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            <title type="main">Freitag, der 22. Mai 1970</title>
            <title type="sub">Tagebuch Josef Staribacher: Digitale Edition</title>
            <author>Josef Staribacher</author>
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            <publisher>Kreisky Archiv, Wien</publisher>
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                  <idno type="signature">Band01_1970-05-22</idno>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_01">Dr. <rs type="person" ref="#per__126405">Klose</rs> von der BHK hat in einem vollkommen hoffnungslosen Fall<lb/>
interveniert. Ich benützte aber – um ihm zu beweisen, dass ich mich<lb/>
selbstverständlich auch weiterhin für Interventionen persönlich ein<lb break="no"/>setzte – die Gelegenheit, um mit Min.Rat Dr. <rs type="person" ref="#per__110035">Thun-Hohenstein</rs> über<lb/>
die Angelegenheit zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit machte mich<lb/>
der Ministerialrat darauf aufmerksam, dass in seiner Abteilung<lb/>
zwei guten Prüfer wären, Dr. <rs type="person" ref="#per__117026">Schuster</rs> und Dkfm. <rs type="person">Cervenek</rs>, die anders<lb/>
als bisher Gewerbeförderung betreiben. Er erwähnte, dass nach seiner<lb/>
Auffassung durch Initialzündungen mehr erreicht werden könnte als<lb/>
durch die globalen Zinszuschüsse, die wir dezeit geben. Als Bei<lb break="no"/>spiel erwähnte er, dass er die Firma Schukero, die einen Finanzbe<lb break="no"/>darf von 3 – 5 Mio S hatte, im Vorjahr für 220.000 S Zinsenzuschüsse<lb/>
gewährte und das Land, die Handelskammer und die Gemeinde Linz<lb/>
je 1 Mio Haftung übernahmen. Ich hatte die Firma Schukro bereits<lb/>
bei meiner Budgetanalyse entdeckt und war daher sehr interessiert,<lb/>
Details über dieses System von ihm zu erfahren. Er verpflichtete<lb/>
sich, mir eine Information über seine Vorstellungen zu geben. Mir<lb/>
erscheint dieser Ministerialrat erstens initiativer zu sein als<lb/>
sein Vorgesetzter, Min.Rat <rs type="person">Wohlgemuth</rs>, und zweitens dürfte er mit<lb/>
dem jetzigen System der Giesskannenmethode, dass jeder einen Zins<lb break="no"/>zuschuss, sei es über die Bürges oder das Ministerium bekommt, nicht<lb/>
ganz zufrieden zu sein. Die Gefahr, die sich bei diesem System aller<lb break="no"/>dings ergibt, ist, dass nur einzelnen Firmen zu Zuge kommen und es<lb/>
wäre festzulegen, nach welchem System diese ausgewählt werden.<lb/>
Ich werde versuchen herauszubekommen, ob in der Vergangenheit aus<lb break="no"/>schliesslich politische Gründe massgebend waren, dass gewisse Firmen<lb/>
hier eine stärkere Unterstützung bekommen haben oder ob es sich doch<lb/>
vielleicht um gesamtwirtschaftliche Gesichtspunkte gehandelt hat.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_02"><rs type="person"><sic>Langer-Hansl</sic></rs> hatte mir mitgeteilt, dass zu einer Donau-Werbegemeinschaft<lb/>
auch von der BRD ein Genosse <rs type="person">Spazier</rs> kommen würde, und ob ich bereit<lb/>
wäre, ihn zu empfangen. Ich hatte selbstverständlich zugesagt, dass<lb/>
– wenn <rs type="person">Spazier</rs> einen solchen Wünsch äussern würde – ich gerne bereit<lb/>
wäre- Tatsächlich kam <rs type="person">Spazier</rs> und wir hatten eine sehr interessante<lb/>
<pb n="01-0143" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band01/01_1970-05-22_0143.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>Aussprache. <rs type="person">Spazier</rs> ist der geschäftsführende Vorsitzende der<lb/>
deutschen Zentrale für Fremdenverkehrswerbung in Frankfurt / Main<lb/>
Interessant ist, dass für dieses grosse Land nur derzeit 10 Mio DM<lb/>
zur Verfügung stehen, das entspricht ungefähr demselben Aufwand, den<lb/>
auch wir für Fremdenverkehrswerbung ausgeben. Allerdings wird für<lb/>
das Jahr 1970 noch 1 Mio DM nachgeschossen, und es soll bis auf<lb/>
15 Mio DM in den Achtzigerjahren erhöht werden. <rs type="person">Spazier</rs> teilte<lb/>
mir mit, dass er mit <rs type="person"><sic>Langer-Hansl</sic></rs> sehr gut zusammenarbeitet, dass<lb/>
es ihm z.B. geglückt sei, die Donaustaaten incl. der BRD nach Öster<lb break="no"/>reich zu bekommen, wo sie jetzt heute eine entsprechende Tagung ab<lb break="no"/>halten, um für die Donauwerbung gemeinsam aufzutreten. Zum Unter<lb break="no"/>schied von der Schweiz, wo Dr. <rs type="person">Kampfe</rs> ein veraltetes Werbesystem<lb/>
aufbaut, meint <rs type="person">Spazier</rs> würde auch <rs type="person"><sic>Langer-Hansl</sic></rs> heute für die<lb/>
Verkaufsmanager in der Werbebranche für den Fremdenverkehr auf<lb break="no"/>treten. Seiner Meinung nach müsste es Möglichkeiten geben, ent<lb break="no"/>sprechende Rationalisierungen durchzuführen. Insbesondere könnte er<lb/>
sich vorstellen, dass in Südamerika oder vielleicht in Japan die<lb/>
deutschsprachigen Länder eine gemeinsame Werbung betreiben. Nach<lb/>
Auffassung von <rs type="person">Spazier</rs> ist es derzeit so, dass eigentlich in Amerika<lb/>
und den asiatischen Räumen nur für den Süden Europas und England ge<lb break="no"/>worben wird und auch dorthin nur die entsprechenden Reisearrangements<lb/>
gehen. Er möchte nun gerne, dass diese auch nach dem Norden über<lb/>
Österreich bis zu den Niederlanden verlängert werden und damit eine<lb/>
neue Package-Tour zustandekommen könnte. Wie weit hier gemeinsame<lb/>
Werbebüros in Frage kommen, wirder uns noch mitteilen, er wird uns<lb/>
auch diesbezügliche Denkschriften, die er.an <rs type="person">Leber</rs> bzw. Staatssekr.<lb/>
<rs type="person">Witrub</rs> abgegeben hat, und auch Erfolgsanalysen durchführen und uns<lb/>
diesbezügliche Mitteilungen streng vertraulich zukommen lassen.<lb/>
Er kam aus Japan, wo er festgestellt hat, dass die ENIT die italie<lb break="no"/>nische staatliche Fremdenverkehrsförderung derzeit bereits mit<lb/>
10 Personen verankert ist und unbedingt ein Aufwand von 60.000 DM<lb/>
draus resultieren müsste. Die Japaner haben zwar derzeit noch eine<lb/>
Devisenbeschränkung von 1.000 DM pro Kopf, aber er ist überzeugt<lb/>
davon dass dies in Kürze aufgehoben wird und dann eine Explosion<lb/>
von Japan nach Europa sich erstrecken wird. <rs type="person">Spazier</rs> wies auch<lb/>
darauf hin, dass die Donauwerbung sozusagen vom Schwarzwald bis<lb/>
zum Schwarzen Meer grosse Bedeutung hat, da gerade die Oststaaten<lb/>
<pb n="01-0144" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band01/01_1970-05-22_0144.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>ihre Fremdenverkehrseinrichtungen stark ausbauen. Er unterliess<lb/>
es nicht, auch darauf hinzuweisen, dass in Zukunft damit die<lb/>
Oststaaten auch eine gewisse Abhängigkeit vom europäischen<lb/>
Reisestrom haben werden, denn wenn sie jetzt derartige viel in<lb/>
diese Fremdenverkehrsindustrie investieren, müssten sie dann<lb/>
auch grössten Wert darauf leben, dass diese ausgenützt wird.<lb/>
Seiner Meinung nach ergibt sich dadurch eine gewisse Möglichkeit,<lb/>
auch politisch einen Druck auf die Oststaaten auszuüben, um zu<lb/>
einer Verständigung zu kommen. Man sieht also, dass die Deutschen<lb/>
ausser den wirklichen Völkerverständigung durch den Tourismus<lb/>
auch gleichzeitig einen gewissen politischen Druck ausüben wollen<lb/>
oder werden, um zu einer weiteren Verständnigung und zur Aner<lb break="no"/>kennung und besseren Koordination mit Ostdeutschland zu kommen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_03">Die Aussprache mit dem Präsidenten <rs type="person">Skatarasy</rs> von der Österr. Hote<lb break="no"/>liervereinigung ergab,das alte Bild. Die Hoteliervereinigung<lb/>
hat entsprechende insbesondere finanzielle Wünsche und auch Probleme<lb/>
des Strassenbaues wurden angeschnitten. Präs. <rs type="person">Skatarasy</rs>, der in<lb/>
Lech am Arlberg zu Hause ist und der <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> sehr gut kennt –<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> hatte Gelegenheit mit ihm noch mittags zu essen und angeb<lb break="no"/>lich hat er sich über unsere Aussprache sehr positiv gegenüber<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> geäussert – bestätigte mir, dass <rs type="person" ref="#per__97647">Koren</rs> ihnen bereits zuge<lb break="no"/>sagt hat, dass bei der Mehrwertsteuereinführung die Fremdenver<lb break="no"/>kehrsbetriebe nur die halbe Mehrwertsteuer zu zahlen hätte. Er<lb/>
versprach mir auch ein Elaborat und erwähnte nur, dass in Frank<lb break="no"/>reich – wo der Mehrwertsteuersatz 23,45 betragen soll – die Frem<lb break="no"/>denverkehrsbetriebe nur 7,7 bezahlen. Ich erwiderte, dass das<lb/>
Hauptproblem darin besteht, dass die finanzielle Situation des<lb/>
Bundes äusserst kritisch ist. <rs type="person">Skatarasy</rs> wollte ausserdem noch,<lb/>
dass die Getränkesteuer in die Mehrwertsteuer eingebaut werden<lb/>
soll. Ein Hinweis, dass dies eine Gemeindeabgabe ist, sagte er<lb/>
das stimme, aber in der BRD seien von 24.000 Gemeinden bereits<lb/>
23.200 dazu übergegangen, die Getränkesteuer abzuschaffen.<lb/>
Das heisst mit anderen Worten, die Gemeinden erhoffen sich<lb/>
bei Einbau der Getränkesteuer in die Mehrwertsteuer, dass durch<lb/>
den Finanzausgleich eine entsprechende höhere Zuteilung be<lb break="no"/>kommen würden. Weiters hatte er darauf hingewiesen, dass seit<lb/>
dem Jahre 1967 Heizungen und Bäder als unbewegliche Investitionen<lb/>
gelten und deshalb nicht mehr der begünstigten Abschreibung unter<lb break="no"/><pb n="01-0145" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band01/01_1970-05-22_0145.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>liegen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_04">Anmerkung: Bitte, dieses Problem für <rs type="person" ref="#per__97311">Androsch</rs> vorbereiten !</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_05">Er wies auch darauf hin, dass die Strassenprobleme in Vorarl<lb break="no"/>berg ungelöst sind, er sagte, dass die Autobahnen ganz unzweckmäs<lb break="no"/>sig gebaut werden, es kommen 45 Mio Autos pro Jahr durch Öster<lb break="no"/>reich und wahrscheinlich würden davon 30 Mio wirklich nur durch<lb break="no"/>fahren und maximal 15 Mio hier in Österreich Aufenthalt nehmen.<lb/>
Er versteht unter Aufenthalt, dass sie sich nicht von der Auto<lb break="no"/>bahn Kufstein-Brenner unverzüglich nach Italien bewegen, sondern<lb/>
wenigstens einen Einkauf tätigen oder Benzin tanken. Er betonte<lb/>
in Vorarlberg seien seit 1880 nichts geschehen, denn die Bundes<lb break="no"/>strasse 1 sei zu diesem Zeitpunkt gebaut worden und derzeit<lb/>
seien höchstens Umfahrungen bei Landeck und Bludenz gemacht<lb/>
worden, was die Autobahn betrifft, so sei schon deshalb<lb/>
unzweckmässig, weil zwischen Feldkirch und Bludenz befinden<lb/>
sich allein vier Abfahrten und er hätte dies <rs type="person">Kozina</rs> immer mit<lb break="no"/>geteilt, aber der hätte keine wie immer geartete Stellung dazu<lb/>
bezogen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_06">Anmerkung für <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs>: Bitte, dieses Problem <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs> mitteilen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_07">Bezüglich der Lawinenverbauungen seien die Vorarlberger sehr<lb/>
benchteiligt, die Felber-Tauernsstrasse sei mit 2,7 km Lawinen<lb break="no"/>verbauung versehen worden, auch die Hohen Tauern wurden ununbrochen<lb/>
ausgebaut und in Vorarlberg sei insgesamt nur 1.460 m in Langen an<lb/>
Lawinenverbauungin Angriff genommen worden. Seiner Meinung nach<lb/>
sei deshalb ein Basis-Tunnell am Arlberg zu errichten und gleich<lb break="no"/>zeitig eine entsprechende sichere Winterverbindun nach Lech<lb/>
und Zürs herzustellen. Da Einschneien in diesen Winterorten führt<lb/>
zu unmöglichen Situationen, weil die Leute nach einer gewissen<lb/>
Zeit fast einen Koller bekommen, wenn sie nicht aus den Ort<lb break="no"/>schaften herauskommen und ausserdem schwere finanzielle Ver<lb break="no"/>luste zu ertragen haben, weil z.B. Chartermaschinen abfliegen<lb/>
und sie dann im Nachhinein buchen müssen, und die Transport<lb break="no"/>kosten selbst bezahlen. Abgesehen davon, dass z.B. heuer ein<lb/>
General von der Navy mit Hubschrauber von Rom zu seiner Schiffs<lb break="no"/>einheit geflogen werden musste, da er infolge Einschneiens in<lb/>
Zürs seine Einheit nicht zeitgerecht und normal erreichen konnte.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_08">Die Folge davon war, dass ab sosofrt Angehörige der amerikanischen<lb/>
Marine nicht mehr Urlaub in Zürs machen dürfen.<lb/>
Die<lb/>
Vorsprache des russischen Botschaftes <rs type="person">Pozderow</rs> und des Handelsrates<lb/>
<rs type="person">Karmasin</rs> benütze ich, um den Russen mitzuteilen, dass die neue<lb/>
Bundesregierung keine wie immer geartete Absicht hatte, die Handels<lb break="no"/>beziehungen zu Russland einzuschränken oder nur stagnieren zu lassen<lb/>
sondern ganz im Gegenteil entsprechend auszubauen. Ich verwies ins<lb break="no"/>besondere darauf, dass die vom Institut für Wirtschaftsforschung<lb/>
genannten 18 % Osthandel eine für uns überhaupt nicht bindende<lb/>
Ziffer sei, da sie vollkommen aus der Luft gegriffen ist und<lb/>
keinerlei wirklich zweckmässige Unterlagen dem zugrundlägen.<lb/>
<rs type="person">Pozderow</rs> war über diese Mitteilung sehr erfreut, da er wie mir<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97867">Reiterer</rs> mitgeteilt hat, die Russen scheinbar Bedenken haben,<lb/>
ob die neue Regierung ihre Handelsbeziehungen zu den Oststaaten<lb/>
verbessern wird. Dies passt auch in die Mitteilung <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs>, der<lb/>
mitgeteilt hat, dass die Russen angeblich im Politbüro gegenüber der<lb/>
neuen sozialistischen Regierung gewisse Bedenken haben. Dies kann<lb/>
sich allerdings auch darauf beziehen, dass sie die Minderheits<lb break="no"/>regierung als nicht sehr stabil betrachten. Da ich mich im Getreide<lb break="no"/>fonds immer für Russlandlieferungen für Brotgetreide und Futter<lb break="no"/>mittel eingesetzt hatte, konnte ich darauf hinweisen, dass auch<lb/>
ich auf dem Standpunkt stehe, dass man mit der Russen zwar hart<lb/>
verhandelt, aber wenn man mit ihnen einArrangement erreicht hat,<lb/>
dieses von ihnen 100 %-ige eingehalten wird. ich würde diese Vor<lb break="no"/>gangsweise als sehr positiv betrachten, und mich daher , bemühen,<lb/>
nach harten Verhandlungen zu entsprechend besseren Handelsbeziehungen<lb/>
mit Russland zu kommen. Ein solcher Hinweis war notwendig, da mit<lb/>
Juli in Österreich die russisch-österreichischen Verhandlungen be<lb break="no"/>ginnen. <rs type="person">Karmasin</rs>, den ich abend dann in seiner Handelsvertretung<lb/>
besuchte, machte mich darauf aufmerksam, dass für Russland die<lb/>
Warenlisten als unzweckmässig zu bezeichnen sind, die Russen haben<lb/>
einen Staatshandel und deshalb sagen sie, werden sie die Waren,<lb/>
die auf den Listen sind auch tatsächlich immer abnehmen, während<lb/>
die österreichischen Firmen durch nichts verpflichtet werden<lb/>
können, die im Handelsvertrag vorgesehen Waren auf tatsächlich ab<lb break="no"/>zunehmen. Seiner Meinung nach sollte deshalb die Listen weitest<lb break="no"/>gehend entfallen, dies umso mehr alsmit 1.1.1971 von der alten<lb/>
Bundesregierung ja noch den Russen die multilaterale Verrechnung<lb/>
zugesagt worden war. Zurzeit haben wir im russischen Clearing<lb/>
eine 16 Mio-Dollar-Guthaben, der Swing beträgt nur 5 Mio $.</p>
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            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_09">Ich benützte deshalb die Gelegenheit, um <rs type="person">Podzerow</rs> zu ersuchen,<lb/>
ob wir nicht Koks aus Russland beziehen könnte, Wir würden<lb/>
mindestens noch 300.000 t brauchen und er erklärte, dass nach<lb/>
Rücksprache mit Moskau er mir unverzüglich Antwort geben würde.<lb/>
Die Kokssituation spitzt sich für den Winter ungeheuer zu. Die<lb/>
OB hat auf Grund einer Besprechung mit den zuständigen Händlern<lb/>
mitgeteilt, dass es noctwendig wäre, eine Presseaussendung zu<lb/>
machen. In dieser Presseaussendung wäre allerdings nur zum Aus<lb break="no"/>druck gekommen, dass Kohle und Koks knapp sind, die Folge davon<lb/>
wäre ein weiteres Hinaufsteigen der Verbraucherpreise gewesen,<lb/>
ohne dass irgendetwas de facto geschehen wäre. Ich habe deshalb<lb/>
diese Aussendung nicht gemacht, sondern bemühe mich, über Deutsch<lb break="no"/>land und vor allem jetzt über Russland zusätzliche Mengen zu be<lb break="no"/>kommen. <rs type="person">Karmasin</rs> machte mich bei der Abendveranstaltung auch<lb/>
aufmerksam, dass Dr. <rs type="person">Gleihsner</rs> bei ihm war und ihm mitgeteilt<lb/>
hat, die aus dem österr.-russischen Vertrag beruhende ökono<lb break="no"/>mische Arbeitsgruppe wäre nun verhandlungsbereit. Ich hatte zwar<lb/>
keine Detailkenntnisse über diese Frage, <rs type="person">Karmasin</rs> sagte mir aber,<lb/>
seiner Meinung nach müsste doch das Handelsministerium dies<lb break="no"/>bezpgliche Entscheidungen treffen. Ich werde mir daherdiese An<lb break="no"/>gelegenheit sehr genau anschauen und sehen, was <rs type="person">Gleihsner</rs> hier<lb/>
vorbereitet, ohne uns verständigt zu haben.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_10">Die Besprechung mit <rs type="person" ref="#per__97661">Kottulinsky</rs> und <rs type="person" ref="#per__126405">Klose</rs> zeigte, dass es doch<lb/>
zwischen der Industriellenvereinigung und der Handelskammer in der<lb/>
Funktionärsebene, d h. in den Spitzengremien Differenzen gibt,<lb/>
denn beide bestätigten mir, dass es für sie äusserst schwer ist,<lb/>
festzustellen, wann die Industriellenvereinigung und wie die</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_11">Industriellenvereinigung zu Besprechungen herangezogen werden soll.<lb/>
Ich werde deshalb in dieser Frage sehr vorsichtig vorgehen und<lb/>
versuchen, immer auf Beamtenebene die entsprechenden Einladungen<lb/>
ergehen zu lassen. Bei der Gelgenheit konnte ich feststellen,<lb/>
dass die Handelskammer, Sektion Industrie, in Zukunft nicht von<lb/>
<rs type="person" ref="#per__115655">Mautner-Markhof</rs>, sondern vom jungen <rs type="person" ref="#per__97925">Schöller</rs> geleitet werden<lb/>
wird. Ich werde deshalb im Rahmen des Industriekonzeptes mit<lb/>
diesem Mann zu verhandeln haben, den ich allerdings schon Jahr<lb break="no"/>zente lang kenne. Sowohl <rs type="person" ref="#per__97661">Kottulinsky</rs> als auch Klose waren<lb/>
sehr begeistert, als ich ihnen mitteilte, dass ich in Zukunft<lb/>
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teilzunehmen gedenke. Ich habe überhaupt das Gefühl, dass beide<lb/>
über den Beirat den Kontakt mit mir aufrechterhalten wollen, da sie<lb/>
ansonsten vom ihren Funktionären Schwierigkeiten bekommen könnten<lb/>
(bei Direktkontakt). <rs type="person" ref="#per__126405">Klose</rs> ersuchte mich noch zum Schluss, nachdem<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97661">Kottulinsky</rs> schon weggehen musste, dass ich Verständis dafür haben<lb/>
sollte für diese Situation. Ich erklärte, dass ich dafür vollstes Ver<lb break="no"/>ständnis hätte, denn ich wüsste, dass man die Funktionäre wie<lb/>
ein rohes Ei behandelt müsse. Wenn ich mit ihm etwas bespreche<lb/>
und er dann bei seinen Funktionären nicht durchkommt, würde ich<lb/>
es nie bei einer Besprechung ausspielen, d.h. ich würde nie sagen,<lb/>
ich habe mit <rs type="person" ref="#per__126405">Klose</rs> darüber schon ein Einvernehmen erzielt. Erstens<lb/>
einmal würde mich das ja doch nicht dem Ziele näherbringen, die<lb/>
Funktionäre würden deshalb kaum dieser Idee zustimmen und<lb/>
zweitens würde es nur dazu beitragen, Misstrauen zwischen ihn<lb/>
und seine Funktionäre zu säen.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_12">Vom Mineralölhandel ist KR <rs type="person" ref="#per__147160">Mayrhofer</rs> und Dr. <rs type="person" ref="#per__134959">Widhalm</rs> gekommen<lb/>
um mir mitzuteilen, dass sie insbesondere gehört werden wollen,<lb/>
wenn es zu Änderungen des Benzin- oder Dieselpreises kommen<lb/>
würde. Sie urgierten auch neuerdings, dass für Ofenheizung<lb/>
die Heizölsteuer ermässigt werden sollte. Ich erwiderte, auch<lb/>
die finanzielle Situation des Staates müsste Rücksicht genommen<lb/>
werden, versprach ihnen aber, bevor entsprechende Massnahmen ge<lb break="no"/>setzt werden, dass mit ihnen gesprochen wird. <rs type="person" ref="#per__147160">Mayrhofer</rs> wies<lb/>
insbesondere darauf hin, dass die grossen potenten Firmen<lb/>
ihre eigene Politik machen und sie im Gremium aber versuchten<lb/>
müssten, alle unter einem Hut zu bringen. Ich weiss allerdings,<lb/>
dass dies auf diesem Sektor fast nie gelingt. Bezüglich der<lb/>
Tankstellen bei den Autobahnen ersuchten sie um eine Ausschreibung<lb/>
und ich sagte ihnen im Prinzip dies zu.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_13">Anmerkung: Bitte, eine diesbezügliche Aktennotiz für <rs type="person" ref="#per__97755">Moser</rs> vor<lb break="no"/>bereiten.</p>
            <p xml:space="preserve" xml:id="Band01_1970-05-22_14">Mit <rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs> hatte ich eine Aussprache bezüglich der Notenbank<lb break="no"/>politik. Derzeit genehmigt die Nationalbank nur Transferbewilligun<lb break="no"/>gen für Kapitalimporte und Kredite in einem Ausmass von 3 : l.<lb/>
Das heisst, wenn jemand 100 Mio DM oder US$ Kapital nachweislich<lb/>
<pb n="01-0149" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band01/01_1970-05-22_0149.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>als Eigenkapital in eine Gesellschaft einbringt, dann kann er<lb/>
300 Mio DM oder $ auch als produktive Investitionen in Form von<lb/>
ausländischen Krediten hereinbringen. Er könnte sich vorstellen,<lb/>
dass dieser Schlüssel 3 : 1 für Betriebsmittelkrediten angewendet<lb/>
werden könnte. Aber die Möglichkeit, die <rs type="person" ref="#per__97668">Kreisky</rs> darin sieht<lb/>
größere Mengen von Kapital durch z.B. Wohnungsgenossenschaften<lb/>
Neue Heimat aus Deutschland oder sonstige Leasing-Projekte zu<lb/>
importieren sieht <rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs> derzeit nicht. Die finanzielle Situa<lb break="no"/>tion des Bundes betrachtet er als sehr kritisch, allerdings<lb/>
hat durch das neue Notenbankgesetz der Finanzminister noch<lb/>
gewisse Möglichkeiten,denn für 1970 könnte er 3,5 Milliarden S.<lb/>
Kassenstärker geben von denen derzeit nur 1,7 Mia tatsächlich<lb/>
gegeben sind, sodaß noch 1,8 Mia S. offen sind. 1,5 Mia. Kassen<lb break="no"/>scheine die jetzt fällig wären, werden auf 2.8.1970 verlängert.<lb/>
Wieweit das laufende Defizit von 8,9 Mia. S. gedeckt können werden<lb/>
ist für <rs type="person" ref="#per__97627">Kienzl</rs> eine Frage, da er behauptet die in Aussicht<lb/>
genommenen 100 Mio $-Kredite im Ausmaß von 2,6 Mia.S. seien<lb/>
keinesfalls sicher, sondern nach seinen Mitteilungen nur sehr<lb/>
schwer zu erhalten. Die Lage der Kreditinstitute sei an und<lb/>
für sich auch angespannt und sie würden deshalb eine weitere<lb/>
Anleihe des Bundes kaum leicht plcieren können. Bei der letzten<lb/>
Frühjahrsanleihe von 1 Mia.S. wurden bekanntlicherweise nur<lb/>
400 Millionen verkauft. 600 Millionen blieben im Portefeuille<lb/>
der Banken liegen. Die Banken haben derzeit bei der National<lb break="no"/>bank 6,2 Mia. refinanziert, von einer Maxi......... von 7,2 Mia.,<lb/>
davon die CA allein 2,5 Mia., das bedeutet für sie eine sehr<lb/>
stark angespannte finanzielle Situation.<lb/>
Abends bei der zweiten Geburtstagsfeier für <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> , Prä<lb break="no"/>dent der Arbeiterkammer Wien, hatte ich Gelegenheit mit Vize<lb break="no"/>kanzler <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> über den Wunsch von Frau Min.Rat <rs type="person" ref="#per__97381">Carmine</rs> zu<lb/>
sprechen, die erklärt hat, dass bei der ILO doch eine gemein<lb break="no"/>same Stellungnahme abgegeben werden sollte. Es handelt sich<lb/>
um das Problem eines internationalen Übereinkommens über Urlaubs<lb break="no"/>vorschriften und die alte Bundesregierung hat eine einvernehm-<lb/>
liche Lösung vorgeschlagen, nämlich in dem Absatz, wo verlangt<lb/>
wird, dass durch 6 Monate eine Urlaubsanpruch entsteht, den<lb/>
zu streichen, da bei uns in Österreich ja erst die Arbeiter<lb/>
nach 9 Monaten einen Urlaubsanspruch haben, allerdings in<lb/>
gewissen Staaten entsteht der Urlaubsanspruch jedes Jahr erst<lb/>
neu, wenn 6 Monate, die der Betreffende arbeitet. Bei uns<lb/>
ist es so, dass die Angestellte nach 6 Monaten und die Arbeiter<lb/>
<pb n="01-0150" facs="https://iiif.acdh-dev.oeaw.ac.at/iiif/images/staribacher/Band01/01_1970-05-22_0150.jp2/full/pct:100/0/default.jpg"/>nach 9 Monaten Arbeit einen Urlaubsanspruch haben und den<lb/>
aber nur in dem ersten Jahr nachweisen müssen. Anschliessend<lb/>
daran hat er sofort automatisch einen Urlaub. Die Sektions<lb break="no"/>chefs und die Ministerialräte, die diese Angelegenheti in Genf<lb/>
vertreten müssen, waren sich einig, dass es zweckmässig erschiene,<lb/>
diese ziffernmässige Begrenzung aus dem Entwurf zu streichen.<lb/>
Übereinstimmung hat angeblich auch im Sozialministerium solange<lb/>
bestanden, bis <rs type="person"><sic>Weissenberg</sic></rs> – wie ich jetzt von <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> erfahren konnte<lb/>
– darauf aufmerksam gemacht hat, dass man damit vielleicht die<lb/>
Kodifizierung schon vorbereiten könnte, dort ist vorgesehen, dass<lb/>
auch die Arbeiter bereits nach 6 Monaten einen Urlaubsanspruch<lb/>
haben sollen – und er deshalb dieses Einvernehmen, das bis zu<lb break="no"/>letzt bestand, als nicht richtig bezeichnete. <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> erklärte<lb/>
mir, er sei mit jeder Lösung einverstanden, die ich mit <rs type="person"><sic>Weissen<lb break="no"/>berg</sic></rs> erzielen könnte. Diesbezügliche Besprechungen ergaben,<lb/>
dass <rs type="person"><sic>Weissenberg</sic></rs> hier mit <rs type="person" ref="#per__127771">Scheer</rs> sich die Sache nochmals über<lb break="no"/>legen werde, und mir unverzüglich Mitteilung macht.<lb/>
<rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> hatte mir auch mitgeteilt, dass <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmeier</rs> eine<lb/>
schriftliche Anfrage an das Sozialministerium gerichtet hatte,<lb/>
ob und inwieweit er als Aufsichtsbehörde der Arbeiterkammer die<lb/>
Subventionsansuchen und Genehmigung prüfe. <rs type="person" ref="#per__97570">Hrdlitschka</rs> sagte<lb/>
mir, er will diese Angelegenheit mit <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs> besprechen, denn er<lb/>
wollte, dass erst intern im Hause regeln. Da <rs type="person" ref="#per__97641">Kohlmeier</rs> am Dienstag<lb/>
nächster Woche zu ihm kommt, bitte er, bis dahin keinerlei Ent<lb break="no"/>scheidungen zu fällen. Anders dagegen reagierte <rs type="person" ref="#per__97525">Häuser</rs>, der<lb/>
sofort erklärte, er hätte mit <rs type="person" ref="#per__97444">Heinzi Fischer</rs> vom Parlamentsklub<lb/>
der SPÖ vereinbart, dass jetzt auch an den Herrn Landwirtschafts<lb break="no"/>minister und Handelsminister eine diesbezügliche Anfrage betref<lb break="no"/>fend die Landwirtschaftskammer und Handelskammer-Überwachung erfol<lb break="no"/>gen sollte. Ich vertrat die Meinung, dass dies unzweckmässig ist,<lb/>
denn es handelt sich glaube ich hier ausschliesslich um einen<lb/>
Versuch des ÖAAB, den Präsidenten <rs type="person" ref="#per__97583">Jäger</rs> von der Vorarlberger<lb/>
Arbeiterkammer, den dem ÖAAB angehört, zu unterstützen und der<lb/>
bei der letzten Kammertagssitzung mir gegenüber schon gesagt hatte,<lb/>
er möchte sehr gerne über die Vorgangsweise der Subventionen auf<lb break="no"/>geklärt werden. <rs type="person" ref="#per__97583">Jäger</rs> hatte damals in der Vorstandssitzung angefragt.<lb/>
ob und inwieweit Subventionsbeschlüsse des Kammertages für diie<lb/>
einzelnen Länderkammern bindend sind. Eine Vorgangsweise, die bis<lb/>
jetzt noch nie angezweifelt wurde, die allerdings sofort auch<lb/>
von Präsident <rs type="person" ref="#per__97568">Horr</rs> von der nö. Arbeiterkammer aufgegriffen wurde.</p>
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