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            <title type="main">Mittwoch, der 29. Juli 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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               <licence>CC BY-NC 4.0</licence>
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                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
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                  <idno type="signature">Band02_1970-07-29</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-07-29_01">In der Sektionschefsrunde, die am Vortag ausgefallen ist,<lb/>
weil ich die Pressekonferenz von <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> mitmachen mußte,<lb/>
konnte ich wieder feststellen, daß die Koordination inner<lb break="no"/>halb des Ministeriums kaum funktionierte. So wurde uns mit<lb break="no"/>geteilt, daß der Abteilung, die Fragen des unlauteren Wett<lb break="no"/>bewerbes zu behandeln hat, nicht einmal Verordnungsentwürfe<lb/>
oder darauf bezughabende Gesetzesstellen rechtzeitig bekannt<lb break="no"/>gegeben werden, sondern wenn überhaupt, in sehr unzulänglicher<lb/>
Weise, oder verspätet Akte vorgeschrieben werden, die dann<lb/>
bereits größtenteils überholt sind.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-07-29_02">Auf Wunsch von <rs type="person" ref="#per__97543">Heindl</rs> habe ich <rs type="person">Klada</rs> empfangen, der auch ein<lb/>
Interview für den Taxispiegel einer Zeitung des Freien Wirt<lb break="no"/>schaftsverbandes wollte. Bei dieser Gelegenheit konnte ich<lb/>
feststellen, daß das Taxiproblem viel komplizierter ist, als<lb/>
ich es mir vorgestellt hatte. Es gibt derzeit drei Gruppen.<lb/>
Das eine ist WIHUG, das ist ein Selbsthilfering wo auf Kasko<lb break="no"/>basis versucht wird, die Taxler zusammenzufassen und es<lb/>
sind derzeit 280 PKW erfaßt. Die Methode ist, daß eine<lb/>
Kaskoversicherung mit 1.000,-- Selbstbehalt für die Mit<lb break="no"/>glieder angeschlossen ist. Sie müssen derzeit viertel<lb break="no"/>jährlich 1.500,-- Beitrag leisten und sind damit versicherungs<lb break="no"/>mäßig abgedeckt. Diese WIHUG steht dem Freien Wirtschafts<lb break="no"/>verband nahe. Komm. Rat <rs type="person" ref="#per__146903">Klein</rs> ist der Vertreter im Gremium.<lb/>
Außerdem hat diese Organisation den Taxifunk Wien aufge<lb break="no"/>richtet. Die Wiener Akrobiden Tonbandbetriebsgenossenschaft<lb/>
ist die ihnen angeschlossene.Verwaltungsgenossenschaft, die<lb/>
derzeit 60 PKW von Kommissionsinhabern verwaltes und 3 %<lb/>
der Spesen dafür verrechnet. Die Gewinne, die sich aus dieser<lb/>
Konzessionsvermietung ergeben, fließen dem Konzessionsin<lb break="no"/>haber zu, der gar kein eigener Taxler sein muß, sondern<lb/>
gegebenenfalls einen Lenker beschäftigt. Die zweite Gruppe<lb/>
ist die dem Verband österreichischer Transporteure, die dem<lb/>
Wirtschaftsbund nahestehen und auch ein Selbsthilfering<lb/>
<pb n="02-0427" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-07-29_0427.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>ist mit ca. 300 Taxis. Die Zeitung die sie herausgeben, ist<lb/>
der "Österreichischer Personenverkehr". Der Taxiruf ist<lb/>
die entsprechende Organisationsform, wo Taxis angefordert<lb/>
werden können. Die dritte Gruppe ist der Verband öster<lb break="no"/>reichischer Autotaxiunternehmer, der der FPÖ nahe steht<lb/>
und viertens gibt es eine scheinbar unparteiische Gruppe,<lb/>
Normann, die ca. 400 Taxi umfaßt und unter der Funkzentrale<lb/>
angefordert werden kann. Der Vertreter der ÖVP ist im<lb/>
Gremium der Vorsteher Komm. Rat <rs type="person" ref="#per__97372">Broda</rs>. In Wien wurden<lb/>
bisher 2.340 Taxikonzessionen ausgegeben mit Stand<lb/>
20.6.1970, und es ist selbstverständlich, daß noch immer<lb/>
entsprechende Ansuchen eingebracht werden. Durch meine<lb/>
Forderung, man sollte großzügiger mit den Ansuchen vor<lb break="no"/>gehen, wurden seit März 1970 – wo ca. 100 offene Fälle<lb/>
bei uns im Ministerium gelegen sind – 42 positiv erledigt<lb/>
und 27 mußten abgelehnt werden. Sodaß am 28. Juli nur noch<lb/>
50 Fälle offen sind, von denen allerdings erst 30 seit<lb/>
dem 14. Juli neuerdings beim Bundesministerium angefallen<lb/>
sind. In Wien dürfen laut Gesetz pro Wagen nur eine<lb/>
Konzession vergeben werden. Allerdings ist es möglich,<lb/>
daß sich Besitzer oder Unternehmer mehrere Konzessionen<lb/>
beilegen, sei es durch Kauf – sei es, daß sie neu ansuchen.<lb/>
Insgesamt gibt es derzeit eine gewisse Fa. BAAR, die<lb/>
11 Konzessionen besitzt. Das Ministerium hat sich Richt<lb break="no"/>linien gegeben, die vom Verfassungs- und Verwaltungsge<lb break="no"/>richtshof bestätigt wurden, in fast 300 Fällen judikatur<lb break="no"/>mäßig entschieden wurden. Das System der Richtlinien be<lb break="no"/>ruht darauf, daß 1.) Taxilenker die gleichzeitig Pächter<lb/>
sind, 2.) daß Taxilenker die beschäftigt sind – wenn beide<lb/>
Gruppen mindestens durch 5 Jahre bereits als Taxilenker ge<lb break="no"/>fahren sind – bevorzugt zu behandeln sind. An 3.) Stelle<lb/>
kommen dann Leute in Frage, die vor 1937 mit Taxis bereits<lb/>
gefahren sind – das sind noch ca. 80 die in Frage kommen. In<lb/>
all diesen Fällen wird reihungsmäßig vorgegangen, wenn Kon<lb break="no"/>zessionen verliehen werden. Wie sehr aber dieses Prinzip un<lb break="no"/>zulänglich ist, ergibt-sich daraud, daß noch immer mit den<lb/>
Konzessionen ein schwungvoller Handel betrieben wird und<lb/>
zwar, wenn jemand seine Konzession an einen anderen ver<lb break="no"/>-</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-07-29_03">kauft. Der Vorschlag von <rs type="person">Klada</rs> war, man sollte die Konzessionen<lb/>
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in eine Genossenschaft eingebracht werden müssen. Ich habe mit<lb/>
MinRat <rs type="person" ref="#per__134300">Metzner</rs>, der bei der Besprechung anwesend war, ersucht,<lb/>
er sollte diesbezügliche Überlegungen anstellen derzeit ist die<lb/>
Situation so, daß zwar die Bürges Taxi-Konzessionen nicht mehr<lb/>
als Sicherstellung annimmt und daß die Erste Österreichische<lb/>
maximal mit 130.000 S belehnt, tatsächlich aber ist der Markt<lb break="no"/>wert derzeit für eine Konzession ohne Wagen 160-170.000 S und<lb/>
mit Wagen – wobei der Wagen in einem nicht sehr guten Zustand<lb/>
sein muß – bis zu 240.000 S bezahlt werden. Der Verwaltungs<lb break="no"/>gerichtshof verlangt vom Ministerium, daß jährlich ein Bericht<lb/>
über die Bedarfslage vorgelegt wird und der letzte Bericht<lb/>
wurde der Interessensvertretung zur Stellungnahme übermittelt.<lb/>
Der Hinweis, daß dieser Bericht und die Überprüfung der Bedarfs<lb break="no"/>lage nicht nach objektiven Gesichtspunkten durchgeführt wird,<lb/>
konnte ich nur dahingehend beantworten, daß man sich dann an<lb/>
die erhebende Stelle – den Magistrat der Stadt Wien – wenden<lb/>
müßte.<lb/>
Direktor <rs type="person" ref="#per__127085">Koller</rs>, von der neugegründeten Internationalen Außen<lb break="no"/>handelsbank, ein Genosse, sprach bei mir vor und teilte mir<lb/>
mit, daß mit 1. März 1970 diese Bank mit einem Grundkapital<lb/>
von 75 Millionen S gegründet wurde. Österreich ist daran mit<lb/>
50,1 % beteiligt, die Bundesrepublik Deutschland, die Hessische<lb/>
Landesbank – deren Präsident, <rs type="person" ref="#per__146162">Conrad</rs>, auch Vorsitzender des<lb/>
Aufsichtsrates ist, ist daran maßgebend beteiligt; aber Frank<lb break="no"/>reich und auch die USA haben sich an dieser Konstruktion<lb/>
beteiligt. Die Firma Winter ist mit 20 % an dem österreichischen<lb/>
Anteil der Außenhandelsbank beteiligt, und <rs type="person" ref="#per__137169">Moskovics</rs> – einer<lb/>
der größten und tüchtigsten Transiteure und <add>Lutcher?</add> hat der<lb/>
Bank zwar nicht zugesagt, daß er Geschäfte an sie abtreten wird,<lb/>
glaubt aber, daß die jungen Leute dort doch einiges erreichen<lb/>
könnten. Dir. <rs type="person" ref="#per__127085">Koller</rs> war bis jetzt bei der Zentralsparkasse,<lb/>
sein zweites Vorstandsmitglied, Dr. <rs type="person">Höbert</rs> ist von der Ersten<lb/>
Österr. Sparkasse in die Intern. Außenhandelsbank gekommen.<lb/>
Wir werden ja sehen, ob und inwieweit die Bank florieren wird.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-07-29_04">Bei der Verleihung der Ehrenzeichen hatte ich Gelegenheit mit<lb/>
Gen.Dir. <rs type="person" ref="#per__112054">Buchner</rs>, von den Stickstoffwerken, zu reden. Da die<lb/>
Grundlsee-Arbeiter nach Wien gekommen waren, hatte ich beim<lb/>
Mittagessen im Rathauskeller mich dafür bedankt, daß ich nicht<lb/>
<pb n="02-0429" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-07-29_0429.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nach Grundlsee fahren mußte, sondern sie nach Wien gekommen sind.<lb/>
Mit <rs type="person" ref="#per__112054">Buchner</rs> konnte ich feststellen, daß er noch immer große Hoffnun<lb break="no"/>gen hegt, daß das Petrochemische Kombinat zwischen BASF, Stick<lb break="no"/>stoffwerke und ÖMV in Schwechat zustandekommt. Er meint, es wäre<lb/>
vollkommen unmöglich, daß ÖSW mit BASF und die ÖMV mit Höchst<lb/>
ein Arrangement anstreben könnten oder sollten. BASF und Höchst<lb/>
haben sich nicht nur in Deutschland,sondern in der ganzen Welt,<lb/>
als zwei getrennte Unternehmungen etabliert – die seinerzeitige<lb/>
gemeinsame "Mutter", nämlich IG-Farben, wurde ja verlassen – und<lb/>
es befinden sich derzeit die beiden Firmen in einer Art Kriegs<lb break="no"/>zustand – sowohl am deutschen als auch am europäischen und Welt<lb break="no"/>markt. Österreich könnte, nach Meinung <rs type="person">Buchners</rs>, deshalb unter<lb/>
garkeinen Umständen hoffen, daß sie hier diese beiden Unterneh<lb break="no"/>mungen gegeneinander oder vielleicht gar miteinander ausspielen<lb/>
könnte.<lb/>
Der Konsumverband, <rs type="person">Korp</rs> <rs type="person" ref="#per__134913">Schmidt</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__97860">Rauter</rs>, kamen um mir<lb/>
ihre Wünsche zur Gewerberechtsreform vorzutragen. Ich stimmte<lb/>
mit ihnen ja größtenteils überein und versicherte mir nur, daß<lb/>
sie auch noch eine weitere Liberalisierung, die ich beabsichtige,<lb/>
akzeptieren würden. Nicht einverstanden sind sie allerdings mit<lb/>
der Entwicklung, daß jetzt auch die Landwirtschaftliche<lb/>
Genossenschaft in die Supermärkte – das heißt in die Verbraucher<lb break="no"/>märkte – einsteigen will. Ich bin überzeugt davon, daß es sich<lb/>
hier um ein Betätigungsfeld handelt, das natürlich auch mit der<lb/>
Bundeskammer einen Krieg auslöst, aber andererseits bin ich<lb/>
genauso überzeugt, daß die Vertreter der Landwirtschaftlichen<lb/>
Genossenschaften infolge ihres Geldüberflusses und ihrer Expan<lb break="no"/>sionschancen auch diesen Markt an sich reißen werden, oder<lb/>
zumindest einen diesbezüglichen Versuch anstellen werden.</p>
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               <occupation>GD Stickstoffwerke/Chemie Linz</occupation>
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               <occupation>[1971 als Russlandexperte genannt; Thema Handelsbilanz; bereits erfasst
                  ist Moskovics, Thomas, Bankhaus Winter; dieses auf Ost-West-Handel spezialisiert;
                  Thomas M. lt. Homepage ab 1973 tätig, bis dahin ist immer Simon M.
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               <persName type="label">Koller, Walter</persName>
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               <occupation>Int. Bank f. Außenhandel</occupation>
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               <persName type="label">Heindl, Kurt</persName>
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               <occupation>1970-1973 Büro Staribacher, SPÖ-NR-Abg., stv. Vors.
                  SPÖ-Landstraße</occupation>
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               <persName type="label">Kreisky, Bruno</persName>
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               <occupation>MR HM/VM (Ministerienneuorganisation 1974)</occupation>
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