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            <title type="main">Donnerstag, der  9. März 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_02">Im ÖGB-Bundesvorstand wurde endlich beschlossen, auch den freiheit<lb break="no"/>lichen Vertreter <rs type="person" ref="#per__113375">Kindl</rs> zu kooptieren. Ich glaube, dass es zielführend<lb/>
ist, wenn im Gewerkschaftsbund alle Fraktionen, d.h. alle Gruppen<lb/>
vertreten sind. Dadurch beweist er seine Überparteilichkeit und ist<lb/>
fast unangreifbar. Ausser den Kommunisten und der Gewerkschaftlichen<lb/>
Einheit, d.h. 3 Stimmen, stimmten alle dafür.<lb/>
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erst seine Taktik, in der ÖVP-Alleinregierungszeit hat er niemals<lb/>
extrem demagogisch die Regierung angegriffen. Dadurch hat er auch jetzt<lb/>
die Möglichkeit, ohne sein Gesicht zu verlieren, die tatsächliche<lb/>
wirtschaftliche Situation zu schildern und gleichzeitig auch dann<lb/>
wirkliche Konsequenzen zu ziehen. Ich glaube, dass es ausschliess<lb break="no"/>lich jetzt auf ihn ankommt und vielleicht noch einige von uns,<lb/>
wenn die Sozialpartnerschaft erhalten bleiben kann. Natürlich wird<lb/>
sie niemand auflösen wollen, aber es kann sich leicht ergeben, dass<lb/>
im Laufe der Diskussionen und der harten Auseinandersetzungen dann<lb/>
Schritte gemacht werden, die niemand wollte und die doch letzten<lb/>
Endes dann zum Bruch führen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_04"><rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> ersuchte <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> und mich, mit ihm die französische Reise<lb/>
zu besprechen. Die ihm übermittelten Ansprachen bezeichnete er als<lb/>
unmöglich. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> stimmte dem auch zu und erklärte, dass er<lb/>
diese vorher gar nicht gesehen hat. Er hat sie erst jetzt zu Gesicht<lb/>
bekommen und ist vollkommen auch der Meinung, dass dies unakzeptabel<lb/>
ist. Der Entwurf stammt von <rs type="person" ref="#per__138739">Halusa</rs>, aber die Ansprachen müssen noch<lb/>
ins Französische Übersetzt werden und es ist höchste Zeit. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirch<lb break="no"/>schläger</rs> verpflichtet sich, solche Reden nicht nur zuliefern sondern<lb/>
wahrscheinlich auch grösstenteils selbst zu machen. Es beruhigt mich,<lb/>
dass es solche Probleme auch in anderen Ministerien gibt. Bei der<lb/>
Reise handelt es sich um keinen Staatsbesuch. Die Franzosen haben eine<lb/>
solchen abgelehnt, da sie glaube ich im Jahr nur 2 oder 3 machen und<lb/>
diese schon an andere Länder vergeben sind. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> schildert<lb/>
das Ziel einer solchen Reise. Hier kann ich wieder feststellen, wie<lb/>
tüchtig er ist und wie er wahrscheinlich wirklich, wenn er Aussen<lb break="no"/>politik machen könnte, fast unangreifbar wäre. Das Ziel bezeichnet<lb/>
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Ein Nahverhältnis muss hergestellt werden. Fast würde er sagen,<lb/>
ein kleines Gspusi. In diesem Fall hätten wir den Vorteil, dass<lb/>
wenn die Ostverträge scheitern, dann nicht in den Sog des Kalten-<lb/>
Kriegs-Klimas hineingezogen werden. Frankreich hat immer mit<lb/>
Russland ein gutes Verhältnis gehabt und wird sich auch bemühen,<lb/>
dies weiter zu haben. Wenn daher die Ostverträge von der BRD nicht<lb/>
ratifiziert werden und damit automatisch eine Verschlechterung zu er<lb break="no"/>warten ist, muss Österreich aus dieser Situation herausgehalten wer<lb break="no"/>den. Er hat es deshalb begrüsst, dass in den letzten Monaten <rs type="person" ref="#per__139678">Lipkowski</rs>,<lb/>
<rs type="person" ref="#per__139721">Bourges</rs> und <rs type="person" ref="#per__139720">Hamon</rs>, drei aktive Staatssekretäre, die viel zu reden haben,<lb/>
in Österreich waren. Betreffend die Integration kann ich <rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> den<lb/>
letzten Stand mitteilen, wir kamen allerdings sofort überein, dass<lb/>
über Details <rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> kaum sprechen wird, aber auch nicht sollte. Es<lb/>
ist allerdings anzunehmen, dass auch <rs type="person" ref="#per__134015">Pompidou</rs> sich kaum mit Details<lb/>
beschäftigt. <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> ist der festen Meinung, dass <rs type="person" ref="#per__134015">Pompidou</rs> ja<lb/>
doch nur an der grossen Politik Interesse hat und wahrscheinlich,<lb/>
wenn <rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> ihm einige geschickte Fragen serviert, er sich dann aus<lb break="no"/>schliesslich mit dieser grossen Politik wie Sicherheitskonferenz,<lb/>
beschäftigen wird. Wichtig ist, dass wir die französische Unter<lb break="no"/>stützung bei der Sowjetunion nach wie vor haben. Aber genauso<lb/>
wichtig ist es, dass wir ja nicht auf das finnische Niveau herun<lb break="no"/>tergezogen werden. Finnland hat versucht, mit COMECON jetzt an der<lb/>
Ostgrenze eine Erzvorkommen aufzuschliessen. Die COMECON-Bank<lb/>
soll sich daran beteiligen. In der EWG-Politik hat Finnland jetzt<lb/>
bezüglich Papier beschlossen, ein Vabanque-Spiel zu beginnen. Dies<lb/>
ist deshalb vom Standpunkt der Finnischen Politik notwendig, da<lb/>
ihr linker Flügel unbedingte Verhandlungen mit dem Osten wünscht<lb/>
und eigentlich sehr EWG-reserviert sich verhält. Da die Regierung<lb/>
aber nur von 200 Abgeordneten 55, d.h. eine sehr kleine Minderheit<lb/>
hat, regieren muss, ist es verständlich, dass sie jetzt auf ein<lb/>
solches Vabanque-Spiel einsteigen muss. Die Sowjetunion selbst hat<lb/>
aber klar und deutlich zu erkennen gegeben, wie stark sie in Finn<lb break="no"/>land noch mitmischt und immerhin mitmischen will. Unter anderem hat<lb/>
sie den UNO-Kandidaten deshalb vidiert, da dieser für eine grössere<lb/>
Unabhängigkeit eintritt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_05"><rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> frägt auch wegen der Unterlagen für seine Messe-Eröffnungs<lb break="no"/>rede und ich weise besonders darauf hin, dass Kabinettsdirektor<lb/>
<rs type="person" ref="#per__137079">Trescher</rs> die Verhandlungen geführt hat. Ich verspreche die unmittel<lb break="no"/><pb n="10-0345" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-03-09_0345.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>bare Übermittlung des Entwurfes von <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs>. Bei dieser Gelegen<lb break="no"/>heit bitte ich auch <rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs>, ob er bereit ist, eine Anstellung von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> zu akzeptieren. <rs type="person" ref="#per__137079">Trescher</rs>, der dabei ist, fragt sofort<lb/>
nach dem Alter und meint, dass dies – wenn die personalrechtlichen<lb/>
Voraussetzungen gegeben sind – noch gemacht werden könnte. <rs type="person" ref="#per__137079">Trescher</rs><lb/>
meint allerdings, im Range eines Sektionsrates, was ich allerdings<lb/>
sofort dementiere und erkläre, dass die personalrechtliche Voraus<lb break="no"/>setzungen für einen Ministerialrat gegeben seien. <rs type="person" ref="#per__97607">Jonas</rs> stimmt<lb/>
letzten Endes meinem Wunsche zu.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_06">Die VÖEST hat Präsident <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs>, der beim I.I.I.-Kongress ein<lb/>
Referat gehalten hat, über mich zu einem Mittagessen geladen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> selbst übermittelt mir die Grüsse von <rs type="person" ref="#per__112951">Patolitschew</rs>,<lb/>
die ich natürlich sofort erwidere und gleichzeitig auch ersuche,<lb/>
an <rs type="person" ref="#per__97652">Kossygin</rs> welche auszurichten. <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> als Schwiegersohn<lb/>
hat sicherlich die Möglichkeiten, dies auch tatsächlich zu über<lb break="no"/>mitteln. Was mich aber wundert ist, dass er von <rs type="person" ref="#per__112951">Patolitschew</rs><lb/>
Grüsse bestellt. Ich weiss, dass es zwischen seinem Staatsamt und<lb/>
dem Aussenhandelsministerium Spannungen gibt. Vielleicht aller<lb break="no"/>dings sind die gar nicht so gross, wie sie von unseren Bürokraten<lb/>
angenommen werden. Vielleicht allerdings sind diese Grüsse auch<lb/>
so zu verstehen, dass er <rs type="person" ref="#per__112951">Patolitschew</rs> bei einer Gelegenheit gemein<lb/>
hat, der fährt jetzt nach Österreich und er fährt im Oktober<lb/>
nach Österreich, sodass er mich vielleicht grüssen lassen sollte<lb/>
und <rs type="person" ref="#per__112951">Patolitschew</rs> hatte ihm dann vielleicht zugestimmt. Sicher ist,<lb/>
dass <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> im Mai neuerdings kommen wird und ich ersuchte<lb/>
er sollte recht viele Experten mitbringen, damit diese Gelegenheit<lb/>
haben in den einzelnen Fabriken die konkreten Kooperationen-Mög<lb break="no"/>lichkeiten zu suchen und womöglich auch schon zu vereinbaren.<lb/>
Die VÖEST selbst denkt auch dran, mit der SU einige neue Koopera<lb break="no"/>tionen abzuschliessen. Dies war auch der Grund, warum ich im Auf<lb break="no"/>trag der VÖEST <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> zum Mittagessen einladen musste und<lb/>
sie hofft, dass beim nächsten Besuch <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> die VÖEST<lb/>
endlich persönlich besuchen wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_07">Ich selbst würde niemals ins Imperial zum Essen einladen. Es ist<lb/>
unwahrscheinlich, wen man dort allen trifft. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> traf sich<lb/>
mit <rs type="person" ref="#per__97372">Broda</rs>. An anderen Tischen sassen Hochschulprofessoren, z.B.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__134331">Heinrich</rs>, wieder an anderen sehr bekannte Wirtschaftsfachleute.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_08">Auch der amerikanische Psychologie, der die Sigmund-Freud-Gesell<lb break="no"/>schaft bei uns errichtet hat, war anwesend. An einem Tisch sass aber<lb/>
auch <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> mit <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmaier</rs>. In der Halle habe ich dann die letzteren<lb/>
beiden noch einmal getroffen und <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> hat Wert darauf gelegt,<lb/>
dass ich ihn <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> vorstelle, obwohl er ihn eigentlich schon ge<lb break="no"/>kannt hat. Er meinte, auch wenn <rs type="person" ref="#per__97500">Gwischiani</rs> einmal die Handelskammer<lb/>
besuchen würde, was dieser auch zugesagt hat. Da <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> überhaupt<lb/>
kein Englisch kann, war ich verpflichtet, mit meinem miesen Englisch<lb/>
zu dolmetschen. Da es sich hier aber nur um Höflichkeitsfloskeln<lb/>
handelte, war es ein Leichtes für mich. Bei dieser Gelegenheit habe<lb/>
ich <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> in Anwesenheit von <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmaier</rs> den Vorwurf gemacht, dass<lb/>
sie die Paritätische Kommission hätten nicht verlassen dürfen. Ich<lb/>
beabsichtigte, dass <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmaier</rs> hören sollte, dass ich auch sonst immer<lb/>
beruhigend auf die Handelskammervertreter einwirke. <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmaier</rs> ist<lb/>
ein Anhänger der grossen Koalition und soll daher meiner Meinung<lb/>
nach nicht zu sehr enttäuscht werden, wenn es längere Zeit nicht<lb/>
gelingen wird, eine solche zu errichten. Die Handelskammer anderer<lb break="no"/>seits hätte aber wahrscheinlich, wenn ich anwesend gewesen wäre,<lb/>
nicht so abrupt die Sitzung verlassen. Sicherlich hätte <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, der<lb/>
in Wirklichkeit politische Vertreter dort ist, die Gelegenheit benützt<lb/>
um scharf auf die Äusserung von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> zu reagieren. Ob es aber<lb/>
wirklich zu einem Verlassen der Sitzung dann gekommen wäre, bezweifle<lb/>
ich. Ich habe schon einige Male mit mehr oder minder Erfolg immer<lb/>
wieder die Handelskammer beruhigt und darauf hingewiesen, dass auch<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> doch auf alle Fälle gemeinsam das mit ihnen soziale Klima<lb/>
erhalten will und auch erhalten soll. <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> versicherte mir,<lb/>
dass jetzt Besprechungen mit <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> stattfinden werden und er über<lb break="no"/>zeugt ist, dass man dies wieder einrenken kann. Von <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> meint<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs>, kann man wirklich annehmen, dass er ein ehrlicher Makler ist.<lb/>
Bei <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> glaubt er – und dies nicht zu Unrecht – dass er ausschliess<lb break="no"/>lich die politische Seite sieht und alles daran setzt, um der ÖVP zu<lb/>
helfen, auch dann, wenn es der Sozialpartnerschaft schwer schaden würde.<lb/>
In Wirklichkeit müsste es doch eigentlich umgekehrt sein. In jedem<lb/>
Fall müsste doch der Generalsekretär einer Institution die Interessen<lb/>
dieser Institution und der darin vertretenen Mitglieder höher stellen<lb/>
als die politische Absicht. So etwas würde man doch maximal von einem<lb/>
Funktionär einer Institution erwarten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_09">Im Vorstand der Lebensmittelarbeitergewerkschaft kommt weniger die<lb/>
Preissituation zur Diskussion als die Tatsache, dass Streiks oder<lb/>
streikähnliche Drohungen wie es bei den Brauereien im Westen der<lb/>
Fall gewesen ist, unsere gewerkschaftliche Einheit und deren Vorgehen<lb/>
sehr gefährdet. Die Brauer werden jetzt in einem Solidaritätsfonds<lb/>
Mittel aufbringen und selbstverständlich wird auch die Gewerkschaft<lb/>
einen grösseren Beitrag leisten, damit die im Streik oder streikähnliche<lb/>
Zustand befindlichen Arbeitsniederlegungen finanziert werden können.<lb/>
Einige Betriebsräte insbesondere der Salzburger Landesobmann und Zipfer-<lb/>
Brauerei-BRO <rs type="person" ref="#per__118212">Suko</rs> hat sogar Geld aufgenommen, um die Löhne fort<lb break="no"/>zuzahlen. Die disziplinierten Brauerei-Vertreter und insbesondere<lb/>
unsere Vorstandsmitglieder sind über dieses Verhalten sehr empört.<lb/>
Ich musste in einer Vorbesprechung mit ihnen sehr ringen, besonders<lb/>
mit dem ZBO der Brau AG <rs type="person" ref="#per__139722">Macher</rs> damit sie diese Solidaritätsaktion<lb/>
akzeptieren. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass unser Brauerei<lb break="no"/>sekretär <rs type="person" ref="#per__126872">Macho</rs> in die Länder fährt und bei Betriebsversammlungen<lb/>
auf unsere Verhalten hinweist und dieses auch versucht, den Kollegen<lb/>
da draussen zu erklären.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_10">Über die Zuckerpreisentwicklung waren die Zuckerarbeiter natürlich<lb/>
alles andere als erfreut. Wir haben jetzt schon durchgesetzt, dass<lb/>
die Zuckerindustrie schriftlich anerkannt hat, dass sie mit 1.1.1972<lb/>
die neu vereinbarten Löhne bezahlen wird. Die Hauptschwierigkeit ist<lb/>
aber, dass natürlich jetzt die Kollegenschaft endlich die Auszah<lb break="no"/>lung dieser erhöhten Löhne erwartet. Ganz sicher bin ich mir na<lb break="no"/>türlich auch nicht, ob nicht die einzelnen Betriebsräte ihren Direkto<lb break="no"/>ren, um vielleicht die Auszahlung dadurch zu erreichen, zugesagt haben,<lb/>
dass sie sich einsetzen werden, dass der Zuckerpreis so schnell wie mög<lb break="no"/>lich erledigt wird. Offiziell haben wir natürlich jede Verbindung<lb/>
zwischen Zuckerpreis und Lohnpolitik abgelehnt. Vielleicht spielt<lb/>
die Preisentwicklung in unserer Gewerkschaft deshalb keine so grosse<lb/>
Rolle, weil eben immer eine Gruppe mit der offiziellen Preiserhöhung<lb/>
oder mit einem Antrag bei der Paritätischen Kommission auf Preis<lb break="no"/>erhöhung verknüpft ist und natürlich dann die anderen aus Solidarität<lb/>
nicht so sehr über die Preiserhöhung herfallen. Die christlichen Gewerk<lb break="no"/>schaftsvertreter, die ja alle ÖAAB-Mitglieder ebenfalls sind, verhal<lb break="no"/>ten sich sehr ruhig. Unseren Leuten glaube ich es, wenn sie sagen, dass<lb/>
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sind. Seitdem <rs type="person" ref="#per__136836">Robert Bauer</rs>, der Sekretär der Fleischer-Gruppe von<lb/>
uns weggekommen ist und bei der Sozialversicherung Direktionssekretär<lb/>
ist, wurde der politisch profilierte und agierende Mann vom ÖAAB<lb/>
eigentlich damit abgezogen. Sein Nachfolger <rs type="person" ref="#per__133118">Hacker</rs> ist ein lieber<lb/>
Gewerkschafter nach Schrot und Korn, der glaube ich jetzt sogar<lb/>
aus dem ÖAAB-Vorstand, wo ihn <rs type="person" ref="#per__136836">Robert</rs> zuerst als Funktionär hinein<lb break="no"/>gehievt hat, glaube ich wieder herausgekommen ist. Der jetzige Obmann<lb break="no"/>stellvertreter in unserer Gewerkschaft, ein Tabakarbeiter, hat über<lb break="no"/>haupt erklärt, er würde gar nicht in den ÖAAB-Vorstand hineinkommen.<lb/>
Hier glaube ich aber ist auch mit ein Grund, dass der ÖAAB gar nicht<lb/>
daran denkt, von uns einen Mann hineinzunehmen. Hätte damals nicht<lb/>
<rs type="person" ref="#per__136836">Bauer</rs>, der Bruder des Landesparteiobmannes Wien, sich sehr eingesetzt,<lb/>
wäre sicherlich auch <rs type="person" ref="#per__133118">Hacker</rs> gar nicht im ÖAAB-Vorstand gekommen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_11">Zur Diskussion im Parteivorstand über den Bericht des Bundeskanzlers<lb/>
kam ich gerade noch zurecht. Die Besetzung des Parteivorstandes ist<lb/>
in Wirklichkeit skandalös. Verständlich ist es allerdings, da die<lb/>
meisten in irgendeiner anderen Funktion, sei es als Regierungsmitglie<lb break="no"/>der oder als Präsidium oder erweitertes Präsidium den Vortrag von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> schon einige Male gehört haben. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> kann auch gar nicht,<lb/>
und für mich wäre es eine physische Qual, immer wieder die Probleme<lb/>
neuerdings zu referieren, Neues im Parteivorstand bringen. An der<lb/>
Diskussion beteiligen sich dann meistens auch immer nur <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs>,<lb/>
<rs type="person" ref="#per__137127">Hanzlik</rs>, <rs type="person" ref="#per__98080">Herta Winkler</rs>. Letztere war begeistert, dass <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> jetzt<lb/>
endlich den Zuckerpreis ablehnt und damit den Konsumenten klar und deut<lb break="no"/>lich zeigt, dass die Regierung eine andere Preispolitik macht. Ich<lb/>
denke mit Schaudern daran, wie sie dann wird mehr oder minder<lb/>
eine Zuckerpreiserhöhung, die früher oder später garantiert kommt,<lb/>
verkraften und erklären wird. <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> hat mit der Argumentation,<lb/>
die Zuckerindustrie ist sowieso in einer glücklichen Gewinnsituation,<lb/>
ebenfalls jedwede Zuckerpreiserhöhung abgelehnt. Nach seinen Berech<lb break="no"/>nungen würde bei einer Lohntangente von 13,4 % maximalst eine 9 Groschen<lb/>
Zuckerpreiserhöhung gerechtfertigt sein, die aber auch ohne weiteres<lb/>
aus den Gewinnen der Zuckerindustrie erbracht werden kann. <rs type="person" ref="#per__137127">Hanzlik</rs> hat<lb/>
gemeint, man möge doch die soz. Frauen aktivieren. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sprach sich<lb/>
allerdings gegen eine solche Demonstration oder sonstige Aktivität<lb/>
besonders aus, da er meint, Demonstrationen würden ausschliesslich<lb/>
als gegen die Regierung empfunden werden. Unsere Frauen sind entweder<lb/>
noch in der Oppositionszeit oder aber haben noch nicht den richtigen Weg<lb/>
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angegriffen fühlt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-09_12">Am meisten gefällt mir, wenn im Parteivorstand über die Budgets, d.h.<lb/>
über die Einnahmen und Ausgaben der Partei verhandelt und beschlossen<lb/>
wird. In diesem Fall werden Rohentwürfe vom Sekretariat verteilt<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__98056">Weikhart</rs> dann umständlich bis in die letzten Details berichtet<lb/>
das Ganze dann aber natürlich als streng vertraulich betrachtet und<lb/>
sogar die Unterlagen wieder eingesammelt. Dabei sind die Erkenntnisse<lb/>
verhältnismässig sehr vage. Ich selbst merke mir nur, dass da. 42 Mill.<lb/>
das Gesamtbudget ist, wobei allerdings ich überzeugt bin, dass der<lb/>
grösste Teil der Aufkommen doch durch Gewerkschaftszuschüsse indirekter<lb/>
Art, sei es der AZ gegenüber oder sonstigen Ausgaben finanziert wird.<lb/>
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            <head>Tagesprogramm, 9.3.1972</head>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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               <occupation>Ökonom, Univ.-Prof., Inst. f. Gewerbeforschung</occupation>
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               <occupation>SChef HM</occupation>
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               <occupation>Bundespräsident bis 1974</occupation>
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               <occupation>franz. Außenstaatssekretär, UDR</occupation>
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               <occupation>franz. Sts.</occupation>
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               <occupation>franz. Staatspräsident</occupation>
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               <occupation>[ÖVP-Sekretär in der Gewerkschaft - ÖGB oder LUGA?; 1972 als Sekr. Gruppe
                  der Fleischer genannt und dass er nun Dir.sekr. bei der Sozialversicherung sei;
                  offenbar Bruder des Wr. ÖVP-Obmanns Franz Bauer]</occupation>
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               <occupation>Wr. SPÖ-BR-Abg. bis 1973</occupation>
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               <occupation>Gen.Sekr. HK, ÖVP-NR-Abg., später AR-Präs. Verbund</occupation>
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