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            <title type="main">Mittwoch, der  9. Februar 1972</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_01">Mittwoch, 9. Feber 1972<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_02"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat eine neue Form für die Probleme der Landesverteidigung<lb/>
gefunden. In Schweden hat er beobachtet, wird ausser dem Landes<lb break="no"/>verteidigungsrat, wo die militärische Strategie mit den Parlamenta<lb break="no"/>riern besprochen wird, noch mit den Interessensvertretungen, d.h.<lb/>
mit der Wirtschaft und den grossen Arbeitnehmerorganisationen sowie<lb/>
den Bauernvertretern, ein Gesprächsforum über die Landesverteidigung<lb/>
gefunden. In Österreich war so etwas bis jetzt noch nie der Fall.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> führt deshalb eine solche Besprechung auch in Österreich<lb/>
ein und gibt damit der Landesverteidigung eine sehr breite Basis.<lb/>
Er verlegt das ganze nach Wr. Neustadt, in die Militärakademie,<lb/>
was erstens einmal für die Bundesländer gleich wieder bedeutend ist<lb/>
wie sehr er sich bemüht, ihre Bedeutung herauszustreichen, <rs type="person" ref="#per__97917">Schleinzer</rs><lb/>
meint gleich bei der Einleitung, dass er aus der Einladung nicht ent<lb break="no"/>nehmen konnte, was hier gesprochen werden soll. Ausserdem ist auf<lb/>
die Vertraulichkeit in der Einladung hingewiesen und er hat Sorge,<lb/>
dass vielleicht hier die Regierungspolitik in Hinkunft nicht mehr<lb/>
kritisiert werden kann. Andererseits ist am Schluss bereits eine<lb/>
Pressekonferenz vorgesehen. <rs type="person" ref="#per__97917">Schleinzer</rs> hat scheinbar noch nicht be<lb break="no"/>merkt, dass <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> alle Leute für sich gewinnen kann, wenn er er<lb break="no"/>klärt, er will auf einer breiten Basis die wirkliche Landesverteidi<lb break="no"/>gung besprechen. Bei einer tour d'horizon kommt er zum Schluss auf<lb/>
die entscheidenden Punkte. Er meint, dass echte Partnerschaft mit<lb/>
den Wirtschaftsverbänden selbst in den kritischsten Punkten, näm<lb break="no"/>lich wie Interessenskollision gegeben sind, auf wirtschaftlichem<lb/>
Gebiete heute existieren und er glaubt deshalb auch, dass es ziel<lb break="no"/>führend wäre, diese Aussprache ebenfalls fortzusetzen, wenn eine<lb/>
grundsätzliche Sprachregelung gefunden werden kann und ein Minimum<lb/>
der Zusammenarbeit gesichert ist. Die Besprechung hat sogar <rs type="person" ref="#per__97326">Bacher</rs><lb/>
eingeladen, aber nicht als Vertreter eines Massenmediums, sondern<lb/>
als der entscheidende Mann, der bei einer Krisensituation die<lb/>
Nachrichtenkommunikation garantieren muss. In der Sowjetunion wurde<lb/>
seinerzeit eine finnische Gegenregierung unter <rs type="person" ref="#per__139653">Kuusinen</rs> eingerichtet<lb/>
die sogar über eigene Radiostationen verfügte. <rs type="person" ref="#per__97326">Bacher</rs> fühlt sich<lb/>
wahrscheinlich durch die Einladung in solch erlauchten Kreis, der<lb/>
allerdings über 50 Personen umfasste, sehr geschmeichelt und wird<lb/>
in Hinkunft nicht nur die tatsächlich ihm zukommende Aufgabe sehen,<lb/>
sondern auch eine Achtung seiner Person.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_03">An Details wurde in diesem Referat wenig geboten, <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat aller<lb break="no"/>dings die Gelegenheit genützt, um bei der Vorratshaltung z.B.<lb/>
darauf hinzuweisen, dass die Aktion Eichhörnchen, er hat diese<lb/>
nicht genannt, d.h. aber bei der Familienvorratshaltung grosse<lb/>
komplizierte sensible Probleme sich ergeben. Bei der wirtschaft<lb break="no"/>lichen Vorratshaltung aber für einen Neutralen absolut notwendig,<lb/>
konnte er gleich seine Wünsche als Verantwortlicher für die verstaat<lb break="no"/>lichte Industrie deponieren. Auf der einen Seite erklärte er, dass<lb/>
die Landwirtschaft von einem neutralen Staat nie aufgegeben werden<lb/>
darf, denn es müssten eben entsprechende landwirtschaftliche Produkte<lb/>
für den Krisenfall vorhanden sein. Ein Preisdenken, das ausschliess<lb break="no"/>lich nach den Weltmarktpreisen sich orientiert, damit die Grenzen<lb/>
öffnen und damit die österr. Landwirtschaft vernichten würde, käme<lb/>
für ihn nicht in Frage. Dagegen sprechen eben ausser den wehrpoli<lb break="no"/>tischen noch soziale, wehrpolitische, aber auch Fremdenverkehrsaspekte.<lb/>
Indem man aber einerseits der Landwirtschaft solch grosse Unterstützung<lb/>
zukommen lässt, dann müsste man auch die anderen Naturschätze wie<lb/>
das Mitterberger Kupfer, den Erzbergbau, die Kohlenproduktion ent<lb break="no"/>sprechend schützen. Ein Vergleich, den er dort nicht sagte, ist<lb/>
immer, dass wenn wir hunderte Millionen für die Erhaltung von über<lb break="no"/>schüssigen Molkereien ausgeben, muss man auch das Geld aufbringen,<lb/>
um Mitterberg über die Krise hinwegzubringen. Bei der Rüstungspro<lb break="no"/>blematik andererseits wies er darauf hin, dass die Wiederbeschaffung<lb/>
von Waffen von allergrösster Bedeutung ist und dass Österreich sich<lb/>
nicht erlauben könne, die letzte Munitionsfabrik, nämlich Hirtenberg,<lb/>
aufzugeben.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_04">Gen.Truppeninspektor <rs type="person" ref="#per__139655">Leeb</rs> hat auf Ersuchen des Verteidigungsministers<lb/>
eine Feindsituation gegeben. In diesem Fall hat er generalstabsmässig<lb/>
aufgezählt, was man allerdings in der Wochenpresse ebenfalls schon<lb/>
vor Wochen, wo im Detail ausgeführt wurde, was die angrenzenden<lb/>
Staaten alles an Militär haben, dem Kreis zur Kenntnis gebracht.<lb/>
Daran entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Die Oppositions<lb break="no"/>vertreter versuchten immer wieder darauf hinzuweisen, dass es not<lb break="no"/>wendig wäre, dass die Bundesregierung hier Verteidigungsdoktrin<lb/>
mitteilen sollte. Beim Mittagessen erklärte mir noch <rs type="person" ref="#per__97925">Schoeller</rs> und<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97661">Kottulinsky</rs>, dass sie noch nicht klar sehen, ob sie überhaupt bei<lb/>
dieser Aussprache das erfahren werden, warum sie überhaupt hierher<lb/>
gekommen sind und sich nicht damit gefoppt fühlen, dass eben eine<lb/>
konkrete Aussage bis jetzt noch nicht gemacht wurde. Ich musste<lb/>
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beim Empfang für die italienische Delegation der Industriellenver<lb break="no"/>einigung dann erzählt und <rs type="person" ref="#per__97925">Schoeller</rs> insbesondere hat darauf hinge<lb break="no"/>wiesen, dass sie dann voll befriedigt waren. <rs type="person" ref="#per__97925">Schoeller</rs> insbesondere<lb/>
wies darauf hin, dass <rs type="person" ref="#per__97488">Gratz</rs> einen ganz entscheidenden Diskussions<lb break="no"/>beitrag geliefert hat. Scheinbar hat <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> dann in der Anfrage<lb break="no"/>beantwortung und im Schlusswort doch die Wünsche der Anfragenden<lb/>
einigermassen befriedigend beantwortet. Bei der Pressekonferenz, ich<lb/>
habe spät abends eine Bildaufnahme im Fernsehen gesehen, sass <rs type="person" ref="#per__97917">Schlein<lb break="no"/>zer</rs> dann noch neben <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, womit der Eindruck entstand, dass hier<lb/>
die Regierung mit der Opposition eine gemeinsame Linie gefunden hat.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_05">Da ich das erste Mal in der Militärakademie war, habe ich <rs type="person" ref="#per__108224">Lütgendorf</rs><lb/>
ersucht, er möge eine Kurzführung veranstalten. An dieser haben dann<lb/>
verhältnismässig ein grosser Teil der Zuhörer der Versammlung teil<lb break="no"/>genommen. Was mir dabei aufgefallen ist, dass es ein sehr schönes<lb/>
Offizierskasino gibt und dass die Tradition in dieser Militärakademie<lb/>
die die älteste der Welt ist, eine grosse Rolle spielt. Wenn man<lb/>
bedenkt, dass aber die ganze Militärakademie sehr zerstört war und<lb/>
in dem vergangenen Jahrzehnt richtiggehend neu aufgebaut werden<lb/>
musste, kann man ermessen, wohin ein Grossteil der Rüstungsausgaben<lb/>
hingegangen ist. An und für sich entspricht es aber meinem System<lb/>
weil ich immer auf dem Standpunkt stehe, jedwede Ausgabe für<lb/>
wirkliches Rüstungsmaterial, das früher oder später doch total ver<lb break="no"/>altet ist, ist weniger gut angelegt als entsprechende Errichtung von<lb/>
kulturhistorisch wertvollen Bauten oder von guter Versorgung unserer<lb/>
Jungmänner, denn hier hat man das Geld am wenigstens schlecht ange<lb break="no"/>legt. Wir besichtigten auch auf meine Initiative überraschend einige<lb/>
Unterkünfte und ich hatte den Eindruck, dass dort ein verhältnismässig<lb/>
sehr legerer Betrieb existiert. In meinen Augen vielleicht sogar<lb/>
ein gewisser positiver Ansatz in unserer Entwicklung der Wehrpolitik.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_06"><rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> versteht es unwahrscheinlich, Shows zu organisieren und die<lb/>
Opposition gibt ihm dabei noch eine sehr gute Staffage. Ich weiss<lb/>
nicht, ob es möglich gewesen wäre, dass sie an einer solchen Einladung<lb/>
nicht teilgenommen hätten, ich selbst würde aber eine solche Einladung<lb/>
eher dazu benützen, um der Regierung und insbesondere dem Chef<lb/>
entsprechend die Würmer aus der Nase zu ziehen, als einen solchen<lb/>
Kreis zu rechtfertigen, dass als sie noch Regierungspartei waren,<lb/>
eine Verteidigungsdoktrin gehabt haben und die jetzige Regierung<lb/>
<pb n="09-0168" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band09/09_1972-02-09_0168.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>sich noch immer nicht eindeutig in dieser Richtung ausgesprochen<lb/>
hat. <rs type="person" ref="#per__97488">Gratz</rs>, neben dem ich sass, hatte eine gute Definition dieser<lb/>
Verteidigungsdoktrin aber gehabt. Er meinte, es steht dort gar<lb/>
nichts anderes drinnen, als dass wir den Feind in einen Sumpf<lb/>
locken wollen, ihn dort umkreisen und vernichten. Dass diese Ver<lb break="no"/>teidigungsdoktrin aus dem 65-er Jahr, d.h. aus der Koalitionsregierung<lb/>
stammt, auf die sich die heutige ÖVP so besonders beruft, ist ein<lb/>
besonders pikanter Gesichtspunkt. <rs type="person" ref="#per__97419">Ermacora</rs> meinte dann sogar noch,<lb/>
dass die Neutralität Österreichs heute nicht mehr existent sei, da<lb/>
ein Souveränitätsverlust durch die faktische Nichtbereitschaft des<lb/>
Heeres existiere. <rs type="person" ref="#per__97613">Karasek</rs> verstieg sich sogar dahingehend, dass<lb/>
<rs type="person" ref="#per__139656">Pintschela</rs>, ein Schweizer Völkerrechtler, den Standpunkt vertritt,<lb/>
dass die Neutralität verbietet, entsprechende Truppenreduktion wie<lb/>
sie im Sinne einer Abrüstungskonferenz gefordert werden, zu akzeptieren<lb/>
oder gar vielleicht selbst durchzuführen.Er meinte, dass die öster<lb break="no"/>reichische Neutralität damit fest schon aufgegeben ist. Eine Diskussion,<lb/>
wie man sie im Parlament schon des öfteren gehört hat, war das Er<lb break="no"/>gebnis der ganztägigen Sitzung.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_07">Die italienische Industrie-Delegation unter Führung von Präs. <rs type="person" ref="#per__139657">Lombardi</rs><lb/>
und <rs type="person" ref="#per__97733">Mayer-Gunthof</rs> berichtete mir über ihre Verhandlung am Vortag. Be<lb break="no"/>sonders interessierten sich die Italiener für unsere Sozialpartner<lb break="no"/>schaft. Sie waren über das Phänomen sehr erstaunt. Ich erwiderte, dass<lb/>
dies in Österreich der Unternehmerschaft viel Geld kostet, aber<lb/>
doch auf lange Sicht gesehen, für sie und für die österreichische<lb/>
Wirtschaft einen grossen Erfolg garantiert. Insbesondere sei die Vor<lb break="no"/>aussetzung eine starke Gewerkschaftsbewegung, wie wir sie in Öster<lb break="no"/>reich haben. In der Integrationsfrage hatte die österreichische<lb/>
Industriellenvereinigung am Vortag immer wieder auf die Probleme der<lb/>
sensiblen Produkte und der Ursprungsregelung verwiesen. Hier meinte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__139657">Lombardi</rs> sei das Entscheidende, dass die Neutralen verschieben vor<lb break="no"/>gehen und deshalb für die EWG es grosse Schwierigkeiten sich daraus<lb/>
ergeben. Ich erwiderte, dass in der Grundtendenz sehr wohl es ge<lb break="no"/>lungen ist, eine einheitliche Auffassung aller drei Neutralen zu er<lb break="no"/>zielen. <rs type="person" ref="#per__139657">Lombardi</rs> meinte, dass die EWG auch objektive Schwierigkeiten<lb/>
hat. Die Amerikaner hätten nicht nur die Währungskrise verursacht,<lb/>
sondern seien auch früher für eine europäische Integration gewesen,<lb/>
jetzt sehen sie sich aber benachteiligt und wünschen keinerlei weitere<lb/>
Präferenzen für neutrale Staaten und andere Staaten in Europa ausser<lb/>
<pb n="09-0169" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band09/09_1972-02-09_0169.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>halb der Wirtschaftsgemeinschaft. Bezüglich des Osthandel meinte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97733">Mayer-Gunthof</rs>, dass wir übereingekommen wären, die Industrie sollte<lb/>
sich nicht gegenseitig durch noch <choice><choice><sic>längerfristigere</sic><corr>langfristigere; längerfristige</corr></choice></choice> Kredite, die<lb/>
bereits jetzt 8–10 Jahre betragen, dem Osten auszuliefern. Ich<lb/>
wies darauf hin, dass Österreich sich mit der westlichen Welt ge<lb break="no"/>meinsam als besseres Wirtschaftssystem dokumentieren müsse und daher<lb/>
gegenüber dem Osten eine aktivere Ostpolitik machen muss. Als letzter<lb/>
Punkt wurde dann am Vortag noch die Probleme der Mehrwertsteuer be<lb break="no"/>sprochen, wo die Industriellenvereinigung ja sehr gerne einen späte<lb break="no"/>ren Inkrafttretenszeitpunkt in Österreich haben möchte. Die Italie<lb break="no"/>ner hätten auch jahrelang gezögert, bis sie jetzt endlich am 1.1.73<lb/>
erst ihre Mehrwertsteuerregelung einführen. Dieses Problem – da es<lb/>
ja wirklich nicht meine Kompetenz ist – gliedert ich vollkommen aus.<lb/>
Für die Integrationsbesprechungen, wies ich noch ganz besonders<lb/>
darauf hin, müsste dann noch der politische Gesichtspunkt eine be<lb break="no"/>deutendere Rolle spielen als er dies vielleicht bis jetzt in den<lb/>
westlichen europäischen Staaten, die an der EWG teilnehmen, gegolten<lb/>
hat. Wenn Österreich das Schaufenster für den Osten sein soll,<lb/>
dann muss man doch auch Österreich die Chance geben, dass es seine<lb/>
wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung fortsetzen kann. Wenn unsere<lb/>
Wirtschaftssysteme nicht besser wären als die des Ostens, würden<lb/>
sich nicht auch in Hinkunft immer wieder bestätigt, dann besteht<lb/>
die grosse Gefahr, dass der Kommunismus natürlich in unseren<lb/>
Ländern stärker werden würde. Bezüglich des Osthandels meinte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__139657">Lombardi</rs>, dass wir doch mit verschiedenen Waffen gegenüber dem<lb/>
Osten kämpfen und deshalb das Westsystem vielleicht überlegen ist,<lb/>
aber im konkreten Geschäft doch nicht so sehr verglichen werden<lb/>
kann. Aus der kurzen vorgesehenen Aussprache entwickelte sich dann<lb/>
eine eineinhalbstündige Diskussion.<lb/>
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ein Referat über die Preispolitik in Österreich.<lb/>
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Titel meines Referates am Tageszettel vermerken.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_10">Zum Glück habe ich immer einige Ziffern bei mir und konnte deshalb<lb/>
ohne dass ich eigentlich wusste, dass dieses Problem zur Debatte<lb/>
stand, auf Grund meiner jahrzehntenlangen Erfahrung ein umfassendes<lb/>
Referat halten. Es entwickelte sich, obwohl es für eine Versamm<lb break="no"/>lung schon sehr spät wurde, dann trotzdem eine sehr rege Diskussion.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_11">Allerdings war ein Diskussionsteilnehmer und ich glaube, er<lb/>
hat im Namen aller Beteiligten gesprochen, sehr daran interessiert,<lb/>
was ich zum Fall <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs> zu sagen hätte. Ich unterschied die sach<lb break="no"/>liche Seite dieses Problems. Hie zeigte ich auf, dass die Daten<lb/>
alle schon bekannt sind Und dass sie jetzt im Gerichtsverfahren<lb/>
durch Beleidigungsprozesse geklärt werden. Das persönliche Problem<lb/>
charakterisierte ich, dass <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs> nicht gerade sehr glücklich bis<lb/>
jetzt argumentiert hat, das politische Problem aber stellt sich<lb/>
für mich so dar, dass in irgendeiner Weise jeder Spitzenpolitiker<lb/>
irgendwelche Schwächen hat oder zumindestens von der gegnerischen<lb/>
Seite ein gewisses Misstrauen in der Partei gegen den Mann als Grund<lb break="no"/>lage des Angriffszieles genommen wird. Hier hätte sich eben der Wie<lb break="no"/>ner Vorstand jetzt vielleicht sogar zu spät ganz hinter <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs><lb/>
gestellt. Auch hier hatte ich das Bedürfnis, dass ich zwar die<lb/>
Situation erklären konnte, dass aber es mir wahrscheinlich auch<lb/>
nicht geglückt ist, die Genossinnen und Genossen restlos zu über<lb break="no"/>zeugen. Wenn sich die volle Unschuld <rs type="person" ref="#per__97963">Slaviks</rs> herausstellen sollte,<lb/>
dann könnte allerdings ein Zeitpunkt kommen, wo das Misstrauen<lb/>
gegen <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs> nicht nur von Gegnern, sondern auch von unseren eigenen<lb/>
Leuten die Grundlage sein könnte, die Stimmung total zu ändern.<lb/>
In diesem Fall würde durch die ungerechte Behandlung <rs type="person" ref="#per__97963">Slaviks</rs> er<lb/>
sogar als Märtyrer dastehend ein Image bekommen, das ihm dann für<lb/>
die nächste Zeit sehr helfen könnte. Allerdings ist dies deshalb<lb/>
schwer möglich, weil die Massenmedien, die ihn heute durch sogenannte<lb/>
objektive Berichterstattung sicherlich persönlich sehr kränken,<lb/>
würden dann maximal ihre Angriffe einstellen. Keinesfalls aber würden<lb/>
sie in absehbarer Zeit in ihrer Schreibweise umschwenken und <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs><lb/>
als besonderen Mann herausstreichen. Bei <rs type="person" ref="#per__98043">Waldbrunner</rs>, der auch eine<lb/>
solche Angriffkritikphase mitgemacht hat, hat es immerhin ein Jahr<lb break="no"/>zehnt gedauert, bis man ihn dann als den alten Mann der SPÖ, der<lb/>
das Gewissen darstellt, charakterisiert hat und anerkannt hat.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band09_1972-02-09_12">Meine Frau teilt mir mit, dass in der Sektionssitzung bei ihnen<lb/>
bereits festgestellt wurde, dass einige Mitglieder wegen <rs type="person" ref="#per__97963">Slavik</rs><lb/>
angeblich austreten. Wahrscheinlich dient dies nur den ehemaligen<lb/>
Mitgliedern als Vorwand. um eine Unzufriedenheit mit der SPÖ<lb/>
und die Austrittsabsicht, die sie dadurch haben schon seit längerer<lb/>
Zeit, jetzt aktuell zu begründen. Dennoch ist dies ein vielsagendes<lb/>
Phänomen, was wir sicherlich auch noch in unserem Bezirk werden<lb/>
feststellen können. Die Tätigkeit meiner Frau in einer anderen<lb/>
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besitze, dich mich nicht als Bezirksobmann kennen und andererseits<lb/>
aber wahrscheinlich eine ähnliche Entwicklung mitmachen wie unsere<lb/>
Landstrasser Organisation.<lb/>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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               <persName type="label">Kuusinen, Otto</persName>
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               <occupation>Büro des Bundesministers (Sekretärin)</occupation>
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