich dann durchsetzen kann. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> möchte überhaupt, dass<lb/>
nicht ein Regierungsentwurf jetzt von uns vorgelegt wird, der in allen<lb/>
Punkten bereits die Zustimmung der Handelskammer bekommen hat. Über die<lb/>
Abgrenzung der einzelnen Gewerbe kann er z.B. sich überhaupt nicht mit<lb/>
mir einigen, wie er sich ausgedrückt hat. Auch gibt es noch für ihn unge<lb break="no"/>klärte grosse Schwierigkeiten, ob z.B. die Umfangbegrenzung richtig ist<lb/>
und er dem zustimmen kann. Mein Vorschlag, dass selbstverständlich die<lb/>
Fleischhauer nicht nur kalte nichtalkoholische Getränke also z.B. Milch,<lb/>
nicht aber z.B. Bier ausschenken dürften, kann er nicht zustimmen.<lb/>
In weiterer Folge, er schützt hier scheinbar die Gast- und Schankge<lb break="no"/>werbebetriebe, meinte er, wenn schon so etwas im Gesetz statuiert<lb/>
wird, dann müssten auch die gesamten Ausstattungsvorschriften wie bei<lb/>
einer konzessionierten Fischstube oder bei einem Buffet angewendet werden.<lb/>
Das würde aber dann zu der grotesken Situation führen, dass ein Fleisch<lb break="no"/>hauer, wenn er eben Bier ausschenkt, ein Klosett und entsprechende<lb/>
Waschräume bräuchte. Ich habe ihm sofort erklärt und <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> hat mich<lb/>
da sehr unterstützt, dass wenn der Charakter eines Fleischerbetriebes<lb/>
oder eines Zuckerbäckers mehr schon dem Gast- und Schankgewerbe ent<lb break="no"/>spricht, dann kann man auch dort entsprechende Ausstattungsvorschriften<lb/>
verlangen. Wenn aber jemand, wie die Handelskammer vorschlägt, Milch<lb/>
zum warmen Leberkäs trinken darf, da ist keine Ausstattungsvorschrift not<lb break="no"/>wendig, wohl aber, wenn Flaschenbier ausgegeben werden darf, dann sehe<lb/>
ich darin auch einen jedermann offensichtlichen Widerspruch. Die Handels<lb break="no"/><pb n="10-0524" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-04-26_0524.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>kammervertreter wehrten sich natürlich auch, dass die Bestimmungen<lb/>
in dem Entwurf drinnen bleiben, die eigentlich das Baugewerbe und<lb/>
ganz besonders das Steinmetzgewerbe treffen, da sie Sonderstellungen,<lb/>
die diese jetzt haben, in Hinkunft nicht mehr haben werden. z.B. wollte<lb/>
sie unbedingt, dass die Dispensmöglichkeit für Baugewerbe fallen<lb/>
müsste, ebenso dass der Bauunternehmer wieder keine Steinmetz<lb break="no"/>arbeiten durchführen dürfte. In beiden Fällen erklärte ich unumwunden,<lb/>
dass ich nicht bereit bin, eine lex <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> zu machen. Ich wies ins<lb break="no"/>besondere darauf hin, dass <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> gar nicht so etwas wünscht, ob<lb break="no"/>wohl ich überzeugt bin, dass er dies sehr gerne hätte und habe damit<lb/>
aber Handelskammer den Wind aus den Segeln genommen, dass sie<lb/>
hier eigentlich gegen ihren Präsidenten agieren, der doch als fana<lb break="no"/>tischer Gerechtigkeitsmann bekannt ist und daher sicherlich keine<lb/>
Sonderstellung anstrebt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_12">Mit <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> und <rs type="person" ref="#per__115155">Skritek</rs> habe ich über das Problem des Ladenschlusses<lb/>
neuerdings gesprochen. <rs type="person" ref="#per__115155">Skritek</rs> selbst wollte doch zuerst, dass<lb/>
wir den Konsumentenbeirat nicht einschalten, sondern die Forderung<lb/>
der Handelskammer ihrer Gewerkschaft zur Stellungnahme schicken und<lb/>
dann ablehnen. Ich widersprach ganz entschieden der Vorgangs<lb break="no"/>weise und erklärte, dass wir im Konsumentenbeirat einen Arbeits<lb break="no"/>gruppe einsetzen sollten, die sogar von einem bedeutenden Handels<lb break="no"/>kammermann geführt werden müsste. Ich selbst dachte an den Obmann<lb/>
der Sektion Handel <rs type="person" ref="#per__111717">Schönbichler</rs>, der sich ja mir gegenüber unter<lb/>
Zeugen als Gegner einer Änderung des Ladenschlussgesetzes ausgesprochen<lb/>
hat. Natürlich wird er dann in der offiziellen dies nicht so deutlich<lb/>
sagen können, aber sein Verhalten wird letzten Endes auf eine solche<lb/>
Politik hinauslaufen. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> und <rs type="person" ref="#per__115155">Skritek</rs> stimmten dann diesem Konzept<lb/>
zu, wenn sie die Gewähr haben, dass dort nicht Beschlüsse gefasst<lb/>
werden, die sich gegen die Gewerkschaft richten, ohne dass sie<lb/>
Gelegenheit haben, das vorher mit mir entsprechend zu besprechen.<lb/>
Ich erklärte ihnen, dass wir eben jetzt umfangreiche Untersuchungen<lb/>
anstellen werden und diese Arbeitsgruppe, bevor sie zu einem Ergebnis<lb/>
kommt, keinesfalls eine Gruppe majorisieren kann. Da die Ge<lb break="no"/>werkschaft der Privatangestellten darin vertreten sein wird und bis<lb/>
jetzt ja nur einstimmige Beschlüsse in den Arbeitsgruppen des Konsumenten<lb break="no"/>beirates gefasst wurden, sehe ich keine Gefahr. Unter diesen Be<lb break="no"/>dingungen haben sie dann meiner Vorgangsweise zugestimmt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_13">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97646">KOPPE</rs>: Bitte sofort alle Verarbeiten in Angriff nehmen, da<lb break="no"/>mit die Handelskammer <rs type="person" ref="#per__111717">Schönbichler</rs> dann als Arbeitsgruppenvorsitzenden no<lb break="no"/>miniert, und entsprechende Vertretung in dieser Arbeitsgruppe von Seiten<lb/>
der Privatangestelltengewerkschaft gesichert ist.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-04-26_14">Gen.Sekr. <rs type="person" ref="#per__98010">Teschl</rs> ist mit Solvay- und Brückl-Leuten gekommen, um neuer<lb break="no"/>dings von mir eine Unterstützung auf Herabsetzung des Salzpreises beim<lb/>
Finanzminister zu verlangen. Die Vertreter waren der Meinung, dass meine<lb/>
Aufgabe darin bestünde, mit ihnen gemeinsam beim Finanzminister für eine<lb/>
Herabsetzung des Salzpreises zu kämpfen. Ich erklärte sofort, dass sie<lb/>
dem Finanzminister – der Monopolverwaltung – eben jetzt die gewünschten<lb/>
Unterlagen liefern sollten und erst dann, wenn diese Monopolverwaltung<lb/>
nicht bereit ist, solche Unterlagen von ihnen entgegenzunehmen,<lb/>
würde ich mich einschalten, dass sie überhaupt eine Chance haben, mit<lb/>
den entsprechenden Stellen zu sprechen. Im Kampf gegen das Finanzministe<lb break="no"/>rium insbesondere gegen den Finanzminister werde ich mich aber keinesfalls<lb/>
auf die Seite der Industrie oder auch der Gewerkschaft in diesem Punkte<lb/>
stellen. Ich bin nämlich nicht sicher, ob er bereit ist, hier wirklich Kon<lb break="no"/>zessionen jetzt bereits zu machen und es würde sich damit nur neuerdings<lb/>
die Schwäche des Handelsministerium gegenüber dem mächtigen Finanz<lb break="no"/>ministerium dokumentieren. Wenn die Gewerkschaft ernstlich eine solche<lb/>
Forderung hat und wenn insbesondere das Ziffernmaterial für die Herab<lb break="no"/>setzung des Salzpreises spricht – derzeit haben ja diese Betriebe noch<lb/>
ungeheure Gewinne – dann wird der Finanzminister zu einem späteren Zeit<lb break="no"/>punkt sicherlich nachgehen müssen. Keinesfalls aber soll er mir gegen<lb break="no"/>über dann argumentieren können, dass ich ihm in den Rücken gefallen bin.<lb/>
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            <head>Tagesprogramm, 26.4.1972</head>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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               <persName type="label">Mitterer, Otto</persName>
               <persName><surname>Mitterer</surname><forename>Otto</forename></persName>
               <occupation>Handelsminister, ÖVP, Präs. HK Wien</occupation>
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               <persName type="label">Christian, Rudolf</persName>
               <persName><surname>Christian</surname><forename>Rudolf</forename></persName>
               <occupation>HK</occupation>
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               <persName type="label">Häuser, Rudolf</persName>
               <persName><surname>Häuser</surname><forename>Rudolf</forename></persName>
               <occupation>Vizekanzler, Sozialminister</occupation>
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               <persName type="label">Mussil, Arthur</persName>
               <persName><surname>Mussil</surname><forename>Arthur</forename></persName>
               <occupation>Gen.Sekr. HK, ÖVP-NR-Abg., später AR-Präs. Verbund</occupation>
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               <persName type="label">Teschl, Alfred</persName>
               <persName><surname>Teschl</surname><forename>Alfred</forename></persName>
               <occupation>Obmann Chemiearbeitergewerkschaft</occupation>
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               <persName type="label">Wanke, Otto</persName>
               <persName><surname>Wanke</surname><forename>Otto</forename></persName>
               <occupation>SChef HM</occupation>
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               <persName type="label">Weihs, Oskar</persName>
               <persName><surname>Weihs</surname><forename>Oskar</forename></persName>
               <occupation>Landwirtschaftsminister bis 1976</occupation>
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               <persName type="label">Skritek, Otto</persName>
               <persName><surname>Skritek</surname><forename>Otto</forename></persName>
               <occupation>SPÖ-NR-Abg., Sekr. GPA</occupation>
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               <persName type="label">Gratz, Leopold</persName>
               <persName><surname>Gratz</surname><forename>Leopold</forename></persName>
               <occupation>Unterrichtsminister, Bgm. Wien</occupation>
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               <persName type="label">Sallinger, Rudolf</persName>
               <persName><surname>Sallinger</surname><forename>Rudolf</forename></persName>
               <occupation>Handelskammer-Präsident</occupation>
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               <persName type="label">Ulbrich, Ernst (Politiker)</persName>
               <persName><surname>Ulbrich</surname><forename>Ernst (Politiker)</forename></persName>
               <occupation>SPÖ-NR-Abg.</occupation>
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               <persName type="label">Koppe, Fritz</persName>
               <persName><surname>Koppe</surname><forename>Fritz</forename></persName>
               <occupation>Sekr. JS, ab 1973 GF VKI</occupation>
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               <persName type="label">Neumann, Johann</persName>
               <persName><surname>Neumann</surname><forename>Johann</forename></persName>
               <occupation>ÖVP-NR-Abg.</occupation>
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               <persName type="label">Mache, A</persName>
               <persName><surname>Mache</surname><forename>A</forename></persName>
               <occupation>Beamter HM? Falschschreibung?</occupation>
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               <persName type="label">Schönbichler, Carl Hans</persName>
               <persName><surname>Schönbichler</surname><forename>Carl Hans</forename></persName>
               <occupation>Obmann Sektion Handel BHK</occupation>
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               <persName type="label">Kreisky, Bruno</persName>
               <persName><surname>Kreisky</surname><forename>Bruno</forename></persName>
               <occupation>Bundeskanzler</occupation>
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               <persName type="label">Mock, Kurt</persName>
               <persName><surname>Mock</surname><forename>Kurt</forename></persName>
               <occupation>MR HM/OB</occupation>
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               <persName type="label">Peter, Friedrich</persName>
               <persName><surname>Peter</surname><forename>Friedrich</forename></persName>
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               <persName type="label">Jagoda, Karl</persName>
               <persName><surname>Jagoda</surname><forename>Karl</forename></persName>
               <occupation>Leiter Sekt. III HM</occupation>
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               <persName type="label">Reiger, Herbert</persName>
               <persName><surname>Reiger</surname><forename>Herbert</forename></persName>
               <occupation>Präsidialist HK</occupation>
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