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            <title type="main">Mittwoch, der 23. Juni 1971</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_01">Mittwoch, 23. Juni 1971<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_02">Im Klub wird nach einem kurzen Bericht von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, der nur berichtet,<lb/>
dass mit der ÖVP Budgetbesprechungen beginnen sollen, das Referat <rs type="person" ref="#per__108224">Lütgen<lb break="no"/>dorfs</rs> gehalten. <rs type="person" ref="#per__108224">Lütgendorf</rs> weist darauf hin, dass drei Probleme zur De<lb break="no"/>batte stehen, die mit der ÖVP noch offen sind: 1. die Dauer der Waffen<lb break="no"/>übung, 2. wer die Entlohnung bei Waffenübungen zu zahlen hat – hier<lb/>
wird der Vorschlag von der SPÖ gemacht, dass der Unternehmer sie zu bezah<lb break="no"/>len hat und dann refundiert bekommt und 3. wer die Schaffung des Wehr<lb break="no"/>ersatzdienstes. Der Verteidigungsmister stellt sich aber die Probleme<lb/>
der Heeresreform gar anders vor. Die Wehrgesetznovelle wird vorsehen,<lb/>
dass der Wehrdienst von 9 auf 6 Monate verkürzt wird, doch dadurch mehr<lb/>
Ausgaben entstehen. Den Betrag von 592 Mio. S nennt er nicht. Die Novelle<lb/>
zum Gehaltsgesetz soll ihm die Möglichkeit schaffen, die Militärakademiker<lb/>
nicht wie derzeit erst nach Ausmusterung Leutnants werden und damit<lb/>
als B-Beamte eingestuft. Die Verbesserung der Personalstruktur will er<lb/>
dadurch erreichen, dass er die 90 Brigadiere der Gruppe VIII u.Generale<lb/>
der Gruppe IX wesentlich reduziert. 1971 würden 13 altersbedingt ausschei<lb break="no"/>den und 59 könnten freiwillig ausgeschieden werden. 1972 müssten noch<lb/>
35 freiwillig ausscheiden. Dafür aber möchte er die Oberste, die derzeit<lb/>
VII-Posten sind, vereinzelt auf VIII-Posten erhöhen können und deren<lb/>
Titel Generalmajor bzw. Generalleutnant werden. Wenn das in der<lb/>
Öffentlichkeit verstanden wird, fresse ich einen Besen. Wenn man zuerst<lb/>
die Brigadiere und Generale abschafft und nachher andere wieder als General<lb break="no"/>majore und Generalleutnant bezeichnen lässt, dann wird die Bevölkerung<lb/>
sagen, es hat sich ja doch nichts geändert. Abgesehen davon, dass <rs type="person" ref="#per__98066">Robert<lb/>
Weisz</rs> in der Debatte darauf hinwies, dass hier Sicherheit gegeben werden<lb/>
müsste, dass nicht die abtretenden alten Generale.durch Oberste ersetzt<lb/>
werden, die genaues denselben Geist und dieselbe Politik machen werden.<lb/>
Insbesondere ist aber seine Forderung, die Umgliederung des Heeres<lb break="no"/>ministerium und der derzeitigen Brigaden. Wir haben in Wirklichkeit,<lb/>
so führte er aus, drei magere Bataillone, die eine Brigade bilden<lb/>
mit einem Brigadestab. In Wirklichkeit sind diese drei mageren Bataillone<lb/>
in internationaler Sicht nichts mehr als ein Regiment. Dass es lächerlich<lb/>
ist, hier so viele Brigadestäbe zu besitzen. Von der Wehrmilliarde, die<lb/>
<rs type="person" ref="#per__110924">Prader</rs> seinerzeit so gross hinausposaunt hat, sind nur 300,000.000 echt,<lb/>
da 700 Mio. S ins Budget eingebaut wurden. Das Bundesheer hat de zeit<lb/>
einen Materialbedarf von 2,4 Mia. S und Schulden von ca. 2 Mia., die z.B.<lb/>
durch die 20 Saab-Maschinen, die angekauft wurden und gar nicht ge<lb break="no"/><pb n="06-0754" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band06/06_1971-06-23_0754.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>braucht werden, charakterisiert.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_03">Die Diskussion erstreckt sich primär auf die Frage der Mehrkosten.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> erwiderte, dass man solche Berechnungen nicht anstellen könne,<lb/>
sondern doch entgegenhalten müsse, was erspart wird, wenn man drei<lb/>
Monate nicht beim Militär dient, sondern in der Wirtschaft tätig ist.<lb/>
Nach Berechnungen der Arbeiterkammer hätten die 40.000, die früher<lb/>
wieder in den Arbeitsprozess eingeschaltet würden, eine Wertschöpfung<lb/>
von 1 Mia. S erbracht. Wenn man nun vorsichtig rechnet und 600 Mio an<lb break="no"/>setzt, obwohl ein Drittel an den Staat zurückfliesst, so müssten doch<lb/>
bereits hier ca. 200 Mill. erspart werden. <rs type="person" ref="#per__97879">Rösch</rs> hätte dann darüber hin<lb break="no"/>aus noch festgelegt, dass auch dem Bundesheer für 3 Monate Verkürzung<lb/>
200 Mill. an Ausrüstungen aber vor allem an Verpflegung erspart<lb/>
wird, was ebenfalls 200 Mill. S ergibt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_04">Die Frage des Landesverteidigungskonzeptes ist eine politische Frage<lb/>
und sollte deshalb von der Regierung dem Landesverteidigungsrat nach<lb/>
Reorganisation des Bundesheeres als politisches Konzept vorgeschlagen<lb/>
werden. Die Diskussion dauerte stundenlang, sodass in Wirklichkeit<lb/>
um 11 Uhr abgebrochen wurde, um zu einem späteren Zeitpunkt über dieses<lb/>
Problem weiter zu diskutieren und <rs type="person" ref="#per__108224">Lütgendorf</rs> dann auch das Schluss<lb break="no"/>wort erhält, wobei aber auch dann vorgesehen ist, dass dann neuer<lb break="no"/>dings über dieses Schlusswort diskutiert werden kann.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_05">Mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> einigte ich mich über das Fremdenverkehrskonzept. Nach<lb/>
Berechnungen vom Ministerium, Min.Rat <rs type="person" ref="#per__137270">Waltersdorfer</rs> vom FM ist dafür<lb/>
zuständig, wären derzeit 217,5 Mill. S von uns echt verlangt und<lb/>
180 Mill. S ist <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> bereit zu geben. Er möchte insbesondere,<lb/>
dass die Entwicklungshilfe mit 3,5 Mio. S gestrichen werden soll. Dem<lb/>
können wir ohne weiteres zustimmen, da die Entwicklungshilfe ja in<lb/>
einem anderen Ressort, nämlich BKA ressortiert. Die Studien, für die<lb/>
4 Mill. vorgesehen werden, möchte er auf 2 Mio. reduzieren. Auch<lb/>
hier glaube ich, werden wir ohne weiteres das Auslangen finden.<lb/>
Bezüglich der Infrastruktur, die eigentlich den Gemeinden auf Grund<lb/>
des Finanzausgleichs-Gesetzes und auch den Ländern zufliesst, hatten<lb/>
wir 15 Mio. S gegenüber dem heurigen Budget 4 + 2,9, also insgesamt<lb/>
rund 7 Mill. S vorgesehen. Hier möchte <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs>, dass wir erst im<lb/>
Finanzausgleich, den er nächstes Jahr mit den Ländern und Gemeinden<lb/>
führen muss, eine Bindung folgen soll, da er ansonsten die Vorleistung,<lb/>
<pb n="06-0755" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band06/06_1971-06-23_0755.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>die er jetzt erbringt, nicht anerkannt bekommt. Für Zinsenzuschüsse,<lb/>
die 86,7 Mill. in unserem Programm umfasste, möchte er 10 Mio.<lb/>
kürzen, wobei <rs type="person" ref="#per__111367">Würzl</rs> erklärt, dass dies ohne weiteres möglich ist.<lb/>
Auch bei den Komfortzimmer wird eine kleine Reduktion vorgenommen,<lb/>
dafür aber bereits im zweiten Budgetüberschreitungsgesetz für das<lb/>
Jahr 1971 diese Aktion noch gestartet. Diesen Vorschlag muss jetzt<lb/>
<rs type="person" ref="#per__111367">Würzl</rs> das ganze Konzept neu errechnet, glaubt aber, dass er ohne<lb/>
weiteres durchkommen kann, weil er gewisse Reserven eingebaut hat.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> selbst meint, dass wir mit der Reduzierung nicht sehr gut<lb/>
dastehen werden, denn die Bevölkerung wird sagen, dass für den Fremden<lb break="no"/>verkehr nur 2 Mia. in dem 10-Jahresprogramm in Summe vorgesehen werden,<lb/>
während doch insgesamt das Investitionsprogramm für die anderen 304 Mia.<lb/>
S umfassen wird. <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> vergisst allerdings, dass in diesen 304 Mia. S<lb/>
ja der grösste Teil bereits selbstverständliche Ausgaben sind, die<lb/>
auch wenn dieses Investitionsprogramm nicht erstellt worden wäre, hätte<lb/>
aufgewendet werden müssen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_06">Die Verhandlungen mit dem ARBÖ und dem ÖAMTC über etwaige Senkung der<lb/>
Autopreise durch Direktimporte gestalten sich äusserst schwierig.<lb/>
Vom Finanzministerium war Min.Rat <rs type="person" ref="#per__137300">Zorn</rs>, der Sekretär von <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs>,<lb/>
Gen. <rs type="person" ref="#per__137301">Böhm</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__137302">Huber</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__137299">Basalt</rs> von der Zollabteilung. Der<lb/>
ÖAMTC war mit Dr. <rs type="person" ref="#per__98032">Veith</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__131314">Soche</rs> und der ARBÖ mit Ing. <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs><lb/>
erschienen, vom Ministerium waren Min.Rat <rs type="person" ref="#per__134300">Metzner</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> an<lb break="no"/>wesend. Wir einigten uns sofort, dass die ganze Aktion nur für Autos<lb/>
für einen Preis von 40–70.000 S gestartet werden soll. Wenn der<lb/>
Importhandel Zugeständnisse macht, dann werden wir die ganze Aktion<lb/>
im Sande verlaufen lassen. Es besteht allerdings auch so die Gefahr,<lb/>
dass sie im Sande verläuft, weil insbesondere der ÖAMTC mir sofort er<lb break="no"/>klärte, dass das Hauptproblem die Gewährleistungsansprüche beim Kauf im<lb/>
Ausland sich sehr ungünstig gestalten. Das Finanzministerium möchte<lb/>
natürlich ihre bisherige Verzollungspraxis nicht ändern. Erst nach<lb/>
längeren Verhandlungen gelang es, die Zusage abzuringen, dass wenn<lb/>
der ÖAMTC und der ARBÖ durch seine Bruderorganisationen glaubhaft<lb/>
nachweist, dass es Deutschland möglich ist, ausser den Listenpreisen<lb/>
minus der Mehrwertsteuer noch zusätzliche Rabatte zu bekommen, dann<lb/>
werden diese Preise auch von den Zollämtern als Grundlage der Verzollung<lb/>
genommen werden, wenn entsprechende Rechnungen vorgelegt werden. Als<lb/>
Haupthindernis ergibt sich aber die Frage der Typengenehmigung des<lb/>
Fahrzeuges. Solange Einzelgenehmigungen notwendig sind und im der<lb break="no"/>zeitigen Kraftfahrgesetz ist nur der Generalimporteur verpflichtet<lb/>
den Typenschein zur Verfügung zustellen, ist die Erreichung einer<lb/>
Einzelgenehmigung äusserst kompliziert und umständlich. Die Regierung<lb/>
<pb n="06-0756" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band06/06_1971-06-23_0756.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>kann hier überhaupt nichts machen, sondern es müssten Gesetzes<lb break="no"/>änderungen im Kraftfahrgesetz vorgenommen werden. Ursprünglich<lb/>
hätte ich gerne gehabt, dass der ÖAMTC und <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs> sich womöglich<lb/>
so schnell einigen, dass wir noch im Rahmen der Kraftfahrgesetz<lb break="no"/>novelle, die morgen im Handelsausschuss beschlossen werden soll,<lb/>
diese Bestimmungen mit eingebaut werden. <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs> aber hat nach Rück<lb break="no"/>sprache mit dem ÖAMTC hier nur zugesichert, er wird versuchen, einen<lb/>
gemeinsamen Brief des ÖAMTC an alle Klubs zu erreichen. <rs type="person" ref="#per__97558">Hobl</rs> selbst<lb/>
dürfte hier – er kennt zwar die Schwierigkeiten sehr genau – nur sehr<lb/>
bedingt für eine Änderung eintreten. Die ganze Frage ist äusserst<lb/>
ungut, da wir ja immer wieder feststellen müssen, dass das Kraft<lb break="no"/>fahrgesetz aus einer Zeit noch stammt und eine Mentalität beinhal<lb break="no"/>tet, wo man den Gebrauchsgegenstand Auto behandelt hat wie ein riesiges<lb/>
Ungeheuer oder wie einer Fabrik, die durch Genehmigungen und Vorschrif<lb break="no"/>ten und ich weiss Gott nicht alles dem Besitzer einen ganz besonderen<lb/>
Wert in die Hand gegeben hat. In Wirklichkeit ist das Auto in der Zwi<lb break="no"/>schenzeit ein Gebrauchsgegenstand geworden und man hat vergessen, die<lb/>
Gesetze diesem Umständen entsprechend zu ändern.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_07">ANMERKUNG FÜR <rs type="person" ref="#per__97646">KOPPE</rs> UND <rs type="person" ref="#per__97543">HEINDL</rs>:<lb/>
Bitte, Überlegungen anstellen, wie wir zuerst intern und ohne dass<lb/>
es in die Öffentlichkeit dringt, eine generelle grosse Reform in<lb/>
dieser Frage einleiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst<lb/>
unter Beachtung des Sicherheitsbedürfnisses nicht doch wesentliche<lb/>
Vereinfachungen möglich wären. Insbesondere wäre es höchste Zeit,<lb/>
diese Zulassungsformalitäten auf ein Minimum zu beschränken.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_08">Das Klima im Nationalrat ist schon sehr gereizt, <rs type="person" ref="#per__110924">Prader</rs> versuchte<lb/>
in der Budgetüberschreitungsgesetz-Debatte seine Politik zu verteidigen<lb/>
und gleichzeitig anzugreifen. u.a. behauptet er, dass die ÖVP niemals<lb/>
für eine Zwangsrekrutierung eingetreten ist. <rs type="person" ref="#per__97913">Schieder</rs> könnte nun an<lb/>
5 Punkten ganz konkret nachweisen, dass sie dies tatsächlich getan<lb/>
haben. Zum Schluss machte er leider die Bemerkung, der Betrüger<lb/>
bestimmt, ob er einen Betrug begangen hat, was die ÖVP natürlich<lb/>
dazu nützte, um sofort einen Wirbel zu veranlassen, dass <rs type="person" ref="#per__98043">Waldbrunner</rs><lb/>
die Sitzung unterbrechen musste. Die ganze sachliche Argumentation<lb/>
ging dabei leider unter.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_09">Die Paritätische Kommission hatte ihre Wirtschaftspolitische Aussprache<lb/>
und <rs type="person" ref="#per__97775">Nemschak</rs> brachte einen Bericht, der so günstig war, dass selbst<lb/>
<pb n="06-0757" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band06/06_1971-06-23_0757.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/><rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> und ich uns nicht zurückhalten konnten und nicht nur innerlich<lb/>
sondern sogar der Handelskammer zugewandt äusserlich zu erkennen ge<lb break="no"/>geben haben, dass die direkt unheimlich ist. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> erklärte ziemlich<lb/>
laut, sodass es ein Grossteil der Sitzungsteilnehmer hören konnte,<lb/>
der Mann ist bestochen. Immer wieder wiederholte er: Der Mann ist<lb/>
bestochen, der Mann ist bestechen! Die Prognose über den Brutto<lb break="no"/>nationalproduktzuwachs von 4 % wurde auf 4,3 % erhöht und die Prognose<lb/>
über die Preiserhöhung wurde von 5 % auf 4,7 % reduziert. Alle anderen<lb/>
Ziffern waren optimistisch und zeigen, dass die Regierung gut gearbeitet<lb/>
hat. Im Schlusswort versuchte dann <rs type="person" ref="#per__97775">Nemschak</rs> abzuschwächen, indem er<lb/>
darauf hinwies, dass dies ja nicht eine Folge der vergangenen 14 Monate<lb/>
sei, sondern auf jahrelange positive Arbeit aller Wirtschaftspartner<lb/>
und aller Regierungen zurückzuführen sei. Da <rs type="person" ref="#per__97775">Nemschak</rs> auch den<lb/>
Lebenshaltungskostenindex verteidigte, musste <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> in der Diskussion<lb/>
dann von der Index-Kosmetik abrücken und meinte nur, es würde Index-<lb/>
Politik betrieben. Als Beispiel führte er aus, dass die Benzinpreis<lb break="no"/>regelung schon so lange bei uns im Handelsministerium unerledigt liegt.<lb/>
Die Diskussion zog sich über etliche Stunden dahin, brachte aber keiner<lb break="no"/>lei neue Erkenntnisse. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> berichtete und stellte in der Dis<lb break="no"/>kussion klar, daß wenn er die Bindung von 2 Milliarden Schilling,<lb/>
ich habe angenommen, daß es 3 Milliarden Schilling sind, eine Kürzung<lb/>
umwandelt, wie dies <rs type="person" ref="#per__97922">Schmitz</rs> jetzt bereits empfiehlt, aber insbesondere<lb/>
10 Firmen der Elektrobranche, der Kabel- und des Waggonbaues schwer<lb/>
darunter leiden, abgesehen davon, daß auch die Bauwirtschaft mit<lb/>
ca. 100 Betrieben, wie <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> bemerkte, eine schlechte wirtschaft<lb break="no"/>liche Situation geraten ist. <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> meinte, man müßte bei der Kürzung<lb/>
für die Bauwirtschaft sehr vorsichtig vorgehen. <rs type="person" ref="#per__97568">Horr</rs> unterstützte ihn<lb/>
natürlich in dieser Frage. Er kündigte gleichzeitig an, daß für<lb/>
das Budget 1972 Vorsorge getroffen werden müßte, daß eine weitere<lb/>
Korrektur der Lohn- und Einkommensteuer notwendig sei.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_10">Am Vortrag mit den Verbänden eine Einigung über die flankierenden<lb/>
Maßnahmen erzielt werden konnten, wurde nur von <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> und <rs type="person" ref="#per__97938">Seidl</rs>,<lb/>
auch teilweise <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, als Schwanengesang die Verrechnungsdollar<lb break="no"/>frage ganz kurz gestreift. <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> selbst erwähnte, daß <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
ihm damals in der Aufwertungsnacht zugesagt hatte, während <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs><lb/>
wohl erklärt hätte die Verrechnungsdollarfrage müßte überprüft werden.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> ersuchte mich vor der Sitzung schon, daß wir anschließend eine<lb/>
Besprechung über die Ratifizierungsmaßnahmen führen sollen. Er ersuchte<lb/>
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präjudizieren muß. In der ganzen Diskussion kam das Inflationspro<lb break="no"/>gramm der ÖVP überhaupt nicht zur Sprache. Einzig und allein <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs><lb/>
mußte sich im Gegenteil dagegen wehren, weil ihm von seiten der Ar<lb break="no"/>beitnehmervertreter vorgeworfen wurde, daß er in die Debatte des<lb/>
Nationalrates, aber auch in der Öffentlichkeit immer wieder die<lb/>
Inflationsgefahr besonders herausstreicht. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> meinte nun, auch<lb/>
in anderen Staaten schreibe man von einer Inflation und er selbst<lb/>
würde natürlich gar nicht die Absicht haben, hier das Inflations<lb break="no"/>klima anzuheizen, sondern ganz im Gegenteil er möchte alles daran<lb/>
setzen, um eine Beruhigung zu erreichen. Er selbst <choice><choice><sic>stelle</sic><corr>stehe</corr></choice></choice><lb/>
auch zu dem Index und könne nur versichern, daß natürlich die ge<lb break="no"/>meinsam erarbeiteten Zahlen jederzeit außerhalb der Debatte stehen<lb/>
müssen. Er meinte nur neuerdings, daß 1969 bei der letzten Preis<lb break="no"/>erhöhung für Brot und Gebäck die Brösel und Topfengolatschen unbe<lb break="no"/>absichtigt nicht erhöht wurden und daß auch wir auf diese Index<lb break="no"/>manipulation hingewiesen hatten. Wir konnten mit ruhigem Gewissen<lb/>
dagegen kommentieren, daß dies nicht in der Öffentlichkeit damals<lb/>
geschehen ist, um die einstimmig erarbeiteten Ziffern nicht in<lb/>
die Diskussion zu zerren. Nebenbei bemerkt wäre dies ja auch kein<lb/>
Angriff gegen den Index gewesen, sondern nur ein Angriff dagegen,<lb/>
daß die Unternehmer bereit waren, vielleicht wirklich durch reinen<lb/>
Zufall die Waren, die im Index eine Rolle spielten, tatsächlich nicht<lb/>
in dem Preis zu erhöhen.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_11">Auf alle Fälle ergab diese Diskussion eindeutig, daß das Sozialteam<lb/>
und die Zusammenarbeit der Sozialpartner nach wie vor gut ist.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_12">Wie ich mit <rs type="person" ref="#per__97474">Gleißner</rs>, <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs>, <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs>, Dr. <rs type="person" ref="#per__123739">Korbl</rs> von der Landwirt<lb break="no"/>schaftskammer und mit über den Importstoß, war insofern erfolgreich,<lb/>
als wir eine Formulierung einvernehmlich finden konnten. Bezüglich<lb/>
des Prozentsatzes erklärte ... eine Zustimmung von seiten der<lb/>
Handelskammer bei 100 % nicht zu erreichen ist. Er schlug vor, daß<lb/>
man an den 100 % zwar festhalten könne, aber dann nur aliquot<lb/>
nur für die 3 Monate, d.h. daß in Wirklichkeit die Erhöhung nur 25 %<lb/>
betragen hätte. Jetzt haben wir die Sitzung unterbrochen, d.h. die<lb/>
Kollegen sind um 9.00 Uhr nach Hause gegangen und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> kam dann<lb/>
anschließend noch um mir mitzuteilen, daß sie bereit wären, bis zu<lb/>
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über die Nacht überlegen, denn ich könnte mir vorstellen, daß<lb/>
wir uns bei 2/3 einigen könnte. Ich fürchte, daß er über die<lb/>
50 % nicht hinausgehen wird, da er wirklich ganz empört sagte<lb/>
hätte die ÖVP diesen Blödsinn nicht gemacht, hätte er überhaupt<lb/>
keinen Grund auch nur 10 % Kontingentaufstockung zuzustimmen.<lb/>
Im Interesse der Sozialpartnerschaft und Erhaltung des Klimas<lb/>
wäre es das erste Mal, daß ich gegen die Handelskammer entschieden<lb/>
hätte und ich werde mich dazu entschließen, die 50 % zu akzeptieren.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_13">Die ÖVP dürfte sehr nervös sein, weil sie nicht weiß, wie es im<lb/>
Parlament und in der Regierung weitergeht. Ununterbrochen fragt<lb/>
mich <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> oder auch <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, wann springt ihr ab und welche<lb/>
Gelegenheit wird das sein. Gott sei Dank habe ich nicht den Ehrgeiz<lb/>
großer Politiker darstellen will und kann mich daher ohne weiteres<lb/>
immer zurückziehen, weil ich nämlich erkläre, das ist eine Frage<lb/>
die mich primär nicht interessiert, denn sie hat keinen wirtschafts<lb break="no"/>politischen Hintergrund. Ich bin für Wirtschaftspolitik zu<lb break="no"/>ständig. Die große Politik machen sicherlich andere Leute und er<lb/>
soll sich doch an seinen Du-Freund <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> wenden. Er hat mich<lb/>
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Artikel auf dem Programm steht, der sich mit diesem Problem<lb/>
sehr eingehend beschäftigt und entweder eine gute Kombination ist,<lb/>
oder doch auf eine Indiskretion beruhen müßte. <rs type="person" ref="#per__136688">Pichler</rs><add>[evtl. Falschidentifikation]</add> kann mit<lb/>
ruhigem Gewissen erklären, daß diese Indiskretion nicht von uns<lb/>
ausgegangen ist. Ich glaube überhaupt, daß wenn man sich in die<lb/>
große Politik nicht einmischt und nicht in den Mittelpunkt stellt,<lb/>
man in Wirklichkeit besser fährt.<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band06_1971-06-23_14">Ich habe deshalb auch die Aufzeichnungen von <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> über unsere<lb/>
Öffentlichkeitsarbeit mit großem Interesse gelesen. Ich stimme<lb/>
ihm im Prinzip zu, daß er wesentlich mehr Arbeit leistet die<lb/>
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der ganzen Partei zugute kommt. Leider, und ich bedauere dies zutiefst,<lb/>
wird dies wahrscheinlich von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, noch von sonst einem Politiker<lb/>
zur Kenntnis genommen oder auch nur bemerkt. Wenn wir aber trotzdem<lb/>
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Bundesregierung in engster Zusammenarbeit nicht den Einzelnen heraus<lb break="no"/><pb n="06-0760" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band06/06_1971-06-23_0760.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>stellt, sondern wirklich versucht aus dem zu erscheinen, solange<lb/>
insbesondere unsere Mitarbeiter und zu einem unserer engsten<lb/>
nicht Verärgerung darüber die Flinte ins Korn wirft, sondern weiter<lb break="no"/>macht, solange wird es dieser Regierung und der Partei gutgehen.<lb/>
Erst wenn wirklich angefangen wird, daß jeder auf sein Prestige<lb/>
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sozusagen sich selbst in den Mittelpunkt stellen will, dann<lb/>
glaube ich ist der Abstiegspunkt erreicht und dann wird es zu Ende<lb/>
sein mit dem Höhenflug, den derzeit die Bundesregierung und die<lb/>
SPÖ noch immer hat. Persönlich möchte ich es zutiefst bedauern,<lb/>
wenn eine solche Entwicklung eintreten würde und werde alles dar<lb break="no"/>an setzen, daß dies nicht der Fall ist. Ich hoffe, daß <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> und<lb/>
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