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            <title type="main">Donnerstag, der 17. September 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_01">Generaldirektor <rs type="person" ref="#per__97865">Reisinger</rs> von den Stadtwerken musste unbedingt mit mir<lb/>
sprechen, da er fürchtete, dass das Pipeline-Gesetz für die Gas<lb break="no"/>versorgung von grösstem Nachteil sein könnte, während für die Ölleitungen<lb/>
nach seiner Meinung die Transportabgabe die einzige ist und deshalb<lb/>
Staatseingriffe jederzeit berechtigt sind, handelt es sich bei den<lb/>
Gasleitungen, die ebenfalls unter das Gesetz fallen sollen, nicht<lb/>
nur um Transportfragen, sondern auch um die Frage der Erzeugung und<lb/>
Versorgung. Er befürchtet, dass die ÖMV in das Gebiet mit Gasleistungen<lb/>
eindringen kann und dort den Grossabnehmer direkte beliefert, sodass die<lb/>
Stadtwerke von diesen nicht mehr Kunden benötigt werden. Ausserdem wies<lb/>
er darauf hin, dass auf Grund des derzeitigen deutschen Nazi-Energiegesetzes<lb/>
die Verfahrensfrage bezüglich Beschlagnahme von Grund wesentlich leichter<lb/>
möglich ist. Ich versicherte ihm, dass ich auf den ersten Punkt sehr<lb/>
genau eingehen würde und Verständnis für seine Forderungen hätte, dass<lb/>
aber bezüglich der Enteignung für uns nur – auch dann wenn es umständlich<lb/>
ist – das alte österreichische Eisenbahn-Enteignungsgesetz inFrage kommt<lb/>
welches insbesondere erst dann einen Durchzug von Gasleistungen oder<lb/>
Ölleitungen erlaubt, wenn das Entschädigungsverfahren bereits abge<lb break="no"/>schlossen ist. Man wird unverzüglich einen Entwurf für ein Gaslei<lb break="no"/>tungsgesetz vom Gasfachverband ausarbeiten lassen und mir zuschicken.<lb/>
Ich weiss, dass <rs type="person">Habel</rs> selbst schon einmal die Andeutung gemacht hat,<lb/>
dass gegebenenfalls ein eigenes Gasleistungsgesetz zweckmässig wäre.<lb/>
Im übrigen verwies ich darauf, dass ja bereits der Ölindustrie zuge<lb break="no"/>sichert hatte, da auch dort verschiedene Bedenken gegen das Pipeline<lb break="no"/>gesetz vorgebracht wurden, eine Enquete zu machen, wo ich über dieses<lb/>
Problem sehr eingehend mit den Interessensvertretungen und den Firmen<lb/>
diskutieren würde.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_02">Bei der Industriellenvereinigung hatte ich endlich Gelegenheit, an<lb/>
einer Vorstandssitzung teilzunehmen. Ich war wirklich erstaunt, dass<lb/>
sich in diesem Saal ca. 100 Personen eingefunden hatten, ich kann mir<lb/>
nicht vorstellen, dass dies allein der Vorstand war, sondern ich bin<lb/>
überzeugt, dass auch andere grosse Industrielle dazugezogen wurden.<lb/>
Präsident <rs type="person" ref="#per__97733">Mayer-Gunthof</rs> begrüsste mich sehr herzlich und begann sofort<lb/>
die Wünsche der Industrie zu konkretisieren. Erstens dass die Kosten<lb break="no"/><pb n="02-0534" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-09-17_0534.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>situation für sie sehr ungünstig wird, da die Konjunktur sich nicht<lb/>
mehr wesentlich vergrössern kann und zweitens, dass die Lohnrunde<lb/>
für sie eine unverträgliche Belastung darstellen würde. Sie bräuchten<lb/>
ausserdem eine Möglichkeit ihr Kapital zu vergrössern und deshalb<lb/>
seien die Steuern auch ein Problem ,das für sie auch unerträglich<lb/>
wird. Drittens müsste sie darauf drängen, dass der ERP-Fonds und auch<lb/>
vom Budget alle Mitteln ausgeschüttet werden, damit sie ihre Maschinen<lb/>
kaufen und bezahlen können und letztlich seien Fremdarbeiter dringend<lb/>
notwendig. Ich konnte auf die Forderungen deshalb leicht reagieren,<lb/>
weil ich erstens darauf hinwies, dass wir das Kapitalbereinigungsgesetz<lb/>
und das Strukturverbesserungsgesetz verlängert hätten und dass wir im<lb/>
ERP sowieso einstimmige Beschlüsse gefasst haben und auch wieder<lb/>
fassen werden und bezüglich der Sozialpolitik dürfte halt die ÖVP<lb/>
nicht glauben, dass sie uns links überholen kann, ansonsten ist doch<lb/>
der soziale Friede, den wir haben, viel wichtiger als die Frage ob<lb/>
ein oder mehr Prozente über das Mass hinausgehen, was die Industrie<lb/>
als noch tragbar betrachtet. An der Diskussion beteiligten sich mindestens<lb/>
zwei Dutzende Redner, manche von ihnen sogar 3 oder viermal und ich glaube<lb/>
ich konnte mich einigermassen behaupten, insbesondere bewährt sich halt<lb/>
immer wieder, dass auch in solchen Kreisen ein Schmäh ganz gut ankommt<lb/>
und auch dort zu Heiterkeitsstürmen führt. Da ich viele aus meiner<lb/>
früheren Tätigkeit kenne und mit vielen sei es des Büros der Industriel<lb break="no"/>lenvereinigung oder mit Funktionären zusammengearbeitet hatte, konnte<lb/>
ich auch jeden persönlich ansprechen und doch auf einige Beziehungspunkte, die<lb/>
wir in der Vergangenheit gehabt haben, anspielen. Generaldirektor<lb/>
<rs type="person" ref="#per__116023">Popovic</rs> war bezüglich der ERP-Kommission besorgt, weil er glaubt, daß<lb/>
der neue Vorsitzende, <rs type="person" ref="#per__98087">Wirlandner</rs>, ein neues Verfahren einführen will,<lb/>
wo eine Vorsichtung erfolgt, die in irgendeiner Weise eine dirigisti<lb break="no"/>sche oder vielleicht sogar planwirtschaftliche Absicht erkennen läßt.<lb/>
Ich konnte ihn beruhigen und habe anschließend noch mit <rs type="person" ref="#per__98087">Wirlandner</rs><lb/>
darüber gesprochen, der ihn unverzüglich anrufen wird um diese Frage<lb/>
zu klären. Mein Hinweis, daß die Bundesregierung außer der 1 Mia. S<lb/>
die sie aus dem Budget zurückstellt, auch wünscht daß die ERP-Mittel<lb/>
in der Höhe von 650 Mio zum größten Teil doch erst in der zweiten<lb/>
Hälfte des ERP-Jahres, nämlich 1971, verteilt werden, erwiderte er,<lb/>
daß diese keinen Einfluß haben könnten, da sie nur 5 % von der insge<lb break="no"/>samt 15 Mia-Investitionssume ausmachen. Auch andere Redner – wie<lb/>
Dr. <rs type="person" ref="#per__141713">Weinberger</rs> kamen auf dieses Problem und meinten, die Lohn- und<lb/>
Lieferfristen müßten eine Finanzierung schon noch jetzt ermöglichen.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_03">Auch Kommerzialrat <rs type="person" ref="#per__134054">Pöschl</rs> verlangte, daß man die Promessen bereits<lb/>
finanzieren sollte. Dies ist aber, wie ich sofort erwidern konnte,<lb/>
erstens nach Gesetzlage unmöglich und zweitens ist es ja nicht so,<lb/>
daß ERP eine volle Finanzierung aller Investitionen macht, sodaß<lb/>
eben mit Hilfe von Bank-Krediten ein Teil zuerst finanziert wird und<lb/>
die Restfinanzierung halt dem ERP-Fond überlassen bleibt. Direktor<lb/>
<rs type="person">Elke</rs> von Sigmund sagte,dann müßte allerdings ja der Effekt wegbleiben,<lb/>
denn wenn die Bank das Geld leiht, dann würde ja keine Dämpfung<lb/>
mehr eintreten. Darauf konnte ich sofort antworten, daß dies nicht<lb/>
der Fall ist, denn wenn die Bank Geld für die Industrie zur Verfügung<lb/>
stellt, dann ergibt es insofern eine Dämpfung als ja andere Kredit<lb break="no"/>werber dann nicht mehr zum Zuge kommen könnten, und makroökonomisch<lb/>
oder global gesehen dadurch selbstverständlich eine Nachfragedämpfung<lb/>
nach Investitionskrediten erreicht wird. Das heißt die Summe, die eben<lb/>
die Banken zur Verfügung stellen, nicht vergrößert werden könnte.<lb/>
Betreffend die Importbeschränkungen von USA, die sogenannten "invisible<lb break="no"/>"Anträge im Repräsentantenhaus wurden ebenfalls zur Sprache gebracht<lb/>
und hier insbesondere auf die zu erwartende japanische Konkurrenz<lb/>
aufmerksam gemacht. Die Papierindustrie wies auf die EWG-Verhandlungen hin,<lb/>
wo insbesondere derzeit beabsichtigt ist, von Seiten Italiens das<lb/>
von der 30 %igen Zollsenkung Papier ausgenommen werden soll, im<lb/>
Hinblick auf unsere Kartellsituation. <rs type="person" ref="#per__116023">Popovic</rs> sprach sich ganz ent<lb break="no"/>schieden dagegen aus und meinte, es dürfte nicht eine Industrie<lb/>
hängengelassen werden. Der Hinweis, daß man dann auch die Importe<lb/>
nicht zollsenken wird auf diesem Sektor sei unzutreffend, da die<lb/>
Importe aus EFTA-Staaten kommen. Die Frage der Mehrwertsteuer wurde<lb/>
ebenfalls angeschnitten und von mir der Standpunkt erörtert, daß wir<lb/>
dazu insbesondere die Vorarbeit erst treffen müßten, die die alte<lb/>
Bundesregierung nicht getroffen hat, und zweitens den konjunkturell<lb/>
richtigen Zeitpunkt abwarten müßten. Der Industrielle <rs type="person">Wild</rs> sagte, daß<lb/>
ihm die Gewerkschaftssekretäre und Betriebsräte gesagt hätten, daß<lb/>
eine Lohnwelle von 18 % kommen werde, weil es eine monochrome sozia<lb break="no"/>listische Regierung gäbe und er fragte, was ich dagegen unternehmen<lb/>
würde. Ich erwiderte sofort, daß in der internationalen Entwicklung<lb/>
genau das Gegenteil der Fall ist, daß wo sozialistische Regierungen<lb/>
waren, wie z.B. in England, die Gewerkschaften sehr zurückhaltend<lb/>
gewesen sind und in der BRD war das auch der Fall. Ich sagte aller<lb break="no"/>dings, daß das die internationale Erfahrung sei, die für Österreich<lb/>
aber deshalb nicht zutreffend ist, weil wir ja hier seit 25 Jahren, ob<lb/>
Koalition oder monochrom schwarz – oder jetzt monochrom rot – doch<lb/>
<pb n="02-0536" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-09-17_0536.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>in Wirklichkeit bei dem sozialen Klima immer die Sozialpartnerschaft<lb/>
aufrecht erhalten haben und sich dieser Zustand auch in Zukunft<lb/>
nicht ändern wird. Unternehmer <rs type="person">Blas</rs> wollte insbesondere darauf hin<lb break="no"/>weisen, daß mit Preisregelung und Preistreiberei der Kostenauftrieb<lb/>
nicht gestoppt werden kann und deshalb jede administrative Preis<lb break="no"/>politik sinnlos ist. Ich konnte ihn beruhigen und sagen, daß ich es<lb/>
tiefst bedaure, daß wir keinen Akkord erzielt haben in der Verhand<lb break="no"/>lung mit den Interessensvertretungen, wo ich mich doch sehr bemüht<lb/>
hätte und natürlich jetzt die Regierung die entsprechenden Vor<lb break="no"/>schläge im Parlament einbringen wird, daß sich aber der § 3a doch<lb/>
nur gegen die Firmen richtet die an dem österreichischen sozialen<lb/>
Klima und den Verhandlungsergebnissen das von den Sozialpartnern<lb/>
erzielt wird sich nicht halten wollen und verwies insbesondere auf<lb/>
ein öffentliches Unternehmen – ohne den ORF namentlich zu nennen.<lb/>
Frau Dr. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> wies darauf hin, da wir doch gemeinsam in der<lb/>
Arbeitszeitverkürzungsstudie festgelegt hatten, daß dadurch eine<lb/>
ca. 4,3 %ige Kostenbelastung eintreten wird und dadurch der ein<lb break="no"/>kommenspolitische Spielraum sich verringern wird. Ich strich sofort<lb/>
heraus, wie gut wir dort in der Studie zusammengearbeitet hatten –<lb/>
damals noch auf der Gegenseite, jetzt sei ich ja ihr Verbündeter,<lb/>
und daß wir sicherlich bemerken werden, daß die Gewerkschaften hier<lb/>
trotzdem nicht,wie befürchtet, irrsinnige Forderungen stellen und<lb/>
zu <rs type="person" ref="#per__97731">Mautner-Markhof</rs> <add>[evtl. Falschidentifikation, Anm.]</add> gewendet sagte ich, daß doch z.B. auch die Bau<lb break="no"/>arbeiter einen ganz vernünftigen Abschluß jetzt getätigt hatten.<lb/>
Ich war sehr froh, daß insbesondere die Dr. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> anwesend war, denn<lb/>
sie wird natürlich am Abend sofort über diese Aussprache berichten<lb/>
und ich hatte nicht verabsäumt immer wieder darauf hinzuweisen, daß<lb/>
ich ja hoffe, daß auch in der Bundeskammer ich bei den Vorstandssitzun<lb break="no"/>gen meine Stellungnahmen abgeben könnte. Generaldirektor <rs type="person">Hueger</rs> von<lb/>
der Semperit meinte es müßte neben dem Preistreieberei- auch noch<lb/>
ein Lohntreibereigesetz geben, denn wenn man sich die Entwicklung<lb/>
ansieht – so sind die Löhne wesentlich mehr gestiegen als die Preise.<lb/>
Die Industriellen-vereinigung hatte nämlich vorsorglich eine große<lb/>
Graphik über diese Ziffern auch gemacht. Ich konnte dieses Argument<lb/>
sofort mit dem Hinweis auf den Verein für Sozialpolitik, der im<lb/>
vorigen Jahrhundert schon festgestellt hatte, daß die Löhne etwas<lb/>
anderes seien als die Preise und daß man hier eben aus sozialpoliti<lb break="no"/>schen Gesichtspunkten andere Maßstäbe anlegen müßte. Bezüglich der<lb/>
Preistreieberei und der Wirksamkeit der Paritätischen Kommission<lb/>
konnte ich mich auf eine Aktion, die er bei mir gestartet hatte,<lb/>
damals hatte ich <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> eben bei mir in der Paritätischen Kommission,<lb/>
nicht einmal Rohstoffkosten anerkennen wollen, daß ich in dieser<lb/>
<pb n="02-0537" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-09-17_0537.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Aktion als ehrlicher Makler doch seine Interessen gut vertreten<lb/>
hatte, was er sofort bestätigte. Die einzige gefährliche Anfrage<lb/>
kam von Dr. <rs type="person">Duschka</rs>, dem sozialpolitischen Referenten, der erstens<lb/>
auf die Gastarbeiterproblematik hinwies, wo ich allerdings sofort<lb/>
antwortete, daß hier ja jetzt Besprechungen zwischen den Sozial<lb break="no"/>partnern stattfinden, der aber zweitens doch von mir verlangte, ich<lb/>
sollte meinen Einfluß dahin geltend machen, daß die jetzt einge<lb break="no"/>brachten Gesetze – die vielleicht, weil die ÖVP dezitiert auf meinem<lb/>
Sektor, jetzt aber auf Kosten der Unternehmer eingebracht und von<lb/>
der Regierung verabschiedet wird. Er bezog sich auf den Überstunden<lb break="no"/>zuschlag, der in Zukunft laut Gesetz 50 % betragen soll, und auf die<lb/>
Abfertigungsansprüche, und er erwartet von mir, daß ich die einschrän<lb break="no"/>kende Haltung der Industrie und des Gewerbes in meinem Gutachten<lb/>
auch tatsächlich zum Ausdruck bringe – denn, so meinte er, man müßte<lb/>
die Krankenscheingebühr in der 25. ASVG-Novelle, die derzeit in<lb/>
Bearbeitung ist, ebenfalls vom Handelsminister verlangen. Ich erwiderte<lb/>
auf dieses Forderungspaket, daß ich eigentlich vor der Sozialpolitik<lb/>
einen Horror habe – ich bin ja bekannt dafür, daß ich diese Probleme.<lb/>
als "Nichtspezialist" ausklammere, denn ich glaube, daß es hier<lb/>
zweckmäßiger ist wenn die Fachleute – sei es der Industriellen<lb break="no"/>vereinigung, der Handelskammer oder in einem Ministerium doch Grund<lb break="no"/>satzüberlegungen einmal anstellen und sich insbesondere mit dem<lb/>
Sozialminister einmal auseinandersetzen. Ich schlug der Industriel<lb break="no"/>lenvereinigung vor <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> einzuladen, den sie ja viel schlechter<lb/>
behandeln können, denn der ist auf alle Fälle ihr Gegner, während<lb/>
ich ja die Gastfreundschaft genieße und noch dazu an ihrer Seite –<lb/>
der Seite der Industriellenvereinigung – zu kämpfen habe. Bezüglich<lb/>
der Reorganisation in meinem Ministerium konnte ich allgemeine Zustim<lb break="no"/>mung feststellen, da ich ja eben herausstrich, daß ich dieses wie<lb/>
einen Industriebetrieb führen möchte, mit der Grundsatzabteilung<lb/>
als Stabsabteilung neben dem derzeitigen hierarchischen Prinzip der<lb/>
Sektionen oder wie es in der modernen Management-Sprache heißt<lb/>
management by objectivs.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_04">Generalsekretär <rs type="person" ref="#per__116023">Popovic</rs> und Vizepräsident <rs type="person" ref="#per__97938">Seidl</rs> hatten beim Bundes<lb break="no"/>kanzler eine Aussprache an der auch ich teilnahm. Es handelt sich um<lb/>
das große Projekt der Errichtung einer Zellstoffanlage an der Donau.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97681">Karl Landecker</rs>, ein sehr großer Industrieller, der allerdings mit<lb/>
Geld von anderen in Asien und in Kanada große Zellstoff-Fabriken<lb/>
errichtet hat, beabsichtigt auch in Österreich eine solche aufzu<lb break="no"/>bauen. Sein Projekt würde mindesten 250.000 t betragen und damit die<lb/>
derzeit 676.000 t zu einem Drittel mindestens umfassen. Für ein<lb/>
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dann mindestens 6 oder noch mehr Betriebe stillgeleget werden.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sprach sich eigentlich gegen dieses Projekt aus obwohl<lb/>
<rs type="person">Landecker</rs> ein sehr guter Bekannter von ihm ist.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_05"><rs type="person" ref="#per__97374">Breucher</rs>, Hauptgeschäftsführer von Handel, Industrie und Handelstag<lb/>
in Bonn will sich bei mir erkundigen, wie die "Arbeitskammern" wie<lb/>
er es betitelte arbeiten, denn er sei auch dafür in Deutschland<lb/>
solche einzuführen. Ich erklärte ihm sofort, daß ich aus dieser<lb/>
Organisation kam, was ihm ungeheuer überraschte aber sofort positiv<lb/>
stimmte, da ich ihn ja nicht im Unklaren gelassen hatte.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-09-17_06">Anschließend hatte ich im AEZ meine erste Diskussion, wovon er ganz<lb/>
begeistert war und erklärte, er würde dort ebenfalls hinüberkommen,<lb/>
da er sich nicht vorstellt, daß ein Minister so etwas bei uns tat<lb break="no"/>sächlich macht. Die Diskussion verlief ganz normal und ich wurde<lb/>
bei der Wiener Konferenz am Abend immer wieder von den Genossen von<lb/>
der Jungen Generation gefragt, ob sich etwas wesentlich ändere, da<lb/>
ich ja mit ihnen sehr viele bereits vor der Wahl – wo ich noch nicht<lb/>
Minister gewesen bin – durchgeführt hatte. Sie haben scheinbar eine<lb/>
große Angst, daß jetzt die Regierungsmitglieder natürlich härter<lb/>
attackiert werden als dies früher der Fall war. Ich konnte dies<lb/>
nicht feststellen, sondern daß sich in Wirklichkeit nichts wesentliches<lb/>
geändert hatte. Die Bahnhöfe waren früher auch nicht gerade leicht.</p>
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            <head>hs. Notizen (Tagesprogramm Rückseite)</head>
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               <persName type="label">Seidl, Rudolf Hans</persName>
               <persName><surname>Seidl</surname><forename>Rudolf Hans</forename></persName>
               <occupation>GD Lenzing AG, Vizepräs. HK, AR-Präs. OÖ. Ferngas</occupation>
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               <persName type="label">Kreisky, Bruno</persName>
               <persName><surname>Kreisky</surname><forename>Bruno</forename></persName>
               <occupation>Bundeskanzler</occupation>
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               <persName type="label">Mautner Markhof, Manfred sen.</persName>
               <persName><surname>Mautner Markhof</surname><forename>Manfred
                  sen.</forename></persName>
               <occupation>u.a. Präs. ÖAMTC, Wr. Messe, bis 1972 Vizepräs. IV</occupation>
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