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            <title type="main">Dienstag, der  7. Dezember 1971</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_01">Dienstag, 7. Dezember 1971<lb/>
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Verfügung gestellten Mittel in der Höhe von max. 12 Mio. S zu<lb/>
übernehmen. Er möchte unbedingt die Gemeinden, aber vor allem das<lb/>
Land Steiermark in dieser Gesellschaft verankern. Seiner Ansicht<lb/>
nach kommt es weniger darauf an, von diesen dann budgetäre Zu<lb break="no"/>schüsse zu bekommen, als überhaupt die Mitwirkung des Landes<lb/>
Steiermark und der Gemeiden sichern. Wenn es nicht um budgetäre<lb/>
Mittel geht, verstehe ich nicht, warum er unbedingt darauf drängt,<lb/>
dass das Land und die Gemeinden mitwirken. Auf alle Fälle habe<lb/>
ich recht gehabt, dass das Finanzministerium doch nicht imstande<lb/>
ist, so schnell eine Gesellschaft auf die Beine zu stellen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__110922">Vranitzky</rs> erzählte mit, dass <rs type="person" ref="#per__107953">Buchauer</rs><add>[evtl. Falschidentifikation]</add> wie ein aufgescheuchtes<lb/>
Hendel herumläuft und den Kopf hängen lässt, weil es nicht zur<lb/>
Gründung der Gesellschaft bekommen ist. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> meinte dann,<lb/>
er hätte jetzt gehört, dass <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> herumerzählt, er sei schuld<lb/>
daran, dass jetzt bei Aichfeld-Murboden nichts weiter geht. Sicher<lb break="no"/>lich hätte die Planungsabteilung im BKA wesentlich früher alle<lb/>
Schritte einleiten müssen, um zu einer Gesellschaftsgründung zu<lb/>
kommen. Ich vereinbarte mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs>, dass wir die Budgetmittel,<lb/>
die uns für die Industrieförderung zur Verfügung stehen, vorüber<lb break="no"/>gehend der Bürges zuleiten. Im nächsten Jahr kann dann der BÜRGES<lb/>
ein geringerer Zuschuss gegeben wird, sodass für die Industrie<lb break="no"/>förderung dann mehr Mittel zur Verfügung stehen werden. Sollte ich<lb/>
im Parlament angeschossen werden, was mit den 20 Mill. Industrie<lb break="no"/>förderung geschehen ist, so kann ich darauf hinweisen,<lb/>
dass erstens die Patentverwertungsgesellschaft im nächsten Jahr<lb/>
errichtet wird, die ja heuer bereits hätte sollen aktiviert werden<lb/>
aber durch Geldmangel der Handelskammer und Industriellenvereinigung<lb/>
nicht zustande kam, dass zweitens die Industriegebiete Fulpmes<lb/>
für die Genossenschaft und Aichfeld-Murboden unterstützt werden<lb/>
sollen und drittens, dass die Wifis und BfI einen entsprechenden<lb/>
Zuschuss bekamen, um industriepolitische Umschulungen durchzuführen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_03">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Bitte veranlasse, dass die Budgetabteilung<lb/>
die unverzüglich durchführt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_04">Im Ministerrat hat <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> seinen Genehmigungserlass für Ausgaben<lb/>
bis Jahresende 1971 im mündlichen Vortrag beschliessen lassen.<lb/>
Bei der Vorbesprechung hatte er davon geredet, dass insbesondere<lb/>
Anschaffungen in Höhe bis über 5.000 S zum Jahresende gemacht werden<lb/>
die oft nicht einmal die Ressortchefs wahrscheinlich wünschten. Es<lb/>
handle sich z.B. um elektrische Schreibmaschinen und sonstige Ausgaben,<lb/>
die ganz sinnlos sind. Jetzt sprach er von Anschaffungen, Leistungs<lb break="no"/>aufträgen, Zuschussgewährungen und ähnlichem die nicht auf gesetz<lb break="no"/>licher oder vertraglicher Verpflichtung beruhen. Damit hat er alle<lb/>
Ausgaben in den Griff bekommen und will angeblich nur eine formelle<lb/>
Genehmigung aussprechen. Er hat nämlich bei der Vorbesprechung er<lb break="no"/>klärt, er wird alle Anträge der Bundesministerien genehmigen. Nach<lb/>
der Sitzung erklärte ich, dass er gestern doch <choice><choice><sic>nr</sic><corr>nur?</corr></choice></choice> von Ausgaben gespro<lb break="no"/>chen hat und jetzt z.B. auch die Bergbauförderung und die Bürges-<lb/>
Übertragung der Industrieförderungskredite darunterfällt. Er meinte,<lb/>
er hätte gestern auch gesagt, dass eine Abgrenzung sehr schwer<lb/>
möglich sei und er würde jedoch auf alle Fälle die Genehmigung aus<lb break="no"/>sprechen. Ich frage mich dann, wozu er ein so kompliziertes Ver<lb break="no"/>fahren mit Zustimmung dann einführt. Hier glaube ich wird sich<lb/>
viel Konfliktstoff mit den einzelnen Ressorts ergeben.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_05">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Da ich gegenüber <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> alle Ansätze werde<lb/>
durchsetzen müssen, bitte sofort veranlassen resp. Genehmigungen so<lb break="no"/>fort jetzt in Angriff zu nehmen sind. Ich will nicht, dass dann vor<lb/>
Weihnachten erst wirklich die Listen zur Genehmigung beim Finanzmini<lb break="no"/>ster eingereicht werden.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_06">In der Sektionsleiterbesprechung im Parlament zeigt sich wieder einmal<lb/>
mehr, wer von den Sektionsleitern initiativ ist und die Leitung der<lb/>
Sektion wirklich in der Hand hat. Vielleicht aber auch ist das Schwei<lb break="no"/>gen der anderen auf eine <choice><choice><sic>passivise</sic><corr>passive?</corr></choice></choice> Resistenz zurückzuführen oder<lb/>
sie sind wirklich nur auf Weisung empfangen eingestellt, jetzt<lb/>
handhaben wir dieses System 1 3/4 Jahr und es hat noch immer nicht<lb/>
die Form, wie wir es wünschen. Sektionschef <rs type="person" ref="#per__107939">Römer</rs> erörterte das<lb/>
neue System für die Zollbestätigung der Maschinenkommission und<lb/>
der Kann-Bestimmungen auf Grund der 7. ZT-Novelle. Zuerst hiess es<lb/>
hier seien 10.000-e von Akten zu erledigen und die Arbeit werde<lb/>
immer mehr, dann hiess es, die Reorganisation sei äusserst schwie<lb break="no"/>rig und man sei bereit, Kompetenzen an die Handelskammer abzugeben<lb/>
und Vereinfachungen zu machen. Jetzt heisst es, es würden in Wirklich<lb break="no"/><pb n="08-1450" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band08/08_1971-12-07_1450.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>keit nur ganz unwesentliche Ersparnisse an Arbeitsvorgänge durch die<lb/>
Zolltarifnovelle und die Umstellung bei uns im Haus Platz greifen.<lb/>
Man könnte verzweifeln. Wenn es nicht bei der Abgabe der Statistik,<lb/>
die wir im Hause gemacht haben an das Statistische Zentralamt oder der<lb/>
Auflassung der Hollerith-Abteilung in der Aussenhandelsstelle, die<lb/>
letzten Endes dann doch eine entsprechende Verwaltungsreform einleitet<lb/>
genau dieselbe Taktik festzustellen war.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_07">Die Firma SATEL, Direktor <rs type="person" ref="#per__138179">Wolkenstein</rs>, und ein Rechtsanwalt wollten<lb/>
mit einreden, dass die Fremdenverkehrswerbung etliche Millionen für<lb/>
die Fremdenverkehrsfilme aufwenden sollte. Er selbst hätte mit dem ORF<lb/>
aber auch mit dem 1. Deutschen Fernsehen bereits Gespräche geführt,<lb/>
dass sehr günstige Sendezeiten für österr. Werbefilme zur Verfügung<lb/>
gestellt werden. Angeblich hat er drei halbstündige Sendungen mit<lb/>
dem Deutschen Fernsehen und kann sogar auf 6 Halbstunden-Sendungen<lb/>
seine garantierte Sendezeit erweitern. Die Herstellkosten für eine<lb/>
halbe Stunde Werbefilm würde 400–500.000 S betragen und er würde<lb/>
die Produktion übernehmen. Er meinte, die ÖFVW hätte früher viele<lb/>
produzierte Filme nicht senden können, da sie überhaupt nicht von<lb/>
den Fernsehgesellschaften übernommen wurden. Dies mag stimmen, doch<lb/>
erklärte ich ihm sofort, dass ich nicht bereit bin, auch nur einen<lb/>
Schilling in eine Filmwerbung in Hinkunft zu stecken. Abgesehen<lb/>
davon, dass wir im Budget nicht die notwendigen Mittel bereitstel<lb break="no"/>len würden, käme es nur zu Streitereien, welches Land bei einer<lb/>
Halbstundensendung z.B. durch Mehrminuten stärker gefördert oder pro<lb break="no"/>pagiert wird als ein anderes Land. Er könnte hier nur die Länder ver<lb break="no"/>suchen zu gewinnen, dass sie entsprechende Fernsehfilme herstellen,<lb/>
um für ihr Land eine Fernsehwerbung durchzuführen. Diesbezüglich<lb/>
könnte er auch meine moralische Unterstützung haben. Geld gibt es<lb/>
keines. Sein zweiter Vorschlag bezog sich darauf, dass er Kassetten<lb break="no"/>recorder herstellen will. In diesem Fall meinte auch er, dass wir<lb/>
zuerst Mittel dafür bereitstellen. Auch dies lehnte ich ganz ent<lb break="no"/>schieden ab. Wir könnten nur dafür Sorge tragen, dass so wie wir<lb/>
Prospekte der einzelnen Länder in unseren Zweigstellen im Ausland<lb/>
versenden auch solche audiovisuelle Kassetten in den Zweigstellen<lb/>
bereithalten, damit wenn irgendwelche Wünsche von Seiten der Reise<lb break="no"/>büros oder anderer Institutionen an die Zweigestellen herangetragen<lb/>
werden diese zur Verfügung gestellt werden könnten. Damit die Zweig<lb break="no"/>stellen, diese vorführen könnten, könnte man sich vorstellen, dass<lb/>
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hier hat die Firma höchstens von mir eine moralische aber keine<lb/>
finanzielle Unterstützung zu erwarten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_08">Bei einer Betriebsversammlung der KG Wien in der Gewerkschaft der<lb/>
Lebensmittelarbeiter war der Saal bummvoll, auch die Galerie war<lb/>
besetzt. Ich sollte nur eine kurze Begrüssungsansprache halten, nützte<lb/>
aber gleich die Gelegenheit, um die heissen Eisen der Preisbildung<lb/>
und des Verhaltens der Gewerkschaft der Lebensmittelarbeiter zu die<lb break="no"/>sem Problem zu erörtern. Dann erklärte ich, dass ich unbedingt eine<lb/>
Diskussion wünsche. Das Eis war sofort gebrochen als der erste Dis<lb break="no"/>kussionsredner die kurze Frage stellte, was verdienen sie? An<lb break="no"/>stelle der Minutenbegrüssung entwickelte sich dann eine lebhafte<lb/>
stundenlang dauernde Diskussion. Die Preisentwicklung und insbeson<lb break="no"/>dere die Erhöhung der Tramway-Tarife und Zigarettenpreise, Strompreis<lb/>
Eisenbahntarife wurde lebhaftest kritisiert. Dort konnte ich durch<lb/>
meine verbindliche Art vielleicht die Mehrzahl davon überzeugen,<lb/>
dass es notwendig ist. Im Parlament diskutierte ich dann mit <rs type="person" ref="#per__97488">Gratz</rs><lb/>
und <rs type="person" ref="#per__97444">Fischer</rs> dieses Problem. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat – so sagten sie mir – sich<lb/>
vorgenommen, dass wir nicht den Fehler machten sollten, in den<lb/>
ersten Wochen oder Monaten unserer Tätigkeit unsere Wähler vor den<lb/>
Kopf zu stossen, Wir glauben und ich bin auch der Meinung, dass<lb/>
wir dies jetzt durch die konzentrierten Preiserhöhungen in den<lb/>
letzten Tagen getan haben. Jede Stelle hat versucht, jetzt die<lb/>
Preiserhöhung so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen,<lb/>
ob dies die Gemeinde Wien war, die Eisenbahner oder die Tabakregie.<lb/>
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man folgenden taktischen<lb/>
Weg einschlagen sollen: Zuerst wäre es zielführend gewesen, im Par<lb break="no"/>lament die Preisregelung und Preistreibereigesetznovelle zu be<lb break="no"/>handeln. Dies hätte die ÖVP abgelehnt und anschliessend daran hätte<lb/>
man sagen müssen, jetzt kann man die Preisflut nicht mehr so leicht<lb/>
aufhalten und deshalb müsste auch die öffentliche Hand ihre schon<lb/>
so lange zurückgestauten Preiswünschen durchsetzen. Ob wir nämlich<lb/>
den Strompreis vor dieser Debatte oder nach dieser Debatte durchge<lb break="no"/>führt hätten, wäre ganz gleich gewesen. Ebenso wäre es für den<lb/>
Effekt vollkommen gleich gewesen, wenn wir die Bahntarife und vielleicht<lb/>
auch sogar die Zigarettenpreise zu einem späteren Zeitpunkt erst<lb/>
bekanntgegeben hätten. So wird die Debatte im Parlament vollkommen<lb/>
wirkungslos werden, d.h. die ÖVP und die FPÖ werden imstande sein<lb/>
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Und die Bevölkerung wird genau denselben Eindruck haben. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs><lb/>
wurde angeblich von seiner Bürokratie mitgeteilt, dass die<lb/>
Zigarettenpreiserhöhung nur 0,2 % Lebenshaltungskostensteigerung<lb/>
ausmacht. Meine flüchtige Berechnung hat ergeben, dass mindestens<lb/>
das Doppelte der Fall sein wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_09">Die neuen jungen Leute bewähren sich im Parlament sehr gut. Sowohl<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97444">Heinz Fischer</rs>, als <rs type="person" ref="#per__97356">Charly Blecha</rs> als auch <rs type="person" ref="#per__97926">Edgar Schranz</rs>, die bis<lb/>
jetzt sprachen, haben sich als Fachleute sofort das Gehör des<lb/>
Hauses verschaffen können. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> ist mächtig stolz und glaubt,<lb/>
dass es ausschliesslich auf seine Tätigkeit zurückzuführen ist,<lb/>
dass diese jungen Leute ins Parlament gekommen sind. Ich kann<lb/>
dies nicht beurteilen und möchte es daher auch nicht bezweifeln.<lb/>
Richtig ist, dass jetzt eine bessere Auslese von Nachwuchs er<lb break="no"/>folgt, als dies früher der Fall gewesen ist. Früher haben ausschliess<lb break="no"/>lich die Parteimatadore der einzelnen Länder oder besser gesagt<lb/>
noch der Bezirksorganisationen sich durchgesetzt und sind auch auf<lb/>
Nationalratslisten gekommen. Vereinzelt wurden dann Nieten gewählt<lb/>
und haben im Haus nur einen Platz versessen. Wenn man allerdings<lb/>
auf dem Standpunkt steht, dass das Parlament den Durchschnitt des<lb/>
österreichischen Volks repräsentieren soll, dann muss man halt auch<lb/>
solche Typen in Kauf nehmen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> meinte mir gegenüber, es sei<lb/>
in der österreichischen Sozialdemokratie und er selbst würde diese<lb/>
Tradition unbedingt fortsetzen, immer das Bestreben gewesen„ seinen<lb/>
Nachfolgern entsprechende Chance zu geben, sie aufzubauen und dann<lb/>
einen besten aus vielen Guten heraus die Chance der Parteiführer<lb break="no"/>schaft zu geben. Dies hätte insbesondere <rs type="person" ref="#per__131768">Viktor Adler</rs> gemacht und<lb/>
damit eine Kontinuität und eine Aufwärtsentwicklung der Sozialdemo<lb break="no"/>kratischen Bartei Österreichs ermöglicht. Sehr zum Unterschied davon<lb/>
hätte <rs type="person" ref="#per__138656">August Bebel</rs> in Deutschland sich um seinen Nachfolger über<lb break="no"/>haupt nicht gekümmert und das Endergebnis sei der Verfall der Sozial<lb break="no"/>demokratischen Partei Deutschlands gewesen. Ich bin viel zu wenig<lb/>
Parteigeschichtshistoriker – welch ein ungewollter Pleonasmus –<lb/>
um dies beurteilen zu können. Auf alle Fälle ist der Vorsatz,<lb/>
sich Nachfolger heranzuziehen und eine entsprechende grosse An<lb break="no"/>zahl von Leuten, die tüchtig sind, dafür aufzubauen, sehr löblich.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> meinte, dadurch mache man sich selbst mit der Zeit<lb/>
unnötig. Ich bin überzeugt, dass er dies nicht ganz ernst meint,<lb/>
dass er sich damit unnötig macht, denn auch ich habe eine solche<lb/>
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man dabei nicht unnötig wird, sondern dass man dann nur andere<lb/>
Funktionen umso leichter übernehmen kann, weil man die Gewiss<lb break="no"/>heit hat, dass wenn man die Funktion verlässt, schon ein guter Nach<lb break="no"/>folger oder vielleicht sogar zwei zur Verfügung stehen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_10">Die Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammer hat nun ein Gut<lb break="no"/>achten nachgereicht zur Gewerbeordnung, wo sie die Einbeziehung der<lb/>
Landwirtschaft in eine Wirtschaftsordnung, die die Gewerbeordnung<lb/>
ersetzen oll, verlangt. Ich habe deshalb die Gelegenheit benützt,<lb/>
um mit Präsident <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> im Hohen Haus ist ja jetzt Zeit<lb/>
genug, über dieses Problem zu diskutieren. <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> meinte,<lb/>
dass die Landwirtschaft nicht mehr auf lange Sicht gesehen als<lb/>
ein besonderer Zweig der Wirtschaft betrachtet werden soll, sondern<lb/>
dass er tatsächlich die Absicht hat, die Landwirtschaft in die ge<lb break="no"/>samte Wirtschaft so zu integrieren, dass sie eben in der Wirtschafts<lb break="no"/>ordnung, die auch die Landwirtschaft umfassen soll, seinen Nieder<lb break="no"/>schlag findet. Er hätte dieses Problem, unabhängig von den seinerzei<lb break="no"/>tigen Vereinbarungen, die ich mit den landwirtschaftlichen Genossen<lb break="no"/>schaften getroffen habe, jetzt zur Sprache gebracht. Die landwirt<lb break="no"/>schaftlichen Genossenschaften hätten – da sie ja damals einer<lb/>
Gewerbeordnungsreform zugestimmt haben – nur ihren unmittelbaren<lb/>
Gesichtspunkt und Gesichtskreis berücksichtigt. <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> und<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97368">Brandstätter</rs> dürften diese Idee gehabt haben – wie er mir versichert<lb/>
möchte aber jetzt-eine allumfassende Wirtschaftsordnung. Es kommt<lb/>
ihnen auch nicht darauf an, dass die Organisationszugehörigkeit bei<lb/>
den Landwirtschaftskammern bleibt sondern er geht ihnen wirklich<lb/>
um ein weit gestecktes höheres Ziel. Selbst wenn dies zutrifft, so<lb/>
erklärte ich ihm, besteht derzeit aber keine Möglichkeit, diesen<lb/>
Schritt zu tun. Die Landwirtschaft ist nach wie vor Landessache<lb/>
und eine solche Gewerbeordnung besser gesagt Wirtschaftsordnung<lb/>
müsste auf eine Verfassungsänderung aufbauen. Hier könnte man doch<lb/>
keineswegs mit einer Verfassungsbestimmung einen solchen wichtigen<lb/>
Schritt gehen. <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> meinte, dass wenn es zu einer Regelung<lb/>
der Agrarmarktordnungen auf längere Sicht kommen sollte, dann würde<lb/>
ja auch die Verfassungsbestimmung ausreichen, die derzeit in den<lb/>
Marktordnungsgesetzen besteht, man könnte dann, wenn dies in die<lb/>
Verfassung eingebaut ist, ja gleichzeitig dann auf diese Ver<lb break="no"/>fassungsbestimmung auch die Wirtschaftsordnung, die ihnen vorschwebt<lb/>
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stellt und damit dann das gesamte Verfassungsgefüge und die<lb/>
Aufteilung zwischen Ländern und Bund durchführt. Hier müsste doch<lb/>
wirklich eine Verfassungsänderung vorausgehen. Da <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs><lb/>
nicht ganz überzeugt ist, einigten wir uns, dass wir unsere Fach<lb break="no"/>leute, d.h. Sektionschef <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> und vom BKA, Verfassungsdienst, und<lb/>
von der Präsidentenkonferenz einmal Besprechungen über dieses<lb/>
Problem aufnehmen sollten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_11">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>: Bitte veranlasse, dass eine diesbezügliche<lb/>
Sitzung unverzüglich von <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> einberufen wird.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_12">Ich habe zwar <rs type="person" ref="#per__97743">Minkowitsch</rs> von dieser unmöglichen Idee noch nicht<lb/>
abbringen können, ich hoffe aber, dass es gelingen wird, die ent<lb break="no"/>sprechenden verfassungsmässigen Schwierigkeiten seinen Leute vor<lb/>
Augen zu führen. Dann bin ich überzeugt werden wir wieder die<lb/>
Zustimmung der Landwirtschaft zu einer vernünftigen Gewerbe<lb break="no"/>reform erlangen können. Ganz besonders aber wies ich bei<lb/>
der Aussprache darauf hin, dass mir es vollkommen unmöglich er<lb break="no"/>scheint, die Landeshauptleute, ob es sich um ÖVP oder SPÖ<lb/>
handelt, für eine solche Verfassungsänderung<lb/>
die Zustimmung zu erhalten.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_13">Zuerst hatte es den Anschein, als ob die Diskussion über die Budget<lb break="no"/>gruppe Oberste Organe, BKA und Inneres bis in die frühen Morgen<lb break="no"/>stunden dauern würde. Zuletzt aber, da am nächsten Tag ein Feier<lb break="no"/>tag war, bewährte sich das bekannte Rezept, dass die Bundes<lb break="no"/>länderabgeordneten nach Hause fahren wollten. Überraschend wurden<lb/>
deshalb Dutzende Redner glaube ich gestrichen. Zur Barbarafeier<lb/>
allerdings wäre ich zu spät gekommen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-12-07_14"><rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> verständigte mich am Mittwoch spät abends, dass für nächsten<lb/>
Mittwoch und Donnerstag die Verhandlungen über der Interimsabkommen<lb/>
angesetzt sind, er hofft, dass er bis spätestens Ende der Woche<lb/>
der Text des Kommissionsberichtes bekommen wird. Er erwartet mit<lb/>
Ende der Woche einberufen zu werden, damit wir am Montag noch<lb/>
einmal in der interministeriellen resp. in einem kleineren Kreis<lb/>
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das Problem Interimsabkommen besprechen können. Ich werde so eine<lb/>
Besprechung garantiert herbeiführen, habe ihm aber noch nicht end<lb break="no"/>gültig zugesagt, sondern ersucht, er soll am Donnerstag noch einmal<lb/>
anrufen, bis er die Bestätigung des Termines für den Beginn der<lb/>
Verhandlungen fix hat. In der Zwischenzeit werde ich <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> und<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> fragen, ob sie eine solche Aussprache noch einmal wollen, was<lb/>
ich mit Sicherheit annehme und dann ihnen das Zugeständnis machen,<lb/>
zu diesem Zweck dann <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> wieder nach Wien zu beordern. Die<lb/>
Bundeskammer wird sich nämlich sehr schwer tun, das Interimsabkommen<lb/>
abzulehnen. Andererseits kann ich mir vorstellen und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> hat<lb/>
so etwas angedeutet, dass natürlich der Nebeneffekt einer 30 %-igen<lb/>
Zollsenkung auf die Einfuhren aus Deutschland eine entsprechende<lb/>
preisdämpfende Wirkung haben werden. Darüber hinaus ist dies natür<lb break="no"/>lich, wenn das Interimsabkommen zustandekommt, ein weiterer Erfolg<lb/>
der Regierung <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>. Wenn sie dagegen sind aber, dann müssten<lb/>
wir uns wirklich überlegen, ob wir dieses Interimsabkommen anstre<lb break="no"/>ben sollten. Geht nämlich das Ganze schief, dann hat die Bundes<lb break="no"/>handelskammer die Verantwortung dafür zu tragen. Diese Überlegung hat<lb/>
nur einen grossen Fehler: Die BHK als Interessensvertretung kann<lb/>
sich dann immer darauf berufen, dass sie eben die unmittelbaren Indu<lb break="no"/>strieinteressen durch die sensiblen Listenprodukte z.B. sehr stark<lb/>
vernachlässigt weiterhin ausschliesslich verfolgt hat. Wir die<lb/>
Bundesregierung aber, muss letzten Endes die politische Verantwor<lb break="no"/>tung tragen und würde bei einem Scheitern natürlich auf lange Sicht<lb/>
dafür verantwortlich gemacht werden. Ich muss mich deshalb selbst<lb/>
als EFTA-Partisan dafür einsetzen und schauen, dass wir zu einem<lb/>
einstimmigen Beschluss über das EWG-Arrangement gelangen. Da wir<lb/>
uns ja jetzt durchgesetzt haben und auch in Brüssel man einsieht,<lb/>
dass nur eine Freihandelszonen-Regelung in Frage kommt und damit<lb/>
unsere Neutralität nicht gefährdet erscheint, glaube ich dies auch<lb/>
mit ruhigem Gewissen tun zu können. Da das Interimsabkommen mehr<lb/>
oder minder auch von der Schweiz akzeptiert wurde, <rs type="person" ref="#per__97375">Brugger</rs> hat mir<lb/>
ja telefonisch neuerdings bestätigt, dass sie zwar nicht damit<lb/>
sehr einverstanden waren, sich aber jetzt damit abgefunden haben,<lb/>
könnten wir – ohne dass wir unseren Bündnispartner Schweiz ver<lb break="no"/>ärgern – diesen Schritt in Brüssel tatsächlich wagen. Die Unternehmer<lb/>
die auf der Liste der sensiblen Produkte stehen werden, werden<lb/>
ja dadurch nicht mehr geschädigt, als wenn es zu keinem Interims<lb break="no"/>abkommen kommt, weil Präjudiz, welches die Handelskammer für das<lb/>
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dies neuerdings bestätigt. Solange sich die Schweiz nicht durch<lb/>
ein solches Abkommen präjudiziert für die weiteren Verhandlungen<lb/>
fühlt, solange brauchen auch wir glaube ich auf die einzelnen<lb/>
Industriegruppen nicht mehr Rücksicht nehmen, als wir dies bei<lb/>
den Verhandlungen durchsetzen können. Der bisherige offizielle<lb/>
und jetzt auch schon für die Beamten klar erkennbare Widerstand<lb/>
der Handelskammer gegen das Interimsabkommen gibt mir politisch<lb/>
eine gute Möglichkeit. Wenn nämlich dann wieder einmal behauptet<lb/>
wird, dass ich nach Brüssel hätte fahren müssen, um die Verhandlungen<lb/>
dort vorwärtszutreiben, kann ich darauf hinweisen, dass die wichtig<lb break="no"/>ste Arbeit darin besteht, im Inland, d.h. in Österreich die Koordi<lb break="no"/>nierung herbeizuführen und ohne dass ich dann besonders den Wider<lb break="no"/>stand der Bundeskammer gegen das Interimsabkommen herausstreiche<lb/>
werden, werde ich doch darauf hinweisen, dass es notwendig war,<lb/>
divergierende Meinungen, die von Seiten der Interessens<lb break="no"/>vertretungen oder einzelnen Gruppen bestanden hatten, auf eine<lb/>
Linie zu bringen. Dies ist immerhin in den vergangenen Monaten<lb/>
mit der Landwirtschaft geglückt und ich hoffe, dass es mir<lb/>
auch in Hinkunft mit der Handelskammer und der Landwirtschaftskammer<lb/>
glücken wird.<lb/>
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            <head>Tagesordnung 6. Ministerratssitzung, 7.12.1971</head>
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            <head>SL-Besprechung 7.12.1971</head>
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