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            <title type="main">Mittwoch, der 24. Juni 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_01">Bei der handelspolitischen Besprechung, an der <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, <rs type="person" ref="#per__97474">Gleissner</rs>,<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs>, <rs type="person" ref="#per__97426">Fälbl</rs>, <rs type="person" ref="#per__108322">Meisl</rs>, <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs> teilnahmen, teilte <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> mit, dass<lb/>
er bereit ist, der Multilateralisierung für die Oststaaten zuzu<lb break="no"/>stimmen, allerdings nur nach Ablauf der längerfristen Verträge.<lb/>
Dies würde bedeuten, dass Polen frühstens am 1.1.1973, die CSSR<lb/>
am 1.1.1971 zum Zuge kämen. Vorziehen würde <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> nicht für zweck<lb break="no"/>mässig erachten, da die Multilateralisierung zwar von der Handels<lb break="no"/>kammer selbst verlangt wurde , es ist durch die Einführung der<lb/>
Technischen Kredite in den Oststaaten, die Notwendigkeit entstanden,<lb/>
eben andere Formen für die Ausdehnung des Osthandels zu finden.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> war immer kontra, gegen eine solche Multilateralisierung.<lb/>
Die Handelskammer hat also deshalb ihre Wünsche gegen den damaligen<lb/>
Handelsminister durchgesetzt, und zwar deshalb, weil die Oststaaten<lb/>
insbesondere aber Russland, auf eine solche Multilateralisuerung<lb/>
neben dem Währungsfonds, USA, Kanada und Schweden aufgedrängt hat.<lb/>
Die Bundeskammer legt nur bei der Multilateralisierung den grössten<lb/>
Wert darauf, dass die Konsultationsklausel und Schutzklausel unbedingt<lb/>
in die Verträge aufgenommen wird. Die zweite wichtige Frage ist<lb/>
die Liberalisierung gegenüber dem Osthandel. Hier ist die Bundes<lb break="no"/>kammer bereit, von den Positivlisten zu den Negativlisten überzugehen.<lb/>
Es wird sich dabei aber nicht um eine Spiegelgleichheit handeln,<lb/>
sondern es wird versucht werden, wirklich die Listen sehr einzuschrän<lb break="no"/>ken und nur die hard core-Fälle aufzunehmen. Die Zustimmung zur Liber<lb/>
ralisierung könnte nach Meinung der Bundeskammer aber nur gegeben<lb/>
werden, wenn eine Rücknahmeklausel in den Verträgen aufgenommen wird.<lb/>
Bei den GATT-Staaten, wie CSSR und beabsichtigt Polen, wird es<lb/>
schwierig sein, eine solche Kalusel wirklich durchzusetzen, weil<lb/>
diese Staaten darauf hinweisen, dass die GATT-Bestimmung schon ent<lb break="no"/>sprechende Regelungen vorsieht. Um eine gewisse Aufklockerung gegen<lb/>
über dem Osthandel zu erreichen, wird versucht werden, Globalkontin<lb break="no"/>gente festzulegen. Derzeit gibt es solche Globalkontingente gegenüber<lb/>
den Oststaaten bei Holz, Schuhen und Wein. Und quasi Globalkontin<lb break="no"/>gente bei Elektromotoren, Taschenradio, TV und Lederhandschuhen.<lb/>
MR <rs type="person" ref="#per__97426">Fälbl</rs> wies mir Recht darauf hin, dass diese Regelung bei<lb/>
Verhandlungen sich als äusserst günstig erwiesen hat. So konnte er<lb/>
u<lb/>
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für Elektromotoren von 30.000 $ haben, in Wirklichkeit aber 60 – 70.000<lb/>
$ Elektromotoren nach Österreich liefern. Dies ist deshalb möglich,<lb/>
weil Elektromotoren als quasi-Globalkontingente überzogen werden können,<lb/>
indem man von 6 Staaten mal 30.000 $ rechnet, ergibt das 180.000 $<lb/>
die die CSSR hie tatsächlich liefern kann und deshalb nicht Forderung<lb/>
stellt auf Erhöhung der Kontingenten. Die Bundeskammer teilte mit,<lb/>
dass sie von der DDR die Verständigung erhalten hatte, dass in Zukunft<lb/>
die Aussenhandelsstelle hier nicht mehr der Kammer für Aussenhandel,<lb/>
sondern dem Amt für Aussenwirtschaftsbeziehung, einer halboffiziellen<lb/>
Stelle in der DDR unterstellt ist. Theoretisch handelt es sich hier<lb/>
um einen lgatten Bruch der Verenbarung, weil diese zwischen den Staaten<lb/>
lautet auf Handelskammerbasis, doch läuft der Vertrag nur bis 31.12.1970<lb/>
und es wäre deshalb unzweckmässig, einen Krieg in dieser Fragezu be<lb break="no"/>ginnen. Auf alle Fälle habe ich von der Handelskammer das Schreiben<lb/>
verlangt und werde dies dem Minister <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> übermitteln. Wir<lb/>
kamen überein, dass <rs type="person">Gleihsner</rs> mit meinen Herren versuchen wird, die<lb/>
Probleme, die ich hier geschildert habe, im Detail zu besprechen und<lb/>
entsprechende Richtlinien für die nächsten Verhandlungen gemeinsam zu<lb/>
erarbeiten.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_02">Botschafter <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka-Karltreu</rs> aus Bern nützte die Gelegenheit seines<lb/>
Wien-Aufenthaltes, um ersten mit mir Kontakt aufzunehmen und zweitens<lb/>
mir doch noch zu erklären, dass die Schweizer grössten Wert darauf<lb/>
legen würden, mit uns gemeinsam in der EWG-Frage vorzugehen. Ich<lb/>
konnte ihm mitteilen, dass <rs type="person">Weitenauer</rs>, der Schweizer Botschafter, der<lb/>
vor einiger Zeit bei mit vorgesprochen hatte, und einen diesbezüglichen<lb/>
Wunsch geäussert und von mir die Zusicherung erhalten hat, dass sowohl<lb/>
der Bundeskanzler, der Aussenminister als auch ich selbst absolut<lb/>
auf dieser Linie sind. <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs> war darüber sehr erfreut, da er be<lb break="no"/>fürchtete, dass wenn wir nicht gemeinsam mit der Schweiz vorgehen,<lb/>
für uns eine aussenpolitisch schlechte Situation eintreten könnte.<lb/>
Ich selbst habe zwar nie der Interimslösung grosse Chancen gegeben,<lb/>
ich war immer überzeugt, dass die EWG sich nicht bereiterklären wird,<lb/>
mit uns eine Sondervereinbarung zu schliessen. Andererseits aber<lb/>
stehe ich auch dem Standpunkt, dass ich unter allen Umständen alles<lb/>
daran zu setzen habe, dass wir mit der Schweiz gemeinsam die Verhand<lb break="no"/><pb n="02-0295" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-06-24_0295.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>lungen nicht nur beginnen sondern womöglich auch abschliessen können.<lb/>
Ob Schweden sich dabei anschliessen wird, ist eine zweite Frage, denn<lb/>
Schweden könnte sich ja – theoretisch ist es ja kein neutrales Land<lb/>
sondern nur bündnisfrei – auch mit der EWG anders assoziieren wie wir,<lb/>
ja notfalls sogar beitreten. Nur für die Schweiz und für uns ergibt sich<lb/>
dieses ganz spezielle Problem, dass wir unter gar keinen Umständen<lb/>
an einen Beitritt oder eine engere Assoziiierung denkennkönnen. Wenn<lb/>
nun ide EWG mit der Schweiz ein Arrangement findet, wo wir nicht<lb/>
dabei sind, dann ergibt sich für uns die Schwierigkeit, dies Russland<lb/>
gegenüber zu erklären. Im Wiener Memorandum wurde ja festgehalten,<lb/>
dass Österreich einen Status anstreben wird, wie ihn die Neutralität<lb/>
der Schweiz vorsieht. Wenn deshalb die Schweiz ein Arrangement mit der<lb/>
EWG erreicht, dass kann Russland kaum etwas dagegen einwenden , wenn<lb/>
wir dieselbes Arrangement ebenfalls bekommen. Natürlich wäre es Russland<lb/>
lieberm uns in die Situation wie Finnland zu bringen, d.h. dass sie<lb/>
versuchen, uns von der Schweiz abzuspalten. Ein solcher Weg könnte sich<lb/>
z.B. ergeben , wenn Frankreich sich, um Russland zu beweisen, dass es<lb/>
doch noch immer der entscheidende Faktor bei den EWG-Verhandlungen ist<lb/>
und vor allem um Russland zu beweisen, dass es seinen eigenen Weg geht,<lb/>
diesen Gefallen zu tun und uns von der Schweiz abzutrennen und auf die<lb/>
finnische Ebene zu schieben. Diese Meinung teilt neben <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> auch<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, der – wie ich annehmen kann – in Wirklichkeit in der letzten<lb/>
Zeit auf die SPÖ-Linie in der Integration vollkommen eingeschwenkt ist<lb/>
nachdem sich ja herausgestellt hat, dass die ÖVP-Linie <rs type="person" ref="#per__97358">Bocks</rs> schwer<lb/>
zu halten ist. Nebenbei bemerkt habe ich einmal eine Aussprache mit<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> und er bestätigte mir, dass er seit eh und je angezweifelt,<lb/>
hat, ob es möglich sein wird, die <rs type="person" ref="#per__97358">Bocks</rs>-Linie durchzusetzen. Diese Aus<lb break="no"/>sage <rs type="person" ref="#per__97749">Mitterer</rs> wurde mir auch von den Herren des Hauses bestätigt.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs> teilte auch mit, dass ihm <rs type="person">Jois</rs> mitgeteilt hatte, dass die<lb/>
Schweizer sich auf diese Verhandlungen sehr intensiv vorbereiten und<lb/>
Arbeitsgruppen eingesetzt haben. Ich glaube, dass es dringndst notwenidg<lb/>
ist, dass auch wir im Haus solche Arbeitsgruppe installieren und<lb/>
werde diesbezüglich Anordnungen unverzüglich erlassen. <rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> teilte<lb/>
mit, dass er in einer Verbandssitzung der Industrie und in der Indu<lb break="no"/>striellenvereinigung feststellen konnte, dass sie sich jetzt ebenfalls<lb/>
auf dem Schweizer Weg, d.h. auf die sozialistische Linie eingestellt<lb/>
hatten. Hier müssen wir einen neuen Weg im Sekretariat gehen, denn<lb/>
wäre die <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs>-Aussprache nicht gewesen, hätte uns wahrscheinlich<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> von dieser Sitzung überhaupt nichts gesagt. Wir müssen hier<lb/>
Wege finden, wie wir die Information von den Sektionschefs zu uns<lb/>
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ist eine Einladung an den Schweizer Bundesrat <rs type="person" ref="#per__97375">Brugger</rs> erfolgt und <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs><lb/>
meinte, es wäre zweckmässig, diese Einladung zu wiederholen. Ich werde<lb/>
mich deshalb mit <rs type="person" ref="#per__98055">Weihs</rs> ins Einvernehmen setzen müssen, da <rs type="person" ref="#per__97375">Brugger</rs> soowohl<lb/>
für den Aussenhandel als auch für die Landwirtschaft zuständig ist.<lb/>
Im Verkehr mit unseren Gesandten müssen wir glaube ich auch in einem<lb/>
Punkt vorsichtiger vorgehen. Es hat mir eine Studentengruppe eingeladen,<lb/>
nach St. Gallen zu kommen, um dort eine Hochschulwoche oder so etwas<lb/>
ähnliches zu eröffnen. Ich hatte natürlich abgesagt, weil ich dafür<lb/>
keine Zeit habe und ihnen mitgeteilt, dass ich den Botschafter bitten<lb/>
werde, mich zu vertreten. <rs type="person" ref="#per__97350">Bielka</rs> teilte mir nun mit, dass es sich hier<lb/>
um eine sehr aktive, aber doch sehr unbedeutende Gruppe handelt, und<lb/>
dass deshalb überhaupt niemand Höhergestellter oder Gesandter an dieser<lb/>
Hochschulwoche teilnehmen wird. Die Methode dieser Gruppe ist immer<lb/>
dieselben, dass sie eben z.B. an den deutschen und schweizerischen<lb/>
Handels- oder Wirtschaftsminister schreiben und diesem mitteilen,<lb/>
sie hätten auch den österreichischen Handelsminister eingeladen und<lb/>
es sei anzunehmen, dass er kommen wird und dann ergibt sich automatisch<lb/>
dass ein verhältnismässig hohes Niveau von Delegierten zu verzeichnen<lb/>
ist, denn auch der ausländische Minister sagt sich, na dann schicke ich<lb/>
den Gesandten zu dieser Woche. Endergebnis ist, dass er sich erkundigt<lb/>
hat und festgestellt hat, dass nicht einmal ein Ministerialsekretär bei<lb/>
dieser Woche anwesend sein wird und er deshalb vorschlägt, dass man<lb/>
maximal den Generalkonsul <rs type="person">Linhart</rs> hinschickt, wenn ich selbstverständ<lb break="no"/>lich mit dieser Vorgangsweise einverstanden bin. Ich hatte natürlich<lb/>
unverzüglich zugesagt, dass ich diese Vorgangsweise für absolut richtig<lb/>
finde. Wir müssen in Zukunft nur, bevor wir irgendwo Zusicherungen<lb/>
geben, uns über die Botschaft erkundigen, um was es sich eigentlich bei<lb/>
diesen Aktionen, Hochschulwochen oder Veranstaltungen handelt.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_03">Wie schwierig es für einen Minister ist, manchmal Probleme abzuwimmeln,<lb/>
ergab die Vorsprache des Obmannes <rs type="person">Noichl</rs> vom öster. Bergführerverband.<lb/>
<rs type="person">Rabofksy</rs>, der diese Leute rechtlich beratet, hat durchgesetzt, dass<lb/>
ich doch auch, angeblich sehr kurze Zeit mich mit dem <rs type="person">Noichl</rs> zusammen<lb break="no"/>setzen wollte, um mir sein Problem anzuhören. Tatsache ist, dass das<lb/>
in Österreich das Bergführerwesen als Gewerbeordnungsfaktor als freies<lb/>
Gewerbe gilt. Deshalb sind ca. 8 Bergführer nach diesen<lb/>
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Andererseits gibt es die landesgesetzliche Regelung für das Berg<lb break="no"/>führerwesen und dort werden ca. 800 Bergführer davon betroffen.<lb/>
Um nun diese Spaltung wegzubringen und wie <rs type="person">Rabofsky</rs> meint, es wäre<lb/>
dringend notwendig, Sicherheiten einzubauen, damit nicht Unbefugte<lb/>
dieses Gewerbe als freies Gewerbe ausüben können, sollte nach seiner<lb/>
Meinung die Verfassung dahingehend geändert werden, dass eine Bestimmung<lb/>
aufgenommen wird, dass zwar Industrie und Gewerbe Bundessache ist,<lb/>
ausgenommen aber Bergführerwesen. Ich halte eine solche Vorgangsweise<lb/>
für kaum zielführend, denn man nicht vergessen, dass wenn alle diese<lb/>
wie <rs type="person">Rabofsky</rs> selbst gesatz hat, "Fliegenschisse", d.h. vollkommen unbe<lb break="no"/>deutende Fragen in der Verfassung geregelt werden müssen, dass wir dann<lb/>
keine Verfassung sondern einen Katalog zusammenkriegen, der alles eher<lb/>
ist als eine Verfassung. <rs type="person" ref="#per__97904">Schärf</rs> selbst hatte sich zeitlebens – und ich<lb/>
hatte das einige Male erleben können – immer dann entschieden dagegen<lb/>
ausgesprochen, die Verfassung zu ändern, weil er erklärt hat, wenn man<lb/>
erst einmal damit beginnt, dann kann man mit Sicherheit annehme, dass<lb/>
in kürzester Zeit dieses grundlegende Gesetz durchlöchert wird und alles<lb/>
eher als eine wirkliche Verfassung darstellt. Um aber <rs type="person">Rabofsky</rs> zu beweisen<lb/>
dass ich mich dieser Sache ja doch irgendwei annehme, versprach ich, dass<lb/>
wir beim Verfassungsdienst vorstellig werden um seine Meinungnzu<lb/>
dieser Frage inzuholen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_04">Bei der Vorbesprechung zur Wirtschaftspolitische Aussprache im Rahmen<lb/>
der Paritätischen Kommission hatte ich Gelegenheit, mit <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> über<lb/>
die Frage der Konsumentenschutzpolitik im Handelsministerium zu sprechen.<lb/>
Ich wies darauf hin, dass wir ähnlichnwie das in Schweden der Fall ist,<lb/>
mit Hilfe von Verordnungen, Qualitätszeichen erlassen wollen, die<lb/>
im Rahmen des Konsumentenforums nächste Woche von mir verkündet werden<lb/>
wird. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> hatte im Prinzip nicht sdagegen einzuwenden, meinte nur,<lb/>
dass es schon derzeit genügend Möglichkeiten gäbe und neue Formen nicht<lb/>
gefunden werden müssen. Ich konnte diese Meinung nicht zustimmen, sondern<lb/>
verlangte, dass das Handelsministerium eben Prüfnormen an einen Verein<lb/>
ergehen lassen müsste, damit ähnlich wie in Schweden dann entsprechende<lb/>
Qualitätszeichen und Gütezeichen gefunden und erstellt werden können.<lb/>
t<lb/>
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ist zweifelsohne für eine fortgeschrittenen Industriestaat zu wenig.<lb/>
Bezüglich unserer Forderung auf Grund des Unlauteren Wettbewerbsgesetzes,<lb/>
auch den Interessenvertretungen eine Klagelegitimation zu geben, konnte<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> nicht zustimmen, sondern er erklärte, dass er niemals eine solche<lb/>
Regelung in Aussicht gestellt hat. Ich versprach ihm die Fotokopien<lb/>
eines Schreibens, das wir in Akten vorgefunden haben.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_05">Die Industriestudie, die jetzt in der nächsten Präsidentenkonferenz<lb/>
abgeschlossen und letzten Endes freigegeben werden soll, wird von<lb/>
ihm dahingehend beanständet, dass immer noch über die ERP-Mitteln ver<lb break="no"/>fügt werden soll, dass diese der Industrie restlos zur Verfügung gestellt<lb/>
werden sollen. Er könnte einer solchen Regelung unter gar keinen Um<lb break="no"/>ständen zustimmen. Die scheinbar von der Industriellenvereinigung ange<lb break="no"/>strebte Vereinbarung, wonach dei Gewerbebetriebe über das Gewerbestruk<lb break="no"/>turverbesserungsgesetz ihre Zinszuschüsse und Kredtiregelungen erhalten<lb/>
sollen, hingegen die Industrie über die ERP-Rahmen entsprechend befrie<lb break="no"/>digt wird, hat nicht die Zustimmung der Handelskammer gefunden. Es wird<lb/>
deshalb in der Präsidentenkonferenz von <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> verlangt werden, dass<lb/>
diese Bestimmung aus der Studie entfernt wird. Betreffend die andere<lb/>
Tätigkeit des Beirates auf diesem Sektor wäre <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> im Prinzip ein<lb break="no"/>verstanden, dass eine Arbeitsgruppe neuerlich konstituiert wird, die<lb/>
sich z.B. mit dem Hemmniskatalog und anderen Fragen der Industriepolitik<lb/>
beschäftigen sollte, allerdings sagt er, er lehne eine Vorsitzführung<lb/>
durch <rs type="person" ref="#per__97661">Kottulinsky</rs> auf das entschiedenste ab. Ich selbst war natürlich<lb/>
einverstanden, dass eine andere Vorsitzführung vom Präsidenten be<lb break="no"/>schlossen wird.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_06">ANMERKUNG: Bitte, Anmerkung für <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> und <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs></p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_07">In der Wirtschaftspolitischen Aussprache konnte <rs type="person" ref="#per__97775">Nemschak</rs> die neuesten<lb/>
Ziffern vom Prognoseteam für das Jahr 1970 vorlegen. Dnach wird das<lb/>
Bruttonationalpordukt real nicht wie in der Dezemberprognose um 5 % sondern<lb/>
um 6 % zunehmen. Ausserdem werden die Verbraucherpreis nicht wie an<lb break="no"/>genommen im Herbst 1969 mit- 5 % im Jahre 1970 steigen sondern max.<lb/>
um 4,5 % und hier sind auch noch gewisse Reserven vorhanden.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_08">Das Wirtschaftsforschungsinstitut hatte die 5 %-ige Prognose<lb/>
für die Preise deshalb erstellt, weil es angenommen hat, dass<lb/>
die Regierung der ÖVP, wenn sie wieder gewählt wird, mehrere<lb/>
Tarifkorrekturen im Herbst durchführen will. <rs type="person" ref="#per__97775">Nemschak</rs> wies be<lb break="no"/>sonders darauf hin, dass ich bei der Herbstsitzung unter <rs type="person">Klaus</rs> immer<lb/>
wieder verlangt habe von ihm die Ziffer der Preiserhöhungsrate zu<lb/>
erfahren , er hatte deshalb damals 5 % in Aussicht gestellt.<lb/>
Ich glaube, dass wir uns derzeit nicht mit dieser Ziffer ausein<lb break="no"/>andersetzen sollten, erst am Jahresende, wenn wir unter die 5 -%-Rate<lb/>
kommen, dann darauf hinweisen, dass dies die preisdämpfenden Mass<lb break="no"/>nahmen und die erfolgreiche Preispolitik der soz. Regierung gewesen<lb/>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_09">Gen. Direktor <rs type="person" ref="#per__97938">Seidl</rs> wies darauf hin, dass die industrielle Produktions<lb/>
steigerung in den ersten vier Monaten um plus 10,5 % betragen hat,<lb/>
und auf die guten Auftragspolster zurückzuführen ist, dadurch könnten<lb/>
die Produktionseinteilungen der Betriebe günstig durchgeführt werden<lb/>
und erzielten deshalb grosse Produktivitätsraten. Die Unternehmer<lb/>
hätten ausserdem 1969 gute Gewinne gehabt und deshalb seien sie<lb/>
in stärkere Investitionen gegangen mit dem Endergebnis, dass diese<lb/>
jetzt tragend werden und deshalb diese hohen Produktionsziffern<lb/>
erreicht werden können. Ein Beweis dafür, dass diese Investitionen<lb/>
zwar zweck- und zielführend sind, sie aber auf Grund des Gewerbe<lb break="no"/>förderungsgesetzes prozyklisch anstelle antizyklisch eingesetzt<lb/>
werden. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> meinte, dass man die Konjunkturpolitik nicht beein<lb break="no"/>flussen müsste, dass aber Massnahmen ergriffen werden sollten, damit<lb/>
wenn ein Konkjunkturrückschlag kommt, entsprechende vorbereitete Pro<lb break="no"/>jekte der Regierung zur Verfügung stehen. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> hat ja zu diesem<lb/>
Zweck bereits von einem Eventualbudget, welches mit konjunkturpoliti<lb break="no"/>schen Projekten ausgestattet werden soll. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> verlangte ausser<lb break="no"/>dem, dass die Verhandlungen über die Mehrwertsteuer so geführt werden,<lb/>
dass sie spätenstens mit 1. Jänner 1972 in Kraft treten kann<lb/>
d.h. sie müssen eigentlich jetzt im Herbst im Nationalrat eingebracht<lb/>
werden, er meinte, dass ein solches Gesetz nur von allen Parteien<lb/>
gemeinsam verabschiedet werden könnte. Ich verlangte, dass der Beirat<lb/>
aufgefordert wird, über die Auswirkungen eines Mehrwertsteuergesetz.<lb/>
entwurfes entsprechende Untersuchungen anzustellen. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> teilte<lb/>
mit, dass die Verhandlungen im Finanzministerium eigentlich<lb/>
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nicht entschieden werden konnte. Es ist weder der Steuersatz<lb/>
noch die echte Steuerbefreiung oder die unechte Steuerbefreiung<lb/>
geregelt. Ausserdem wünscht die ÖBB, die Land- und Forstwirtschaft,<lb/>
die Sozialversicherungsinstitute und die Mietenregelung eine Sonder<lb break="no"/>behandlung. Die Altvorräte, die in irgendeine Weise steuerlich<lb/>
entlastet werden, machen einen Betrag von ca. 70 – 80 Mia S aus.<lb/>
Und die Altinvestitionen, die ebenfalls in irgendeiner Weise ge<lb break="no"/>regelt werden müssen, einen Betrag von 300 Mia. Es ist anzunehmen,<lb/>
dass eine Investitionssteuer eingeführt werden muss, wie dies<lb/>
auch in Deutschland der Fall gewesen ist. In der BRD ist das<lb/>
Mehrwertsteuergesetz in drei Legislaturperioden im Parlament ge<lb break="no"/>legen und hat dort keine Behandlung erfahren, weil die Schwierig<lb break="no"/>keit der Materie und die politische Konstellation des Bundesrates<lb/>
eine solche unmöglich gemacht hatte.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_10">Ich wusste, dass das Institut für Wirtschaftsforschung eine<lb/>
Studie über die Auswirkungen der Mehrwertsteuer erarbeitet hatte<lb/>
und bin der Meinung, wir sollten diese Studie so schnell wie<lb/>
möglich vom Institut für Wirtschaftsforschung erhalten. Allerdings<lb/>
ist dies nie offiziell geschehen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_11">ANMERKUNG: Ich bitte <rs type="person" ref="#per__98053">Wanke</rs>, eine solche vom Institut zu erlangen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_12">Anschliessend an die Sitzung hatte ich Gelegenheit mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs>,<lb/>
Vizepräsident Generaldirektor <rs type="person" ref="#per__97938">Seidl</rs> und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> unter Zuziehung<lb/>
von <rs type="person" ref="#per__98112">Zöllner</rs> und <rs type="person" ref="#per__97676">Lachs</rs> über das Problem der Lenk-Traktoren zu<lb/>
sprechen. Die Landwirtschaftskammer hat mir einen Brief geschrie<lb break="no"/>ben. worin sie unbedingt darauf besteht, dass diese Traktoren,<lb/>
die in Österreich nicht erzeugt werden, zöllfrei eingeführt werden.<lb/>
Als Vorgang wurde vereinbart, dass dafür die Maschinenkommission<lb/>
die Zollfreistellung ausstellen sollte. Dies hat der Fachver<lb break="no"/>band und auch der Bundeskammervertreter zugestimmt. Jetzt haben<lb/>
wir vom Fachverband ein Schreiben erhalten, wo sie diese Zusage<lb/>
rückgängig machen. Ich versuchte deshalb, <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> davon zu über<lb break="no"/>zeugen, dass es unzweckmässig ist, wenn er so vorgeht. Das Ergebnis<lb/>
könnte sein, dass <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> dann diese Produkte auf die § 6<lb break="no"/>Zollfreiliste setzt. WEil <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> vielleicht das GEfühl hat, dass er –<lb/>
weil er Informationen von seiner Seite nicht bekommen kann, hinein<lb break="no"/><pb n="02-0301" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-06-24_0301.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>gelegt wird, hatte ich unverzüglich, nachdem ich in mein Büro<lb/>
zurückkam, ihm telefonisch den Wortlaut der Mitteilungen über<lb break="no"/>mittelt. Ich werde ihm ausserdem diese Materie in Fotokopie<lb/>
zur Verfügung stellen, um sein vielleicht berechtigtes Misstrauen<lb/>
von seiner Seite aus wirklich zerstreuen zu können. Da mich<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> gebeten, ich sollte wegen des Initiativantrages über Über<lb break="no"/>stundenfreistellung mit der Handelskammer verhandeln, hatte ich<lb/>
diese Gelegenheit genützt und <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> kenne anschliessend nach<lb/>
der Sitzung feststellen, dass ich mich in der Frage sehr einge<lb break="no"/>setzt hatte und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> sich bereiterklärt hat, eine vernünftige<lb/>
Lösung mit ihm zu besprechen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-24_13">Die Arbeiterkammer Vorarlberg hat in der Vollversammlung am 22.6.<lb/>
eine Resolution beschlossen, die sich gegen die Politik der sozia<lb break="no"/>listischen Bundesregierung, insbesondere die Verlängerung der<lb/>
Zuschläge zur Lohn- und Einkommenssteuer ausspricht. Ausserdem wird<lb/>
die sofortige und kräftige Anhebung der Familienbeihilfen, wie es<lb/>
die ÖVP verlangt hat, als zweckmässig dargestellt. Ich muss sagen,<lb/>
es ist also Präsident <rs type="person" ref="#per__97583">Jäger</rs> in Vorarlberg, der dem ÖAAB angehört,<lb/>
gelungen, unsere Genossen dort sehr in die Defensive zu drängen.<lb/>
Ich glaube, dies ist darauf zurückzuführen, dass vielleicht diese<lb/>
Genossen zu wenig informiert sind und wir werden uns hier einen<lb/>
besseren Informationsfluss ausdenken müssen..lch habe zwar in<lb/>
der Fraktionssitzung des Arbeiterkammervorstandes immer wieder<lb/>
berichtet, aber scheinbar ist diese Information steckengeblieben<lb/>
und nicht an die Genossen in den Bundesländern weitergegeben worden.<lb/>
Es wird sich <rs type="person" ref="#per__97646">Koppe</rs> den Kopf zerbrechen müssen, wie er hier eine<lb/>
bessere Information und ein koordinierteres Vorgehen der Arbeiter<lb break="no"/>kammern bewerkstelligen kann.</p>
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               <occupation>Handelsminister, ÖVP, Präs. HK Wien</occupation>
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               <occupation>Gen.Sekr. HK, ÖVP-NR-Abg., später AR-Präs. Verbund</occupation>
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