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            <title type="main">Dienstag, der 30. November 1971</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_02">Die Fraktion im Klub für den Handelsausschuss besprach die<lb/>
Budgetdebatte. Zum Glück war wenigstens <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart Fritzl</rs> anwesend,<lb/>
wären nämlich andere Ministerialbeamte des Hauses anwesend gewesen,<lb/>
hätten wir uns glaube ich ganz schön blamiert. Der Klub nämlich<lb/>
ist ausserstande, wirkliche Budgetdebatte als Regierungspartei vorzu<lb break="no"/>bereiten. In der Opposition waren wir deshalb glaube ich so gut,<lb/>
weil doch einige Leute imstande waren, bei den einzelnen Kapiteln<lb/>
eine Taktik vorzulegen, wie man die Minister attackiert. Damals<lb/>
griffen wir auch gleichzeitig die Interessensvertretungen der Land<lb break="no"/>wirtschaftskammern und insbesondere der Bundeshandelskammer bei<lb/>
allen Kapiteln, die nur irgendwelche Möglichkeiten dazu boten, eben<lb break="no"/>falls an. Jetzt ist die Situation natürlich schwierig. Werden diese<lb/>
Institutionen angegangen, müsste ich sie ja doch zumindestens was<lb/>
die Handelskammer betrifft verteidigen. Zum Glück verfällt niemand auf<lb/>
diese Idee. Andererseits wieder aber haben wir den Abgeordneten viel<lb/>
zu wenig positives Material in die Hand gegeben, damit sie überhaupt<lb/>
in Erscheinung treten können. Die Generallinie des Klubs war aber, dass<lb/>
wir ja als Regierungspartei überhaupt gar kein besonderes Inter<lb break="no"/>esse daran haben sollten, die Budgetdebatte in den Ausschüssen zu<lb/>
verlängern, oder überhaupt der ÖVP Paroli zu bieten. In anderen<lb/>
Ausschüssen hat sich dies, wie uns <rs type="person" ref="#per__115595">Fredl Reiter</rs> mitteilte, so abge<lb break="no"/>spielt, dass die ÖVP immer unsere Leute fragte, ob sie denn über<lb break="no"/>haupt nichts zu dem Budgetkapitel zu sagen haben. Ich glaube,<lb/>
dass diese Taktik auch nicht sehr gut war, was die Abgeordneten<lb/>
betrifft. Für den Minister muss oder kann dies ja eine ganz gute<lb/>
Lösung gewesen sein.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_03">In der Ausschussitzung wurde zum Unterschied vom Vorjahr gleich fest<lb break="no"/>gelegt, dass es zwei Runden gibt. Im Vorjahr hat man mich deshalb<lb/>
hart angegriffen, weil ich mich zwischendurch während die Abgeordneten<lb/>
noch nicht ganz durch waren, zu Wort gemeldet hatte, um die aufge<lb break="no"/>worfenen Fragen zu beantworten. Damals hatte ich die Zweiteilung<lb/>
erzwungen, weil ich wahrscheinlich in meinem Bestreben, alles bis<lb/>
ins Detail zu beantworten, gar nicht erst abwartete, bis die ganzen<lb/>
gemeldeten Redner durch waren. Diesmal stellte die ÖVP insbesondere<lb/>
eine ganze Anzahl von Fragen und <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> als erster Redner begann<lb/>
gleich mit einem ganzen Bukett. Kritisch wurde es überhaupt nur<lb/>
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ergibt sich dann folgende Situation, die für mich ungewöhnlich ist:<lb/>
Während nämlich die anderen weiter sprechen und weitere Fragen kommen,<lb/>
soll ich mir die Antworten, die vom Büro ausgearbeitet werden, durch<lb break="no"/>lesen, da ich aber jede Frage sehr kurz, prägnant und vor allem sehr<lb/>
schnell beantworte, habe ich kaum Zeit, mich auf diese Details vorzu<lb break="no"/>bereiten. <rs type="person" ref="#per__97722">Marhold</rs> hat dies richtig erfasst und deshalb die Antworten<lb/>
immer nur stichwortartig unterstrichen. Die ÖVP war wieder einmal<lb/>
verzweifelt, denn ich habe so schnell geredet, dass sie kaum eine<lb/>
weitere Chance der Polemik hatte. Das einzige, was sie sagen konnten,<lb/>
war, dass ich doch vom Bundeskanzler, der ja doch bekanntlicherweise<lb/>
sehr langsam spricht, mir in dieser Beziehung ein Beispiel nehmen sollte.<lb/>
Wenn er langsam spricht und ich zu schnell, dann ergibt das einen ganz<lb/>
guten Durchschnitt, ist meine Meinung dazu. Zum Glück war auch hier<lb/>
wieder <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> auf Draht, denn er hat sich sofort die Parlamentskorres<lb break="no"/>pondenz im Entwurf vorlegen lassen und dadurch den grössten Unsinn verhin<lb break="no"/>dert, der allerdings durch mein Schnellreden bestimmt verursacht war.<lb/>
Ich finde überhaupt, dass die Lösung, dass sich <rs type="person" ref="#per__97469">Gehart</rs> um das Parlament<lb/>
kümmert, obwohl ihn darum gar niemand ersucht hat, als äusserst ziel<lb break="no"/>führend und praktisch. Wenn dies von einer anderen Abteilung des Hauses<lb/>
gemacht würde, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie lange es unge<lb break="no"/>fähr dauern würde, bis man – wenn überhaupt – zu Äusserungen käme<lb/>
und wie vor allem dann die Parlamentskorrespondenz berichten würde.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__112996">Staudinger</rs> und noch andere haben bereits bei Beginn mich inoffi<lb break="no"/>ziell wissen lassen, dass sie sehr gerne sehr kurz die ganze Aus<lb break="no"/>schussitzung hätten. Ich kam diesem Wunsch nach, obwohl ich alle<lb/>
Fragen beantwortete, hatten wir in zwei Stunden 15 Minuten das ganze Kapi<lb break="no"/>tel in zwei Durchgängen erledigt. Wie mir versichert wurde – ein Rekord.<lb/>
Die anderen Kapitel haben alle wesentlich länger gedauert. Meistens<lb/>
haben die Minister mindestens so lange gesprochen wie die Anfragenden<lb/>
zusammen und dadurch haben sich natürlich die Verhandlungen sehr<lb/>
lange gezogen. Wenn mich jemand diesbezüglich angeschossen hätte,<lb/>
oder vielleicht im Hause ausschiessen würde, was ich nicht glaube,<lb/>
werde ich auf alle Fälle darauf hinweisen, dass ich mich ja immer nur<lb/>
dem Wunsch der Abgeordneten füge.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_04">Die Bundeshandelskammer und die Industriellenvereinigung wollten eine<lb/>
Aussprache über die weitere Vorgangsweise bei den Verhandlungen in<lb/>
Brüssel. Je näher die Verhandlungen kommen und je mehr sich eine Lösung<lb/>
<pb n="08-1415" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band08/08_1971-11-30_1415.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>abzeichnet, umso nervöser werden die Interessensvertretungen der<lb/>
Unternehmer. Scheinbar wird jetzt innerhalb dieser Organisationen<lb/>
von Seiten der davon betroffenen Unternehmer sehr stark interveniert<lb/>
und auf verschiedenste Entwicklung hingewiesen. Vor allem sind es<lb/>
die sensiblen Produkte, die einzelne Unternehmer jetzt beunruhigen.<lb/>
Vor allem befürchtet man, dass – wenn wir ein Interimsabkommen jetzt<lb/>
abschlossen, wo die sensiblen Produkte und die Ursprungsregelungen<lb/>
nicht in unserem Sinne geregelt ist – dann das Globalabkommen präjudi<lb break="no"/>ziert. Der Syndikus der Industriesektion Dr. <rs type="person" ref="#per__134810">Hofeneder</rs> hat insbeson<lb break="no"/>dere die Wünsche von einzelnen Firmen, z.B. Planseewerk in Tirol<lb/>
vorgetragen. Zum Glück haben wir in den letzten Monaten alle<lb/>
Vorschläge, die die Handelskammer oder die Industriellenvereinigung<lb/>
gebracht hat, genau überprüft und mit ihnen diskutiert. Darüber hinaus<lb/>
haben wir ja auch durch die ständigen Kontaktkomitees sowie durch<lb/>
die langwierigen interministeriellen Sitzungen jeder Interessen<lb break="no"/>vertretung Gelegenheit gegeben, über jedes Problem Vorschläge<lb/>
zu erstatten. Ich habe dann bei diesen Sitzungen immer wieder<lb/>
darauf hingewiesen, dass nach dieser Diskussion Einstimmigkeit<lb/>
über die Vorgangsweise erzielt ist. Darüber hinaus werden wir<lb/>
jetzt durch die Aufnahme von Interessensvertretungsvertreter als<lb/>
Experten weiterhin die Handelskammer noch stärker an die Verhand<lb break="no"/>lungsergebnisse binden. <rs type="person" ref="#per__97474">Gleissner</rs> hat schon überzogen, dass es<lb/>
sich hier um eine ungeheure<add>[?]</add> Bindung aber auch Verantwortung für<lb/>
die Interessensvertretung und insbesondere für seine Person handelt.<lb/>
Er hat deshalb in der Diskussion klar und deutlich vor seinem Prä<lb break="no"/>sidenten <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> und Gen.Sekr. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> verlangt, dass man durch<lb/>
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Brüssel verhalten soll. Dagegen polemisierte ich, ohne dass man<lb/>
dies allzu stark bemerkte, indem ich erklärte, es müsste aber doch<lb/>
der Verhandlungsteilnehmer ein Verhandlungspouvoir haben, denn<lb/>
ansonsten könnte ja die Delegation gleich durch einen Brief Brüssel<lb/>
mitteilen, was wir uns vorstellen. Sowohl <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> als auch<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> erklärten spontan, dass ihre Vertreter immer Verhandlungs<lb break="no"/>pouvoir besitzen. Ich bin zwar nicht ganz davon überzeugt, aber<lb/>
auf alle Fälle hat <rs type="person" ref="#per__97474">Gleissner</rs> dann in Brüssel nicht die Ausrede,<lb/>
er könnte hier nicht eine Stellungnahme abgeben.<lb/>
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sollte man auf diesen Umstand und auf dieses Gespräch ganz besonders<lb/>
noch die Beamten des Hauses hinweisen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_06">Da ich ja zum jetzigen Zeitpunkt kaum in Brüssel etwas Positives er<lb break="no"/>reichen kann,<lb/>
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Gelegenheit, um mir von diesem Forum bestätigen zu lassen, dass eine<lb/>
Reise zum jetzigen Zeitpunkt nicht zweckmässig ist. Da vor allem die<lb/>
Kommissionmitglieder und der Präsident <rs type="person" ref="#per__137927">Malfatti</rs> gar nicht anwesend wä<lb break="no"/>ren. Eine grossen taktischen Fehler hatte ich begangen. Ich meinte zu<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, dass wir halt, wenn das Parlament tagt und wir nach Brüssel<lb/>
müssen, gemeinsam hinfahren sollten, damit eine Abstimmungsschwierig<lb break="no"/>keit im Parlament nicht entstehen könnte. Ich war sehr überrascht,<lb/>
als <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> sofort seinen Kalender zog, um zu schauen, ob eine<lb/>
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Brüssel-Fahrer dazustehen, der letzten Endes vielleicht sogar<lb/>
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ich äusserst vorsichtig mit solchen Angeboten vorgehen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_07">Da sich die Argumentation der Handelskammer- und auch der Indu<lb break="no"/>striellenvereinigungsvertreter hauptsächlich gegen das Interims<lb break="no"/>abkommen wendete, schlug ich vor, wir sollten doch abwarten bis<lb/>
Botschafter <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> am Freitag in der interministeriellen Kommission<lb/>
entsprechenden Bericht erstattet hat. Da bei der EWG in Brüssel der<lb break="no"/>zeit noch immer gestreikt wird, gibt es kaum eine Auskunft über<lb/>
Details und <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> wird bis Freitag ja versuchen, doch zusätzliche<lb/>
Informationen zu bekommen. Da <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> ausserdem der Verhandlungs<lb break="no"/>leiter der österreichischen Delegation für das Interimsabkommen<lb/>
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wird und nur dann seine Unterschrift als Paraphierender aufscheint.<lb/>
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man als Beamter selbst<lb/>
auf solche Wiesen-Abkommen Wert legt, den irgendwie ist dies die<lb/>
Krönung wenn man selbst auf einem solchen Dokument sich verewigt<lb/>
findet. Auf alle Fälle stellte ich am Ende der Sitzung wieder die<lb/>
einstimmige Auffassung zwischen den Interessensvertretungen und<lb/>
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feststand, war, dass wir abwarten wollten, wie die Berichterstat<lb break="no"/>tung aus Brüssel durch <rs type="person" ref="#per__135642">Leitner</rs> ist und dass wir alles daran setzen<lb/>
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da das Mandat an die Kommission sicherlich so lautet, dass mit<lb/>
1.1.1972 das Abkommen in Kraft treten soll.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band08_1971-11-30_08">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__98053">WANKE</rs>: Wir müssen Vorsorge treffen, dass die Delegation<lb/>
in Brüssel versucht, <rs type="person" ref="#per__97474">Gleissner</rs> schon dort entsprechend festzulegen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97474">Gleissner</rs> wird nämlich ansonsten ununterbrochen nach Wien rückrufen,<lb/>
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darf oder nicht. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, hier sehr weit von Brüssel entfernt, wird<lb/>
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erreichen können, ist, dass wir ihn majorisieren oder, wenn er zu<lb break="no"/>stimmt, dass er trotzdem hundert Wenn und Aber vorbringen wird und<lb/>
vor allem auf die Situation für die Wirtschaft wird hinweisen. Op<lb break="no"/>tisch wird er dann auszubrechen versuchen, wenn er nicht sogar die<lb/>
Zustimmung verweigert, damit wir für Schwierigkeiten, die in Zukunft<lb/>
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               <persName type="label">Marquet, Louis</persName>
               <persName><surname>Marquet</surname><forename>Louis</forename></persName>
               <occupation>IV</occupation>
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               <persName type="label">Reiter, Alfred</persName>
               <persName><surname>Reiter</surname><forename>Alfred</forename></persName>
               <occupation>Kabinettschef Kreisky [ident mit Reiter, C; 3.11.1971 Fredi Reiter
                  genannt]]</occupation>
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</TEI>