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            <title type="main">Donnerstag, der  5. November 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_01">Ich informierte Min.Rat <rs type="person" ref="#per__114994">Böhm</rs>, den Personalreferenten, über die Aus<lb break="no"/>sprache mit der Zentralvertretung der Belegschaft. Bei dieser Ge<lb break="no"/>legenheit fragte ich ihn, wie weit seine Unterlagen gediehen sind,<lb/>
um die Besetzung des Sektionschefspostens vornehmen zu können. Er<lb/>
teilte mir mit, dass er bereits einige Male versucht hat, mit Sen-<lb/>
Rat <rs type="person" ref="#per__97584">Jagoda</rs> in Kontakt zu kommen. Dieser sei aber erkrankt und bis<lb/>
jetzt hätte er sich sich nicht mehr gemeldet. <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> wird sich dieses<lb/>
Falles viel genauer annehmen müssen. Die gleitende Arbeitszeit wurde<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__114994">Böhm</rs> ganz entschieden zurückgewiesen, da sie nach seiner Meinung<lb/>
ungeheure Schwierigkeiten ergeben würde.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_02">Die Diskussion in der Wiener Volkswirtschaftlichen Gesellschaft<lb/>
wurde mit einen langen, eigentlich nichtssagenden Referat eingeleitet.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs> und ich stürzten uns deshalb gleich auf die praktische<lb/>
Seite des Problems des Lohns und des Preises. Die Diskussion war<lb/>
nicht sehr ergiebig, brachte aber immerhin zustande, dass <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> einige<lb/>
Male andere konkrete Massnahmen, die die ÖVP setzte, verteidigen musste<lb/>
die gesamtwirtschaftliche eigentlich nicht zu vertreten sind.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_03">Der SPÖ-Parteivorstand hatte als ersten Punkt die Erhöhung des Mit<lb break="no"/>gliedsbeitrages. Da die zentrale Partei unter ungeheurem Geldmangel<lb/>
leidet, versuchte die Kontrollkommission, die einstimmig auch mit<lb/>
allen Ländervertretern beschlossen hatte, dass der zentrale Anteils<lb/>
erhöht werden musste, im Parteivorstand noch einmal diesen Vorschlag<lb/>
durchzubringen. <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> bemühte sich krampfhaft, den Nachweis zu<lb/>
erbringen, dass eine Erhöhung des zentralen Anteiles unbedingt not<lb break="no"/>wendig ist. Die Landesfürsten hatten aber bereits im Präsidium und er<lb break="no"/>weiterten Präsidium mehrheitlich beschlossen, dass an dem Aufteilungs<lb break="no"/>schlüssel 35 % Zentrale nicht geändert werden soll. Ich konnte nur<lb/>
kurze Zeit dort bleiben, da ich Beirat versprochen hatte, zu<lb/>
ihrer ersten Sitzung über Klein- und Mittelbetriebe zu kommen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_04">Die Arbeitsgruppe steht unter dem Vorsitz des Salzburger Handels<lb break="no"/>kammerdirektor, der meiner Meinung nach sehr agil ist und sehr einen<lb/>
guten Eindruck auf mich gemacht hat. Ich wollte zuerst nur eine kurze<lb/>
Begrüssungsansprache halten und dann wieder in den Parteivorstand<lb/>
zurückgehen. Ich war aber von der Diskussion und insbesondere von der<lb/>
Verhandlungsführung derart beeindruckt, dass ich mir dies überlegte.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_05">Die Aufforderung, ob ich nicht ein paar Worte an den Arbeits<lb break="no"/>ausschuss richten würde, lehnte ich deshalb ab und sagte, ich möchte<lb/>
zuerst die Diskussion weiter verfolgen. Am Ende der Sitzung hielt ich<lb/>
dann doch eine kurze Ansprache. Ich wies darauf hin, dass ich die Ar<lb break="no"/>beit dieser Arbeitsgruppe ganz entscheidend dringend benötigen . Es be<lb break="no"/>steht meines Wissen nach in meinem Ministerium kein Konzept für die<lb/>
Klein- und Mittelbetriebe. Man hat bis jetzt nur vereinzelt in einigen<lb/>
Punkten irgendwelche Massnahmen gesetzt oder oftmals nur Massnahmen ver<lb break="no"/>sprochen, die man dann nicht einlösen konnte wie z.B. das Preisschleuderer<lb/>
gesetz. Natürlich gibt es für mich auch keinen Zweifel, dass die Klein-<lb/>
und Mittelbetriebe von Bedeutung sind. In Amerika ist das sogenannte<lb/>
Smallbussiness noch immer gut im Rennen und wird wahrscheinlich in<lb/>
Zukunft trotz aller Technisierung, Automatisierung und Konzentration<lb/>
in der Industrie weiter bestehen bleiben. Im Osten, wo es<lb/>
keine gewerblichen Betriebe gibt, sagte ich ich, sieht man wo die Volkswirtschaft<lb/>
besonders auf dem Dienstleistungssektor hinkommt. Dies steckt aber nur<lb/>
den Rahmen ab und gibt in Wirklichkeit kein Konzept. Ich glaube, dass<lb/>
es auch tatsächlich für das Image des Ministeriums von meinem ganz<lb/>
zu schweigen, wesentlich besser ist, wenn man sich ein bisschen Zeit<lb/>
nimmt, bei Kongressen wie z.B. MMM oder Arbeitsgruppe wie z.B. dieser<lb/>
für Klein- und Mittelbetriebe mindestens eine Stunde anwesend zu sein<lb/>
und der Diskussion zu folgen, als man kommt nur hin, begrüsst und<lb/>
rennt wieder weg.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_06">In der Vorstandsitzung der Lebensmittelarbeiter beklagten sich einige<lb/>
Kollegen, dass in immer stärkerem Masse die Unternehmer dazu über<lb break="no"/>gehen, die Spitzenarbeiter zu Angestellten zu machen und jetzt selbst<lb/>
sogar die LKW-Chauffeure zu Fahrverkäufern und damit in das Angestellten<lb break="no"/>verhältnis übernehmen. Dadurch verliert unsere Organisation ständig an<lb/>
Mitgliedern, darüber hinaus aber werden gerade die Spitzenkräfte, die<lb/>
meistens auch Funktionäre sind, von unserer Gewerkschaft abfordert.<lb/>
Ich weiss gegen diese Entwicklung keinen Rat, die Idee, die wir ge<lb break="no"/>habt haben und auch verfolgen, die Differenz zwischen den Arbeitern und<lb/>
Angestellten durch Anheben der Arbeiter sozialen Rechte auszugleichen.<lb/>
ist in diesem Punkt nicht zielführend. Sie geht erstens einmal zu lang<lb break="no"/>sam und zweitens bleibt das Sozialprestige auf alle Fälle natürlich<lb/>
bestehen, dass der Angestellte heute mehr gilt als ein Arbeiter, auch<lb/>
dann, wenn er im einzelnen Fall weniger bezahlt bekommt als ein gutbe<lb break="no"/>zahlter Facharbeiter.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_07">Die preisdämpfenden Massnahmen wurden zwischen den Sozialpartnern<lb/>
und dem Finanzminister und mir im Finanzministerium verhandelt. Die<lb/>
Arbeiterkammer hatte einen grossen, umfangreichen Komplex zur Dis<lb break="no"/>kussion gestellt. Der ÖGB ergänzte noch durch einige Lebensmittel.<lb/>
Die Handelskammer hat eine verhältnismässig bescheidene Liste vorgelegt.<lb/>
Ich hatte <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> die Liste vormittags bereits übergeben, da ich<lb/>
ihm versprochen hatte, sobald ich von der Arbeiterkammer Unterlagen<lb/>
bekomme, diese ihm wirklich zur Verfügung zu stellen. <rs type="person" ref="#per__97676">Tommy Lachs</rs><lb/>
war dabei anwesend und deshalb war das Theater, welches <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> nach<lb break="no"/>mittags aufführte sehr lustig, aber nicht wirkungsvoll. Er sagte, er<lb/>
hätte diese Liste noch nicht gekannt und müsste aus den Zeitungen aber<lb/>
entnehmen, dass der Kurier bereits gemeldet hätte, dass mindestens<lb/>
500 Mill. S Zollsenkungen hier eintreten würde, wenn die Zollsenkung- und<lb/>
Ausgleichsteuerliste der Arbeiterkammer angenommen wird. Er fragte den<lb/>
Finanzminister insbesondere, wo er die Bedeckung für diesen Ausfall<lb/>
hernehmen würde, der hier im Budget 1971 entstehen müsste. Da die ÖVP<lb/>
aber immer Massnahmen der Regierung verlangt und erklärt, es ist alles<lb/>
viel zu wenig, wird er sich in der Argumentation sehr schwer tun. Ich<lb/>
musste leider früher weggehen und wollte eigentlich noch einmal zur<lb/>
Sitzung zurückkehren. Bei der Industriellenvereinigung aber wurde<lb/>
ich dann verständigt, dass die Sitzung bereits zu Ende gegangen ist<lb/>
und wahrscheinlich einzelne Unterausschüsse für Detailverhandlungen jetzt<lb/>
beginnen werden.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_08">In der Industriellenvereinigung feierte SHELL Österreich ihren 50-järhigen<lb/>
Geburtstag. Da ich mit den Ölfirmen einen sehr guten Kontakt habe und<lb/>
ihn auch benötige, so hatte ich – glaube ich, sehr gut getan – letzten<lb/>
Endes dann nicht wieder wegzurennen (die Sitzung, wurde mir gerade als<lb/>
ich aus der Industriellenvereinigung herausging mitgeteilt, sei schon<lb/>
zu Ende) und ich konnte deshalb den Vortrag von Präs. <rs type="person" ref="#per__137040">Wagner</rs> noch mit<lb break="no"/>anhören. <rs type="person" ref="#per__97733"><sic>Mayer-Gunthoff</sic></rs> verlangte in seiner Begrüßungsansprache wieder,<lb/>
daß die Regierung insbesondere die steuerliche Belastung für die Unter<lb break="no"/>nehmer senken sollte, ansonsten würden weitere Töchter wahrscheinlich<lb/>
schwer nach Österreich kommen. Ich ging selbstverständlich auf diese Argu<lb break="no"/>mentation in meiner Rede ein und erwiderte, daß wir uns keinesfalls<lb/>
nach dem Gesichtspunkt richten, es haben andere Mütter auch schöne<lb/>
Töchter und wir brauchen diese nicht. Wir werden uns bemühen, jede<lb/>
Tochter von jedem Unternehmen nach Österreich zu bringen. Ich glaube,<lb/>
daß die Industriellenvereinigung wahrscheinlich mit der internationalen<lb/>
Verflechtung der Wirtschaft in Zukunft gar nicht mehr so einverstanden<lb/>
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bedrängen die ausländischen Investoren die österreichen Firmen sehr<lb/>
stark. Ich bin überzeugt, in kürzester Zeit wird sich-wahrscheinlich<lb/>
die Bundeskammer oder die Industriellenvereinigung betreffend Neuan<lb break="no"/>siedlung von ausländischen Firmen sehr zurückhalten. Ich verwendete<lb/>
natürlich den guten Gag von <rs type="person" ref="#per__97646">Fritzl</rs>, daß ausländische Ölfirmen in<lb/>
anderen Staaten oft schon Regierungen gestürzt haben, daß wir in<lb/>
Österreich dies aber nicht befürchten. Ich wies aber natürlich darauf<lb/>
hin, daß die Heizölkrise und die Ölversorgung manchmal sehr kritisch<lb/>
ist, daß wir aber alles gemeinsam unternommen haben um diesem Problem<lb/>
Herr zu werden und sprach der gesamten Ölwirtschaft meinen Dank in<lb/>
dieser Beziehung aus. Da man bei einer Geburtstagsfeier sehr launig<lb/>
sein kann, glaube ich, hatte ich wirklich die Lacher alle auf meiner<lb/>
Seite und es wurde sehr viel gelacht.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band03_1970-11-05_09">Anschließend an diesen Vortrag und Empfang hatte ich natürlich Gelegen<lb break="no"/>heit mit verschiedensten Herren der Industrie zu reden. Unter anderen<lb/>
kam der Generaldirektor von Mobil und sagte mir, daß sie <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
erklärt hätten, sie wären so glücklich, daß ich jetzt ihr Handels<lb break="no"/>minister sei, denn mit mir könnten sie sehr gut zusammenarbeiten. Er<lb/>
nahm an, daß mich <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sowieso über diese Aussprache die der<lb/>
Präsident der Mobil-Oil und er mit ihm gehabt hat informiert hätte.<lb/>
Ich sagte sofort, daß dies erstens nicht notwendig sei, denn wir tun<lb/>
halt alle unser bestes. Wichtiger aber war, daß letzten Endes, knapp<lb/>
bevor ich wegging auch <rs type="person" ref="#per__112946">Schleifer</rs> mit mir reden wollte. Er wollte<lb/>
mich unbedingt davon überzeugen, daß es zweckmäßig ist, einen Druck auf<lb/>
die Leute auszuüben, damit sie der Gewerkschaft beitreten. Ich lehnte<lb/>
dieses Ansinnen ganz entschieden ab. Er verwies, daß <rs type="person" ref="#per__97846">Proksch</rs> dies<lb/>
seinerzeit im Sozialministerium mit gutem Erfolg getan hat. Er glaubt<lb/>
es genüge vollkommen, wenn ich entsprechende Bemerkungen bei den<lb/>
Sektionschefs und Ministerialräten machen würde, bei den Sektions<lb break="no"/>räten könnte man sich dann schon alle Agitation ersparen, wenn erst<lb/>
einmal die Sektionschefs und die Ministerialräte der Gewerkschaft<lb/>
beigetreten sind. Wenn ich auch natürlich größtes Interesse daran<lb/>
hätte, den Österreichischen Gewerkschaftsbund zu stärken, so glaube<lb/>
ich, würde ich hier einen sehr großen Fehler machen. Erstens muß man<lb/>
sich klar sein, daß die Mitglieder, die jetzt unter Druck kommen,<lb/>
sicher dann wenn sie aus Angst zur Gewerkschaft beitreten umso stärker<lb/>
die ÖAAB-Interessen dort vertreten werden. Da sie nur unter meinem<lb/>
Druck zur Gewerkschaft gekommen sind, würden sie doch unter allen<lb/>
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preßt, entsprechend reagieren. Ich halte es aber aus politischen<lb/>
Gründen für sehr zweckmäßig, wenn <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> über diese <rs type="person" ref="#per__112946">Schleifer</rs>-Bemerkung<lb/>
mit ihm unter Anwesenheit von ein paar anderen noch einmal zu sprechen<lb/>
beginnt, um festzulegen, daß diese Idee von <rs type="person" ref="#per__112946">Schleifer</rs> ausgegangen ist<lb/>
und ich in objektiver Führung des Ministeriums keinen solchen Druck<lb/>
auf niemanden ausüben möchte.</p>
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verpflichtet sind, da er einer der wenigen Schauspieler ist, der sich<lb/>
politisch deklariert hat. Ich bin sehr glücklich, daß <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> mich<lb/>
aber von diesen Verpflichtungen entbunden hat und sich mit meiner<lb/>
Frau begnügt. Ich hatte einige Zeit zum arbeiten und außerdem, als<lb/>
sie um halb eins nach Hause kam, hab ich Gott sei Dank schon ganz fest<lb/>
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            <head>Tagesprogramm, 5.11.1970</head>
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