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            <title type="main">Dienstag, der  7. März 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_01">Dienstag, 7. März 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_02">In Fortsetzung der gestrigen Diskussion und Auseinandersetzung<lb/>
über die EWG-Verhandlungen wurde eine ausserordentliche inter<lb break="no"/>ministerielle Sitzung sofort einberufen. Während die gestrige<lb/>
Sitzung eine Starbesetzung hatte, es waren alle Präsidenten und<lb/>
Generalsekretäre der HK, LWK und IV gekommen, wurde jetzt wieder<lb/>
in einer normalen Besetzung verhandelt. Auch die AK und der ÖGB<lb/>
konnten im letzten Moment noch eingeladen werden. Die Herren des<lb/>
FM kamen sowieso um eine Stunde später, da sie erst in der Früh<lb/>
verständigt werden konnten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_03">Am Gang traf ich Sekt.Chef <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs>, der mir neuerdings versichern<lb/>
wollte, wie gut er sei, da er seinen Plan über den Abbau der Zölle<lb/>
bei sensiblen Produkten durchgesetzt hat. Ich erklärte ihm, dass<lb/>
ich die Meinung keinesfalls teile. Mir gegenüber hat er grosse<lb/>
Zurückhaltung dieses Planes an den Tag gelegt. <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> musste ihm<lb/>
das eine Blatt förmlich aus der Hand reissen, wie ich eine Foto<lb break="no"/>kopie verlangte. Gleichzeitig hat er berichtet, dass die Handels<lb break="no"/>kammer und Industriellenvereinigung zustimmen. Als Entschuldigung<lb/>
kann man zwar gelten lassen, dass Dr. <rs type="person" ref="#per__113096">Placek</rs> von der Industrie<lb break="no"/>sektion angeblich ihm gegenüber erklärt hat, er ist einverstanden,<lb/>
müsste aber noch seinen Herren berichten. Ich erklärte <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs><lb/>
dezidiert, in diesem Fall hätte er müssen mit den Funktionären eben<lb break="no"/>falls Rücksprache halten und diese überzeugen, bevor er mir mit<lb break="no"/>teilt, die Handelskammer und Industriellenvereinigung stimmen<lb/>
seinem Vorschlag, was nicht der Fall war. Bei der Sitzung erklärten<lb/>
dann <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> und <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs>, dass sie den Vorschlag überhaupt noch nie<lb/>
gehört hätten und beschwerten sich darüber auch mit Recht. Bei<lb/>
der Sitzung fragte mich nun <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> immer, ob er die Einzel<lb break="no"/>informationen den interministeriellen Sitzungsteilnehmern mit<lb break="no"/>teilen sollte. Ich erklärte, dass ich dies als selbstverständlich<lb/>
betrachte. Darauf entschloss er sich dann, nicht nur die einzelnen<lb/>
Sätze endlich bekanntzugeben, sondern darüber hinaus auch den<lb/>
Wunsch der Schweden, dass wir die Montan-Union-Produkte 73.15<lb/>
Kohlenstoff und leg. Stähle, welche von der EG als sensible<lb/>
Produkte betrachtet werden, bereits jetzt als eine in den frühzei<lb break="no"/>tigen Abbau einzubeziehen betrachtet werden. Schweden hoffen,<lb/>
<pb n="10-0325" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-03-07_0325.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>dass diese Position vielleicht aus den sensiblen Produkten über<lb break="no"/>haupt ausgeschieden werden kann. Mit dem Hinweis, dass in dem<lb/>
EGKS-Sektor ja besondere Bestimmungen für diese Produkte vorgesehen<lb/>
sind, eine Preisklausel mit einer Preiskontrolle, ist eine weitere<lb/>
Sonderregelung nicht notwendig. Österreich hat 1956 über dieses<lb/>
Produkt sowie über die anderen EGKS-Produkte den Preisvertrag abge<lb break="no"/>schlossen, wonach keinesfalls die veröffentlichten Preise unter<lb break="no"/>schritten werden dürften. Allerdings kann Österreich sofort in einen<lb/>
tieferen Preis einsteigen, wenn in der EWG irgendwer einen solchen<lb/>
verlangt. Dieses Abkommen wird aber kaum eingehalten. <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs> hat<lb/>
insbesondere dagegen remonstriert, dass vielleicht dann die Stahl<lb break="no"/>industrie sowohl die Alpine als auch die VÖEST und die Edelstahl<lb break="no"/>werke, nicht mehr bei der Paritätischen Kommission um Preiserhöhungs<lb break="no"/>anträge ansuchen werden. Da dies eine rein innerösterreichische Frage<lb/>
ist, habe ich natürlich erklärt, dass dies ähnlich wie bei der Er<lb break="no"/>stattung dann in Österreich zu regeln sein wird. Ich war über diesen<lb/>
Vorschlag sehr erfreut, obwohl wir vorher gar nicht darüber gespro<lb break="no"/>chen haben, denn damit konnte ich beweisen, dass nicht nur die Land<lb break="no"/>wirtschaft und die Handelskammer ein innerösterreichisches Problem<lb/>
auf die Verhandlungsebene mit der EWG brachte, sondern auch der<lb/>
Gewerkschaftsbund denselben Fehler oder denselben Wunsch hatte.<lb/>
In beiden Fällen konnte ich nichts anderes als zurückweisen, da<lb/>
ja auf die Verhandlungsführung und auf die Weisung, die wir der<lb/>
Kommission für 8. März geben wollten, keine wie immer gearteten<lb/>
Einfluss haben kann.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_04">Über die landwirtschaftlichen Nachfolgeprodukte einigten wir uns<lb/>
dann, dass alle der 1059-er-Verordnung unterliegenden von uns<lb/>
verlangt werden. Die Ausnahme von Hefe, die die Handelskammer verlangt,<lb/>
wurde von mir gegenüber dem Wunsch der Arbeiterkammer und ÖGB kom<lb break="no"/>pensiert nämlich für Teigwaren, eine andere Regelung anzustreben als<lb/>
die im Prinzip auch von ihnen zugestimmten der Abschöpfung. In diesem<lb/>
Fall würde nämlich der derzeitige Zoll von 1.80 S auf 4.30 S,<lb/>
3.50 S beweglicher Teil, 80 Groschen fester Teil, betragen, umgewan<lb break="no"/>delt werden. Als Kompromiss, das dann alle akzeptierten, erklärt<lb/>
ich, dass wenn die EWG die 1059-er akzeptiert, dann Hefe drinnen<lb/>
bleibt und die Teigwarenregelung der Handelskammer akzeptiert wird.<lb/>
Leider ist es unwahrscheinlich, dass die EWG die gesamte Verordnung<lb/>
1059 gegen Österreich anwendet und daher wird wahrscheinlich auch<lb/>
dieses Kompromiss nicht zum Tragen kommen. Trotzdem habe ich damit<lb/>
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Verhandlungsrunde wird man ja sehen, ob wir bis dahin eine bessere<lb/>
Lösung finden können. Ich sehe sie nicht.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_05">Direktor <rs type="person" ref="#per__127100">Plattner</rs>, VÖEST, Direktor <rs type="person" ref="#per__139711">Hanowski</rs>, Alpine, und <rs type="person" ref="#per__116013">Wohlgemuth</rs><lb/>
vom Walzstahlbüro, kamen mit Min.Rat <rs type="person" ref="#per__134830">Peschke</rs>, um sich gegen die<lb/>
Importe aus den Oststaaten auf dem Stahlsektor zu beschweren. Durch<lb/>
die Liberalisierung werden sie in Hinkunft durch wesentlich unter<lb/>
ihren Preisen liegenden Angebote aus den Oststaaten den Markt<lb/>
derotiert bekommen. Ich erklärte ihnen sofort, dass wir ausserstan<lb break="no"/>de sind, die Liberalisierung, die spätestens 1975 eintritt rück<lb break="no"/>gängig zu machen. Wenn entsprechende Dumpingpreise vorliegen, dann<lb/>
müssten sie das Antidumpinggesetz zu Hilfe nehmen. Ich erklärte<lb/>
aber, dass eine so geringe Anzahl von Tonnen Stahls nach Österreich<lb/>
kommen, dass kaum das Antidumpinggesetz wird angewendet werden kön<lb break="no"/>nen, da ja auch sie eine ähnliche Praxis bei den Exporten ent<lb break="no"/>wickeln. Die Alpine hat mit den Ungarn einen Kooperationsvertrag<lb/>
und deshalb wird von dort der österreichische Markt kaum mehr<lb/>
derotiert. Ich empfahl auch den anderen Stahlfirmen zu versuchen,<lb/>
mit den Oststaaten entsprechende Kooperationsverträge abzuschlies<lb break="no"/>sen, dadurch ergibt sich nicht nur für sie eine günstige Ausgangs<lb break="no"/>basis für die Belieferung von dem entsprechenden Oststaat, sondern<lb/>
sie haben auch die Gewähr, dass Österreich nicht durch unsaubere<lb/>
Praktiken von diesen Staaten erobert werden will. Im Einzelfall<lb/>
könnte <rs type="person" ref="#per__134830">Peschke</rs> bei den Oststaaten gegen einzelne wirklich unseriöse<lb/>
Importe Protest einlegen. Voraussetzung dafür ist aber, dass sie<lb/>
uns endlich das genaue Ziffernmaterial zur Verfügung stellen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_06">Im Ministerrat hat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> seine neue Verteidigungsdoktrin vor<lb break="no"/>gelegt und beschliessen lassen. Am Nachmittag soll der Landes<lb break="no"/>verteidigungsausschuss endgültig darüber beraten und entscheiden.<lb/>
Ich glaube, dass damit wirklich das erste Mal eine Formulierung<lb/>
gefunden wurde, die Österreich zeigen kann, warum wir eine Landes<lb break="no"/>verteidigung brauchen und dass nicht nur in der Verfassung seine<lb/>
Grenzen sondern das gesamte Bundesgebiet aber vor allem die demo<lb break="no"/>kratischen Freiheiten ihrer Menschen, Ihrer Verfassungs- und Rechts<lb break="no"/>ordnung, ihre Unabhängigkeit und ihre territoriale Unversehrtheit<lb/>
und die Handelsfreiheit der Republik verteidigt werden soll.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_07"><rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> meinte noch, man sollte noch die Gesellschafts<lb break="no"/>ordnung in diesen Katalog aufnehmen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sprach sich dagegen<lb/>
entschieden aus, denn die Gesellschaftsordnung nach Auffassung der<lb/>
Sozialisten ändert sich ständig im Rahmen natürlich unserer Ver<lb break="no"/>fassung. Die Verfassung selbst soll verteidigt werden, damit ist auch<lb/>
indirekt die Gesellschaftsordnung, die aber eben nicht fixiert werden<lb/>
soll, eingeschlossen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_08">Ich berichtete mündlich über die Verhandlungen mit der Landwirtschafts-<lb/>
und Handelskammer, und Industriellenvereinigung über die EG und<lb/>
insbesondere aber über unseren Vorschlag betreffend der Entsendung<lb/>
von Kommission in die Oststaaten. Vorher bereits hatten mich die<lb/>
Minister aufmerksam gemacht, dass der Anlass, nämlich die Entsendung<lb/>
nach Tirana in Wirklichkeit nur das Handelsministerium drei Personen<lb/>
namhaft macht und die Handelskammer und Arbeiterkammer entsprechende<lb/>
Leute entsendet. Ich musste zugeben, dass dieser Ministerratsbeschluss<lb/>
eigentlich mehr gegenüber unser Haus wirken soll, als gegen vielleicht<lb/>
wirklich notwendige Entsendung von ressortfremden Personen. Inter<lb break="no"/>essenvertretungen gehen allerdings auf Kosten des AHF-Beitrages und<lb/>
damit eigentlich ebenfalls auf indirekte Staatskosten. Ich wies<lb/>
darauf hin, dass insbesondere der erste Punkt, wo durch relativen<lb/>
Abschluss der Verhandlungen in einer kürzeren Zeit und vor allem<lb/>
gleich Paraphierung des Vertragswerkes eine zweite und dritte<lb/>
Delegationsreise erspart werden soll. Ich glaube ja nicht, dass<lb/>
wir mit diesem Beschluss bei uns im Hause wirklich den Eindruck<lb/>
erwecken können, dass diese Idee nicht von uns ausgegangen ist,<lb/>
sondern dass die anderen Minister eben über diese Entwicklung so<lb/>
empört waren, dass der Ministerrat einen solchen Beschluss gefasst<lb/>
hat. Sicher wird man dies gegen uns auslegen und <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> wird noch<lb/>
seine Wunder erleben. Trotzdem glaube ich, war es notwendig einen<lb/>
solchen Beschluss zu fassen. <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> hat nicht zuletzt mit Recht darauf<lb/>
hingewiesen, dass er in den vergangenen Jahren immer wieder als<lb/>
Delegationsmitglied feststellen konnte, wie sinnlos lange Zeit<lb/>
und wie oft Reisen unternommen wurden, die man im wesentlichen<lb/>
kürzer und vor allem womöglich gleich durch einen Abschluss oder<lb/>
Paraphierung bei einer Reise erreichen könnte.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_09">Bei der anschliessenden Sitzung mit den Interessenvertretungen<lb/>
wollte <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> sich nach einiger Zeit entschuldigen, da er zu<lb/>
einer anderen Besprechung gehen musste. Infolge der Wichtigkeit aber<lb/>
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<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> schon bei der Einleitung eine solche Andeutung gemacht<lb/>
hat, dass <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> weggehen wird. <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> hat sich vorher den Kopf<lb/>
zerbrochen, ob ich dort einleitend eine entsprechende Erklärung<lb/>
abgeben werde und wie ich diesen fünften Zwerg, um mit <rs type="person" ref="#per__120391">Qualtinger</rs><lb/>
zu reden, anlegen sollte. Ich habe ihm sofort vorausgesagt, dass<lb/>
ich gar nicht dort zum Sprechen kommen werde, sondern dass <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
ausgehend von seiner Reise in die Hauptstädte sofort die entsprechenden<lb/>
Verhandlungen einleiten wird. Ich sagte <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> auch voraus, wie sich der<lb/>
weitere Sitzungsablauf darstellen wird und wie dann letzten Endes<lb/>
ein Kompromiss zustande kommt, da <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> nicht einen wirklichen Bruch<lb/>
der Verhandlungen wird im Hinblick auf seine Parlamentsantworten<lb/>
nächste Woche brauchen kann. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> eröffnete deshalb wie erwartet und<lb/>
wies ganz besonders auf die politische Situation hin, die er seinen<lb/>
Verhandlungspartnern in den Hauptstädten auseinandergesetzt hat.<lb/>
Dem franz. Ministerpräsidenten <rs type="person" ref="#per__139470">Delmas</rs> setzte er auseinander,<lb/>
dass die ÖVP aus einem Drittel der Bauernvertreter im Parlament<lb/>
besteht und deshalb eine Landwirtschaftslösung gefunden werden muss.<lb/>
Ebenso ist es für die Handelskammervertreter unakzeptabel, wenn über<lb/>
die sensiblen Produkte keine befriedigende Lösung erreicht werden<lb/>
kann. In diesem Fall würde dann der Nationalrat schärfstens dagegen<lb/>
polemisieren und den Abschluss des Vertrags damit in Frage stellen.<lb/>
Nach langer Diskussion kam dann auch genau dies heraus. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> schlug<lb/>
nach Unterbrechung der Sitzung der Landwirtschaft und dem Handelskammer<lb/>
vor, dass sie in einem Brief, welchen der Finanzminister als Antwort<lb/>
auf ihre Forderungen schicken wird, vorkommt ein Satz, wonach der Wa<lb break="no"/>renverkehr in einem unerwünschten Ausmass steigen sollte, geeignete<lb/>
Gegenmassnahmen worunter limitierte Erstattungen ebenfalls zu ver<lb break="no"/>stehen sind, in Erwägung gezogen wird. Ursprüngliche Forderung, dass<lb/>
dies nur im Einvernehmen mit den Wirtschaftspartnern geschehen kann,<lb/>
wo die Handelskammer sofort mit Recht vermutet, dass ein Veto der<lb/>
Arbeiterkammer dies verhindert, wurde dann abgeändert, dass sich<lb/>
die Regierung um ein solches Einvernehmen bemühen wird. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
erwartet dafür, dass in der politischen Debatte im Parlament über<lb/>
die Integration nächste Woche sich die Debattenredner der ÖVP<lb/>
einer gewissen Zurückhaltung befleissigen. Er meinte dies nicht auf<lb/>
seine Person bezogen, sondern nur, damit man nicht erklärt, in diesem<lb/>
Vertrag wäre wirtschaftlich nichts drinnen. In diesem Fall würde der<lb/>
Westen sich überlegen, ob er uns weitere Zugeständnisse macht, er würde<lb/>
da doch mit seinen eigenen Interessenvertretern Patronat Landwirt<lb break="no"/><pb n="10-0329" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-03-07_0329.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>schaft in grosse Schwierigkeiten kommen, ohne dass er die<lb/>
Sicherheit hätte, dass der Vertrag wirklich angenommen wird.<lb/>
Damit müsste sich die Verhandlungsposition unserer Kommission in<lb/>
Brüssel wesentlich verschlechtern. Gegenüber dem Osten würde<lb/>
die ÖVP dann das Argument liefern, dass dieser Vertrag an politischer<lb/>
Vertrag ist, der ausschliesslich Österreich der NATO näherführen<lb/>
soll, da er wirtschaftlich – wie die Regierung behauptet – von<lb/>
der Opposition ja nachgewiesen wird, überhaupt nichts Positives<lb/>
dabei herausschauen kann. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> versicherte, er wird sich in seinem<lb/>
Klub bemühen, dass diese Politik verstanden und entsprechend be<lb break="no"/>rücksichtigt wird und <rs type="person" ref="#per__97733">Mayer-Gunthof</rs> hat zum Schluss noch dem<lb/>
Kanzler Dank für seine Verhandlungsführung und für das Ergebnis<lb/>
ausgesprochen. Nur die Landwirtschaftskammer, Dr. <rs type="person" ref="#per__97368">Brandstätter</rs><lb/>
insbesondere, war sehr enttäuscht und erklärte, einen solchen Brief<lb/>
hätten sie sowieso erwartet und hätten eigentlich konkretere<lb/>
Zusicherungen bereits vom Finanzminister erwünscht. Auf Grund dieser<lb/>
Aussprache konnte ich sowohl Botschafter <rs type="person" ref="#per__137933">Marquet</rs>, der mich fragte,<lb/>
mitteilen, dass die Delegation entsprechend informieren könnte,<lb/>
dass eine einvernehmliche Lösung erzielt wurde. Als auch <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs><lb/>
hat eine diesbezügliche telefonische Mitteilung <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> und <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs><lb/>
durchgegeben. Zu meiner grössten Verwunderung hörte ich dann spät<lb/>
abends, dass die Landwirtschaft nicht befriedigt sei und an der Teil<lb break="no"/>nahme der Sitzung in diesem Punkt verzichtet und keinen Vertreter<lb/>
entsendet.<lb/>
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ohne eine konkrete Zusage zu geben, doch jetzt die Integrationsfrage<lb/>
aus dem politischen Tageskampf herausgenommen. Ich muss zugeben, dass<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> eigentlich ohne viel Zugeständnisse von <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> eine solche<lb/>
Erklärung bekommen hat. Ich weiss allerdings nicht, wie weit sich <rs type="person" ref="#per__97769">Mus<lb break="no"/>sil</rs> in seinem Klub durchsetzen wird können. Sicher ist, dass ich<lb/>
ja immer geschätzt aber und auch das ist eingetroffen, dass die Handels<lb break="no"/>kammer sich letzten Endes kaum gegen den Vertrag stellen kann und<lb/>
deshalb natürlich auf die ÖVP einen Einfluss nehmen wird, dass sie<lb/>
in der Oppositionsrolle nicht allzu weit geht. Da nämlich dieser<lb/>
Vertrag Verfassungsbestimmungen enthält, muss ja die ÖVP dem Ver<lb break="no"/>trag zustimmen. Wenn daher die Opposition in allzu starker Weise vorher<lb/>
die Bevölkerung gegen den Vertrag scharf macht, dann wird sie nachher<lb/>
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trotzdem letzten Endes zugestimmt hat. Natürlich kann auch die<lb/>
Meinung der drei Genossen dahingehend stimmen, dass die ÖVP sich in<lb/>
einer derartig schlechten parteimässigen Situation befindet, dass sie<lb/>
vielleicht dann wie ein Ertrinkender um sich schlägt und selbst einen<lb/>
solchen Vertrag aus der unmittelbaren Tagespolitik heraus ablehnt.<lb/>
Dies kann ich mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen.<lb/>
Hier bewährt sich, wie gut manchmal Verfassungsbestimmungen wie z.B.<lb/>
auch bei den Preisgesetzen sind. In diesem Fall trägt die Opposition<lb/>
eine ungeheure Verantwortung und kann nicht so leicht taktieren, als<lb/>
dies bei einfachen Gesetzen möglich ist.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_11">Die Sitzung über die Maschinenringe, wo Präsident <rs type="person" ref="#per__97691">Lehner</rs> und ich teil<lb break="no"/>nehmen sollten, konnte nur ohne uns abgeführt werden. <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> berichtete<lb/>
mir, dass die Landwirtschaft vernünftige Änderungsvorschläge hat, die<lb/>
wir in die Gewerbeordnung aufnehmen sollten. Ich erklärte ihm, dass<lb/>
ich dazu ohne weiteres bereit bin, wenn die Landwirtschaft dann end<lb break="no"/>gültig erklärt, dass sie damit zumindestens so weit zufrieden ist,<lb/>
dass dies eine Verhandlungsbasis im Parlament sein könnte. Wenn die<lb/>
Landwirtschaft aber glaubt, dass sie ähnlich wie beim EWG-Vertrag<lb/>
immer wieder ihre Forderungen höherschrauben kann und wenn diese nicht<lb/>
erfüllt werden, dann erklärt wird, wir sind dagegen, dann bin ich<lb/>
nicht bereit, ihnen auch bei vernünftigen Vorschlägen entgegenzu<lb break="no"/>kommen. Ich möchte nämlich zumindestens mit einem Teil, das ist<lb/>
der Handelskammer, ein klares Verhältnis in diesen Gewerbeordnungs<lb break="no"/>vorschlägen bekommen. Wenn die Landwirtschaft dann bereit ist, in<lb/>
einem vernünftigen Kompromiss dem auch zuzustimmen, dann werde ich<lb/>
versuchen, die Handelskammer von einem solchen Kompromiss zu über<lb break="no"/>zeugen. Wenn nicht, dann werden wir eine extreme Fassung ins Parlament<lb/>
hinüberlegen und dort dann eine endgültige Formulierung versuchen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_12">In der Fraktion berichtete <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> über die Absicht, die Freiheitlichen<lb/>
in den Bundesvorstand zu kooptieren. Interessant war, dass <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs><lb/>
weggehen musste, <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> aber erklärte, dass er im Auftrage auch von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> diesen Antrag an die Fraktion stellt. Zu meiner grössten Ver<lb break="no"/>wunderung erklärten nun die Angestelltenvertreter, dass sie trotzdem<lb/>
gegen diesen Antrag stimmen, da <rs type="person" ref="#per__113375">Kindl</rs>, der Angestelltenbetriebsrats<lb break="no"/>obmann von Semperit, sich bis jetzt nicht bereit gefunden hat, z.B.<lb/>
den Betrieb voll zu organisieren. Von 800 Beschäftigten gehören nur<lb/>
400 der Gewerkschaft an. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> meinte mit Recht, dass dies vielleicht<lb/>
<pb n="10-0331" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band10/10_1972-03-07_0331.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>zuviel von ihm verlangt sei, da er doch bis jetzt innerhalb der<lb/>
Gewerkschaft sich nicht verankern konnte. <rs type="person" ref="#per__113375">Kindl</rs> wird auch nicht als<lb/>
Vertreter der Privatangestellten, sondern eben als die Repräsentanz der<lb/>
FPÖ-Betriebsräte in den Bundesvorstand kooptiert.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_13"><rs type="person" ref="#per__111741">Sekanina</rs> berichtete über den Ärztestreit und meint, dass ein wei<lb break="no"/>teres Zugeständnis nicht möglich sei. Die Ärzte hätten eine Automa<lb break="no"/>tikklausel vereinbart und ausser Wien und Kärnten sei diese für<lb/>
alle anderen Länder gültig. Diese mache 4,22 % Erhöhung aus. Der<lb/>
Hauptverband der Krankenkassen sei bereit, 7,9 % plus 0,3 %<lb/>
für bundeseinheitliche Positionenregelungen insgesamt also 8,2 %<lb/>
zu akzeptieren. Dadurch würden die Bezüge der Ärzte um 1.700 S<lb/>
pro Monat im Durchschnitt erhöht werden. Eine weitere Erhöhung<lb/>
sei unakzeptabel, erklärte auch <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs>. Er würde nicht wie dies<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97793">Olah</rs> seinerzeit gemacht hat, dann als der Mann auftreten, der<lb/>
dem Verhandlungskomitee in den Rücken fällt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_14"><rs type="person" ref="#per__111740">Dallinger</rs> berichtete, dass bei den Verhandlungen über die Lohn<lb break="no"/>steuerreform der Finanzminister bereit wäre, die Zuschläge für<lb/>
Schmutz- Erschwernis- und Gefahren u. die Sonn- und Feiertags<lb break="no"/>zuschläge ähnliche wie die gesamten Überstunden, also nicht nur die<lb/>
Zuschläge sondern auch den Grundbetrag mit festen Steuersätzen<lb/>
zu verrechnen. Ihm schwebt eine 7 %-ige Steuerbelastung vor. Dies<lb/>
würde in einem Grossteil der Fälle eine wesentliche Verkürzung<lb/>
der derzeitigen Steuerlast oder Steuerbelastung mit sich bringen.<lb/>
In Einzelfällen allerdings könnte es zu einer Verschlechterung<lb/>
der jetzigen Situation kommen, deshalb wird es äusserst schwie<lb break="no"/>rig sein, eine Regelung zu finden, die die Gewerkschaften auch akzep<lb break="no"/>tieren können. Interessant haben jetzt endlich viele Gewerkschaften<lb/>
verlangt, dass sie bei diesen Verhandlungen zumindestens als Zu<lb break="no"/>hörer beigezogen werden. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> glaubt kaum, dass es auf diesem<lb/>
Sektor zu einer einvernehmlichen Regelung zwischen ÖGB und Finanz<lb break="no"/>ministerium wird kommen können.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_15">Auf besonderen Wunsch <rs type="person" ref="#per__97346">Benyas</rs> sollte ich über die Preisentwicklung<lb/>
referieren. Ich setzte der Fraktion auseinander, dass wir jetzt min<lb break="no"/>destens einen psychologischen Preisfeldzug starten müssen, und dass<lb/>
die entsprechenden Vorschläge der Arbeitsgruppe der Regierung über<lb/>
die Preisfragen erstattet wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band10_1972-03-07_16">Nachdem am Abend <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> kam, um mitzuteilen, dass der ÖVP-<lb/>
Pressedienst jetzt wegen der Preiserhöhung für Feber mit 5,7 eine<lb/>
entsprechende Aussendung macht, habe ich mich mit <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sofort<lb/>
ins Einvernehmen gesetzt, ob auch nicht wir, vorbeugend immer<lb/>
eine entsprechende Erklärung abgeben sollten. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> schlug<lb/>
sofort vor, dass ich so etwas machen sollte. <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> hat dann<lb/>
nachdem wir <rs type="person" ref="#per__133326">Krämer</rs> nicht mehr zeitgerecht erreichen konnten, eine<lb/>
Erklärung abgegeben, die einigermassen gegen die ÖVP wirken soll.<lb/>
In Hinkunft aber müssen wir eine solid vorbereitete Aussendung be<lb break="no"/>reits im Schubladl haben, damit – wenn dann die Ziffer offiziell<lb/>
bekannt wird – wir sofort als erste eine diesbezügliche Mitteilung<lb/>
mit einer Erklärung in die Öffentlichkeit bringen. Das Preisproblem<lb/>
und das konnte ich abends in unserer Bezirksausschussitzung neuer<lb break="no"/>dings feststellen, berührt noch immer die Bevölkerung natürlich sehr<lb/>
stark. Obwohl eine Erhöhung von 5,7 % noch niemals seit dem<lb/>
Jahre 1952 nach Ende der Lohn- und Preisabkommen zu verzeichnen<lb/>
war, so wirkt diese doch jetzt fast schon beruhigend. Die Bevölkerung<lb/>
glaubt nämlich, dass die Preise um 20, 30 und mehr Prozent gestie<lb break="no"/>gen sind. Wenn sie dann erfahren, dass 5,7 % die Preiserhöhung aus<lb break="no"/>machen soll, so sind sie teilweise sehr ungläubig und teilweise<lb/>
aber doch vielleicht beruhigt, dass die Preise nicht noch mehr ge<lb break="no"/>stiegen sind. Wie lange werden wir diesen Zustand noch aufrecht<lb break="no"/>erhalten können?<lb/>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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            <head>TB Koppe, 7.3.1972</head>
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            <head>Tagesordnung 17. Ministerratssitzung, 7.3.1972</head>
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