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            <title type="main">Montag, der 22. Juni 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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                  <institution>Kreisky Archiv</institution>
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                  <idno type="signature">Band02_1970-06-22</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_01">Da ich mit der Bundeskammer nach Schluss der Parlamentsarbeit<lb/>
im Juli unverzüglich Besprechungen über die Gewerbeordnungsnovelle<lb/>
aufnehmen will, hatte ich Sekt.Chef <rs type="person">Habel</rs> gebeten, er sollte einen<lb/>
diesbezüglichen Entwurf vorbereiten. Die Absicht, die ich dabei<lb/>
verfolge, ist, dass aus dieser umfangreichen Materie eine konzen<lb break="no"/>trierte Punktation erstellt werden soll, auf welcher Basis wir<lb/>
dann mit der Bundeskammer Besprechungen aufnehmen. Bei dieser Ge<lb break="no"/>legenheit fragte Sekt.Chef <rs type="person">Habel</rs>, wieweit es richtig sei, dass<lb/>
Min. Rat <rs type="person" ref="#per__97524">Hauffe</rs> den Auftrag hätte, eine Gewerbeordnung neu zu konzi<lb break="no"/>pieren. <rs type="person" ref="#per__97524">Hauffe</rs> hat scheinbar die Besprechungen, die im Rahmen der<lb/>
Grundsatzabteilung geführt wurden, dazu benützt, um in der Sektion II<lb/>
während der Abwesenheit von <rs type="person">Habel</rs> die Meinung zu vertreten, jetzt<lb/>
müssten ihm alle Unterlagen ausgehändigt werden und er würde also<lb/>
einen entsprechenden Gesetzentwurf erstellen. Übereinstimmende<lb/>
Meinung sowohl von Sektionschef <rs type="person">Habel</rs> als auch von Min.Rat <rs type="person" ref="#per__108322">Meisl</rs><lb/>
war, dass dies keinesfalls die Grundsatzabteilung machen könnte<lb/>
und meine Absicht ist es auch nicht, diese Arbeit der Grundsatzab<lb break="no"/>teilung zu übertragen. Es zeigt sich aber, dass wir wesentlich vor<lb break="no"/>sichtiger vorgehen müssen, da <rs type="person" ref="#per__97524">Hauffe</rs> die Gelegenheit benützt, um<lb/>
zu dokumentieren, dass er scheinbar dafür jetzt in Aussicht genommen<lb/>
ist, obwohl übereinstimmend die Meinung bei uns vorherrscht, dass<lb/>
er.dies gar nicht imstande wäre.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_02">Ich besuchte auch nochmals den Wirtschaftsbeirat, wo die Industrie<lb break="no"/>politische Studie gerade verabschiedet wird. Bei dieser Aussprache<lb/>
konnte ich feststellen, dass die Bundeskammer vom seinerzeitigen,<lb/>
schon akkordierten Text in der Arbeitsgruppe wieder abweicht. Ins<lb break="no"/>besondere die Untergruppe Produktionssturktur wurde heftigst kriti<lb break="no"/>siert. Der Ausweg wurde darin gefunden, indem man das Papier entspre<lb break="no"/>chen zerlegte und anderen Kapiteln zuteilte. Unter anderem wird die<lb/>
Einleitung beinhalten: Probleme der österreichischen Industrie. Der<lb/>
Punkt Massnahmen zur Verbesserung der Produktionsstuktur wird im<lb/>
Schlussowrt behandeln. Die Punkte, welche die finanzieirungsfragen<lb/>
betreffen, kommen zun Kapitel Finanzen und die in irgendeiner Weise<lb/>
an eine Planifikation erinnern, werden aus der Studie herausge<lb break="no"/>strichen, so wird das Wort Industriekonzept ebenfalls entfernt,um<lb/>
der Bundeskammer eine Zustimmung zu ermöglichen.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_03">Die Hoffnung, dass sich die Bundeskammer also zu einem wirklichen<lb/>
Industriekonzept wird durchringen können, sind damit eigentlich<lb/>
gescheitert. Der Vertreter der Landwirtschaftskammer hat sich also<lb/>
weitestgehend diesen Einwendungen der Bundeskammer angeschlossen.<lb/>
Unter diesen Umständen werden wir im Ministerium auf diese Studie<lb/>
kaum noch aufbauen können und vor allem fürchte ich, dass wir noch<lb/>
weitere konkrete Arbeiten dem Beirat kaum übertragen können, weil<lb/>
ich fürchte, dass die Bundeskammer dort nur Widerstand einer solchen<lb/>
Arbeit entgegensetzen wird.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_04">Bei der Sitzung in der Bürges hatte ich neuerdings Gelegenheit,<lb/>
festzustellen, dass unsere Vertreter bei den Vorbesprechungen der<lb/>
Handelskammern mit der Geschäftsführung der Bürges anwesend sind.<lb/>
Dagegen ist an und für sich nichts einzuwenden, ich kann aber anderer<lb break="no"/>seits immer wieder feststellen, dass diese Vertreter entweder nur<lb/>
unzulänglich informiert sind oder mich nur informieren. Ich werde<lb/>
deshalb jetzt in Zukunft viel mehr schriftliche Aufträge verteilen.<lb/>
Ich konnte z.B. feststellen, dass der Vortrag des Geschäftsführers<lb/>
<rs type="person">Korinek</rs> vom Min.Rat <rs type="person" ref="#per__97524">Hauffe</rs> überhaupt nicht bis in die letzten Details<lb/>
hinein verstanden wurde und andererseits MinRat. <rs type="person">Wohlgemuth</rs> mir immer<lb/>
nur bruchstückartige Unterlagen liefert, die kaum ein umfassenden<lb/>
Bild der Bürges-Aktion geben.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_05">Neuerliche Besprechungen mit <rs type="person" ref="#per__97346">Benya</rs> und <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> haben ein positives<lb/>
Ergebnis gezeitigt, beide stimmen ja doch weitestgehend in der Politik,<lb/>
die in der nächster Zeit eingeschlagen werden soll, überein und es<lb/>
wurde vor allem jetzt von mir entriert, dass sie sich entweder einen<lb/>
jour fix oder wenn dies nicht möglich so doch gegebenenfalls eine<lb/>
Besprechung unter vier Augen vereinbaren.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-22_06">Bei der Ministerratsvorbesprechung konnte festgestellt werden,<lb/>
dass alle anderen Parlamentssitzungen wahrscheinlich abgesagt werden,<lb/>
da das Verfassungsgerichtshofurteil das Parlament sehr stark redu<lb break="no"/>zieren wird. Es sollen nur mehr zwei Nationalratssitzungen statt<lb break="no"/>finden, die eine am 1.7. , wo das Problem der Witwenpension ge<lb break="no"/>regelt werden soll, und zwar die Erhöhung von 50 auf 55 % für den<lb/>
öffentlichen Dienst und damit im Zusammenhang jetzt allerdings auch<lb/>
die Ausdehnung auf 60 %, und die erste Lesung über den Überstunden<lb break="no"/><pb n="02-0286" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-06-22_0286.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Initiativ-Antrag der ÖVP- und FPÖ-Abgeordneten. Die Zweite Sitzung<lb/>
soll am 8.7. stattfinden, wo noch die Kompetenzgesetz-Novelle verab<lb break="no"/>schiedet werden soll. Ebenfalls ist dort die Verabschiedung des Initiativ<lb break="no"/>antrages über die Überstundenbesteuerung vorgesehen. <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> plädiert<lb/>
nach wie vor für einen festen Steuersatz für die Überstunden und für den<lb/>
Übertundenzuschlag z.B. in der Höhe von 5 %, mit einem Plafond von<lb/>
900.- pro Monat. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> selbst hat gegen diese Regelung Bedenken, weil<lb/>
dadurch vereinzelte Kollegen eine höhere Überstundenbesteuerung haben,<lb/>
als dies derzeit der Fall ist. Mit der derzeitigen Regelung von 260.<lb break="no"/>Überstundenzuschläge-Freibetrag werden nämlich gewisse Einkommensschichte<lb/>
und Arbeiterschichten besser fahren als mit der neuen Regelung, die<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> vorschlägt. Da wir über dieses Problem zwar sehr eingehend<lb/>
diskutierten, aber keine Übereinstimmung feststellen konnten, wird<lb/>
eine neuerliche Besprechung abgehalten.<lb/>
Beim Innenminister wird jetzt eine Wahlrechtsreform vorbereitet, die<lb/>
eine Level-Änderung des österreichischen Wahlrechtes beinhalten würde und des<lb break="no"/>halb mit einer qualifizierten Mehrheit, das heißt mit 2/3-Mehrheit im<lb/>
Parlament beschlossen werden. Sollte dies – was anzunehmen ist – nicht<lb/>
durchgehen, so wird ein einfaches Wahlrechtsgesetz, das heißt ein<lb/>
Gesetz mit einfacher Mehrheit beschlossen werden. Diese Zusicherung<lb/>
wurde ja bereits vor etlichen Jahren der Freiheitlichen Partei gegeben<lb/>
und soll nun insofern effektuiert werden, um das seinerzeitige Versprechen<lb/>
einzuhalten und andererseits die Zustimmung der Freiheitlichen Partei<lb/>
für das Kompetenzgesetz zu bekommen. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> will eine neue Presse<lb break="no"/>konferenz-Aktion starten und wird deshalb am Freitag, den 26. Juni eine<lb/>
Pressekonferenz mit dem Bundeskanzler, Innenminister, Außenminister und<lb/>
Justizminister halten. Am Donnerstag, den 2. Juli wird Bauten, Land- u.<lb/>
Forstwirtschaft und Verkehr eine Pressekonferenz abhalten. Am 3. Juli<lb/>
wird der Unterrichtsminister und, wenn das Forschungsministerium<lb/>
errichtet ist, <rs type="person" ref="#per__97442">Firnberg</rs> eine eigene Pressekonferenz halten. Ich selbst<lb/>
erklärte,daß ich bei dem Sparkassentag eine Pressekonferenz zu be<lb break="no"/>schicken hätte und deshalb von einer neuerlichen Pressekonferenz Abstand<lb/>
nehme. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> teilte mit, daß die Personalvertretung bei ihm gewesen<lb/>
ist und mitgeteilt hat, daß wenn bisher im Haus 28 Grad gemessen wurde<lb/>
um 14 Uhr die Dienstzeit zu Ende sei. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> selbst erklärte ihnen, daß<lb/>
er dies als nicht sehr richtig empfindet, da soundsoviele Zehntausende<lb/>
Arbeiter unter wesentlich ungünstigeren Bedingungen weiterarbeiten<lb/>
müssen. Im Unterrichtsministerium wird es überhaupt so gehandhabt, daß<lb/>
nur die Leute, die in den oberen Etagen – den sogenannten "Bleikammern" –<lb/>
arbeiten, früher nachhause gehen können. Da diese Regelung aber<lb/>
bereits jahrelang in unserem Haus praktiziert wird, gibt es keine Mög<lb break="no"/>lichkeit<pb n="02-0287" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-06-22_0287.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>und <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> hat deshalb auch die Anordnung nicht abgeändert, sodaß<lb/>
in Zukunft bei Hitze entsprechende Betriebseinschränkungen im<lb/>
Ministerium erfolgen.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97444">Heinz Fischer</rs> vom Parlaments-Klub teilte mit, daß die Möglichkeit<lb/>
besteht auf schriftliche Anfragen auch mündlich zu antworten, was<lb/>
allerdings dann im Haus eine Debatte auslöst. Wenn aber günstige<lb/>
schriftliche Anfragen an den Minister gerichtet werden, die für<lb/>
eine Debatte zweckmäßig erscheinen, ist eine solche mündliche<lb/>
Beantwortung von der Regierungsfraktion vorgesehen.<lb/>
Der Auslandsdienst des ORF auf Kurzwelle kostet dem Staat 30 Mio<lb/>
Schillinge im Jahr. Bisher war <rs type="person" ref="#per__97881">Rössl-Maydan</rs> damit beschäftigt.<lb/>
Das Bundeskanzleramt will deshalb diesen Auslandsdienst einstellen<lb/>
und die 30 Millionen für andere Zwecke zur Verfügung stellen.<lb/>
Das Außenamt ersuchte allerdings – <rs type="person" ref="#per__97632">Kirchschläger</rs> wird entsprechende<lb/>
Rückfrage mit den ausländischen Botschaften noch halten – ob eine<lb/>
solche Auslandsdiensteinstellung doch für die Österreicher im<lb/>
Ausland von Nachteil ist.<lb/>
Mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> kam ich überein, daß ich am Sparkassentag die For<lb break="no"/>derung erheben werde, für die Bürges wirklich wieder die Bürg<lb break="no"/>schaft in den Vordergrund zu stellen. Ich werde deshalb bei dieser<lb/>
Sparkassentagung verlautbaren, daß die Bundesregierung beabsichtigt<lb/>
eine Bundeshaftung für die Haftungsaufgaben der Bürges zu über<lb break="no"/>nehmen. Damit würde die Zinses – wie sie in Wirklichkeit jetzt<lb/>
heißen müßte – nämlich die Zinsenzuschußgesellschaft – wirklich<lb/>
zu einer Bürges – einer Bürgschaftsgesellschaft – werden.</p>
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