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            <title type="main">Mittwoch, der 17. Juni 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-17_01">Am Montag hatte im Finanz- und Budgetausschuss der FPÖ<lb break="no"/>Abgeordnete <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs> den Antrag gestellt, die Witwenpension für die<lb/>
öffentlich Bediensteten im Zuge des Pensionsanpassungsgesetzes<lb/>
gleich auf 60 % zu erhöhen. Die Sozialisten erklärte, dass sie<lb/>
derzeit nicht in der Lage wären, diesen Antrag zu unterstützen.<lb/>
Die ÖVP aber hatte erklärt, sie würde dies erst entscheiden und<lb/>
am Mittwoch im Plenum endgültig Stellung nehmen-. Zum Unterschied<lb/>
von der Sozialistischen Partei, die 1966 als sie in die Opposition<lb/>
ging, einen wichtigen grundsätzlichen Beschluss fasste nämlich<lb/>
als grosse Oppositionspartei niemals die ÖVP zu unterstützen,<lb/>
hatte die ÖVP scheinbar die Absicht, mit der FPÖ sehr deutlich<lb/>
in solchen Fragen jetzt schon zu koalieren. <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs>, der unmittel<lb break="no"/>bar aus dem Finanzausschuss zu uns zu einer Besprechung kam,<lb/>
erklärte mir, dass er über diese Entwicklung sehr unglücklich<lb/>
sei. Ich machte ihn noch aufmerksam, dass ich als Handelsminister<lb/>
nicht genug warnen könnte, vor so einem Beschluss, erklärte aber<lb/>
gleichzeitig als Gewerkschafter sei ich über diese Entwicklung<lb/>
sehr glücklich.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-17_02">Am Mittwoch versuchte die ÖVP aus taktischen Gründen zuerst un<lb break="no"/>klar zu lassen, ob sie dem Antrag beitreten würde, die FPÖ<lb break="no"/>Abgeordneten können mit ihren 5 Mandaten keinerlei Aktivität im Parlament<lb/>
entwickeln. Die Sozialisten beschlossen deshalb in der ersten Sitzung<lb/>
bereits eine dringliche Anfrage an den Sozialministerium, um zu<lb/>
erfahren, wie die Sozialisten bei der Witwenpensionsfrage vorgehen<lb/>
würden. Es entwickelte sich eine sehr heftige Diskussion, die aber<lb/>
im Prinzip glaube ich klar und deutlich zeigte, dass die Sozia<lb break="no"/>listen in der Witwenpension seit eh und je diese Forderung auf<lb/>
Erhöhung von 55 auf 60 % nicht nur gestellt hat, sondern auch jetzt<lb/>
erfüllen werden. Dies aber nicht nur für die Witwen des öffentli<lb break="no"/>chen Dienstes, sondern auch selbstverständlich für die Witwen nach<lb/>
dem ASVG, GSPVG und der Bauernpension. <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs>, der in der Zwischen<lb break="no"/>zeit die Zusicherung der ÖVP erhalten hatte, dass sie seinem An<lb break="no"/>trag beitreten würden, war glückselig und in seiner Rede strich<lb/>
er besonders heraus, dass er sich hier nicht durch einen Sieg der<lb/>
ÖVP oder FPÖ handelt, sondern ausschliesslich um einen Sieg der<lb/>
Witwen. Nun nachdem auch die ÖVP eine dringliche Anfrage über die<lb/>
<pb n="02-0268" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band02/02_1970-06-17_0268.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Rundfunkpolitik <rs type="person" ref="#per__97668">Kreiskys</rs> und der Bundesregierung eingebracht hatte,<lb/>
dieser Punkt in der zweiten Sitzung gegen Mitternacht zur Debatte<lb/>
kam, war die SPÖ sehr geschickt und stellte durch den Abgeordneten<lb/>
<rs type="person" ref="#per__98055">WEihs</rs> den Antrag, dass nicht nur die Witwen sondern auch die Pen<lb break="no"/>sionen der Waisen erhöht werden müsste. Die ÖVP hatte darüber einen<lb/>
unheimlichen Zorn und erklärte dieses Vorgehen sei unfair, da sie<lb/>
erst jetzt von dieser Absicht erfahren hatte. In der vormittägigen An<lb break="no"/>frage hatte aber <rs type="person">Ulbrich</rs> und auch der Sozialminister <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> von der<lb/>
Regierungsbank auf dieses Problem hingewiesen. Da Präsident <rs type="person" ref="#per__98043">Waldbrunner</rs><lb/>
der zu dieser Zeit den Vorsitz führte, vor der Abstimmung die Sitzung<lb/>
unterbrochen hatte – er musste ja dem Antrag entsprechend erst ab<lb break="no"/>stimmungsmässig seine Unterlagen vorbereiten, – kam es zu einer erregte<lb/>
Diskussion. Die Österreichische Volkspartei meinte , so könnte man<lb/>
nicht verhandeln und das wäre unfair, und <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs> selbst war am meisten<lb/>
aufgeregt. Denn wenn es zu der Abstimmung gekommen wäre, hätten alle<lb/>
die ÖVP, die FPÖ mit ihrem Antrag überhaupt nichts gehabt, denn ent<lb break="no"/>weder sie hätten den weitergehenden Antrag der Sozialisten zugestimmt<lb/>
oder sie hätten sich eben als Waisen feindlich demaskiert. Bei dem<lb/>
vorhergehenden Tagesordnungspunkt über die Verlängerung der Wirt<lb break="no"/>schaftsgesetze hat die ÖVP namentliche Abstimmung über ihren Antrag<lb/>
verlangt, der eine unbefristete Verlängerung des Marktordnungsgesetzes<lb/>
vorgesehen hatte. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> war bei dieser Abstimmung – obwohl er die gan<lb/>
ze Zeit im Parlament war – nicht hier. Als er jetzt kam, stellte sich<lb/>
folgendes unfaire Verhalten der ÖVP heraus. Er hatte die beiden Vor<lb break="no"/>sitzenden des SALT-Gespräches zu sich zu einem Abendessen geladen<lb/>
und <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs> ausdrücklich gefragt, ob er weggehen könnte und <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs><lb/>
erklärte, ja es könnte sowieso nichts sein. In Wirklichkeit aber kommt<lb/>
dann die namentliche Abstimmung und die ÖVP kann dokumentieren, dass<lb/>
sie hier stärker ist mit der Freiheitlichen Partei, obwohl wenn <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs><lb/>
anwesend gewesen wäre, ein anderes Verhältnis zustandegekommen wäre.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> verlangte deshalb jetzt, dass gar nichts mehr mit der ÖVP<lb/>
verhandelt werden sollte, sondern das man abstimmen müsste. Laut Ge<lb break="no"/>schäftsordnung hätte dies auch geschehen müssen, da der Präsident be<lb break="no"/>reits erklärt hatte, es ist niemand mehr zu Worte gemeldet, bevor ich<lb/>
die Abstimmung durchführen, unterbreche ich die Sitzung zur Vorbe<lb break="no"/>reitung, falls sich noch Unklarheiten hier ergeben. <rs type="person" ref="#per__97818">Pittermann</rs> aber<lb/>
begann mit <rs type="person" ref="#per__98091">Withalm</rs> und <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs> – die beiden anderen Klubobmänner –<lb/>
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einen gemeinsamen Antrag einbringen, dass die ganze Materie neuer<lb break="no"/>dings dem Finanzausschuss zugeleitet werden sollte, was auch dann<lb/>
letzten Endes tatsächlich geschah. Ich glaube, dadurch wird es<lb/>
eine Spannung in dieserFrage zwischen Regierung und Parlament ge<lb break="no"/>ben. <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hat mit Recht beim Unterbrechen der Sitzung darauf<lb/>
hingewiesen, dass die ÖVP und die FPÖ sich dies hätten alles vorher<lb/>
überlegen müssen, denn letzten Endes könnte doch, ohne dass die Re<lb break="no"/>gierung darüber gefragt werden, nicht ein solcher Antrag von ihnen<lb/>
mit der FPÖ gemacht werden, denn die Regierung muss doch zumindesten<lb/>
Gelegenheit haben, zu den Problemen Stellung zu nehmen und des<lb break="no"/>halb sei es doch mehr als selbstverständlich gewesen, dass am<lb/>
Montag die sozialistische Fraktion im Finanz- und Budgetausschuss<lb/>
nicht unverzüglich zustimmen konnte. Wenn aber die ÖVP glaubt,<lb/>
dass sie uns mit den Freiheitlichen links überholen kann, dann<lb/>
wird sie sich sehr täuschen. Vom gesamtwirtschaftlichen Stand<lb break="no"/>punkt aus gesehen, ist diese Methode bei der Budgetsituation, die<lb/>
im Jahre 1971 und insbesondere 1972 zu erwarten ist, natürlich ver<lb break="no"/>heerend. Ich hatte deshalb als wir während andere Tagesordnungspunk<lb break="no"/>te mit <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> eine Debatte führten über preisdämpfende<lb/>
Massnahmen mit <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> gemeinsam ihnen erklärt, dass eine solche<lb/>
Politik, die jetzt die ÖVP führt, letzten Endes für die Unternehmer<lb/>
verheerend sein müsste, denn irgendwie sei es dann notwendig, neue<lb/>
Steuerquellen zu erschliessen um den Staatshaushalt einigermassen<lb/>
ausgleichen zu können. <rs type="person" ref="#per__97893">Sallinger</rs> und <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> versicherten vor den<lb/>
Beamten des Finanzministeriums, dass sie sich gegen die-se Politik<lb/>
ganz entschieden gewahrt hätten und überrascht wurden, da am Diens<lb break="no"/>tag in ihrem Klub bis 6 Uhr abends noch klar war, dass der Antrag<lb/>
der FPÖ nicht unterstützt wird..Sie hätten aber eine Wirtschafts<lb break="no"/>bundsitzung ausserhalb des Hauses gehabt und hätten dann in der<lb/>
Nacht erfahren, dass der ÖVP-Klub doch den Antrag der FPÖ unter<lb break="no"/>stützen wird. Ich erwiderte unverzüglich,dassich diese Entschul<lb break="no"/>digung nicht gelten lasse, denn letzten Endes müssten sie als ver<lb break="no"/>antwortliche für die Wirtschaft in der ÖVP wissen, was in ihrem<lb/>
Klub vorgeht und erklärte - insbesondere <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> – könnte sich dann nicht<lb/>
salvieren. Ich gebrauchte sehr harte Worte, <rs type="person" ref="#per__97769">Mussil</rs> steckte dies<lb/>
alles ein. Als Handelsminister könnte ich diese unverantwortliche<lb/>
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könnte ich ihm nur sagen: Nur so weiter, denn unter diesen Umständen<lb/>
würden wir nur auf kurze Sicht zumindestens nur profitieren können.<lb/>
Ich bedenke hier – ich sagte ihm das nicht – dass hätte die SPÖ<lb/>
diese Forderung in der Koalition z.B. gestellt und sie durchgesetzt,<lb/>
dann hätte sie wahrscheinlich sowohl für die anderen Wünsche des<lb/>
Wirtschaftsbundes schwere Zugeständnisse machen müssen. Diese Art<lb/>
der Politik vom Parlament in den nächsten Monaten fortgesetzt wird,<lb/>
dann muss es zu einer Budgetkatastrophe 1972 kommen, denn für 1971<lb/>
wird die Budgetlage dadurch zwar sehr kritisch, aber kann noch eini<lb break="no"/>germassen gemeistert werden, für 1972 aber sich dafür hunderte Millionen<lb/>
Schilling notwendig, die irgendwie aufgebracht werden müssen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-17_03">In der Diskussion, als die Sitzung unterbrochen war, sagte ich laut<lb/>
und deutlich zu <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs>, ansonsten mische ich mich ja in die Dis<lb break="no"/>kussion überhaupt nicht ein: Es war halt nicht nur ein Triumph heute<lb/>
für die Witwen ,sondern auch für die Waisen. <rs type="person" ref="#per__97807">Peter</rs> allerdings rea<lb break="no"/>gierte darauf sehr sauer, und sagte: Ja früher wie ich noch im Finanz<lb break="no"/>und Budgetausschuss gewesen sei, da hätte man wirklich konkreter<lb/>
und sachlicher gearbeitet als dies derzeit der Fall ist.</p>
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eine Partei-Presseaussendung mit folgenden Wortlautes: Es besteht begründete<lb/>
Hoffnung, dass einige hunderttausend Tonnen Koks aus der UdSSR zu<lb break="no"/>sätzlich geliefert werden könnten, um die bestehende Kokskrise zu<lb/>
entschärfen , Verhandlungen mit russischen Vertretern seien im Gange<lb/>
teilte Staatssekretär <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> Dienstag bei einer Veranstaltung<lb/>
des Forum Praterstern mit. Ich erklärte <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> mit aller Deutlichkeit,<lb/>
dass ich nicht wegen einer Kompetenzüberschreitung gegen ihn aber<lb/>
wegen der unbegründeten Hoffnungen, die er hier den Konsumenten macht,<lb/>
diese Vorgangsweise auf das entschiedendste verurteile. Ich sagte<lb/>
ihm noch, setzte Dich sofort mit der AZ ins Einvernehmen, damit die<lb/>
nicht womöglich diese Meldung auch tatsächlich bringt. Er tat dies<lb/>
und wirklich hätte die AZ, wie er mir mitteilte, dies ganz gross<lb/>
herausgebracht Ich.kann diese Politik von <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs> nicht verstehen,<lb/>
der um eines Effektes willen in einer Versammlung Konsumenten Hoffnung<lb/>
macht, die durch keinerlei tatsächliche Lieferung in dieser Grössen<lb break="no"/>ordnung von hunderttausenden Tonnen auch nur annähernd erfüllt wird.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band02_1970-06-17_05">Die Russen werden, wenn sie zur Vertragsunterzeichnung des Handels<lb break="no"/>vertrages nach Wien kommen, <rs type="person">Batolitschew</rs> wird vielleicht ja persön<lb break="no"/>lich kommen, ja höchstens 50.000 t Keks zursätzlich liefern. Der Hin<lb break="no"/>weis von <rs type="person" ref="#per__98034">Veselsky</rs>, Du wirst schon dann in den Verhandlungen mehr krie<lb break="no"/>gen, halte ich für ausgesprochen dumm, denn bei den besten Anstrengungen<lb/>
wird es nicht gelingen, hier die Russen zu wirklich hunderttausenden<lb/>
Tonnen Kokslieferungen zu veranlassen. Ich glaube auch, so sollte und<lb/>
kann man nicht Politik machen.</p>
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